Es ist schon ganz clever gemacht, wie schnell der Film das auf der Hand liegende aus dem Weg räumt. Während man noch müde darüber lächelt, wie eine Welt ohne David Bowie aussehen würde, bereitet der Film unter der Hand einen ziemlich effektiven Schlag in die Magengrube vor.
Letztlich führt LOLA noch einmal vor Augen, wie nah die Welt schon einmal am Abgrund stand und welche Gefahren daran liegen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen und keine Lehren aus der Geschichte zu ziehen, sondern sich krampfhaft an die Vorstellung einer vagen Zukunft klammert, die ganz bestimmt auf jeden Fall sicher hupro die Erlösung bringen wird. Und damit lässt sich der Film auch als Metapher auf den Umgang mit der Klimakatastrophe lesen. Grüße an Christian Lindner und seine TeChNoLoGiEoFfEnHeIt gehen raus.
Formal betrachtet ist mir der Film nur etwas zu affektiert. Aber das ist Geschmacksfrage und kein Dealbreaker.
★★★☆☆
IE/GB, R: Andrew Legge, D: Emma Appleton, Stefanie Martini, Rory Fleck-Byrne, Aaron Monaghan, Trailer, Wikipedia
Ethan Coen und Tricia Cooke nehmen hier ein bisschen heilige Grale der Filmbros wie FEAR AND LOATHING IN LAS VEGAS und PULP FICTION, aber auch Grenzgänger wie THELMA & LOUISE aufs Korn. DRIVE-AWAY DOLLS versucht sich an einem dekonstruierenden Ansatz, stolpert sich damit letztlich aber doch nur doch ein Standard-Roadmovie mit ein paar lauwarmen Gags, über das auch der von Gaststars regelrecht gesäumte Wegesrand nicht hinwegtäuschen kann.
Wahrscheinlich scheitert er dabei auch. Denn mit seiner seichten Art verkennt er, was die Filme, die er gewissermaßen persifliert, so radikal gemacht haben: die Auslassungen und Leerstellen, das Implizite. DRIVE-AWAY DOLLS hinterlässt den Eindruck, dass sich unter dem Deckmantel der Lücke eigentlich nur Sex versteckt hat.
Das ist selbstverständlich viel zu kurz gegriffen, völlig unzulänglich und letztlich auch nur pseudo-empowering. Denn letztlich wird hier die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen nicht auf kluge und unterhaltsame, sondern lediglich auf platte Art runtergedampft.
★★½☆☆
GB/US, R: Ethan Coen, D: Margaret Qualley, Geraldine Viswanathan, Beanie Feldstein, Joey Slotnick, C.J. Wilson, Colman Domingo, Pedro Pascal, Bill Camp, Matt Damon, Trailer, Wikipedia
Ich mag es, wie leise, vorsichtig, zurückhaltend und subtil, mit wie vielen kleinen unscheinbaren Gesten dieser Film den ersten Akt begeht. Wie er gar nicht erst versucht, Worte für etwas zu finden, für das es im Wortschatz der Umstehenden sowieso keine Entsprechung zu geben scheint. Mia Hansen-Løve konstruiert die Welt als Puzzle, deren Teil plötzlich nicht mehr ganz zusammenpassen wollen. Mit Gewalt ginge es sicherlich, aber nicht ohne Schaden zu verursachen.
Die Flucht in die vermeintlich heilere Vergangenheit offenbart, dass auch diese Teile nicht mehr passen – und das vielleicht auch noch nie getan haben. Daraus entwickelt sich eine neue Klarheit, eine neue Perspektive auf dieses aus den Angeln gerissene Leben.
Warum die Hauptfigur dabei jedoch einen Gegenpart bekommt, der so hölzern, so auf sehr engen Bahnen laufend, so formelhaft gespielt ist, lässt sich nur schwer greifen. Eigentlich bin ich kein großer Freund davon, ganze Filme wegen einzelner nicht immer zulänglichen Performances abzuurteilen. Aber hier ist es leider genau das, das aufgrund seiner Grobheit das vorsichtige Vorantasten verunmöglicht.
★★★☆☆
DE/FR, R: Mia Hansen-Løve, D: Roman Kolinka, Aarshi Banerjee, Alex Descas, Judith Chemla, Johanna ter Steege, Trailer, Wikipedia
Ich bin wirklich stocksauer über diesen Film und auf mich selbst, es vorher nicht besser gewusst zu haben. Denn HIGH & LOW ist eine Produktion von Condé Nast Entertainment (CNE), dem Studioarm des Megaverlags, zu dem unter anderem die Vogue gehört, an deren Spitze wiederum Anna Wintour steht, die ebenfalls noch „Artistic Director and Global Chief Content Officer“ von Condé Nast ist. Ob das CNE-Logo schon zu Beginn der von mir gesichteten Mubi-Fassung auftaucht, erinnere ich ad hoc nicht mehr. Ausgeschrieben steht es jedenfalls erst in den Credits.
Und bis dahin dachte ich mir noch: „Eigentlich ganz clever, wie elegant Kevin Macdonald immer wieder auch eine Geschichte von einem klaren Versagen der Medien impliziert.“ Doch letztlich entpuppt sich alles als Papiertiger, vor dessen Augen sich die journalistische und geschäftliche Führungsetage von Condé Nast einmal kollektiv die Hände genüsslich in Unschuld waschen darf. Wenn Anna Wintour, wohl mächtigste Modejournalistin auf dem Planeten, offen in eine Kamera sagen kann, dass man John Galliano aufgrund seines Talents selbstverständlich helfe wo man nur kann und ihre „journalistische“ Karriere damit nicht sofort vorbei ist, dann macht man vieles, nur eben kein Journalismus.
Statt den journalistischen Finger immer und immer wieder in die weit klaffenden Wunden der Branche zu legen, den Geniekult infrage zu stellen, Arbeitsbedingungen zu hinterfragen usw. usf., spielt man das Spiel viel lieber selbst mit. Irgendwas war da doch mit dem Beißen von Händen, die einen füttern…
Und es ist zum Kotzen, dass sich Kevin Macdonald so offensichtlich vor den Karren spannen lässt. Zugegeben, er ist nicht unbedingt für gute Spielfilme bekannt. Aber hier ist klar zu erkennen, dass er etwas über diese Welt zu sagen hat. Denn wie er vermittelt, wie Modedesign als Kunst zu verstehen ist und dass die komischen Kleider auf dem Laufsteg eben Teil einer Choreografie, eines großen Gesamtwerkes, das über den bloßen Stoff hinausragt, sind und es eben nicht darum geht, was am Ende bei H&M auf der Stange hängt, das hat mir wirklich gefallen.
Hingegen völlig unangebracht schienen mir die permanenten und völlig unpassenden Napoleon-Parallelen, die der Film zu Galliano zieht. Napoleon war einerseits blutrünstiger Kriegstreiber und legte andererseits Fundamente, auf denen heute immer noch große Teile unserer Gesellschaft fußen bzw. daraus hervorgegangen sind. In dieser Zwietracht steckt viel Tragik und dieses Muster lässt sich auch bei Galliano erkennen. Aber um es eiskalt herunterzubrechen: Napoleon hat Millionen von Toten zu verantworten und Gesellschaft umgestaltet. Galliano hat Kunst gemacht, mit der ein kleiner elitärer Kreis auf Kosten ausgebeuteter Arbeiter:innen Millionen und Milliarden gescheffelt hat. Das Bild hinkt also ziemlich sehr…
Mir hat die etwas gegen den Strich bürstende Inszenierung mit dem Hang zu ungewöhnlichen Bildern ziemlich gut gefallen. Park Chan-wook hat hier eine Bildsprache entwickelt, die einerseits der Schwere des Geschehens Ausdruck verleiht und andererseits die fast schon absurde Komik dieser drastischen Abwärtsspirale transportiert.
Er arbeitet sich gekonnt bis zu diesem Gefühl vor, wenn einem nur noch fassungsloses Lachen ob des grenzenlosen Zynismus des Universums übrig bleibt. Wenn etwas noch Schlimmeres passieren kann, wird es auch passieren. Das Universum ist ein mieser Verräter.
★★★½☆
KR, R: Park Chan-wook, D: Song Kang-ho, Shin Ha-kyun, Bae Doona, Trailer, Wikipedia
Ich liebe alles daran, wie Park Chan-wook mit dieser Frau eine jesusartige Figur zeichnet, deren reine Existenz bereits Ausdruck der Scheinheiligkeit einer vermeintlich auf christlichen Werten basierenden Gesellschaft ist. Sie ist die wandelnde Gelegenheit, sich die bluttriefenden Hände in Reinheit zu waschen, die eigene Schuld abzuladen. Sie gab ihr Menschsein auf, um den Menschen samt deren Sünden ein Ventil zu bieten.
Dieser Racheengel ist auf eine sehr tragische Art und Weise wunderschön. LADY VENGEANCE schlägt bei aller Drastik sehr elegante Töne an und verwandelt diesen Fiebertraum in eine anmutig poetische Inszenierung über Schuld, Gewissen, Erlösung, Vergebung und ewigen Schmerz.
★★★★☆
KR, R: Park Chan-wook, D: Lee Young-ae, Choi Min-sik, Kim Shi-hoo, Nam Il-woo, Kim Byeong-ok, Oh Dal-su, Seung-shin Lee, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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