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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Es sind nicht mehr nur Penisraketen – Barbara Peveling denkt über Ideologien im Weltraum nach

Es sind nicht mehr nur Penisraketen – Barbara Peveling denkt über Ideologien im Weltraum nach
© NASA / Unsplash

Barbara Peveling hat für 54books ein tolles Essay geschrieben, in dem sie über den Weltraum bestimmende Geschichten nachdenkt. Star Trek, Star Wars und Marvelgedöns sind es jedenfalls nicht. Denn die Konflikte in diesen Universen sind so viel weiter weg von denen, die zur Sekunde den Raum um unseren Planeten herum bestimmen und Einfluss auf uns nehmen.

[...]Elon Musk geht davon aus, dass in der Zukunft von Menschen gegründete Zivilisation aus dem All den Menschen auf der Erde zu Hilfe kommen werden. Auf diese Ideologie menschlicher Evolution begründen sich die Aktivitäten seines Unternehmens Space X. Das Narrativ eines den Weltraum erobernden Major Tom hat also direkt die Ambitionen des reichsten Mannes der Welt geprägt[...]. Er hat aus den Science-Fiction-Erzählungen eine Ideologie gemacht. Ideologien stehen von jeher am Anfang menschlicher Aktivitäten. Ob wir die Monumente von Stonehenge, die Kriege der Azteken oder die Vertreibung der Kachin-Minderheiten in Burma betrachten, es sind meist ideologische Überzeugungen, die Menschen zum Handeln bringen.

Ideologien können auch Entwicklungen verhindern und andere ermöglichen, indem zum Beispiel bestimmte Führungsmodelle abgelehnt werden.

Ob es privaten Unternehmen überhaupt erlaubt sein sollte, den Weltraum für sich zu beanspruchen? Auf jeden Fall ist es nicht nur höchst problematisch, kritische Infrastruktur in private Hände zu geben, es kostet wortwörtlich Menschenleben.

Der nächste internationale Krieg, heißt es, wird nicht mehr auf der Erde stattfinden, sondern damit beginnen, dass die eine Seite die Satelliten der anderen zerstört. Und auch hier hat Elon Musk bereits eine Generalprobe veranstaltet. Nachdem er der Ukraine erst seinen Satelliten Starlink zur strategischen Unterstützung angeboten hatte, befahl er später wieder, diese für den Zeitraum eines Drohnen-Manövers der Ukraine auszusetzen. Er habe Sorge, erklärte er, der russische Präsident könnte als Reaktion Atomwaffen einsetzen. Mittlerweile wird darüber spekuliert, ob Musk seine Satelliten heute nicht der Gegenseite, also Russland im Ukrainekrieg zur Verfügung stellt.

Als großer Fan von Star Trek, mit dem ich aufgewachsen bin, schmerzt es sehr, das Weltall immer weniger als utopischen Raum wahrzunehmen, weil jetzt auch die ganzen Broligarchen diesen Space disrupten wollen und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft versperren. Jeff Bezos' Penisrakete war ja noch lustig. Aber Musks Starlink-Satellitennetzwerk ist ein geostrategisch relevantes Werkzeug in der Hand eines Rechtsextremisten.

Über die Utopie nachzudenken ist schwer, wenn die Dystopie bereits praktisch an die Tür klopft.

Krieg der Sterne 2.0 - Ideologien erobern den Weltraum - 54books
von Barbara Peveling Die Erzählungen von Kämpfen im Kosmos faszinieren die Menschheit schon lange. Bisher schienen sie in weiter Ferne, das täuscht aber.…

Gesehen: Conclave (2024)

Gesehen: Conclave (2024)
Ralph Fiennes als Cardinal Lawrence // © Leonine Studios Spielfilm

Die finale Wendung untermauert die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche: lieber lebenslang lügen, manipulieren und vertuschen als tatsächlich nach den so widerlich selbstgerecht vor sich hergetragenen Werten zu leben. Die Machtstruktur muss um jeden Preis erhalten werden. Irrtümer und Fehler sind nicht vorgesehen, denn das Gefüge wird offenbar als perfekt betrachtet.

Gleichzeitig fühlt es sich ziemlich eklig an, dass dafür dieser aus Spoilergründen hier nicht näher benannte Kniff aus dem Hut gezaubert wird. Wenn die Existenz eines Menschen fast ausschließlich als eine Art Strafe für andere inszeniert wird, ist das entmenschlichend und nicht sonderlich viel besser als das, was eigentlich kritisiert werden soll.

Letztlich würde ich aus meiner privilegierten Situation heraus sagen, dass der Film extrem viel Fläche bietet, an der man sich sehr gut und sehr produktiv reiben und sich dabei trotzdem zusammen hinter einer gemeinsamen Kritik an der katholischen Kirche versammeln kann.

Parallel scheint mir der Stoff jedoch auch ein billiger Versuch, Teile der katholischen Kirche reinzuwaschen und sogar das Oberhaupt dieser moralisch und politisch völlig erstarrten Struktur, als heimlichen Progressiven in Szene zu rücken. Für die Opfer der Kirche muss das ein Schlag ins Gesicht sein. Aber es verdeutlicht gleichzeitig das Predigen von Wasser und Saufen von Wein.

Gefallen hat mir diese cleane, sterile, klinisch-strenge und mechanische Bildsprache, die mich sehr an Danny Boyles STEVE JOBS erinnert hat. Die eigentliche Spannung entsteht nicht zwingend aus den Gedanken und gesprochenen Worten einer Figur heraus, sondern ergibt sich aus Geometrie und Geografie.

Ralph Fiennes liefert ein faszinierendes Spiel ab. Zunächst wirkt es, als ob er sich mit aller Gewalt dem Overacting verschrieben hat. Er geht mit einer in einem Affenzahn eskalierenden Emotion in Szenen, bremst sich dann aber genau vor dem Kipppunkt zur Lächerlichkeit ab. Er zeigt die Unsteuerbarkeit von Emotionen und gleichermaßen eine strenge Kontrolle und Unterdrückung von Gefühlen. Denn in dieser katholischen Kirche sind Gefühle eine Schwäche, weil sie Risse in die Machtstruktur treiben.

Für meinen Geschmack hätte der Film jedoch durchaus radikaler im Benennen der Subjekte sein dürfen und müssen. Diesem hypothetischen Herumwabern können sich die Angesprochenen leicht entziehen. Dabei gibt es hier keinerlei Pietät zu wahren. Denn von Pietät hat sich die katholische Kirche längst verabschiedet – oder sie war niemals dort.

★★★½☆

🇬🇧/🇺🇸, R: Edward Berger, D: Ralph Fiennes, Stanley Tucci, John Lithgow, Isabella Rossellini, Lucian Msamati, Carlos Diehz, Sergio Castellitto, Brían F. O’Byrne, Merab Ninidze, Thomas Loibl, Jacek Koman, Trailer, Wikipedia, Foto: Leonine Studios Spielfilm

Konklave - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Gesehen: I.S.S. (2023)

Gesehen: I.S.S. (2023)
Ariana DeBose als Dr. Kira Foster // © Universal Pictures International Germany

All das ist mehr grobe Outline als wirklich ausgearbeiteter Film, der seine einfache Hülle mit einer aus seinen Figuren heraus entstehenden Spannung zu füllen weiß. Es ist eine Wiederholung längst totgeglaubter Bilder. Dabei ließe sich mit den Sujets, die gleichzeitig total aus der Zeit gefallen und drängender wie schon lange nicht mehr sind, sicherlich ein interessantes Spannungsfeld bilden.

Stattdessen wird die nicht ganz triviale politische Gemengelage derart verengt, dass am Gerippe des Films fast kein Fleisch mehr hängt, um das sich die Austronaut:innen dann auch noch weitestgehend uninspiriert prügeln dürfen.

I.S.S. ist die Idee eines modernen Actionthrillers mit politischen Untertönen – jedoch bereits im fünften Durchlauf des Wiederkäuens.

★½☆☆☆

🇺🇸, R: Gabriela Cowperthwaite, D: Ariana DeBose, Chris Messina, John Gallagher Jr., Masha Mashkova, Costa Ronin, Pilou Asbæk, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany

I.S.S. - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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Firlefänzchen № 9 - Nur Einhörner können uns retten

Firlefänzchen № 9 - Nur Einhörner können uns retten
Photo by Meritt Thomas / Unsplash

Ich kann es mir selbst nicht so recht erklären, aber ich habe erst jetzt mitbekommen, dass das Nationaltier von Schottland das Einhorn ist.

These proud, untameable creatures are fiercely independent and famously difficult to capture or conquer, which will sound familiar to anyone who has read their Scottish history. Even though unicorns are mythological, Scots have always felt drawn to what they represent.
The unicorn – Scotland’s national animal
In Scotland we’re known for our love of legends, from ghosts and witches to giant water monsters. But how did the magical unicorn become our national…

The Intercept hat herausgefunden, welche Regierungs-E-Mail-Adresse Elon Musk gehört und sie veröffentlicht. Parallel dazu laufen bereits den Angaben nach mehr als ein Dutzend Anfragen nach dem Freedom of Information Act, dem US-amerikanischen Äquivalent zu unserem Informationsfreiheitsgesetz. Ich bin gespannt, ob da überhaupt irgendwas rauskommt. Denn 1. glaube ich, dass diese Regierungsadressen sowieso nicht für den ganzen Project 2025-Scheiß genutzt werden, um im Fall der Fälle glaubhafte Abstreitbarkeit als Sicherheitsnetz zu haben. 2. Trumps Regierung nicht nach den üblichen Regeln spielt und im Zweifelsfall selbst Gerichtsentscheidungen dazu ignoriert oder ihre Pflichten extrem im eigenen Sinne auslegt.

We Found Elon Musk’s DOGE Email Address and We’re Fighting to Reveal His Messages
The Intercept is publishing Elon Musk’s government email address to aid those seeking information on DOGE in the public interest.

Katie Notopoulos regt sich beim Business Insider völlig nachvollziehbar darüber auf, warum so viele Streaming-Anbieter ihr eigenes Playersüppchen kochen. Ihr geht es um Untertitel, die offenbar bei jedem Dienst an anderer Stelle zu finden sind, aber das lässt sich so ziemlich auf alle Player-Funktionen ausdehnen. Genau wie Katie nutze ich zu Hause einen Apple TV, um Bewegtbild auf den Fernseher zu bekommen. Vorteil des tvOS ist eigentlich, dass man den vom System bereitgestellten Player für seine App nutzen kann. Dann gibt es jedoch Müllkippenbrände wie Wow oder Prime Video. Bei letzterer App muss der Finger auf der Remote millimetergenau sitzen, sonst spult man gerne unbeabsichtigt vor oder zurück. Wenn man schon sein komplett eigenes Appsüppchen kocht, dann sollte man auch Qualität und nicht so einen Schrott liefern. Ich muss regelmäßig meinen Blutdruck im Zaum halten, da ich zum Beispiel viele französische Filme schaue, aber nur ein paar Bruchstücke Französisch spreche, also auf Untertitel angewiesen bin.

Captions are too hard to use on streaming services. Can we figure this out, please?
Streaming apps like Netflix, YouTube TV, and Amazon Prime all have different ways to turn on captions. It’s so confusing! We need to standardize this.

Erst gestern habe ich mich über den jüngsten KI-Vorstoß von Amazon für in Sachen Synchronfassungen bei Prime Video ausgelassen. Jetzt ist Netflix an der Reihe, die offenbar eine mit KI hochskalierte Fassung von A Different World, einem Spin-off der Cosby Show, hochgeladen haben. Wenig überraschend: So richtig smooth hat das alles nicht geklappt. Eigentlich lässt diese Nummer doch nur zwei Schlüsse zu: 1. Die KI ist über das Material gerutscht, dann hat jemand drübergeschaut und sich gedacht, dass man das seinem Pubikum easy anbieten kann; oder 2. Es gab gar keinen Kontrollblick mehr. Beides ist schlecht und kein gutes Zeichen für die Zukunft.

Netflix brought back A Different World of AI-upscaled nightmare fuel
How did this make it through quality control?

...oder habe ich irgendwas vergessen? Dann her damit! Bis dahin: Danke für die Aufmerksamkeit 🙌


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Firlefänzchen № 8 - Phönix aus der Asche und andere Tiernachrichten

Firlefänzchen № 8 - Phönix aus der Asche und andere Tiernachrichten
© Wolfgang Hasselmann / Unsplash

„Es ist an der Zeit, ein Herzensprojekt aus der Höllenseite wiederzubeleben"findet Anja Rützel. Deshalb gibt es jetzt die Tierpresseagentur (tpa) auf Bluesky. Ich meine, wer kann diese Art von News gerade nicht in seiner Timeline vertragen? Ich habe jedenfalls meine Followings streng kuratiert und viele Accounts wieder aussortiert, denen ich einst wegen Thema X folgte, die jetzt jedoch wie so viele dazu übergegangen sind, selbst super viel Empörungscontent zu posten. Katharina Nocun sammelt passenderweise ähnliche Accounts wie die tpa. Seit hiermit als regelmäßiger Palate Cleanser alles empfohlen.

Es ist an der Zeit, ein Herzensprojekt aus der Höllenseite wiederzubeleben. bsky.app/profile/tier...

Anja Rützel (@anjaruetzel.bsky.social) 2025-03-05T19:27:26.587Z

So gerne ich mich auf Bluesky rumtreibe, während ich Mastodon und Threads nur automatisiert mit meinen Bloglinks bespiele, so neiderfüllt schaue ich vor allem auf die Applandschaft bei Mastodon. Als Twitter noch Twitter war, war ich überzeugter Nutzer von Tweetbot auf Smartphone und Laptop und habe dafür auch gerne bezahlt. Tapbots, die Bude hinter Tweetbot, hat schließlich die Höllenseite hinter sich gelassen und mit Ivory eine App für Mastodon gebaut. Jetzt haben Tapbots mit Phoenix eine App für Bluesky angekündigt, die diesen Sommer veröffentlich werden soll.

Phoenix Rising: Tapbots Reveals New Bluesky Client for Summer Release
Tapbots, the makers of Mastodon client Ivory, announced today that they are working on a Bluesky client. The app, which will be called Phoenix, is planned for release this summer. There aren’t a lot of details yet, but Tapbots’ history of making top-notch social media apps stretches back many years, to Tweetbot, which was pulled

The Internet's favourite Comedian, Josh Johnson, haut wirklich am laufenden Band messerscharfes Material mit brandaktuellem Bezug raus. Da ihm das anscheinend noch nicht reicht, startet er jetzt zusammen mit seiner Kollegin Ashley Gavin ein neues Format namens What's News With You?. In den Worten von Johnson und Gavin: „The news show about anything, that's not happening in the news." Patreon-Supporter:innen können ihre News einsenden und die beiden setzen sich dann damit auseinander – im Optimalfall sogar humorvoll 😉

Amazon ballert uns ohne Zustimmung Werbung in die Streams. Doch anstatt Teile dieser Mehreinnahmen zurück ins Angebot zu investieren und (Synchron-)Profis dafür fair zu entlohnen. Der PR-Sprech ist an Hohn kaum zu überbieten: „This AI-aided pilot program is a hybrid approach to dubbing in which localization professionals collaborate with AI to ensure quality control. AI-aided processes like this one, which incorporate the right amount of human expertise, can enable localization for titles that would not otherwise be accessible to customers." Übersetzt heißt das dann wohl: „Wir lassen alles die KI machen und am Ende klickt nur noch jemand auf Ok. Synchronsprecher:innen können schon mal eine Nummer bei der Arbeitsagentur ziehen."

Prime Video startet KI-gestütztes Synchronisationsprogramm für Filme und Serien
Prime Video beginnt mit einem interessanten Pilotprogramm, das KI-gestützte Synchronisationen für lizenzierte Filme und Serien anbietet.…

Dass die FAZ eine Pop-Anthologie schreibt, ist bisher irgendwie an mir vorbeigegangen. Aber als mich dann plötzlich etwas anachronistisch ein Text über Massive Attacks Teardrop aus meinem RSS-Reader heraus anlächelte, hat mich dann auch diese Nachricht erreicht 😅 Stephan Sura seziert das zeitlose Meisterwerk und ordnet es im Kontext des Albums Mezzanine ein.

Dass ein Musiktitel mehr als eine Minute dauert, bis darauf die erste Stimme erklingt, ist in der heutigen Popmusik kaum noch anzutreffen. Ein besonderes Beispiel dafür, wie kunstvoll und eindringlich ein langes, intensives Intro sein kann, ist „Teardrop“ von Massive Attack, aus deren ikonischem Album „Mezzanine“ von 1998.
„Teardrop“ von Massive Attack: Die brennenden Tränen von Bristol
In einer Zeit, in der ausgedehnte Songintros noch große Wertschätzung erfuhren, brachte es die Band Massive Attack zur Meisterschaft. Das Stück „Teardrop“ verlangt nach einer besonderen Form der Einstimmung.

...oder habe ich irgendwas vergessen? Dann her damit! Bis dahin: Danke für die Aufmerksamkeit 🙌


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Gelesen: „I'm Thinking of Ending Things" (2019) von Iain Reid

Gelesen: „I'm Thinking of Ending Things" (2019) von Iain Reid
Cover und Verlag: Droemer Knaur

Vor knapp fünf Jahren habe ich Charlie Kaufmans Filmadaption gesehen und für den Musikexpress eine Kritik geschrieben. Seitdem hat sich meine Perspektive auf die Welt tatsächlich deutlich geändert – ich würde sogar behaupten: erweitert. Wenn ich also sage, dass ich finde, dass diese Buchvorlage doch klar anders gelagert als ihre Verfilmung ist, dann kann das zwei Dinge bedeuten:

  1. Buch und Film sind thematisch doch nicht so weit voneinander entfernt, ich habe die grundlegenden Themen nur damals™ nicht sehen können.
  2. Ich habe den Film mittlerweile weitestgehend vergessen.

Aber zum Buch: Es beginnt, wie Kaufmans Film. Die Protagonistin stellt sich die Frage, ob sie die Dinge beenden solle. Sie spricht schnell von ihrer Beziehung. Doch die vage Formulierung öffnet direkt den Raum, für Anschlussfragen. Meint sie wirklich nur ihre Beziehung? Spricht sie vielleicht doch von ihrem Leben? Oder eventuell von der Verkrustung gesellschaftlicher Strukturen? Ganz konkret von Gewalt gegen Frauen?

Auch, wenn das Buch ein scheinbar klares Ende liefert, lässt die elliptische Erzählweise vielerlei Schlüsse zu. Wir, als Menschen, als Gesellschaft bewegen uns auf einer Kreisbahn. Darauf sind wir unweigerlich dazu verdammt, immer und immer wieder die gleichen Fehler zu machen, die gleichen Erlebnisse einzustecken sowie die gleichen und somit auch immer wieder die falschen Schlüsse zu ziehen. Ein Kreis ist definitionsgemäß geschlossen, ein Ausbrechen ist sozusagen nur möglich, wenn die komplette Struktur in Trümmer gelegt wird.

Diese ganzen provozierten Gedanken sind für mich schon per se super spannend. Aber sie sind dem reinen Lesen natürlich nachgelagert. Doch auch das Lesen selbst hat einfach Spaß gemacht. Denn Iain Reid versteht es, seine konstruierten Vignetten subtil mit zunehmend entrückten Details zu durchsetzen und so ein immer unheimlicheres Gefühl einer lauernden Gefahr aufziehen zu lassen.

★★★½☆


Eine gute Stelle aus dem Buch:

Immer wenn ich dachte, ich hätte den richtigen Anlass gefunden, um die Kerze anzuzünden, bekam ich plötzlich das Gefühl, mich damit festzulegen. Und so wartete ich auf eine bessere Gelegenheit. Sie steht immer noch mit weißem Docht oben auf dem Bücherregal.
🇨🇦, ISBN: 978-3-426-30619-2, Verlag, Wikipedia, Cover: Droemer Knaur