Ein beeindruckendes Werk über Raumnahme in jeglicher Ausprägung
Bild: Louise Weard
Dieser Film gehört mit zu den eindrucksvollsten Beweisen, dass die Form des Ausdrucks fast keine Rolle spielt, wenn man eine starke Geschichte zu erzählen hat, etwas zum Ausdruck bringen will und das auch in einer klaren eigenen Stimme vermag. Und dennoch ist die Form hier keineswegs egal, sondern sie und der Inhalt bedingen einander.
Es ist das Rauschen des DV-Bildes und das Rauschen des durchlaufenden Bandes, das sich permanent über die Tonspur legt und an die Figuren schmiegt. Es ist der daraus entstehende sensorische Rausch, der die Erfahrungswelt der Figuren spiegelt.
Figuren, die virtuelle Räume nutzen, um bestehende zu erweitern, zu ergänzen oder überhaupt erst Räume zu schaffen, die in der echten Welt (noch) gar nicht existieren. Figuren, die in diesen virtuellen Räumen eine eigene Kommunikationsästhetik entwickeln, die wie hier auf einem Grat zwischen Digitalem und Analogem balanciert. Die gleichzeitig kalt, fremd und dennoch nostalgisch vertraut wirkt. Figuren, die ohne diese selbstgeschaffenen Räume aus unterschiedlichsten Gründen keine hätten.
Das sind Räume, in denen sich Geschichten voller Hoffnungslosigkeit, über Vereinzelung, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Versagens- und Existenzängste, Einsamkeit, die Sehnsucht nach Liebe und Träume entfalten, resonieren und auch außer Kontrolle geraten können. Und in diese Räume begibt sich Louise Weard konsequent hinein.
Hinter all den Störgefühlen verbirgt sich schon etwas Produktives...
Bild: Capelight Pictures
Streicht gut die Elemente der Projektion und des Selbsthasses, der Agitation und der Manipulation inmitten dieses Zwischenmilieus zwischen Fußsoldat*innen, intellektueller Führung und finanziell Fördernden heraus. Und die Konsequenzen der Zerstörung individueller Erfahrungen und Perspektiven zugunsten einer kollektiven Fantasie.
Aus deutscher Sicht und mit dem Hintergrund deutscher Schulbildung ist es natürlich besonders schwer und irritierend, das hier aufgemachte Spannungsfeld auszuhalten, ohne Vorwürfe von Relativierung und Effekthascherei auszupacken. Aber ich glaube schon, dass sich hinter diesem Störgefühl etwas Produktives verbirgt.
Ich muss nicht noch mal andere Worte für das finden, was ich schon zu WICKED aufgeschrieben habe:
Der Film ist super wirr und es ist extrem anstrengend zu ordnen, wonach hier alles ausgeholt, geschlagen und gegriffen wird – was aber nicht unbedingt schlecht ist. Denn viele Themen sind recht klug verwoben. Klug heißt hier nicht unbedingt subtil, aber man muss sich eben auch immer wieder bewusst werden, dass Musicals und arthousige Nuancierung nicht unbedingt Hand in Hand gehen und das auch gar nicht das Ansinnen ist.
In FOR GOOD wirkt es auf mich so, als ob all die unbedingt wichtigen Motive und Ansinnen auf eine Reihe von Tabletts gepackt wurden, die dann, eins nach dem anderen, an der Kamera vorbeigetragen wurden. Das läuft derart transparent ab, dass der Film fast schon ins Paternalistische abgleitet.
Ein (sehr) junges Publikum versteht die Bezüge zum politischen Weltgeschehen (noch) nicht, aber um auf Nummer sicher zu gehen, wird es auch noch mal für alle, die im Bilde sein sollten, dick und fett ausbuchstabiert. Ich meine, der Zauberer ist nur drei Millimeter davon entfernt, tatsächlich Trumps „I could stand in the middle of Fifth Avenue and shoot somebody, and I wouldn't lose any voters, OK?“ hinauszuposaunen.
Der Film beobachtet die Strategien des (Neo-)Faschismus erstaunlich genau und durchdringt dabei zahlreiche Schichten. Doch die dabei zutage geförderten Bilder vermag er kaum in einen filmischen Einklang zu bringen.
Wie unverhohlen FOR GOOD außerdem queerbaitet und mit verschiedensten „BookTok“-Motiven überfrachtet ist, fühlt sich einfach gar nicht nach kreativen, sondern einfach unternehmerischen Entscheidungen an – wie ein gezieltes Abholen bestimmter Zielgruppen, um um jeden Preis wirtschaftlichen Erfolg abzusichern.
Und wie bei WICKED gilt auch hier: Es ist schon spektakulär, wie schlecht dieser Film aussieht; wie eine derart lebendige Welt unter einem derart entsättigten Matsch begraben wird. Außerdem kicken die Lieder einfach nicht – also bei mir jedenfalls nicht.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Ich hab's mir die Tage auch angeschaut, aber total vergessen, das auch hier ins Blog zu packen: Hank Greens Comedy-Special Pissing Out Cancer. Zum Glück hat mich Sascha dran erinnert. Es ist smart und lustig!
Meine Existenz auf Goodreads liegt schon länger brach – genau, wie Amazon die Bücherplattform schon seit Jahren behandelt. Deshalb bin ich auch gewechselt zu The StoryGraph. Dort gibt es nicht nur fancy Statistiken und ein interessantes Empfehlungssystems, sondern auch umfassende Community-Features, mit denen etwa Buchclubs oder Readalongs super bequem aufgesetzt und organisiert werden können.
Thomas hat sich auch mal umgeschaut und aufgeschrieben, was es so an Angeboten gibt, die nicht Goodreads sind.
Ich bin als niedergelassene Ärztin absolut FÜR die telefonische Krankschreibung.
Wir wollen Patienten aus MEDIZINISCHEN Gründen behandeln, nicht weil sie eine AU brauchen.
Jemand, der erkältet ist, gehört ins Bett und nicht ins Wartezimmer.
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Drüben bei Kino-Zeit empfehle ich ausführlicher die famose Serie Ramy, die es gerade mit allen drei Staffeln kostenlos in der Mediathek von Arte zu sehen gibt.
Masaki Kobayashis fast zehnstündiges Epos spürt nach, wie sich im Faschismus welche Grenzen verschieben
Bilder: Arrow Films, Montage: Ich
No Greater Love
Ein Dokument des Verschiebens – des Verschiebens von jeder moralischen Grenze, jeden Tag ein Stück mehr. Die dafür notwendigen Schritte sind mal klein, mal groß und folgen einem paradoxen Muster. Einerseits ist die reine Schlagzahl dieser Grenzverschiebungen desorientierend, andererseits aber auch eine Summe vieler kleiner, kontinuierlich gefällter Entscheidungen, die einen Gewöhnungseffekt erzeugen.
Masaki Kobayashi lässt dafür grandios Form und Inhalt nahtlos ineinandergreifen. Denn dieses Abrutschen in die Unmoral findet auch bildkompositorisch Widerhall. In Momenten, in denen die Zivilisation zugunsten der Barbarei abgerissen wird, ist der Protagonist oftmals mit mehreren anderen Menschen im Raum. Es entsteht eine Enge, ein Zwang, eine Unmöglichkeit der Flucht.
Wenn der Protagonist jedoch Auswege aus dem Grauen sieht, Hoffnung hegt, Liebe empfindet, dann ist er oft entweder mit seiner Frau oder ganz alleine in karger, aber ausladender Landschaft im Bild.
Ganz ohne Worte erzählt Kobayashi alleine auf der Bildebene von Fremdheitserfahrungen, kollektiven Zwängen, Vereinsamung und Vereinzelung.
★★★★½
Infos & Extras
Road to Eternity
In diesem Mittelstück der Trilogie wird nun der Krieg ausgebreitet – nicht der gegen den Westen, gegen die Alliierten, sondern der Krieg nach innen hinein. Es ist ein Krieg gegen die Menschlichkeit und die Empathie im gesamtgesellschaftlichen und ganz individuellen Sinne und damit natürlich straight aus dem Playbook des Faschismus.
Und wie zuvor findet das auch Widerhall in den Bildern. Einzelne Figuren nähern sich in ihrer Erscheinung immer weiter einander und dem Hintergrund an. Die von Arbeit und Entbehrung gezeichneten Gesichter, die Mützen und schlecht sitzenden Uniformen verschleiern die einstigen Konturen dieser Menschen und lassen sie in einem kollektiven Elend aufgehen.
Wie sehr dieser Krieg nach innen wirkt, wird auch dadurch unterstrichen, dass von den eigentlichen Kampfhandlungen sehr lange gar nichts zu sehen ist, dann an der Front erst nur eine Handvoll Panzer und schließlich noch weniger gegnerische Soldaten lediglich von hinten. Sich gegenseitig in die Augen sehen können nur die Japaner selbst – und durch manche dieser Augen scheint kaum noch Menschlichkeit.
★★★★½
Infos & Extras
A Soldier's Prayer
Geografisch und moralisch desorientiert stapfen diese Männer, diese Soldaten durch die kärgsten, vom Krieg gezeichneten Landschaften wie durch eine Galerie mit den Abgründen des japanischen Faschismus. Szene um Szene wird ihnen vorgeführt und klarer, was sie diesem Land und seinen Menschen angerichtet haben. Sie schlagen sich wortwörtlich durch die Felder, um dort sinngemäß zu ernten, was sie vorher gesät haben.
Dieser Weg der besiegten japanischen Soldaten, diese Flucht ist gleichermaßen eine Suche nach Absolution und Erlösung, die in ihren Bildmotiven an Kurosawas Samurai oder Kobyashis späteren HARAKIRI erinnert. Etwa diese Soldaten, die als einsame Wölfe auf der Flucht sind, weil sie langsam begreifen, dass sie durch ihre Taten jegliche „Ehre“ hinter sich gelassen haben. Oder der Protagonist, der zum Schluss noch einmal vor sich selbst und dem Gedanken an seine Frau Rechenschaft für seine Taten ablegt. Der sein Gewissen ehrlichen Herzens offenlegt.
Als ob es Elem Klimows „Komm und sieh“ nie gegeben hätte
Bild: Amazon MGM Studios
Es ist total befremdlich, wie viel Energie der Film darauf verwendet, diese Wehrmachtssoldaten zu entpolitisieren – bis hin zu Sprüchen wie „Keine Politik in meinem Panzer" und „Wir haben nur Befehle ausgeführt". Es ist schon bemerkenswert, dass der Regisseur nach NAPOLA schon wieder einen Haufen junger Männer gefunden hat, in denen keiner ein ausgemachter Nazi gewesen zu sein scheint.
Nun ließe sich argumentieren, dass der Film genau diese Ausflüchte ins vermeintliche Mitläufertum zerlegen will und sehr wohl mindestens einen Nazinazi zeigt, der mit seiner fadenscheinigen Argumentation, mit seinen Taten und deren Folgen konfrontiert und dadurch sein Abstieg in die Hölle eingeläutet wird.
Dafür steht sich der Film mit seiner eigenen effekthascherischen Struktur und der gewählten Erzählperspektive jedoch selbst im Weg. Es mag nicht unbedingt ein fairer Vergleich sein, aber DER TIGER ist inszeniert, als ob es Elem Klimows KOMM UND SIEH nie gegeben hätte.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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