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Gelesen: „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (2022) von Werner Herzog

Gelesen: „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (2022) von Werner Herzog
Cover: Hanser, Foto: Fronteiras do Pensamento unter CC BY-SA 2.0
📚
349 Seiten, erschienen bei Hanser, ISBN 978-3-446-27399-3

Es ist wirklich bemerkenswert, wie klar in diesem Buch Werner Herzogs Stimme durchdringt. Klar, er hat es ja auch selbst geschrieben. Trotzdem ist es eine herausragende Leistung – auch des Lektorats, das er in seiner Danksagung auch hervorhebt –, diesen Ton so präzise im geschriebenen Wort zu treffen.

Insgesamt hat mich die Lektüre des Buches nur weiter in meinem Werner-Herzog-Fantum bestätigt. Mich fasziniert seit jeher seine glasklare Härte, seine harte Klarheit und seinen schier nicht zu bändigenden Wissensdurst. Und ich weiß nicht, ob ich einen in der Öffentlichkeit stehenden Menschen oder Kunstschaffenden kenne, der sich selbst und seiner Schwächen, aber mindestens gleichermaßen auch seiner Stärken so sehr bewusst ist und das derart messerscharf und frei von Eitel oder Scham artikulieren kann.

Das bringt mitunter dann eine grandios trockene Komik mit sich – zum Beispiel, wenn er Kritik an der Cinéma-vérité-Bewegung äußert und auf die unweigerlich folgende Gegenrede nur ein „Frohes neues Jahr, ihr Versager“ übrig hat.

Ich habe all das sehr gerne gelesen, besonders die Erinnerungen an seine Kindheit im abgelegenen bayrischen Bergdorf Sachrang, die den kindlich-abenteuerlichen Spieltrieb konserviert haben und doch nicht romantisiert wirken, so klug beobachtet und niedergeschrieben wie sie sind.

★★★★☆

Gelesen: „Muldental“ (2014) von Daniela Krien

Gelesen: „Muldental“ (2014) von Daniela Krien
Cover: Diogenes, Foto: Elena Ternovaja unter CC BY-SA 3.0
📚
229 Seiten, erschienen bei Diogenes, ISBN 978-3-257-07094-1

Jeder Abend mit diesem Buch endete für mich in einem Zwiespalt: Einerseits wollte ich diese Geschichtsfragmente einfach nicht zur Seite legen, andererseits ging mir all das zwischen den beiden elektronischen Buchdeckeln wirklich an die Nieren. Und so habe ich mehrfach die Entscheidung getroffen, bereits nach einer gelesenen Geschichte den Tolino beiseitezulegen – weil da erst einmal Dinge sacken gelassen, verarbeitet und durchdacht werden mussten.

Gepackt und fasziniert hat mich diese Geschichtensammlung nicht, weil sich für mich daraus neue Erkenntnisse zur ostdeutschen Identität ergaben, sondern weil sich diese Zeilen fast alle so extrem nah anfühlten – auch aus meiner Perspektive eines in Westdeutschland Geborenen, aber in Sachsen Lebenden. Zu einen liegt das daran, dass ich die realen Geschichten hinter der Fiktion teilweise aus den lokalen und regionalen Medien kenne. Zum anderen aber auch durch die Menschen und deren ähnliche Erfahrungen und Geschichten, die ich durch meine Arbeit für verschiedene sächsische Medien kennenlernen durfte.

Mich hat fasziniert, dass Muldental nicht den „einfachen“ Weg wählt und die Wende als ultimative Ursache für die bitteren Schicksale so vieler Menschen zitiert. Bei einigen mag das sicherlich trotzdem der Fall gewesen sein. Aber letztlich zeigt diese Geschichtensammlung, wie alternativlos ein Großteil dieser Schicksale war. Sicherlich hat der Systemwechsel das Tempo, mit dem sich alle auf die Wand zubewegten, noch einmal erhöht. Aber gekommen wäre die Wand auch ohne Wiedervereinigung. Die Implosion der DDR-Wirtschaft war sowieso unausweichlich. Aber genau auf dieses „Was wäre wenn?“ lässt sich Daniela Kriens Buch gar nicht erst ein. Es ist die Endgültigkeit, aus der die Kraft von Muldental entwächst.

★★★★☆

Gelesen: „Die Heldin reist“ (2022) von Doris Dörrie

Gelesen: „Die Heldin reist“ (2022) von Doris Dörrie
Verlag und Cover: Diogenes

Ich bin zugegebenermaßen nicht der allergrößte Fan von Doris Dörries Filmen. Doch bei ihrem geschriebenen Werk sieht das vielleicht anders aus. Jedenfalls habe ich Die Heldin reist regelrecht verschlungen und in einem für mich atembraubenden Tempo innerhalb von drei Tagen ausgelesen.

Dörries Gedanken über Zeit, das Altern, Rollenbilder, gesellschaftliche Konventionen und über das Selbstverständnis einer Reisenden zu folgen, ihren Reflektionen über die Rolle einer Frau in dieser Welt (oder eigentlich: in diesen Welten) mitzudenken, in ähnliche oder ganz andere Zwiespalte zu geraten und damit auch mal vermeintlich Grundlegendes zu überdenken – das bereitet mit diesem Buch einfach große Freude. Dörrie hat einen wahnsinnig angenehmen Flow, der unabhängig von der Schwere des Themas immer leichtherzig, aber nie seicht ist.

★★★★☆

ISBN: 9783257612646

Gelesen: „Der Mauersegler“ (2021) von Jasmin Schreiber

Gelesen: „Der Mauersegler“ (2021) von Jasmin Schreiber
Verlag und Cover: Eichborn

Insgesamt hat mich Der Mauersegler nicht so sehr gepackt wie Jasmin Schreibers Vorgänger- und Debütroman Marianengraben(€). Dafür ist dieses Buch formal spürbar komplexer angelegt und arbeitet – völlig egal, ob nun bewusst oder unbewusst – smart mit Abschnittsweise eingestreuten Rückblenden. Die tauchen schließlich immer seltener auf, bis kein Platz mehr für verklärte Vergangenheit ist und sich das schmerzliche Hier und Jetzt endgültig Bahn bricht. Und obwohl alle Puzzleteile vorher schon bereitliegen, tut das Zusammenfügen zum Schluss noch einmal besonders weh. Jasmin Schreiber gelingt es ohne auch nur einen einzigen überzogen deskriptiven Satz, sich dem Verdrängen, dem Katastrophisieren, dem Zusammenbruch während eines depressionsartigen Zustandes zu nähern und macht gleichzeitig eine wohlige Umarmung voller Hoffnung möglich, ohne kitschig zu werden.

★★★½☆

ISBN: 9783751709477, Wikipedia

Gelesen: „Noch wach? (2023) von Benjamin von Stuckrad-Barre

Gelesen: „Noch wach? (2023) von Benjamin von Stuckrad-Barre
Cover: Kiepenheuer & Witsch, Foto: Stefan Schäfer, Lich unter CC BY-SA 4.0
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372 Seiten, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3-462-00467-0

Es gab Zeiten, da war ich ein richtiger Fan von Benjamin von Stuckrad-Barre, ohne jemals auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben. Von Stuckrad Late Night / Stuckrad-Barre habe ich mir alles angeschaut, was ich in die Finger kriegen konnte. Warum, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Ich erinnere es schlicht nicht mehr. Auch nicht, was ich von Auch Deutsche unter den Opfern. hielt, was ich im Zuge meines spätjugendlichen Fantums dann gelesen habe. Entsprechend befangen-unbefangen bin ich also an seinen lange erwarteten neuen Roman Noch wach? herangegangen, den ich als Mediennerd wahrscheinlich so oder so verschlungen hätte. Zurückgelassen hat er mich dann etwas ratlos, wenn nicht gar zwiegespalten.

Denn einerseits hat Stuckrad-Barre hier einfach solide und schmissig geschriebene Popcorn-Literatur abgeliefert, die sich sehr gut weglesen lässt und dabei die so wichtige Verhandlungsmasse in lockere Unterhaltung kleidet. Wer jedoch wie ich Mediennerd ist, die Feeds mehrerer Branchendienste abonniert hat und den ein oder anderen Medienpodcast hört, wird in Noch wach? jedoch schnell eine Auflistung bereits ausführlich dokumentierter Umstände und wenig mehr sehen. Denn Stuckrad-Barre kann in Interviews noch so oft unterstreichen, dass er hier in erster Linie einen Roman geschrieben hat. Aber den trotzdem über der Geschichte schwebenden Ex-Chefredakteur und den einst freundschaftlich so verbundenen Verlagschef wird er natürlich trotzdem nicht los. Denn die Deutungshoheit über sein Werk hat nur das Publikum. Und dem wird hier eben viel von der Seitenlinie aus erzählt.

Stuckrad-Barres Protagonist ist ausgemachter Stillstand. Er weiß zu Beginn der Geschichte bereits, was warum das Problem ist, muss nicht von A nach B gehen, sondern kann die Übung aus dem Stand heraus absolvieren und muss eigentlich kaum etwas ergründen. Was davon übrig bleibt, ist eine zu Recht in die Brüche gegangene Männerfreundschaft™ und damit eher wenig von wirklichem Belang. Und wenn das der Kommentar auf unseren gesellschaftlichen Umgang mit #MeToo sein soll, dann ist er vielleicht zutreffend, aber mit 384 Seiten im Hardcover doch etwas künstlich aufgeblasen 🤷‍♂️

★★★☆☆

Gelesen: „Vor dem Fest“ (2014) von Saša Stanišić

Gelesen: „Vor dem Fest“ (2014) von Saša Stanišić
Cover: Luchterhand, Foto: Elena Ternovaja unter CC BY-SA 3.0
📚
316 Seiten, erschienen bei Luchterhand, ISBN 978-3-630-87243-8

Nachdem ich bereits den mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman Herkunft von Saša Stanišić gelesen habe und mich unsterblich in dessen Schreibe verliebt habe, war schnell klar, dass irgendwann auch mal seine anderen Bücher an der Reihe sein werden. Vor dem Fest ist es dann geworden, weil ich das als E-Book über meine Bibliothek leihen konnte 😅

Anyways: Auch bei diesem Roman bin ich ganz hin und weg von der Sprache – wie mit ihrer Hilfe verschiedenste Rezeptionsebenen eingezogen werden und auf super lustigen, trockenhumorigen sowie tieftraurigen Hochzeiten gleichzeitig getanzt wird. Ich habe den Weg zum Ziel – oder hier besser: zum Fest – sehr genossen, weil entlang des Pfades letztlich sehr bittersüße und melancholische Lebensgeschichten erzählt werden. Das daraus entstehende Gesamtbild beschreibt, wie hinter jedem einzelnen Leben ein regelrechtes Universum steckt. Und wie bedeutungslos das alles ist. Und wie unendlich wichtig das alles ist. Wir sind.

★★★★☆