🎬 LSC6: The Last Black Man in San Francisco (2019) – Blick unter den progressiv gemusterten Wolfspelz

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film aus 2019 zu schauen, der noch auf der Watchlist steht.


Joe Talbots THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO verhandelt in erster Linie die Frage, was eigentlich als Vermächtnis gelten kann – materielle oder immaterielle Werte? Und das passiert alles vor dem Hintergrund der Gentrifizierung. Denn dieser Prozess ist nicht nur “Bäumchen, wechsle dich” auf dem Wohnungsmarkt, sondern letztlich Regression im progressiv gemusterten Wolfspelz. Verdrängt werden nämlich nicht nur im Verhältnis finanzschwächere Menschen, sondern damit auch gesellschaftliche Entwicklung und individuelle Geschichte. Und das führt letztlich zu noch mehr Monokultur und Segregation in der Gesellschaft. Es verhindert ein Zusammenwachsen nicht nur auf allen Ebenen, es fördert es sogar.

THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO zeichnet ein warmherziges Porträt einer Stadt, die sich von sich selbst entfremdet hat und dabei in Kauf genommen hat, dass ihr Herz, ihre Einwohner*innen unter die Räder kamen. Es ist eine (Stadt-)Gesellschaft, die sich ob der Perspektive vermeintlich großen Wohlstands selbst gefressen und wieder ausgespuckt hat.

Und so schwer die dem Film zugrunde liegenden Themen letztlich sind, so beschwingt ist gleichzeitig die Leichtigkeit, mit der Talbot seine beiden Hauptdarsteller Jimmie Fails und Jonathan Majors derart grandios durch eine solche emotionale Dichte dirigiert. Beide stellen für das Publikum die Fragen, wer eigentlich die Früchte der eigenen Arbeit erntet. Was passiert, wenn das eigene Vermächtnis nicht mehr als anderer Menschen Eigentum ist. Was bleibt dann übrig? In THE LAST BLACK MAN IN SAN FRANCISCO ist es eine zu Tränen rührende, innige Freundschaft. Ein Band, das kein materielles Gut dieser Welt zertrennen könnte. Eine Freundschaft, die mit jeglichen konservativen Erwartungen an Männlichkeit bricht und daran wächst.


🎬 LSC6: I Killed My Mother (2009) – Ex­er­zi­ti­um des Undenkbaren

Die Challenge in dieser Woche ist, einen bisher ungesehenen Film von Xavier Dolan zu schauen.


Xavier Dolan ist ein Mensch, der viel intensiver und klarer als andere in seinem Alter fühlt. Er agiert introspektiver und gepaart mit seinem fast schon unverschämten Talent als Filmemacher ist er ein sprichwörtliches Geschenk des Himmels. Er lässt sein Publikum in Regionen vorstoßen, in die sich niemand alleine vortraut, geschweige denn die emotionale Ausrüstung dafür hat. In I KILLED MY MOTHER bewegt er sich auf Augenhöhe mit seinem von ihm selbst gespielten Protagonisten mit der Weisheit, jedoch nicht der Verbitterung oder alternativ auch rosaroten Brille eines wesentlichen älteren Filmemachers.

I KILLED MY MOTHER ist die Geschichte von bedingungsloser Liebe, einer naturgegebenen Verbindung zweier Menschen, zwischen denen die Kluft immer größer wird. Der hormongeschwängerte und immer weiter eskalierende Konflikt zwischen einem Teenager und seiner Mutter mag pubertäre Normalität sein, die irgendwann einer erwachseneren Beziehung den Weg frei macht.

Aber im Hinterkopf macht sich die quälende Frage breit: Was ist, wenn der Bund doch reißt? Wenn Bedingungslosigkeit plötzlich von Forderungen untergraben wird? Xavier Dolan exerziert das Undenkbare durch. Denn wenn er als Hubert regelrecht animalistisch “Hör auf, mich zu lieben!” seiner Mutter entgegenbrüllt, scheint das seinen Ursprung an einem Ort zu haben, zu dem querschlagende Hormone erst gar nicht durchdringen können.

Es ist ein Ort, den wir alle irgendwann einmal besuchen – und zwar in Rage. Eine Rage, die die Perspektive so lange einengt, bis nicht viel mehr als ein Tunnelblick übrig ist. Eine Rage, die uns wie ein pubertierender Teenager aussehen lässt. Der Weg zurück mag schwer sein, aber er lässt sich bestreiten. Doch das ändert nichts daran, dass die Gefühle, die ausgetragenen Konflikte echt sind und bewältigt werden müssen – völlig unabhängig davon, ob sie in rationalen Ursachen begründet sind oder nicht.


📝 Wir können nicht anders (2020) – Hochpolitischer Weihnachtstrip aufs rechte Land

Screenshot: musikexpress.de

Dass “Wir können nicht anders” mehr als nur ein Film voller skurriler Charaktere ist, wird schnell klar. Denn Detlev Bucks Vorweihnachtskrimi ist gleichzeitig hochpolitisch. Dass die Gangster mit ihren einheitlichen Outfits und Anführer Herrmann (Sascha Alexander Gersak) mit seinem Mantel wie die Fähnlein-Fieselschweif-Version des örtlichen Arierclubs aussehen, ist nämlich kein Zufall. Sie sind die kleingeistigen Auswüchse einer ganz realen Entwicklung im ländlichen Raum, wo sich jenseits großartiger Öffentlichkeit und einer strukturell geschwächten Zivilgesellschaft völkische Siedler*innen ihre Rückzugsräume suchen und auch ohne Widerstand finden. Es sind Orte wie diese, die rechtsextreme Politiker*innen als ihr “Bullerbü” bezeichnen.

„Wir können nicht anders” auf Netflix: Hochpolitischer Weihnachtstrip aufs rechte Land – musikexpress.de

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