Vor lauter Schmetterlingseffekten und Hitlerbabys das Leben nicht mehr sehen
Foto: The De Laurentiis Company
Die Vergänglichkeit des Seins ist direktes Ergebnis dessen, dass Zeit für uns Menschen lediglich linear und in eine Richtung abläuft. Das ist kein Zustand, den es zu überwinden, sondern in dem es zu verharren gilt. Denn würden wir in permanenter Gleichzeitigkeit aller Zustände leben, würden wir ob aller etwaigen Schmetterlingseffekte und Hitlerbabys an jeder Ecke sicherlich erstarren. Die Vergänglichkeit ist die Konsequenz eines freien Lebens ohne prädeterminiertes Herumexistieren bzw. -vegetieren. Der Traum von der Herrschaft über die Zeit ist ein trojanisches Pferd voller Unfreiheit.
„Lustig" ist natürlich, wie anschlussfähig dieser Film zur Ära Donald Trump ist und so dem effekthascherischen Gedankenexperiment vom Töten Babyhitlers eine neue Doppelbödigkeit verpasst, die der Film davon losgelöst betrachtet jedoch leider nicht einhalten kann.
★★★☆☆
🇺🇸, R: David Cronenberg, D: Christopher Walken, Brooke Adams, Tom Skerritt, Herbert Lom, Anthony Zerbe, Colleen Dewhurst, Martin Sheen, Nicholas Campbell, Sean Sullivan, Jackie Burroughs, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: The De Laurentiis Company
Die heutigen Dailies unter anderem mit: zwei Ls von Wolfram Weimer, den Problemen eines Podcasts über Peter Thiel und Sergei Loznitsas neuster Doku in der Mediathek
Florian Hannig nimmt für Zeitgeschichte Online den seit Wochen so gerne herumgereichen DLF-Podcast über Peter Thiel, dem die sechs Episoden wohl eher nicht gerecht werden, auseinander. Ich musste beim Lesen auch an diesen Thread von Nora Hespers, der schließlich auch zitiert wird, denken. Hespers hat darin bereits am 1. Juni Schwächen und problematische Aussagen des Podcasts herausgearbeitet.
Die (Almost) Dialies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Erst jetzt entdeckt: Arte hat Sergei Loznitsas Dokumentarfilm über den Alltag in der Ukraine nach Beginn der russischen Vollinvasion, THE INVASION, bis Februar 2027 in der Mediathek stehen. (In 28 Teile zerhackt, aber gut.)
Falls man sich fragt wie die offizielle deutsche Sicht auf Polen 2025 ist, ist hier ein Post des @bundeskultur.bsky.social in dem zum Gedenken an den Warschauer Aufstand 1944 ohne Kontext ein NS-Propagandafoto aus dem Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 verwendet wird. Bitter.
Erzwungenes Gendern spiegele keineswegs wider, wie die überwiegende Mehrheit im Land spreche, betonte der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Kanzleramt.
Ich bin so wenig davon überrascht, dass ich trotzdem eine Meme gebaut habe.
Inhaltlich spannend, aber formal leider wirklich nicht gut.
Foto: ZDF, TGW7N
Gut, dass die Macherinnen nur auf unter der Hand gefilmtes Material zurückgreifen, um Nordkorea von innen zu zeigen. Denn alles andere wäre ein Rückgriff auf Propaganda. Auch unabhängige Medien agieren in Nordkorea nicht unabhängig, wenn sie den offiziellen Weg gehen, um a) ins Land zu kommen und b) dort filmen zu dürfen. Außerdem brauchen wir als Publikum nicht den Kontrast zwischen den geschönten Bildern von letztlich arrangierten Situationen auf der einen und der brutalen Realität voller Leid auf der anderen Seite, um zu verstehen, wie es den Nordkoreaner:innen geht. Die heimlich angefertigten Aufnahmen und Berichte erfolgreich Geflüchteter sprechen für sich.
Was dem Film total abgeht, ist ästhetische Kohärenz. Ich verstehe nicht, wozu scheinbar zufällig und keinem Zweck dienlich handgezeichnete Animationssequenzen eingestreut werden. Es kann nicht um den Schluss von Lücken im dokumentarischen Material gehen, denn das ist ausreichend vorhanden. Es kann nicht als Abstraktionsebene, die zu drastische Bilder erträglicher machen soll, sein, denn vor Drastik scheut der Film andernorts nicht zurück.
Außerdem ist es total ausgenudelt, seine Talking-Head-Momente mit einer Perspektive aufzubrechen, die wiederum die Aufnahmesituation des Talking-Head-Moments zeigt. Das ist ein bildsprachlicher Taschenspieler:innentrick, um eine Art Pseudo-Vielschichtigkeit zu erzeugen, weil einem die Motive ausgehen.
Christopher Landons Film sagt viel über die Beschafftenheit unserer digitalen Kommunikationsräume, scheitert aber an fehlendem Kit.
Foto: Universal Pictures International Germany
Was mir gefallen hat: Der Film beschreibt unter anderem, wie antidemokratische Kräfte für ihre Zwecke memetische Kommunikation unterlaufen, digitale Räume annektieren und bestehende Ausdrucksästhetiken übernehmen, umdeuten, zweckentfremden und vergiften. (siehe Pepe the Frog)
Was okay war: Die grundlegende Paranoia wird aus einem super leicht nachvollziehbaren Umstand gezogen, indem uns vor Augen geführt wird, dass wir streng genommen mit technisch ziemlich ausgereiften Überwachungsinstrumenten in der Hosentasche herumlaufen. Auch hier braucht es lediglich eine Handvoll antidemokratischer Kräfte, um die freien Gesellschaften dieser Welt vor die Wand zu fahren. (siehe Palantir)
Was lahm war: Dafür, dass der Film regelrecht krampfhaft nach Verankerung in den technologischen Fundamenten unserer Welt sucht, macht er es sich an den falschen Stellen viel zu leicht. Es ist etwa offensichtlich, dass das zentrale Gimmick des Films um Apples Airdrop herum gebaut wurde, man es aber nicht namentlich erwähnen konnte/durfte. Also wurde einfach schnell eine in unserer Realität nicht existierende Alternative herbeigeschrieben, die dann bequemerweise auch noch ein paar Logikprobleme löst, die sich aus der tatsächlichen Funktionsweise von Airdop ergeben hätten. Das zieht eine unnötige Abstraktionsebene in den Film, die es uns leichter macht, uns vom aus der Technologie heraus entstehenden Horror zu lösen.
Was Mist war: Das Drehbuch erscheint mir doch dem Fehlschluss zu erliegen, dass eine Frauenfigur vor allem dann „stark" ist, wenn sie möglichst großes Leid übersteht. Denn der Film scheint mir doch irritierend viel Genuss daraus zu ziehen, der Protagonistin auf den letzten Metern schnell noch ungefähr 548 Rippen zu brechen – alles im Namen einer dahinbehaupteten Katharsis.
Was schade war: Der Film hat unglaublich wenig Fleisch auf den (gebrochenen) Rippen. Gute Ideen alleine reichen eben nicht, wenn da nichts ist, was die ganze Nummer mit schöner Schleife obendrauf zusammenzubinden vermag. DROP ist mehr ein ungeordneter Haufen dieser Ideen, die zusammen kein sonderlich spannendes filmisches Potenzial entfalten.
★★½☆☆
🇺🇸, R: Christopher Landon, D: Meghann Fahy, Brandon Sklenar, Reed Diamond, Violett Beane, Jeffery Self, Jacob Robinson, Gabrielle Ryan, Ed Weeks, Travis Nelson, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
Johannes Franzen schreibt in seinem Newsletter darüber, was der Preis mit unserer Wahrnehmung von Kunst macht und was der Tod des Filmstars damit zu tun hat.
Die (Almost) Dialies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Mark Zuckerberg hat diese Woche einen Haufen Buzzword-Bullshit zu „Personal Superintelligence" zusammengewürfelt. Sonja Drimmer hat den Text mal mit angemessenen Anmerkungen versehen.
Every so often someone like Mark Zuckerberg or Sam Altman will dribble out some unadorned text, announcing with stentorian certitude the advent of a new world that their latest product will avail. Zuck seems to love dressing up his thought bubbles in Times New Roman for the purposes of LARPing intellect, which I find funny and tragic.
Broey Deschanel dröselt auf, warum es so verdammt schwer ist, einen Anti-Kriegsfilm zu machen – oder ob es überhaupt möglich ist. Dabei spricht sie unter anderem über Edward Bergers IM WESTEN NICHTS NEUES, bei dem auch ich mich nach dem Kinobesuch gefragt habe, ob man es sich alleine durch die Drastik der Bilder und überwältigendes Sounddesign nicht ein bisschen zu einfach macht; ob wir mittlerweile nicht nach anderen Bildern suchen sollten, um Krieg filmisch zu bearbeiten.
Single-Serving Sites ist ein Archiv mit Websites, die ganz klar nur einem einzigen, sehr speziellen Zweck dienen. Sympathisch: Ein deutsches Beispiel ist gerade auf der Startseite zu sehen.
An Israeli settler sanctioned by the European Union just shot and killed one of the Palestinian activists and filmmakers a part of the No Other Land crew
Nicht das Sorgerecht ist das Problem, sondern das System, in dem es verhandelt wird.
Foto: Plaion Pictures
Hat mich total gepackt, wie hier übergeordnet verhandelt wird, ob und wie ein Mensch Eigentum eines anderen Menschen sein kann, darf und sollte. Natürlich scheint das vordergründig beim Sorgerechtsstreit um den Sohn durch. Aber letztlich geht es doch viel mehr um die endlos vielen Feinheiten im menschlichen und damit gewissermaßen auch patriarchalen Miteinander, die der Film in noch viel mehr Ausprägungen als „nur" dem Streit um den Sohn zeigt.
Die Zersetzung dieser Familien beginnt schon lange vor dem finalen „Streit". Sie beginnt bereits bei einer Entscheidung des Mannes, von der wir erst im letzten Akt des Films erfahren. Denn mit Hochzeit, Schwangerschaft und schließlich dem Sohn hat Frau ihren Beruf aufgegeben, sich ins sogenannte Hausfrauendasein zurückgezogen. Dass das zu einem Gefängnis wurde, liegt daran, dass ihr Mann jede Diskussion über ihre Rückkehr in die Welt abgeblockt hat. Du willst wieder arbeiten? Nope, nicht mal dann könnten wir uns Tagesbetreuung für unseren Sohn leisten, bleib du mal schön zu Hause.
Als sei es eine Art Naturgesetz, dass er wie selbstverständlich das alleinige Einkommen der Familie generiert. Doch damit macht er seine Frau natürlich ökonomisch zu 100 Prozent von sich abhängig und ein unter diesen Voraussetzungen unausgleichbares Machtgefälle auf. Das verunmöglicht in jeglichem Sinne Augenhöhe.
Im Sorgerechtsstreit vor Gericht wird dann verhandelt, ob die ganze Nummer nicht vielleicht irreparable „Schäden" beim Sohn anrichtet – als ob sie sich nicht im Klaren darüber sind, dass diese Schäden schon längst da sind und bereits viel früher angerichtet wurden.
Der Film ist auch wirklich gut darin, die strukturellen Problematiken durchscheinen zu lassen. So wie der Mann zunächst glaubte, wegen seines Einkommens Anspruch auf seine Frau und eine Beziehung mit ihr zu haben, glaubt er nun, Anspruch auf seinen Sohn zu haben. Er habe sich das ja hart erarbeitet und damit verdient – also ob Menschen eine Belohnung sein könnten. Er wiederholt mit seinem Sohn die gleichen Fehler wie mit seiner Frau.
Und auch seine Frau hat ein misogynes Rollenbild verinnerlicht. Sie ist die Mutter, die sich für ihren Sohn aufgeopfert hat, die nur für ihn gelebt und deshalb Anspruch auf ihn hat.
Beide sind zunächst bereit, ihren Sohn zu (re)traumatisieren, um sich selbst besser zu fühlen. Dabei sehen sie lange nicht, dass sie es ja mit einem vollwertigen Menschen und keinem Haustier oder Gegenstand zu tun haben.
Es gibt jedoch einen Ausweg aus dieser Situation, aus diesem (Macht-)Gefüge. Doch das kostet extrem viel Anstrengung, denn es ist nicht nur mit der Reflexion seiner selbst, sondern auch der Umstände des Systems, in dem man lebt, verbunden. Das war 1979 wahr und das ist auch heute wahr.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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