Skip to Content

Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 5

Gesehen: They Live (1988) - Kalte Unschärfe

War für mich letztlich nicht konsequent bis zum Schluss gedacht

Gesehen: They Live (1988) - Kalte Unschärfe
Bild: Studiocanal

Lässt ein bisschen Kohärenz vermissen und versucht das immer wieder durch Wrestlingeinlagen mit Roddy Piper zu kaschieren. Das Entkleiden der ästhetisierten Konsumbotschaften ist in seiner grotesken Zuspitzung ganz nett, aber letztlich konsequenzlos hinsichtlich einer systemischen Betrachtung. Diese behauptete Welt, die uns immer wieder ausschnittsweise durch die Sonnenbrille gezeigt wird, ist stets immer genau so unscharf, dass sie mich komplett kaltlässt.

★★½☆☆

Infos & Extras

Gesehen: The Battle of Algiers (1966) - Eine Partie Dame

Gezogen werden darf nur nach vorne

Gesehen: The Battle of Algiers (1966) - Eine Partie Dame
Bild: Igor Film, Casbah Film, Cult Films

Für mich hat sich der Film wie eine Partie Dame entfaltet. Mal wird vorsichtig nach vorne gezogen, dabei der ein oder andere Stein geschlagen, und plötzlich wird eine ganze Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, bei der innerhalb eines Zuges die Hälfte der gegnerischen Steine abgeräumt wird, nur um kurz danach dennoch eine herannahende Niederlage abwehren zu müssen. Denn gezogen werden darf nur nach vorne.

Der Film versucht die Gratwanderung zwischen fast schon klinisch-kalter politikwissenschaftlicher Analyse und spannungsgeladenem Unabhängigkeitsthriller. Es ist ein ständiges Ringen damit, welcher Zweck welche Mittel heiligt, heiligen muss und heiligen darf; um die Notwendigkeit und die vielschichtigen Kosten des Widerstands.

Eine bemerkenswerte Entscheidung: Der gesamte Film kippt mit dem Generalstreik der unterdrückten algerischen Bevölkerung. Es sind nicht die Attentate und der Guerillakrieg auf den Straßen, die die örtliche Verwaltung der Kolonialmacht Frankreich ins Wanken bringen. Es ist der Sand im wirtschaftlichen/kapitalistischen Getriebe der ausbeutenden Maschinerie, der das Pulverfass sprengt. Das spricht Bände.

★★★★☆

Infos & Extras

Gesehen: The Balconettes (2024) - Entschleierte Gewalt

Noémie Merlant erklärt sich selbst den Boden unter den Füßen weg

Gesehen: The Balconettes (2024) - Entschleierte Gewalt
Bild: Progress, barnsteiner-film

Die Variation des REAR WINDOW-Motivs, das Spiel mit dem, was hinter den Türen und Vorhängen passiert, das hat jüngst auch Chloe Okuno mit WATCHER ganz ähnlich versucht. Okuno und auch hier Noémie Merlant wischen den über der patriarchalen Gewalt liegenden Schleier jeweils auf eigene Art und Weise weg.

Merlant arbeitet mit dem Spannungsverhältnis zwischen Anspruchsdenken ohne Schuldbewusstsein auf der einen, und der gewissenhaften Verschleierung von Gewalt auf der anderen Seite. Sie legt Schicht um Schicht frei und eskaliert das Geschehen sowie die Drastik der Bilder konsequent. Und sie findet dafür besonders gegen Ende des Film auf einem Boot im Meer ein total schönes wie absurdes und skurriles Bild der Solidarität und der Schwesternschaft.

Warum sich also der Film dann noch mal nach all dem in aller Ausführlichkeit selbst erklären muss, ist mir ein absolutes Rätsel. Als ob hier Zweifel an etwas ausgeräumt werden müssten, woran die Inszenierung aber eigentlich gar keine Zweifel lässt – also für Zuschauer:innen, die den Film nicht auf dem Second Screen durchlaufen lassen. Es reißt die im Vergleich dazu nicht unbedingt total subtile, aber ausreichend feingliedrige Vorarbeit mit einem monströsen Vorschlaghammer wieder ein bzw. lässt sie im Nachhinein nach vergeblicher Liebesmüh aussehen.

★★★☆☆

Infos & Extras

Gesehen: Predator: Badlands (2025) - Durchgespielte Übung

Das ist mehr Bewerbungsfilm als eigenständiges Werk

Gesehen: Predator: Badlands (2025) - Durchgespielte Übung
Bild: The Walt Disney Company Germany

Die Erkenntnis, die Forderung, die sich aus dem ästhetischen Erleben dieses Films ableiten lässt: Jetzt gebt Dan Trachtenberg seinen Star-Wars-Film, dann haben wir Ruhe. In diesem Universum wäre die Art und Weise, wie hier Machtstrukturen und Rollenbilder hinterfragt werden, deutlich besser aufgehoben.

BADLANDS versucht viel zu unterlaufen, bemüht sich aber um keinen Funken Subversion. So ist das Ergebnis eine in der dargereichten Form schon längst durchgespielte Übung, die jedenfalls mich deshalb komplett gelangweilt hat.

★★☆☆☆

Infos & Extras

Gesehen: Nouvelle Vague (2025) - Ein Hauch von Ironie

Linklater hat eine Liebeserklärung an die Kinoliebenden verfasst

Gesehen: Nouvelle Vague (2025) - Ein Hauch von Ironie
Bild: Plaion Pictures

Das Sujet des Films über das Filmemachen ist für mich oft einfach nur ein anstrengendes und masturbatorisch anmutendes, das dann auch noch oft von ziemlich viel Selbstherrlichkeit erdrückt wird. Bei Richard Linklater legt sich hingegen ein Hauch von (Selbst-)Ironie über den gesamten Film.

Was ich bei Christopher Nolans OPPENHEIMER noch abwertend „historisches Puppentheater“ genannt habe, wird bei Linklater mit interstitiellen Porträtaufnahmen inklusive Bauchbinden immer wieder ironisch zugespitzt.

NOUVELLE VAGUE ist keine Liebeserklärung an das Kino oder an Filme, sondern eine Liebeserklärung an die, die von Kino und Film besessen sind. Es ist eine Fetischisierung der Fetischisten, die sich mit präzise gesetztem Augenzwinkern immer wieder gerade rechtzeitig vor dem Abgleiten in die Selbstbeweihräucherung rettet.

★★★½☆

Ab 12. März 2026 in den deutschen Kinos.

Infos & Extras

Gesehen: Sentimental Value (2025) - Klaffende Wunden

Die größte Schwäche des Films ist darin begründet, wie Trier seine Protagonistin ausbeutet

Gesehen: Sentimental Value (2025) - Klaffende Wunden
Bild: Plaion Pictures, Studiocanal

Klar, das sind schon ziemlich privilegierte Verhältnisse, aus denen heraus hier erzählt wird. Darüber kann auch die Anmerkung der Schwester der Protagonistin, dass man das Geld aus einem etwaigen Verkauf des Hauses der verstorbenen Mutter gut hätte gebrauchen können, nicht hinwegtäuschen. Denn in einer Zwangslage scheint sich deren Familie nicht zu befinden.

Joachim Trier schafft es dennoch – im Gegensatz zu Noah Baumbachs im selben Sommer uraufgeführtem JAY KELLY – anschlussfähig zu bleiben und die Brücke zum emotionalen Kern seiner Geschichte nicht einstürzen zu lassen.

Trier erzählt durch die Gefühlswelt der Protagonistin von deren Vater, der erst am Ende seiner Karriere und wahrscheinlich auch seines Lebens, konfrontiert mit der Sterblichkeit seiner Freunde und seiner eigenen, plötzlich eine seit Kindheitstagen klaffende Wunde in sich entdeckt. Der den Suizid seiner Mutter nie verarbeitet, sondern nur abgetan und verdrängt hat.

Er muss erkennen, dass diese Wunde bis in die Seelen seiner Töchter klafft. Dass er seine beiden Töchter und die Mutter einst nicht einfach nur verlassen hat, sondern er dabei vielleicht selbst sicherstellte, dass es nicht sie sind, die ihn verlassen – im übertragenen Sinne wie seine Mutter damals. Dass er für dieses Kapitel nie ein Ende verfasst und seinen Töchtern nie das Schreiben beigebracht hat.

Der Vater dominiert die gesamte Erzählung des Films, obwohl er nicht der Protagonist ist. Trier beutet den Schmerz und das Trauma der Protagonistin an vielen Stellen schlichtweg aus, um die Vaterfigur zu entwirren. Das kann man dem Film durchaus vorwerfen und das halte ich auch für seine größte Schwäche.

Dennoch steckt eine universelle Wahrheit in diesem Film, die sich dessen unbeeindruckt zeigt.

★★★½☆