Sich erst mitreißen und dann treiben zu lassen, ist ein Problem, wenn die Richtung rückwärtsgewandt ist. Dass sich überhaupt etwas bewegt, mag sich wie ein Ausbruch anfühlen. Da jedoch nur eine Bewegungsrichtung möglich scheint, ist auch das ein Gefängnis.
Ich kann das komplexe Geflecht aus Themen, die nicht nur parallel existieren, sondern einander potenzieren und/oder abschwächen, die nicht ohneeinander erzählt werden können, anerkennen.
Dem Film fehlt jedoch die Klarheit, um dieses Geflecht zu transportieren. Alles ist total diffus und schwimmend. Als Spiegelbild der Protagonistin trägt das jedoch nicht, denn es scheint kein bewusstes Spiel mit dieser Diffusität, sondern eher die fehlende Verdichtung im Drehbuch zu sein.
★★½☆☆
🇫🇷/🇩🇪/🇹🇷, R: Aslı Özarslan, D: Melia Kara, Jamilah Bagdach, Asya Utku, Nurgül Ayduran, Mina Sagdiç, Jale Arıkan, Ercan Karaçaylı, Ali-Emre Sahin, Doğa Gürer, Haydar Şahin, Sultan Elif Taş, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: JIP Film und Verleih
Sehr ambivalente Gefühle hat dieser Dokumentarfilm bei mir ausgelöst.
Da ist einerseits dieser faszinierende Einblick in die Funktionsweise eines radikalen Systems aus unmittelbarer Nähe. Es zeigt, dass diese „Fußsoldaten" des sogenannten Kalifats ideologisch absolute Dünnbrettbohrer sind. Was die geistige Führung an Weltanschauung konstruiert und propagiert, kommt so weit unten gar nicht mehr an.
So erklärt der Vater als einer der Protagonisten des Films so ziemlich zu Beginn, dass er von diesen und jenen Begriffen fasziniert sei und manche seiner Söhne nach „erfolgreichen" Terroristen benannt habe. Im Auto hört er einfältigste Schlager, die militärische Erfolge des sogenannten Kalifats besingen.
Es ist nicht nur eine Faszination, sondern eine regelrechte Obsession mit Ästhetik. Hier geht es nur darum, die richtigen Begriffe zu verwenden und nicht, sie zu verstehen. Die richtigen Sprüche herunterzubeten und die richtige Fahne vor sich herzutragen.
Dieser Vater kämpft für eine Welt, die er selbst unter vorgehaltener Waffe nicht beschreiben und erst recht nicht verstehen könnte.
Andererseits haftet diesem Film etwas Ausbeuterisches an. Denn während Talal Derki nach zwei Jahren in Syrien nach Deutschland zurückkehren kann, müssen diese Kinder jeden Tag weiter (unbewusst) um den Erhalt ihrer Menschlichkeit kämpfen, weil es sonst niemand für sie tut. Es scheint wahrscheinlich, dass die meisten von ihnen diesen Kampf verlieren werden. Es wirkt grausam, dass der Film ihnen derart nah kommt und sie letztlich doch untätig ihrem vermeintlichen Schicksal überlässt.
WARFARE ist extrem sensorisches Kino. Es wird viel geschossen, aber eben nie stumpf wie in einem Actionfilm. Das Sounddesign stellt sicher, dass jede einzelne abgegebene Kugel Gewicht hat. Jeder Schuss rollt gleich einer Welle durch den Kinosaal, überwältigt den Hörnerv, übersetzt sich in Vibration und nimmt so den gesamten Körper in Beschlag.
WARFARE ist Körperkino, das auf allen Sinnesebenen Mark und Bein durchdringt. Dazu gehören auch drastische Bilder von verletzten und getöteten Soldaten. Eigentlich bin ich der Meinung, dass diese Art der Inszenierung des Krieges mittlerweile ausgedient hat und wir andere Bilder suchen müssen. Aber Alex Garland und Ray Mendoza haben hier noch einmal einen produktiven Weg gefunden, mit diesen Abbildern unvorstellbaren Schmerzes zu arbeiten.
Wir sehen eine Einheit von US-Navy-Seals, die wie einem Team von Medizinern in der Unfallchirurgie gleich agiert: ultra präzise, klar in der Kommunikation und mit nahezu stoischer Redundanz Abläufe absichernd. So versuchen sie auch, die schwerverletzten Kameraden am Leben zu erhalten. Nur bricht an dieser Stelle die Realität der Besetzung des Irak herein und offenbart die Perversion dieser Präzision, die letztlich nicht auf den Erhalt, sondern das Beenden von Leben hin bis zum Erbrechen trainiert wird.
Garland und Mendoza zeigen die Notfall-OP an einem Patienten, den man zuvor selbst vorsätzlich lebensgefährlich verletzt hat – eine selbsterfüllende Prophezeiung.
(P.S.: Ich möchte das nicht als Teil des Films werten, da es erst nach der finalen Schwarzblende als Teil des Abspanns passiert. Aber: Den Soldaten dieser Navy-Seal-Einheiten in einer Texttafel dafür zu danken, dass sie immer zur Stelle sind, wenn sie gerufen werden, und dabei den völkerrechtswidrigen Kontext und die Opfer dieses Krieges außen vor zu lassen, ist eine unglaubliche menschenverachtende Geschmacklosigkeit.)
★★★★☆
🇬🇧/🇺🇸, R: Alex Garland, Ray Mendoza, D: D’Pharaoh Woon-A-Tai, Cosmo Jarvis, Will Poulter, Charles Melton, Joseph Quinn, Kit Connor, Taylor John Smith, Michael Gandolfini, Adain Bradley, Noah Centineo, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Leonine Distribution
Für mich ein ganz zauberhafter und stellenweise magischer Film, der verführerisch Groteske und Epik zusammenbringt und dabei eine Aneinanderreihung komischer Momente – mal lustig, mal weird, mal total entrückt – schafft.
GRAND TOUR wird damit zur Hommage an das große Geschichtenerzählen mit Versatzstücken und Bildern, die ihren Ursprung klar bei Namen wie François Truffaut, Jean-Luc Godard, Fritz Lang, Robert Bresson und Werner Herzog haben.
Doch die zahlreichen strukturellen und bildlichen Referenzen sind bei Miguel Gomes niemals reiner Selbstzweck. Sie sind der fruchtbare Boden, auf dem etwas Eigenes, davon losgelöstes gedeiht.
Gomes erzählt die Geschichte zweier Menschen, die die Welt ausschließlich in Kreisbewegungen beschreiten. Manchmal überschneiden sich ihre Pfade, doch sie selbst treffen niemals aufeinander. Sie sind dazu verdammt, bis in die Unendlichkeit hinein immer und immer wieder diese Bewegung ohne Zielpunkt zu vollziehen. ∞
Selbst die Zeit an sich wird mit in den Strudel dieser Figuren hineingezogen. 1917 tanzt mit unseren 2020er Jahren zu Johann Strauss' An der schönen blauen Donau Walzer – nämlich im Kreis, wie ein Walzer das eben so an sich hat.
Einerseits hat das ewige Verlangen und Abstoßen etwas sehr Schwelgerisches und Romantisches an sich. Andererseits ist genau dieser Umstand genauso tieftraurig, weil wir wissen, dass diese beiden Menschen niemals aufeinandertreffen werden und auf ewig dazu verdammt sind, den Walzer ohneeinander zu tanzen.
★★★★☆
🇨🇳/🇫🇷/🇩🇪/🇮🇹/🇯🇵/🇵🇹, R: Miguel Gomes, D: Gonçalo Waddington, Crista Alfaiate, Cláudio da Silva, Lang Khê Tran, Jorge Andrade, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Mubi
Dass Faschist:innen heute gerne J.R.R. TolkiensThe Lord of the Rings lesen, war mir schon länger geläufig. Dass jedoch selbst die Nazis hinter einer deutschen Übersetzung von The Hobbit her waren, war auch mir neu.
1938 hat Rütten & Loening Tolkien angefragt. Bereits zwei Jahre zuvor wurden die Verleger Wilhelm Ernst Oswalt und Adolf Neumann bereits durch die Nürnberger Gesetze in Nazideutschland dazu gezwungen, ihr Unternehmen an einen „arischen" Verleger zu verkaufen. Unter der Fuchtel dieses Verlegers wurden dann die Verhandlungen mit Tolkien angestrengt.
In diesem Zuge versuchten die Deutschen auch, sich einen sogenannten Ariernachweis von Tolkien einzuholen. Der war davon einigermaßen irritiert. Seinem Verleger Stanley Unwin ließ er daraufhin ein Antwortschreiben zukommen, in dem er erklärt, was Phase ist – wenn auch nicht ganz klar scheint, ob das Schreiben jemals den deutschen Verlag erreicht hat.
I regret that I am not clear as to what you intend by arisch. I am not of Aryan extraction: that is Indo-Iranian; as far as I am aware none of my ancestors spoke Hindustani, Persian, Gypsy, or any related dialects. But if I am to understand that you are enquiring whether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people.
Am Ende ganz genüsslich...
I trust you will find this reply satisfactory
Den kompletten Draft und mehr gibt's unter anderem beim Literary Hub.
Vor allem vor dem Hintergrund, dass Chantal Akerman etwa anderthalb Jahre nach dem Ende der Aufnahmen für diesen Film und dem Tod ihrer Mutter im Veröffentlichungsjahr von NO HOME MOVIE Suizid beging, ist das ein sehr bedrückender Film.
In diesem Zusammenhang fällt auf, dass Akerman selbst kaum im Film zu sehen ist – und wenn, dann fast immer von hinten oder in einer Spiegelung. Sie macht sich nur selten zum Teil des Motivs, bleibt damit immer nur Zuschauern und Besucherin dieses Lebens ihrer Mutter.
Diese Bilder haben außerdem etwas Beklemmendes und fast schon Lauerndes an sich, wie man es sonst etwa von Michael Haneke kennt. Dadurch entsteht eine interessante Dissonanz der Bilder, die einerseits eine vertraute wie sichere Umgebung zeigen sollten, andererseits jedoch auch die Fremde, das Dasein als Tourist:in in dieser Welt heraufbeschwören. Der Titel des Films spricht hier Bände.
Als ob etwas nicht mehr so ist, wie es einst oder vielleicht sogar nie war.
Akerman dokumentiert hier nicht nur die letzten Monate im Leben ihrer Mutter, sondern gewissermaßen auch in ihrem eigenen Leben – ob nun bewusst oder nicht. Gemeinsame Erinnerungen, Orte und Menschen erodieren im Sturm der Zeit.
I am not gone, yet.
Das sagt Chantal Akerman in einem Moment zu ihrer Mutter. Da sie Französisch spricht (und ich es nicht richtig verstanden habe), bin ich mir nicht sicher, ob auch dort diese bittersüße Doppeldeutigkeit aufgeht wie in der englischen Untertitelung. Sie spricht vom Besuch bei ihrer Mutter. Aber meint sie vielleicht auch ihr Leben?
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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