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Filmkritik

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Gesehen: Märzengrund (2022)

Gesehen: Märzengrund (2022)
(c) Prokino

Von diesem Naturalismus, den Aufnahmen, der Kameraführung mit den Weitwinkelobjektiven, dem Hadern mit dem Menschsein, habe ich mich – auch wegen der Nähe zu Terrence Malick – gerne verführen lassen. Darauf zahlt natürlich auch dieser hier verhandelte Wunsch ein, sich aus diesem Korsett von Traditionen, Erwartungen und patriarchaler Übermacht befreien zu wollen.

Aber auch zur Wahrheit gehört, dass die Hauptfigur Elias keine wirklich andere Dimension hat, als genau diesen Freiheitsdrang. Jede Sequenz, jede Interaktion, jeder Halbsatz, eben die komplette Anordnung ist auf Abgrenzung ausgerichtet. Elias ist nicht wie die, will nicht sein wie die und will nicht werden wie die – das überschreibt alles.

Ja, es wird vermittelt, dass er offenbar wissbegierig ist, gerne liest und an Kunst interessiert ist. Aber wo will Elias hin, wonach strebt er? Anscheinend nur danach, sich endlich in Luft auflösen zu können, sich von der fleischlichen Existenz auf diesem Planeten endlich lossagen zu können. Und dass es „nur“ das ist, mag schon eine Aussage für sich sein. Aber mir hat das nicht immer gereicht.

★★★☆☆

AT, R: Adrian Goiginger, D: Johannes Krisch, Jakob Mader, Verena Altenberger, Gerti Drassl, Annalena Hochgruber, Harald Windisch, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: The Bikeriders (2023)

Gesehen: The Bikeriders (2023)
(c) Universal Pictures International Germany

Ich verstehe sofort, was Jeff Nichols zu diesem Projekt hingezogen hat. Seine Faszination für Gruppendynamiken in familienähnlichen Gefügen thront auch hier über allem.

Der faszinierende Aspekt ist hier der Motorradclub, der fast schon anarchistisch eingestellt ist und außerdem die Gesellschaft mit ihren Regeln und Normen nicht nur verachtet, sondern ablehnt und deren einzige Maxime Freiheit (auf dem Motorrad) zu sein scheint.

Dabei ist es genau der Club mit seinen Gesetzen, die noch viel restriktiver, gar völkisch bis faschistoid zu sein scheinen und seine Mitglieder in eine Werte- und Moralregression befördern. Doch wer einmal Teil dieses durch Aggression und Gewalt geprägten Systems geworden ist, ist für immer gefangen. Das System erhält sich selbst durch Kompromat gegen jedes einzelne Mitglied.

All das versucht Nichols mit einer Art ALMOST FAMOUS-MacGuffin zusammenzurühren. Wirklich organisch oder elegant fühlt sich das für mich jedoch nie an. Vielmehr wirkt es viel zu distanziert vom eigentlichen Geschehen. Leider zu oft irritiert hat mich die übermäßige Affektiertheit des Films. Überzeichnet sind viele der Figuren, das ist aber nicht mein Problem. Mein Problem sind Tom Hardy und Jodie Comer, die selbst in dieser Melange durch ihr elend bemühtes Spiel noch unangenehm hervorsTechen.

★★★½☆

US, R: Jeff Nichols, D: Jodie Comer, Tom Hardy, Austin Butler, Michael Shannon, Mike Faist, Boyd Holbrook, Norman Reedus, Damon Herriman, Karl Glusman, Toby Wallace, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: C'era una volta il West (1968)

Gesehen: C'era una volta il West (1968)
(c) Paramount Pictures Deutschland

Was mir erst im Vorspann bewusst wurde: Sergio Leone hat diese Geschichte zusammen mit Bernardo Bertolucci und Dario Argento geschrieben. Wow.

…diese strenge horizontale Kameraarbeit, die wenigen Worte, die sTechenden Blicke, das Ein-, vor allem aber auch das Aussetzung von Ennio Morricones Score…

Diese formale Klarheit hat mich umgehauen. Denn dadurch wird auf virtuose Art und Weise nicht nur großartige Spannung erzeugt, sondern gleichzeitig auch die absurde Qualität des Genres Italowestern humorvoll vor Augen geführt, das Kräfteverhältnis und Machtgefüge an der American Frontier vermessen.

★★★★½

IT/US, R: Sergio Leone, D: Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Charles Bronson, Gabriele Ferzetti, Paolo Stoppa, Frank Wolff, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Close to Vermeer (2023)

Gesehen: Close to Vermeer (2023)
(c) NEUE VISIONEN

Ein Werbefilm? Ja, klar. Aber eben schon einer, der in der Lage ist, auch mal einen Schritt zurückzugehen und wirklich zu beschreiben, was Johannes Vermeer so ausgemacht hat, warum er bis heute eine so exponierte Stellung in der Geschichte der Malerei einnimmt, wie die Wissenschaft Kunstgeschichte eigentlich funktioniert und mit welchen Herausforderungen sie sich heutzutage konfrontiert sieht.

Dabei geht es um so viel mehr als die wohl niemals endgültig klärbare Urheberschaft eines Werkes. Es geht auch um diesen perversen Auswuchs, der sich Kunstmarkt nennt. So darf sich Junge Frau am Virginal nicht nur in der Privathand von Thomas Kaplan befinden, Kaplan kann das zur wissenschaftlichen Untersuchung aus seinem Rahmen herausgelöste Bild auch mit seinen bloßen Pranken anpacken und damit in den Händen wild herumgestikulieren, während den Kunsthistoriker*innen um ihn herum die Ärsche auf Grundeis gehen.

Dem Film gelingt es hier, das Spannungsfeld zwischen privatem Kunstmarkt und öffentlicher Hand aka Museen mit sehr filmischen Mitteln klar zu umreißen, ohne es mit Texttafeln, Voiceovers oder Talking-Heads erklären zu müssen. Die Bilder sprechen hier für sich.

Die Arbeit, die in Museen wie eben dem Rijksmuseum in Amsterdam geleistet wird, ist der eigentliche Star dieses Films. Gregor J. M. Weber, Co-Kurator der Vermeer-Megaausstellung, macht schon sehr früh klar, dass es natürlich auch um das Spektakel der reinen Anzahl von Vermeers an einem Ort geht, aber dass das alles nichts wert ist, wenn dabei nicht auch neue (wissenschaftliche) Erkenntnisse erarbeitet werden.

NL, R: Suzanne Raes, Trailer
Vermeer - Reise ins Licht - Stream: Jetzt online anschauen
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Gesehen: Earth Mama (2023)

Gesehen: Earth Mama (2023)
(c) A24

Ich bin schwer davon beeindruckt, wie ruhig dieser Film ist und wie selbstbewusst er in sich ruht, obwohl das Geschehen absolut eskalierende Wut rechtfertigen würde.

Wir sehen also hier eine sehr zurückhaltende, dadurch aber nicht weniger scharfe Untersuchung eines vermeintlichen Absicherungssystems, das letztlich doch dafür geschaffen wurde, genau die verlieren zu lassen, denen auf den Papier geholfen werden soll.

Schon sehr früh im Film braucht es nur wenige Sätze, um darzulegen, dass dem so ist. Wir sehen eine hochschwangere junge Frau, die offenbar aufgrund ihres Drogenkonsums in der Vergangenheit ihre beiden Kinder nur unter Aufsicht für eine Stunde in der Woche sehen kann. Ihre Sozialarbeiterin rügt sie dafür, dass sie mit ihren Unterhaltszahlungen im Verzug sei und das der Situation mit ihren Kindern nicht helfen werde. Daraufhin entgegnet die junge Mutter, dass sie gar keine Zeit habe, um noch mehr zu arbeiten, weil sie sonst die verpflichtenden „Kurse“ zur Trauma-, Suchtbewältigung usw. nicht schaffe.

Es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung des Scheiterns.

Hier greifen so viele kleine und große Zahnräder des American Dream ineinander: transgenerationale Traumata, Rassismus, Kapitalismus, soziale Sicherungsnetze, die dieser Bezeichnung kaum würdig sind und steinzeitliche Vorstellungen von Mutterschaft und Familie.

★★★★☆

US/GB, R: Savanah Leaf, D: Tia Nomore, Erika Alexander, Keta Price, Doechii, Sharon Duncan-Brewster, Bokeem Woodbine, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Mars Express (2023)

Gesehen: Mars Express (2023)
(c) capelight pictures

Ein ganz fantastischer Film, der nicht nur mitreißend inszeniert und präzise erzählt ist, sondern auch nur so vor kleinen cleveren Ideen strotzt, die sich zu einer vielschichtigen und vor allem glaubhaften Welt zusammenfügen.

Wo andere Science-Fiction heillos mit unausgegorenen Ideen überfrachtet ist, übt sich MARS EXPRESS fast schon in Understatement. Und diese selbstsichere und durchdachte Zurückhaltung hat mich total vereinnahmt.

Abseits dieser wirklich starken Form hat MARS EXPRESS für mich auch auf der allegorischen Ebene alle Register gezogen. Letztlich lässt sich dieser Thriller im Kontext des Wiedererstarkens rechtsextremer Kräfte lesen, deren Akteur*innen mit Ausgrenzung und Othering immer festeren Boden unter den Füßen bekommen und auf diesem Boden dann Unsicherheit, Angst und schließlich Panik säen, um daraus (politischen) Profit zu schlagen und ihre menschenfeindliche Ideologie durchzudrücken.

Wer sind diese „anderen“, die hier in Androidenform Ausdruck finden? Es sind Menschen, die sich in kein heteronormatives Weltbild pressen lassen, die eine Geschlechtsidentität haben, die jenseits von „männlich“ und „weiblich“ liegt, die am falschen Ort geboren wurden. Die sind dann gerade noch gut genug für die vermeintlich niederen Arbeiten ohne ökonomische und gesellschaftliche Aufstiegschancen. Sie werden zu Spielbällen einer sich als Elite begreifenden rechtsextremen Kaste und letztlich dafür ausgenutzt, um deren Machtposition zu zementieren.

Bleibt also die Frage, was in einer solchen Realität noch zu tun ist: Den schweren und vielleicht sogar unmöglichen Versuch zu wagen, eine gesellschaftliche Lösung zu finden oder den ganzen Laden abfackeln, weil der braune Schimmel bereits in jeder Faser steckt?

★★★★☆

FR, R: Jérémie Périn, D: Léa Drucker, Mathieu Amalric, Daniel Njo Lobé, Trailer, Wikipedia
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