Das ist mein erster Lubitsch und ich bin schwer beeindruckt von der Dichte an nahezu ausnahmslos sitzenden Gags. Hier werden die Nazis und die kultische Elemente in deren Ideologie der Lächerlichkeit preisgegeben, mit Hochgenuss vorgeführt, deren Scheinheiligkeit und Kulturverachtung vorgeführt.
Wer Kunst nur als Propagandawerkzeug wahrnimmt, sie damit also verachtet und dann wiederum durch die Kunst – hier in Form des Theaters – niedergestreckt wird, hat es nicht anders verdient.
Der Stoff denkt hier über Vermögen und Unvermögen der Kunst nach und fragt sich, ob man die Nazis trotz ihrer Gräueltaten noch auslachen sollte (unbedingt!). Jedoch sollte das niemals das Tor zur Abwinkerei öffnen.
★★★★☆
US, R: Ernst Lubitsch, D: Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill, Stanley Ridges, Sig Ruman, Tom Dugan, Trailer, Wikipedia
Dass der Film irgendwann tatsächlich Influencer*innen ins Spiel bringt, ist nur folgerichtig. Ja, es geht hier auch um die Machtlosigkeit über die Wahrnehmung anderer, über die Diskrepanz zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung. Aber viel mehr drängt sich für mich die Beobachtung dessen auf, wie Privatheit und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter funktionieren und sich verändern. Darauf ist DREAM SCENARIO eine treffende Allegorie.
Er fühlt nach, wie ein unscheinbarer Mensch, scheinbar ohne öffentlichkeitswirksame Talente oder Eigenschaften, aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen plötzlich eine substanzielle Reichweite aufbaut, die gefühlt unverhofft zufliegt. Aber natürlich sieht das Publikum immer nur ein gefiltertes Abbild der echten Person, glaubt so zunehmend, sie zu kennen und baut eine parasoziale Beziehung zu ihr auf.
Gleichzeitig sehen wir, wie diese Menschen der aus ihrer Reichweite resultierenden Verantwortung oft nicht gerecht werden. Erst wird die Aufmerksamkeit in vollen Zügen genossen, gar forciert und dann beim kleinsten Lüftchen Gegenwind der eigene Einfluss negiert. Das alles ist sehr ambivalent und nicht immer mit Gerechtigkeit bzw. Gerechtigkeitsempfinden vereinbar.
Nicolas Cages Paul Matthews ist eine tieftraurige Gestalt, die auf der Suche nach Anerkennung und Sinn einmal sinngemäß alle leeren und seelenlosen Mechaniken der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie durchspielt und dabei stets verkennt, in welcher privilegierten Situation er sich eigentlich befindet und wie viel Erfüllung bereits darin stecken kann.
Auf Twitch wäre DREAM SCENARIO ein durchschnittlicher Samstag.
★★★☆☆
US, R: Kristoffer Borgli, D: Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Lily Bird, Jessica Clement, Michael Cera, Dylan Gelula, Tim Meadows, Kate Berlant, Trailer, Wikipedia
Fast hätte ich die Hoffnung aufgegeben, dass dieser Film noch während des Schauens für mich klickt. Und dann ist mir klar geworden: Genau darum geht es, um das Aushalten, das Ausdauern, das Überdauern! Selbstverständlich ist dieser Film keine Qual, die man überdauern muss. Er gewährt den von den Entbehrungen des Krieges gescholtenen Menschen Raum. Nur noch diesen einen Winter überstehen, nicht mehr lange, dann ist alles vorbei, gibt es diese Amerikaner überhaupt und wo bleiben sie?
Und wir sehen auch, dass die menschenfeindliche Nazi-Ideologie mit zunehmender Zeit immer brüchiger, durchlässiger und verzweifelter wird. Nur noch ein paarmal „Herrenrasse“ sagen, dann ist die Weltherrschaft da. Wer dagegen am andauerndsten für seine Überzeugungen einstehen kann, wird überleben, wird leben, wird den Kindern eine Zukunft mitgeben können.
Und natürlich ist auch die bloße Existenz dieses 1945(!) erschienenen Films Zeugnis des (Über-)Lebenswillens der Menschen und des Menschseins.
★★★★☆
IT, R: Roberto Rossellini, D: Aldo Fabrizi, Marcello Pagliero, Harry Feist, Anna Magnani, Maria Michi, Trailer, Wikipedia
Um es direkt zu sagen: Das ist ein ganz grauenhafter Film. Das urteile ich, weil der Film einfach keine Ruhe entwickeln kann – und zwar im wortwörtlichen Sinne. Es gibt kaum eine Szene, die mal stehen oder atmen gelassen wird. Stattdessen wird direkt alles mit einem rührseligen Score erstickt. Hier darf sich nichts entwickeln. Es wirkt, als ob der Film eine regelrechte Angst vor Ruhe hätte, weil dann drohen würde, dass das Publikum bemerkt, dass es dort wirklich gar nichts gibt, das Widerhall erzeugen könnte.
WHERE THE CRAWDADS SING ist eine heruntergedummte, in Teilen schwachsinnig romantisierende und kitschige Aussteiger*innenfantasie, die vorgibt, einer moralisch verkommenen Gesellschaft zu sein, das jedoch mit den banalsten Momenten in Windeseile abhakt, um sich wieder den anderthalb rührseligen Liebesgeschichten hingeben zu können. (Obwohl diese natürlich viel mehr mit den hier nur gestreiften Themen verbunden sein müssten.)
Zwar porträtiert er sowohl Zivilisation als auch Sumpf als ambivalente Orte – es gibt keine nur schlechte und keine nur gute Seite –, tut das jedoch nur, um Tiefe vorzutäuschen. Der Film ist letztlich manipulativ und leer.
★½☆☆☆
US, R: Olivia Newman, D: Daisy Edgar-Jones, Taylor John Smith, Harris Dickinson, Michael Hyatt, Sterling Macer Jr., Trailer, Wikipedia
Mit eindrucksvoll nüchterner Härte zeigt der Film die Realität eines Schwangerschaftsabbruchs – und zwar die, in der weniger die Entscheidung für den Abbruch, sondern die äußeren Umstände den Vorgang zu einer traumatisierenden Erfahrung für die Frau werden lassen. Es gibt die gesellschaftliche Implikation, etwas Falsches und Unmenschliches zu tun. Es gibt ökonomischen Druck oder aufgrund restriktiver Rechtslage erst gar keine andere Möglichkeit, als sich unter widrigsten und zwielichtigsten Umständen einem potenziell lebensgefährlichen Eingriff zu unterziehen.
Entlang dieses Wahnsinns erzählt Cristian Mungiu sehr klug über die Lebensrealität in faktisch nicht postsowjetischen, aber der damaligen Sowjetunion einst nahestehenderen Ländern, in denen die bis aufs letzte Hemd ausgebeutete Gesellschaft dazu gezwungen ist, jede Handlung mit monetären Werten zu verknüpfen, keiner mehr niemandem traut, viele nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind und nach außen eine Fassade der Unfehlbarkeit aufrechterhalten.
★★★★☆
BE/RO, R: Cristian Mungiu, D: Anamaria Marinca, Laura Vasiliu, Vlad Ivanov, Trailer, Wikipedia
Das ist ein Film, der sich für mich nicht so angefühlt hat, als ob er selbst als Argument in eine Debatte mit einsteigen will, sondern vielmehr selbst das Spielfeld einer Debatte darstellt. Es scheint, als ob der Film stets damit beschäftigt ist, Beweise für die eigenen Behauptungen zu sammeln und gleichzeitig immer darum bemüht ist, sich selbst zu widerlegen.
Es ist ein Film, der aufreibt und die französischen Kinogötter in Frage stellt. War das Kino der 1960er nicht mehr als ein Papiertiger? Waren Godard und Co. letztlich mehr damit beschäftigt, Wasser auf die eigenen Mühlen zu geben, statt wirkliche Dinge zu bewegen? Hat Film überhaupt realpolitische Macht? Diese mit einem Vorwurf verbundene Frage ausgerechnet in filmischer Form zu stellen, produziert natürlich eine gewisse selbstironische Widersprüchlichkeit und darin liegt für mich auch der Wert von THE DREAMERS.
★★★★☆
BE/FR/IT/GB/US, R: Bernardo Bertolucci, D: Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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