Mir scheint, aus dem Vorreiter des Skurrilen mit THE PIANO ACCIDENT ein dem Absurden hinterherhechelnder Quentin Dupieux geworden zu sein. Die Entlarvung von Influencer:innen, die Verspottung von deren verblendeten Anhänger:innen, das ist in Teilen sicherlich angebracht, dann aber auch wieder einen Hauch anachronistisch.
Denn die keineswegs brandneue Erkenntnis, dass etwa das Publikum keineswegs eine dümmliche Masse ist, die belächelt werden sollte, sondern mitunter Opfer manipulativer Kommunikation und Algorithmen geworden sein könnte, blendet der Film aus.
Klar, ich sollte hier keine Analyse, die wirklich en détail durch jede Schicht dringt, erwarten. Habe ich auch nicht. Aber dass zumindest an der richtigen und wichtigen Stelle nach oben geschlagen wird, erscheint mir nicht zu viel verlangt.
Warum ist der organische Google-Traffic 2025 global um ein Drittel eingebrochen? Was bedeutet es für unsere Demokratie, wenn die „eine richtige Antwort“ der KI das Abwägen überflüssig macht? Diese Fragen beschäftigen gerade ein Drittel der deutschen Redaktionen in internen Strategiemeetings – doch öffentlich spricht kaum jemand darüber.
Mal davon abgesehen, dass das inhaltlich natürlich erstklassige Ware ist, finde ich alleine dieses Ausprobieren vor der Kamera inspirierend. Ich überlege nämlich auch gerade wieder, wie ich meine Gedanken zu Film(en) in Bewegtbild gießen könnte – also so, dass es zumindest für ein paar Menschen auch interessant ist.
Im vergangenen Jahr habe ich mal ein paar Wochen lang vertikale Dreiminüter rausgehauen. Das waren im Prinzip „Übersetzungen“ meines Letterboxd-Tagebuchs. Und das war tatsächlich noch, bevor die Hochkantplattformen dem KI-Slop nicht nur bereitwillig die Türen öffneten, sondern ihn auch noch durch entsprechende Features in den eigenen Tools ermöglichten. Mein Gedanke: Warum sollte ich eigentlich noch ein Format bespielen, bei dem ich neben seelenlos dahingeprompteten Inhalten stattfinden muss? Das hat mir ganz schnell den Spaß an der Sache genommen.
Aber die Lust auf Video ist seitdem nicht verschwunden. Nur glaube ich mittlerweile, dass der Spaß mit Hochkantvideos und den damit verbundenen Konventionen einfach nicht mehr wiederkommen wird. Es sollte schon quer- und langformat sein – jedenfalls länger als die gequetschten drei Minuten.
Die ein oder andere Idee – Konzept kann man das noch nicht nennen – habe ich im Hintergrund schon mal ausformuliert. Aber das kann man natürlich auch unendlich lange so treiben. Ich muss demnächst wahrscheinlich auch einfach mal loslegen und mich dabei finden, sonst zerdenke ich das alles nur unnötig.
Die Frau als wildes Tier, als gefährliche Raubkatze, die um jeden Preis domestiziert und/oder weggesperrt werden muss, um die bestehenden zwischenmenschlichen sowie gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten.
Doch Jacques Tourneur reproduziert im Rahmen seiner filmischen Betrachtung dieses Bild niemals ohne doppelten Boden. Denn immer ist und bleibt klar: Die Großkatze ist ein majestätisches Wesen voller Anmut, Stolz, Selbstbewusstsein und großer Kraft. Das Tier wird weggesperrt, weil es der bestehenden Herrschaftsordnung gefährlich werden kann.
Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.
Jasmin Schreiber:
Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein Mann ist wohl keiner von denen. Wahrscheinlich deiner auch nicht. Aber es gibt ein sehr offensichtliches strukturelles Muster, und das hat ein Geschlecht, und es hat seit dem Internet eine Infrastruktur zur Tatermöglichung, die es in der Geschichte der Menschheit so noch nie gegeben hat. Und Männer nutzen das exzessiv. Außerdem: Jeder Mann ist keiner von denen, bis er es plötzlich doch ist. Es gab bei jedem Mann eine Zeit vor der Tat, und bis dahin war er ja auch “keiner von denen”. I don’t know. Für dieses Unbehagen habe ich keine Lösung.
Männer müssen mit dem Risiko leben, dass Frauen erst mal skeptisch sind, wenn sie erklären, sie seien Feministen. Es ist aber keine so dramatische Gefahr, dass vielleicht mal eine Feministin mit den Augen rollt, während sie reden. Try harder, überzeugt uns!
Vor allem aber müssen Männer damit leben, dass es keine To-do-Liste gibt, die sie abarbeiten können und wo statt einem »Bete drei Ave-Maria und zwei Vaterunser« die Absolution erteilt wird mit einem »Geh auf drei Demos, spende an ein Frauenhaus, verprügel einen Vergewaltiger und arbeite die Leseliste durch, die dir eine Frau zusammenstellt«.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Auf die kleine Frederick-Wiseman-Retrospektive bei hatte ich neulich schon mal hingewesen. Parallel zu den ersten Filmen, die ich bereits davon geschaut habe, habe ich nun auch den tollen Nachruf auf Wiseman von Tilman Schumacher für den Filmdienst gelesen.
Wiseman hat mit seinen Filmen tief in der US-amerikanischen Gegenwart geschürft, ohne je eine einseitige Sichtweise oder gar Agenda aufzudrücken. Zu offen politischem Filmemachen äußerte er sich zeitlebens skeptisch, zu sehr kam es ihm einem Herunterbrechen von komplexen Sachverhalten gleich. Wiseman wollte keine Message-Movies machen, sondern mit den Räumen und Menschen, die er porträtierte, in einen Dialog treten – gleichsam seinem Publikum einen offenen Dialog mit dem eigenen Werk ermöglichen.
Stefan Koldehoff und Lars Hendrik Beger zeichnen bei Kultur heute im Deutschlandfunk noch mal nach, warum BKM Wolfram Weimer bei allem scheitert, was er anfasst. Sicherlich ist ihm bei vielen Handgriffen eine kulturkämpferische Absicht ganz klar zu unterstellen. Aber mindestens genauso schwer wiegt die Tatsache, dass er einfach ein unfähiger Dilettant ist, dem jegliches Handwerkszeug für seinen Job fehlt.
Außerdem beim Guardian nachgeholt: ein Blick auf Florence Welch und ihr Schaffen, geworfen gut einen Monat, bevor Everybody Scream erschien. Über Kunst, Frausein, Körper, Unerbittlichkeit, Schöpfung, Ruhm, Authentizität und mehr. Ein auslandender, aber nie seichter Rundumschlag.
Ebenfalls für drüben habe ich mir schon mal HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK, der diese Woche ins Kino kommt, angeschaut.
Von Grevenbroich aus geht es also raus in die weite Welt – oder eher: ins einigermaßen weite Deutschland. Erste Station: Bad Lobenstein in Thüringen, weil dort Horsts Kneipenkumpel Wolle (Patrick Joswig) zuletzt zur Kur und so richtig glücklich war. Dort nötigt man sich schließlich ein paar müde Lacher beim, haha, Lachyoga ab, pflügt wie ein Scheunendrescher übers üppige Buffet, verbrennt sich die Finger bei der Hot-Stone-Massage und, ja wirklich, kifft sich ordentlich einen rein. Doch glücklich macht auch das alles nicht. (Was vielleicht anders wäre, wenn die hier porträtierte Kureinrichtung wirklich dem Standard für gesetzlich krankenversicherte Menschen entsprechen würde. Aber das wäre eine analytische Tiefe, an der sich HORST SCHLÄMMER SUCHT DAS GLÜCK bis zum Schluss eher nicht versucht.)
US/FR/GB · R: Mary Harron · D: Ben Kingsley, Barbara Sukowa, Christopher Briney, Rupert Graves, Andreja Pejić, Ezra Miller, Suki Waterhouse, Mark McKenna · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia
Ein Kreisen um das Obszöne, die Obsession mit dem Schein und dem Exzess – und genau deshalb stellenweise so unfreiwillig komisch. Denn die schwache Ausstattung, die billigen Perücken, die schlechten aufgeklebten Bärte, die weichgezeichnet-blumige Vorabendserienästhetik, das alles untergräbt natürlich die stellenweise behauptete Opulenz.
Dennoch korrespondiert diese Form bzw. eben die Schwächen in der Form mit der porträtierten Welt und den in ihr lebenden Figuren. Denn auch diese Welt kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass der auf ihr aufgetragene Lack ähnlich dünn und kurz vorm Abblättern ist.
Das produziert also durchaus durch die Form spannende Reibungsmomente – jedoch auch eine unfreiwillige Komik und viele Momente, die einer gewissen Ironie nicht entbehren können und die Schwächen des Films offenbaren.
US · R: Macon Blair · D: Peter Dinklage, Jacob Tremblay, Taylour Paige, Kevin Bacon, Elijah Wood, Julia Davis, Sarah Niles · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia
Kann als jemand ohne bisherige Berührungspunkte mit dem ganzen Tromaversum, damit auch mit dem originalen THE TOXIC AVENGER und letztlich ohne nostalgische Gefühle sagen: Mit dem hier hatte ich eine (erstaunlich?) gute Zeit.
Ich mochte, wie diese Dystopie nicht nur durch die Zuspitzung sowieso schon hyperkapitalistischer Zustände gezeichnet wird, sondern gleichzeitig auch von radikalem Nihilismus und zügellosem Hedonismus als Resultat des Versagens des vermeintlichen Sozialstaats und der Implosion der Solidargemeinschaft lebt.
In der Welt des Toxic Avengers sind die Punks die mörderischen Vasallen des Kapitals. Das einstige Anti-Establishment ist Teil des Establishments geworden. Genau das ist auch in unserer Realität zu beobachten: Das einst in der Counterculture verwurzelte Silicon Valley ist zum Hort einer mächtigen antidemokratischen Klasse geworden. Die Techbros, die von Orten der Gegenöffentlichkeit träumten, greifen nun nach der Macht, zu der vorher ein Gegengewicht geschaffen werden sollte.
Eher nicht so interessant ist die narrative Struktur des Films, die weitestgehend diffus anmutet und ständig wie ein Golden Retriever mit Aufmerksamkeitsdefizit zwischen satirischer Dystopie, Superheld:innenpersiflage und Buddy-Cop-Comedy hin- und herspringt, ohne mal einen Gedanken wirklich konsequent zu entwickeln.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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