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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 13

Gesehen: Risse im Fundament (2022) - Kontrastprogramm

Es ist ein ständiger Kampf um, mit und gegen Grenzen

Gesehen: Risse im Fundament (2022) - Kontrastprogramm
Bild: DFFB, Francisco MeCe

Die Erfahrungen der Protagonistin stehen in spannendem Kontrast zu ihrem Beruf. Als Architektin arbeitet sie mit klaren Formen und Konstruktionen, die oftmals Innen und Außen voneinander abgrenzen.

Doch mit dem beruflichen Aufstiegsversprechen kommt offenbar die Erwartung der Aufgabe ihrer persönlichen Grenzen einher. Die werden ignoriert, überschritten, gewaltsam verrückt oder manipulativ verschoben.

Letztlich ist die Protagonistin ziemlich gut darin, persönliche Grenzen zu erkennen und oftmals auch zu formulieren. Doch das hilft ihr innerhalb einer Gesellschaftsordnung nicht, die Menschen genau dafür abstraft.

Privat und beruflich den eigenen Wert zu kennen, spielt keine Rolle, wenn das System ausschließlich auf maximalen Machtmissverhältnissen und patriarchaler Klüngelei fußt.

★★★☆☆

Der Film steht kostenlos noch bis zum 14. März 2026 in der ARD-Mediathek.

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Gesehen: The Unburdening (1983) - Waldflucht

Zwischen Feinsinn und Groschenromanästhetik

Gesehen: The Unburdening (1983) - Waldflucht
Bild: Marcel Schüpbach

Den Haushalt lückenlos schmeißen, für die Familie da sein und die Kinder erziehen, aber gleichzeitig immer auf Abruf sein müssen. Den Acker umpflügen, aber gleichzeitig makellos für den Mann aussehen müssen.

Natürlich klinkt es deshalb irgendwann aus. Natürlich ist dann die Flucht in den Wald die einzig sinnvolle Option. Denn dort ist Raum für das eigene Begehren, die eigene Lust, die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Träume. Dort ist ein selbstbestimmtes Leben möglich.

Der Film lässt sich jedoch dazu hinreißen, das stellenweise in arg verkitschte Motive, in eine Groschenromanästhetik zu verpacken, was den ganzen Feinsinn irritierend aufbricht.

★★★½☆

Der Regisseur Marcel Schüpbach hat den Film in voller Länge auf Vimeo veröffentlicht.

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Gesehen: Wake Up Dead Man (2025) - Adé, Poirot!

Rian Johnson lässt Überholtes hinter sich und kehrt gleichzeitig zu alter Form zurück

Gesehen: Wake Up Dead Man (2025) - Adé, Poirot!
Bild: Netflix

Tight geschrieben, tolles Tempo, guter Rhythmus, und damit nach dem für mich nur schwer zu ertragenden GLASS ONION eine fulminante Rückkehr zu alter, aber auch ein Ankommen bei neuer Form.

Jede Szene, jeder Satz folgt hier einer klaren Absicht. Damit meine ich jedoch nicht, dass der Film zu transparent wäre, sondern dass das Drehbuch auf absurde Nebelkerzen verzichtet. Dass hier nicht wild mit Punchlines um sich geworfen wird, sondern der Humor in skurrilen Momenten liegt.

Die Sujets müssen nicht großartig ergründet werden – im Gegenteil, sie liegen ziemlich offen auf der Hand, werden teilweise regelrecht ausbuchstabiert und auf dem Silbertablett serviert. Hätte das vielleicht etwas allegorischer verpackt werden können? Sicherlich, aber letztlich haben sich im Kulturkampf auch die Institutionen davon verabschiedet, ihre Absichten metaphorisch zu verschleiern. Es wird wortwörtlich von der Kanzel gepredigt.

Sinnbildlicher scheint dann aber eine Art von True-Crime-Kritik durch. Denn der Film entzieht Benoit Blanc seinen theatralischen Poirot-Moment, sein Ausbreiten der blutigen Tat in all ihren Facetten. Er lässt stattdessen ein Opfer – was nicht ausschließt, dass das Opfer auch Täterin sein kann – der Verhältnisse sprechen, die in einem Mord gipfelten.

★★★★☆

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Gesehen: Jay Kelly (2025) - Anschlussunfähig

Für wen will Noah Baumbach überhaupt Geschichten erzählen?

Gesehen: Jay Kelly (2025) - Anschlussunfähig
Bild: Netflix

Das ist an Banalität und Abgehobenheit wirklich nur schwer zu überbieten. Natürlich ist der hier feilgebotene emotionale Kern unterm Strich zusammengesetzt aus ganz universellen menschlichen Emotionen, Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Aber das wäscht die Hände des Protagonisten noch lange nicht in Reinheit.

Der Film will (von mir sehr vereinfacht formuliert) sagen: „Künstler*innen sind auch nur Menschen wie du und ich." Doch über die Lippen bekommt er nur ein „Stars sind Menschen wie du und ich." Das Problem: Das ist natürlich falsch. Diese Haltung, dieses Verkennen der eigenen Privilegien bzw. der des Protagonisten verunmöglicht schließlich die eigene Erzählung, für die es ehrliche Anschlussfähigkeit braucht.

Der Film fühlt sich an wie ein nostalgisch verklärtes Spätwerk. Wie eine Abgesang auf eine Zeit, in der Macht niemals hinterfragt und zur Rechenschaft gezogen wurde. Jedoch denken die Macher*innen keineswegs an Ruhestand. Der Film will sich in Einfühlsamkeit üben, hinterlässt jedoch nur einen ziemlich verbitterten Nachgeschmack.

★★☆☆☆

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Männerhobbys am 04. Januar 2026 Featured Post

Die heutigen Dailies unter anderem mit: spontaner Weiterbildung, Masterminds und Restitutionsfragen

Männerhobbys am 04. Januar 2026
Bild: Dave Photoz / Unsplash

Was Janna sagt.

Was im Alltag selten auffällt: Die häufigsten Männerhobbys, was man bei jeder neuen Krise merkt, sind offensichtlich Geostrategie und internationales Recht und zufällig die Politik des jeweiligen Landes, um das es gerade geht. Deswegen können die auch immer sofort mit Expertenmeinungen glänzen.

Janna Krone (@jannakrone.bsky.social) 2026-01-03T13:08:50.716Z

Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!

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Die geschätzte Sonja Hartl schreibt über Kelly Reichardts THE MASTERMIND und das Motiv der Männlichkeit:

„Männlich“ ist indes das Stichwort: „The Mastermind“ ist eine Studie über Männlichkeit in den 1970er Jahren. Einer Zeit, in der neue Formen von Männlichkeit erstmals breitenwirksam öffentlich sichtbar wurden (in den USA vor allem durch die Hippie-Bewegung und Anti-Vietnam-Proteste). Und Reichardts Protagonist ist einer jener neuen Männer: Ach so sensibel. Ein Künstler. Missverstanden. Und stets bereit, an seine eigene Überlegenheit zu glauben.
Einige Gedanken zu „The Mastermind“ | Zeilenkino

Nachgeholt: Marion Ackermann, Chefin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, stellt sich bei den Kulturfragen im Deutschlandfunk den Fragen von Vladimir Balzer zu unter ihrer bisher halbjährigen Ägide umgesetzten Unterfangen und wie sie sich nun noch den zahlreichen anderen Baustellen widmen möchte – von finanzierbarer Teilhabe über Besuchsanreize bis hin zu Restitutionsfragen.

Vor welchen Herausforderungen SPK-Präsidentin Ackermann steht
Einsparungen, Baumaßnahmen, Rückgabe von Raubgut: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihre Präsidentin Marion Ackermann stehen vor Herausforderungen.

Der großartige ANATOMY OF A FALL steht nun bis zum 26. März 2026 kostenlos in der ARD-Mediathek – sogar auch in der OV, wer mag!

Anatomie eines Falls - hier anschauen
In dem Justiz- und Beziehungsdrama feierte Sandra Hüller einen Welterfolg, der ihr den französischen Filmpreis César sowie eine Nominierung für den Oscar und den Golden Globe als beste Darstellerin einbrachte. Als Angeklagte in einem Mordprozess führt die Starschauspielerin in die Abgründe eines komplexen Paarlebens – und in eine emotionale Todeszone von Egoismus, Schuld und Manipulation. Die Autorenfilmerin Justine Triet und ihr Ehemann Arthur Harari schrieben „La Hüller“ die Hauptrolle auf den Leib und gewannen den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Vier weitere Nominierungen, die Goldene Palme in Cannes und zahlreiche Auszeichnungen machten „Anatomie eines Falls“ zum herausragenden Arthouse-Film des Jahres 2023.

Gesehen: Assault on Precinct 13 (1976) - Fast Romero

„Night of the Living Dead" lässt im besten Sinne grüßen

Gesehen: Assault on Precinct 13 (1976) - Fast Romero
Bild: Capelight Pictures

Das trägt ja fast schon Züge von George A. Romero, dieses ausstatterisch total zurückgefahrene, dadurch aber nicht weniger dichte Spannungskino, das im Vorbeigehen Gesellschaft mitverhandelt.

Die Spannung erwächst hier nicht in erster Linie durch die tödliche Gefahr an sich, sondern vor allem dadurch, wie die einzelnen Figuren zueinander angeordnet und dazu gezwungen werden, ihre bisherigen Rollen zu überwinden oder zu unterlaufen.

Da ist der Cop, der den Kriminellen immer noch wie einen Menschen und nicht wie ein Tier behandelt. Da ist der Kriminelle, der letztlich mit dem Cop herumkumpelt. Da ist die Frau, die getreu dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn" jegliche Gefahr leugnet und schließlich mit ihrem Leben bezahlen muss. Menschenwürde, Polizeigewalt, Corona-Pandemie – all das steckt damit neben dem Aufbrechen einer vermeintlich heilen Vorstadtwelt auch in diesem Film.

★★★½☆

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