Vor Beginn der Frankfurter Buchmesse beschäftigt sich Daniel Loick im Deutschlandfunk Kultur mit der Frage, ob Autor*innen überhaupt noch auf Büchern öffentlich gemacht werden sollten, um die Kunst zu diesem „Ballast" zu befreien und für sich stehen zu lassen – also so, wie es Michel Foucault mit seinem Jahr ohne Namen einst vorgeschlagen hat.
Ich bin da durchaus zwiegespalten. Denn einerseits bin ich überzeugter Anhänger des Todes der Autor*in. Sobald ein Kunstwerk in der Welt ist, gehört es ausschließlich – außer natürlich im materiellen Sinne – den Rezipierenden. Andererseits entsteht und existiert Kunst selbstverständlich nicht im luftleeren Raum. Der Hintergrund und die Überzeugungen der Schöpfer*in spielen immer eine Rolle. Sich dieser Dimension zu entledigen, legt schließlich meiner Meinung nach einen viel zu großen Fokus auf rein ästhetische Kriterien.
Das will ich wiederum niemandem absprechen, aber diese Perspektive auf Kunst fühlt sich für mich viel zu verengt an und ist für mich daher uninteressant. Viel interessanter ist dann wieder Daniel Loicks Vorschlag, neben Autor*in auch die Namen aller anderen an der (physischen) Produktion Beteiligten mit auf den Einband zu drucken. Das würde zumindest ein kleines bisschen einem Geniedenken den fruchtbaren Boden entziehen. Zumindest beim Film ist das ja schon längst gewerkschaftlich erstrittener Usus.
Der Film scheitert an seinem Bestreben, mit jedem einzelnen Moment maximal anschlussfähig zu sein.
Foto: Weltkino Filmverleih
Das ist alles so vollgestopft mit erwartbarer Küchenpsychologie, komisch ironisierten Kalenderspruchmomenten und völlig banalen Satireversuchen, die auf reiner Oberfläche fußen.
Der gesamte Humor des Films ist kaum als solcher zu bezeichnen, weil er nicht auf – mal einfach formuliert – Setups und Punchlines basiert, sondern auf dem reinen Benennen von Tatsachen, um maximal anschlussfähig zu sein.
Haha, die Influencerin macht damit Geld, ihren Po in die Kamera zu halten. Haha, der Kriegsveteran hat PTSD. Haha, der Techmillionär ist ja total exzentrisch.
Doch das an sich ist doch noch nicht lustig. Es sind Motive, die jede*r von uns kennt, deshalb mit dem Finger drauf zeigen und sagen kann: „Das kenne ich!"
Dass das komisch ist, ist reine Behauptung.
★☆☆☆☆
🇫🇷/🇩🇪/🇮🇸/🇬🇧, R: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, D: Lydia Leonard, Timothy Spall, Ella Rumpf, Simon Manyonda, Sverrir Gudnason, Björn Hlynur Haraldsson, Rob Delaney, Emun Elliott, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Weltkino Filmverleih
Die geschätzte Sonja Hartl (Grüße!) hat für Deutschlandfunk Kultur ein schönes wie vielschichtiges Feature über die Faszination mit Serienkillern in der Literatur gemacht.
Blutrünstig und rätselhaft – Serienkiller sind aus der Kriminalliteratur nicht wegzudenken. Sie verkörpern das abgrundtief Böse. Die Figur hat einige Entwicklungen durchlaufen und erlebt seit mehreren Jahren eine Renaissance.
Das gilt natürlich nicht nur für Literatur, sondern unter anderem auch für das hier bei mir so zentrale Bewegtbild.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Nach 1686 Ausgaben ist nun wirklich Schluss: Die finale Episode von WTF with Marc Maron ist online – mit Gast Barack Obama. Ich finde, dass das eine sehr schöne, kluge und als Stimme wohl notwendige, weil ein- und nachdrückliche Wahl ist.
Character matters. Honesty matters. Community and family and loyalty and kindness matter.
Amazon retuschiert die Waffen aus den Thumbnails der JAMES BOND-Filme und blamiert sich dabei bis auf die Knochen. Wundert aber auch nicht. Bezos hat sich die Bude sowieso als cOnTenT und nicht für die Kunst eingekauft.
TIL: Charli XCX ist auf Letterboxd – und das nicht wie zum Beispiel Martin Scorsese mit seinem brachliegenden Account, sondern privat und offenbar auch noch gar nicht so lange enttarnt :D
Pietro Marcellos DIE PURPURSEGEL steht gerade (noch bis zum 19. Oktober) bei Arte in der Mediathek. Für OV-Schauer*innen ohne umfassender Französischkenntnisse war es in Deutschland bisher gar nicht so leicht, digital an eine untertitelte Variante zu kommen. Denn der Film wurde praktisch überall zwar mit O-Tonspur, aber nie mit deutschen Untertiteln ausgeliefert. Da hat wohl der Verleih versagt.
Was erwartet man sich davon, wenn man bei einer immer autoritären Diskussion um den Sozialstaat mitmacht?
Ideologisch ist es mir fremd, aber ich verstehe noch nichtmal das strategische Kalkül. Um wessen Herzen rittert man hier?
Ich bin mir sicher, dass ich wirklich der allerletzte Mensch bin, der auf diesen Gag kommt, aber: Deutsche WICKED (literally)
good cop: just tell us what you know and we can help through this
bad cop: tell us or we'll make it hurt
cop who once did a marathon: I once did a marathon
Seit längerer Zeit endlich mal wieder was bis zum Ende gelesen: Nichts in diesem Buch ist verklärt, aber auch nicht vom Pessimismus verschlungen. Es ist fast schon banal, und darin liegt die Poesie.
Ein verstörender wie hypnotisierender Film, der inmitten einer Raumanordnung à la M. C. Escher einen regelrecht kafkaesken Horror heraufbeschwört.
Foto: Zespół Filmowy Wektor
Es ist total hypnotisierend, wie verschachtelt dieser Film auf allen Ebenen konstruiert ist. Alles ist grau in grau, Menschen werden eins mit dem Hintergrund, der Hintergrund eins mit den Menschen, die durch verschachtelte Raumanordnungen, Hinterhöfe, Keller und Treppenhäuser irgendwo in der Nähe von M. C. Escher taumeln.
Das Problem ist nicht, dass es keine Grenzen mehr gibt, mit denen sich Figuren und Geschehen voneinander trennen lassen. Das Problem ist, dass es viel zu viele Grenzen gibt, weil alles einfach nur noch ein unüberblickbarer Scherbenhaufen ist, alles innerhalb der Spiegelung einer eigenen Scheibe und dennoch als Teil einer Gesamthölle passiert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet keine Chronologie mehr, weil alles überall und nirgendwo gleichzeitig geschieht.
Andrzej Żuławski setzt uns ein Paradox nach dem anderen vor und strickt daraus einen regelrecht kafkaesken Horror, der die Menschen Stück für Stück verschlingt – hier auch ein Stück weit wortwörtlich zu verstehen.
★★★★☆
🇵🇱, R: Andrzej Żuławski, D: Małgorzata Braunek, Leszek Teleszyński, Michał Grudziński, Jan Nowicki, Marek Walczewski, Jerzy Goliński, Anna Milewska, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Zespół Filmowy Wektor
Nichts in diesem Buch ist verklärt, aber auch nicht vom Pessimismus verschlungen. Es ist fast schon banal, und darin liegt die Poesie.
Cover: Klett-Cotta, Foto: Maximilian Gödecke
Wie Martina Hefter hier die Poesie im vermeintlich Tristen, im kargen und entbehrungsreichen Alltag sucht, herausarbeitet und auch erschafft, das finde ich sehr inspirierend. Ihren Figuren gibt sie Namen, die aus der griechischen Mythologie entsprungen sein könnten, was ihnen den Anschein von Überlebensgröße verleiht, obwohl sie eigentlich vergleichsweise einfache Leben führen und sich – mal mehr und mal weniger – mit Problemen wie jede:r andere auch konfrontiert sehen.
Das wird hier eingelassen in eine sehr ruhig und wohlig fließende Balance zwischen Aufblühen auf der einen und fast schon deprimierender Stagnation, wenn nicht sogar Regression auf der anderen Seite. Nichts an diesem Buch ist krampfhaft, sondern elegant in den Unwägbarkeiten des Lebens geerdet. Nichts ist verklärt, aber auch nicht vom Pessimismus verschlungen. Es ist fast schon banal, und darin liegt die Poesie.
Edward Yang verhandelt radikale Umbrüche nicht nur durch seine Figuren, sondern auch in der Form seines Films.
Foto: Atom Films
„Ich mag meine Bücher und die deine Fernsehsendung" – darum dreht sich ein Streit zwischen zwei der Figuren von Edward Yang. Vielleicht lassen sich Menschen wirklich klar in diese beiden, scheinbar unvereinbaren Kategorien einordnen. Vielleicht sind es diese beiden Kategorien, die diesen Moment in Taipeh in dieser Zeit so treffend wie nur wenig andere Bilder beschreiben.
Wirtschaftsboom, Demokratisierung, zunehmende Adoption als westlich wahrgenommener Werte. Tradition trifft auf Moderne, Konservatismus auf freiheitlicheres Denken, vermeintlich bewussteres Leben auf radikalen Konsum im Turbokapitalismus. Edward Yang zeigt unter dem Brennglas eine Stadt, in der bisherige Denkkategorien nicht mehr funktionieren, bisherige Wege plötzlich nicht mehr zum Ziel führen und in der sich der Mensch neu sortieren und einordnen muss.
Das sind Gabelungen, an denen sich besonders beim rasanten Tempo dieser Entwicklungen im Taipeh der 1990er Jahre gefühlt erst mal keine Mittelwege bauen lassen. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die aufgegabelten Wege irgendwann wieder zusammenkommen.
Es muss unglaublich kräftezehrend gewesen sein, sich innerhalb dieses brutalen Malstroms des grundlegenden Wandels seiner eigenen Werte und Überzeugungen zu vergewissern, für sie und damit sich selbst einzustehen und dabei auch Familie, Freund*innenschaften und Liebesbeziehungen infragezustellen.
Besonders Edward Yangs Blick auf die Kunst innerhalb dieses Malstroms lässt sich hervorragend im Kontext von Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit betrachten. Das Filmschaffen, eine traditionell langsame Ausdrucksform, steht nun plötzlich einem immer billiger und immer schneller produzierbaren Fernsehen gegenüber.
Ich finde, dass Yang besonders dieses Spannungsfeld auch bildästhetisch in seinem Film verhandelt. Denn der schwankt immer wieder zwischen einer zurückhaltenden, intimeren Bildsprache und einer irritierend klaren, digitalen, künstlichen und fast schon billigen Seifenopernoptik. Er lässt die Umwälzungen dieser Zeit also nicht nur von seinen Figuren verhandeln. Yang begibt sich auch durch die immer wieder Widersprüche produzierende Form seines Films in den Konflikt.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Chen Shiang-chyi, Yiwen Chen, Danny Dun, Hung Hung, Elaine Jin, Chen Sisi, Richie Li, Suk Kwan Ni, Bosen Wang, Weiming Wang, Yeming Wang, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.
Jasmin Schreiber:
Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein
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