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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

1355 posts

Posts by André Pitz

Gesehen: Lovely Rita (2001)

Gesehen: Lovely Rita (2001)
Barbara Osika, Karina Brandlmayer und Karina Brandlmayer (c) good!movies

Rita wird kaum wie ein real existierender Mensch behandelt. Gesprochen wird fast nie direkt mit ihr, sondern immer nur über sie – sei es die lästernden Schulkameradinnen oder ihre Eltern zu Hause hinter der zugeschlossenen Tür, die Ritas Zimmer zum Gefängnis macht. Letztlich geht sie wie auf Eierschalen durchs Leben und kann vor allen ihren Eltern nicht trauen – dem autoritären Vater sowieso nicht und ihrer Mutter, die wohlwollend tut und sie hinter ihrem Rücken „verpetzt" erst recht nicht. In dieser Anordnung scheint Rita ein Problem, das niemand lösen möchte.

Dieser Umstand, dieser immense Druck von außen, diese katholische Schuld provozieren eine ebenso starke Gegenreaktion. Man könnte es als einfache Physik bezeichnen, die in extremer Transgression gipfelt.

Am Ende bleibt die Frage, ob sich Rita wirklich befreien konnte oder ob sie schon zuvor hoffnungslos verloren war, das selbst jedoch schon gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Denn vielleicht ist das, was über Ritas fleischliche Hülle hinausgeht, schon längst verkümmert.

★★★★☆

🇩🇪/🇦🇹, R: Jessica Hausner, D: Barbara Osika, Christoph Bauer, Peter Fiala, Wolfgang Kostal, Karina Brandlmayer, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Paranoid Park (2007)

Gesehen: Paranoid Park (2007)
Gabe Nevins // (c) MK2 Films, Meno Film Company

Hat sich angefühlt wie das STAND BY ME für die Post-9/11-Welt. Die selbst in den trostlosen Ecken des Landes immer zu einem gewissen Grad mitschwingende Freiheit ist einer radikalen Verengung gewichen. Das Leben in all seinen Ausprägungen hat sich zurückgezogen in Kammern, Nischen und Risse, traut sich kaum mehr an der Oberfläche zu existieren.

Letztlich habe ich mich gefragt, ob es gut oder schlecht war, dass der Film Stück für Stück das einschneidende Ereignis in seinem Zentrum offenbart. Wäre es nicht noch eindrücklicher gewesen, diese immense, über allem liegende Last zu spüren, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht? Jedenfalls finde ich, dass dieses uns mitgeteilte Wissen den Film etwas übers Ziel hinausschießen lässt und dadurch ein bisschen emotionale Wucht verpufft.

★★★½☆

🇫🇷/🇺🇸, R: Gus Van Sant, D: Gabe Nevins, Dan Liu, Jake Miller, Taylor Momsen, Lauren McKinney, Scott Patrick Green, Trailer, Wikipedia

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Gesehen: Winner (2024)

Gesehen: Winner (2024)
Emilia Jones als Reality Winner // (c) Big Beach, ShivHans Pictures, 1Community, Scythia Films

Das lässt mich alles ein bisschen ratlos zurück. Dieser Film investiert unglaublich viel Zeit darin darzulegen, wie früh Reality Winner bereits ein immenses Gerechtigkeitsempfinden entwickelt hat. Als ob ihre Whistleblowerei nur dadurch zu erklären sei und die Aktion für sich selbst stehend noch nicht genügend Gewicht und Aussagekraft in sich hat.

Was auch nicht sonderlich gut funktioniert, ist die stilistische Annäherung an den von Adam McKay totgespielten Shtick wie in THE BIG SHORT. Denn hier gipfelt das alles irgendwie in einer ziemlich spröden Fernsehfilm-Ästhetik und einem Schnitt, der nicht unbedingt mit dem besten Rhythmusgefühl gesetzt wurde.

Irritierend ist, wie der Film ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden in die Nähe einer Zwangsstörung rückt – als ob Menschen nicht so sein könnten, ohne „krank" zu sein.

★★½☆☆

🇨🇦/🇺🇸, R: Susanna Fogel, D: Emilia Jones, Connie Britton, Zach Galifianakis, Danny Ramirez, Kathryn Newton, Shannon Berry, Sam Duke, Adam Hurtig, Trailer, Wikipedia

Der Film steht noch bis zum 21. Februar 2025 in der ZDF-Mediathek:

Winner
Starbesetzte Tragikomödie und Biopic: Während der ersten Amtszeit von Donald Trump wird die junge NSA-Angestellte Reality Winner zur Whistleblowerin.
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Kendrick Lamars „Not Like Us" auf dem Weg zum EGOT?

Kendrick Lamars „Not Like Us" auf dem Weg zum EGOT?
Kendrick Lamar 2017 im TD Garden in Boston // (c) Kenny Sun unter CC BY 2.0

Kendrick Lamar hat in der Halftime-Show des Superbowls seinen Diss-Track gegen Drake, „Not Like Us", mit eingeflochten. (Link, weil die NFL das Einbetten des Videos nicht erlaubt.) Das sollte auch nicht überraschen, denn der Song war nicht nur in fünf Kategorien – Record of the Year, Song of the Year, Best Rap Performance, Best Rap Song und Best Music Video – für einen Grammy nominiert, er hat auch alle fünf mit nach Hause genommen.

Das an und für sich ist schon ziemlich lustig – außer, man ist Drake. Für den kann es jetzt es rein theoretisch noch unangenehmer werden. Warum, das erklärt der derzeitige Lieblingscomedian des Internets, Josh Johnson.

Mit Timecode an die passende Stelle

Noch mal kurz zusammengefasst: Dadurch, dass die von easy mehr als 100 Millionen Menschen gesehene Halftime-Show im Fernsehen übertragen wurde, kann sie auch für einen Emmy nominiert werden.

Meine Headline bleibt natürlich trotzdem Clickbait. Denn einen Oscar und auch noch Tony halte ich dann doch für sehr unwahrscheinlich. Aber noch ist die letzte Messe nicht gesungen 😅 Ich wollte einfach nur noch mal das Set von Josh Johnson teilen.

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Gesehen: Dahomey (2024)

Gesehen: Dahomey (2024)
(c) Mubi

Was für ein klug und uneitel inszenierter Film, der konsequent im Dienst seiner Themen in den richtigen Momenten unstrittig im Vorfeld gefasste bildästhetische Vorstellungen über Bord wirft, dabei die Diskrepanzen zwischen Denken und Selbstverständnis des sogenannten Westens und den Beniner*innen freilegt – und zwar völlig richtig ohne auch nur eine*n einzige*n französische*n Stichwortgeber*in oder Archivmaterial getroffener Aussagen mit einzuflechten.

Mati Diop hebt die verschiedenen, teilweise auch gegensätzlichen, Perspektiven der Beniner*innen hervor und klärt dadurch sozusagen im Vorbeigehen Fragen, die westlich geprägte Menschen eventuell haben und/oder bereits in rassistische Vorurteile verpackt formulierten. Mati Diop lässt einfach die Fakten bzw. die Beniner*innen für sich sprechen und weigert sich, den bei diesen Fragen mitschwingenden Unterstellungen auch nur den Hauch von Legitimation zu gewähren.

Super spannend war für mich zu sehen, wie das Grundverständnis musealer Arbeit infrage gestellt wird. Ist alleine das Konzept „Museum" bereits ein rein westliches und mit historischer Arbeit und der Geschichte Benins bzw. des ehemaligen Königreichs Dahomey gar nicht vereinbar? Und welche Macht hat die ehemalige Kolonialmacht Frankreich überhaupt über die Rezeption der wenigen restituierten und der noch zu Tausenden in Europa befindlichen, einst geraubten Artefakte?

Ich finde den Gedanken spannend, dass ein „Wegschließen" kulturhistorischer Schätze in Museen – sei es im Lager oder in Vitrinen – unstrittig zur materiellen Erhaltung beitragen kann oder sie erst sicherstellt, aber damit auch eine unüberwindbare Barriere zu Menschen und kulturell zentralem Nutzen einzieht.

Mati Diop setzt mit ihrem Film auch Gedanken über die Orte, an denen Kunst und Kulturschätze ausgestellt werden, in Bewegung. In einem französischen Museum: dreist zur Schau gestellte Raubkunst. Nach der Ankunft in Benin: Teil einer politischen Inszenierung, direkt in den Räumen des Präsidentenpalastes. Das ist natürlich spitz formuliert, aber es zeigt doch die Komplexität einer vom Kolonialismus aus den Angeln gehobenen Welt.

🇫🇷/🇸🇳 R: Mati Diop, Trailer, Wikipedia

Dahomey - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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So viele Filme landen noch vor der Oscarverleihung im Netz

So viele Filme landen noch vor der Oscarverleihung im Netz
(c) Vitaly K. / Unsplash

Das kannte ich bisher noch nicht: Andy Baio führt seit 2003 Statistik darüber, wie früh und in welcher Qualität Screener der nominierten Filme bis zur Verleihung der Oscars im Netz auftauchen.

Oscar Screener Piracy 2003-2025

Die Datensammlung und die sich daraus ergebenden Statistiken sind wirklich beeindruckend. Wenig überraschend: Die Zahl der geleakten Oscar-Screener steuert zielsicher auf die Null-Prozent-Marke zu. Die digitalen Absicherungsmaßnahmen werden sicherlich immer raffinierter und aufwendiger zu umgehen.

Screenshot: Waxy.org/Pirating the Oscars

Mein persönlicher Aufreger bleibt fast jedes Jahr: Es ist oft einfacher, an einen Film in guter Qualität auf halblegalen oder komplett illegalen Wegen im Netz zu kommen, als ihn in einem deutschen Kino zu sehen. Denn von einer global synchronen Release-Strategie entfernen wir uns gefühlt wieder immer weiter.

Ein bisschen kommentierte Auswertung des aktuellen Jahrgangs liefert Andy in diesem Bluesky-Thread:

I updated my Oscar piracy spreadsheet. 79% of this year's 28 nominated features have already leaked online in a high-quality format. Only six films (A Complete Unknown, Better Man, The Brutalist, I'm Still Here, Nickel Boys, and September 5) don't have a high-quality leak online yet.

Andy Baio (@andy.baio.net) 2025-01-23T20:08:08.011Z

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