Alexander Estis ist dieses Jahr Stadtschreiber von Dresden. Frei nach Douglas Adams: „This has made a lot of people very angry and been widely regarded as a bad move." In der FAZ schreibt Estis:
Ich bin derzeit Dresdner Stadtschreiber. Aber was mir dort in den Sozialen Medien an Äußerungen über mich begegnet, lässt mich nicht nur an der eigenen Identität zweifeln.
In einem sehr klugen Text, der vorher mal als Vortrag bei der Sommernacht der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gehalten wurde, beschreibt Estis die widersprüchliche Ideologie und die zahlreichen Idiosynkrasien, die in Sachsen offenkundig sind und einem – jedenfalls im Fall von Estis – auch ungefragt um die Ohren gehauen werden.
So zeigt sich mir der deutsche Osten in einer Dialektik zwischen Verherrlichung und Verdammung, zwischen sozialistischem Ideal und „Lostdeutschland“, zwischen Stasi-Angst und Ostalgie, Diktaturabwehr und Autoritarismusnähe, fremdverursachter Nichtzugehörigkeit und selbstgewählter Distanz. Darin erkenne ich ein wenig auch meine Erfahrung wieder: Die eigene Identität als Fremdzuschreibung. Identität scheint mir insofern fast schon etwas zu sein, das man nicht setzt oder summiert, sondern umgekehrt subtrahiert. Ich bin Nichtrusse, Nichtdeutscher, Nichtschweizer sowieso.
Weil auch Großbritannien in Folge der Klimakatastrophe mit immenser Trockenheit zu kämpfen hat, gibt es von der dortigen Regierung jetzt ein paar hilfreiche Handreichungen, wie man auch als kleines Zahnrädchen im großen Getriebe knapper werdendes Wasser sparen kann.
In der Pressemitteilung heißt es unter anderem von Helen Wakeham („Environment Agency’s Director of Water and NDG chair"):
We are grateful to the public for following the restrictions, where in place, to conserve water in these dry conditions. Simple, everyday choices – such as turning off a tap or deleting old emails – also really helps the collective effort to reduce demand and help preserve the health of our rivers and wildlife.
Und weiter unten dann noch mal ganz konkret:
Delete old emails and pictures as data centres require vast amounts of water to cool their systems.
Warum das natürlich scheinheiliger Quatsch ist, bringt Matthew Gault bei 404 Media auf den Punkt:
Downing Street announced plans in January to “turbocharge AI” in the U.K. The plan includes billions of pounds earmarked for the construction of massive water-hungry datacenters, including a series of centers in Wales that will cost about $16 billion. The announcement about the AI push said it will create tens of thousands of jobs. It doesn’t say anything about where the water will come from.
Die (Almost) Dialies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Petra Volpes HELDIN wird mit ziemlicher Sicherheit auf meiner Liste mit den besten Filmen des Jahres landen. Nun kann sich dieses Brett von Film mit Leonie Benesch in der Hauptrolle verdientermaßen Hoffnung auf den Auslandsoscar machen. Das schweizer Bundesamt für Kultur schickt Volpes Werk nämlich ins Rennen um eine der begehrten Nominierungen.
Es freut mich sehr, dass die sehr gelungene neue Hörspieladaption von „1001 Nacht“ von Deutschlandfunk Kultur der Radiopreisnominierung noch mal gewürdigt wird und Aufmerksamkeit bekommt!
In a memo to staff Tuesday, Guiducci said Vanity Fair will be re-centering its coverage around entertainment, celebrities and culture, along with “money, politics and style.” As part of that, the publication will be scaling back certain areas of coverage, including “news aggregation, reviews and trade coverage,” Guiducci wrote in the memo, a copy of which was obtained by Variety.
Mal ein leicht anders Gespräch mit Josh Johnson, der seit geraumer Zeit wöchentlich ein Stand-Up-Special auf Youtube veröffentlicht. Bisher hat er sich oft bei anderen Comedians im Podcast erklärt. Aber jetzt wird das Gespräch auch mal mit Creator-Fokus geführt – darüber, wie er diesen immensen Output zustande bekommt, was Youtube für ihn und seine Kunst bedeutet und was Youtube aus seiner Sicht nicht sein darf.
Schönes Gespräch bei Lesart im Deutschlandfunk Kultur mit dem Rechtsphilosophen Christoph Möllers über die (politische) Macht von Gerichten.
Der Kern des Gesprächs scheint mir tatsächlich im Grundrauschen der tagesaktuellen Politik(-Berichterstattung) sehr oft unterzugehen. Wie oft werfen Parteifunktionäre direkt das scharfe Schwert des Rechtsweges in den Raum, ohne sich um eine tatsächlich politische Lösung, die dann mitunter auch diplomatisches Geschick abverlangt, zu kümmern? Es scheint mir immer öfter vorzukommen. Aber ist das gewissermaßen nicht auch ein geworfenes Handtuch im demokratischen Ring?
„Das müssen jetzt die Gerichte entscheiden", sollte letztlich doch am Ende jeder demokratischen Bemühung stehen. Stattdessen scheint es immer mehr als Abkürzung zu einem gewünschten Ergebnis begriffen zu werden. Doch darin liegt eine extreme Gefahr – nämlich dass Gerichte fälschlicherweise zunehmend als politische Akteure wahrgenommen werden und das Vertrauen in den demokratischen Prozess immer weiter abnimmt, weil es immer weniger gibt, was öffentlich und zivilisiert ausdebattiert wird.
US-Regierung: „Keine spaltenden Narrative in Museen.“
Weimer: „Keine Sternchen in Texten.“
Jule Lobo: „Keine komplizierten Sätze in Aristoteles.“
2026: Alles wird von einem Labrador in Arial 14 neu geschrieben.
In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder Links zu meinen Gedanken, die ich auf Letterboxd zu den einzelnen Vignetten von Krzysztof Kieślowskis DEKALOG festgehalten habe, hier untergebracht. Jetzt habe ich alle zehn Kapitel gesehen und daraus einen großen Blogpost gebaut. Dieses Werk wird mich mit Sicherheit noch sehr lange beschäftigen...
Weil auch Großbritannien in Folge der Klimakatastrophe mit immenser Trockenheit zu kämpfen hat, gibt es von der dortigen Regierung jetzt ein paar hilfreiche Handreichungen, wie man auch als kleines Zahnrädchen im großen Getriebe knapper werdendes Wasser sparen kann.
In der Pressemitteilung heißt es unter anderem von Helen Wakeham („Environment Agency’s Director of Water and NDG chair"):
We are grateful to the public for following the restrictions, where in place, to conserve water in these dry conditions. Simple, everyday choices – such as turning off a tap or deleting old emails – also really helps the collective effort to reduce demand and help preserve the health of our rivers and wildlife.
Und weiter unten dann noch mal ganz konkret:
Delete old emails and pictures as data centres require vast amounts of water to cool their systems.
Warum das natürlich scheinheiliger Quatsch und das Abwälzen von eigentlich regulativ zu tragender Verantwortung auf Individuen ist, bringt Matthew Gault bei 404 Media auf den Punkt:
Downing Street announced plans in January to “turbocharge AI” in the U.K. The plan includes billions of pounds earmarked for the construction of massive water-hungry datacenters, including a series of centers in Wales that will cost about $16 billion. The announcement about the AI push said it will create tens of thousands of jobs. It doesn’t say anything about where the water will come from.
Ich werde niemals nicht davon gerührt sein, wie Agnès Varda über ihren verstorbenen Ehemann Jacques Demy spricht.
Foto: Ciné-Tamaris
So eine Retrospektive in eigenen Worten, eigenen Bildern und selbst orchestrierten Arrangements aller Elemente, das hat schon was – eben, weil es sehr persönlich, dadurch anders emotional ist und noch einmal ganz anders berühren kann. Auch die Unzuverlässigkeit in der Erzählung durch Erinnerungsfehler, die in der Retrospektive vielleicht sogar nie stattgefundene Realitäten konstruieren können, finde ich total spannend.
Ähnlich produktiv war es für mich, darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis dieser Film zu seinem eigenen Medium steht. Dass Film ein inhärent nostalgisches Medium ist, weil er – unabhängig vom Gegenstand seiner Erzählung – immer nur bereits Vergangenes abbilden kann. Für mich ist das ein sehr bittersüßer Gedanke.
Außerdem werde ich niemals nicht davon gerührt sein, wie Agnès Varda über ihren verstorbenen Ehemann Jacques Demy spricht – wie sie augenblicklich von immenser Trauer und erfüllendem Glück gleichzeitig überwältigt zu werden scheint. Das ist auch für mich von außen so schön und so schmerzlich zugleich.
Beeindruckende zehn Stunden, in denen wir als Publikum niemals aus der Verantwortung entlassen werden, in Dilemmas schmoren müssen und mit unserer eigenen Abgründigkeit konfrontiert werden
Lange habe ich mich nicht an den DEKALOG von Krzysztof Kieślowski herangewagt, obwohl ich seine Drei-Farben-Trilogie in höchsten Ehren halte. Doch jetzt kann ich behaupten, auch diesen zehnteiligen Zyklus in selbigen Ehren zu halten.
Der aktuell in der Wikipedia formulierte Einstieg erschien mir vorher recht schwülstig und vielleicht sogar überzogen.
Bei Kieślowski ja eigentlich eine Kritik an fundamentalistischen Denkstrukturen. Denn: Wo ist dein Gott, wenn das unsagbare geschieht? Wo war dein Laplacescher Dämon, als sich plötzlich doch der Boden unter den Füßen auftat?
In seinem Streben nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme manövriert sich der Mensch in (moralische) Sackgassen. Das Denken in Absoluten, das Verlangen nach lückenlosen Erklärungen, das Träumen von einer dogmatischen Welt und das Herbeisehnen einer einfachen Existenz in einer immer komplexeren Welt sind nachvollziehbar menschlich, fatalistisch und selbstzerstörerisch zugleich.
Die Welt, in der sich die Menschen zunehmend ins Private zurückziehen, findet zwingend eine Entsolidarisierung, Entfremdung voneinander und Vereinsamung statt. Gemeinschaft ist etwas, das simuliert wird und immer weniger tatsächlich existiert. Und wer sich ins falsche Leben zurückgezogen hat, wird irgendwann feststecken, weil der Weg zurück in die solidarischen Arme einer Gemeinschaft längst versperrt ist.
Hier wird auf transgressive Art und Weise der Familienbegriff auf die Probe gestellt. Wo verlaufen dessen Grenzen? Welche Faktoren bestimmen, wer zu einer Familie wird, wer Familie ist und wer aufhört, Familie zu sein? Und welche Rolle spielt darin die Moral?
Die Nummer IV lässt mich nun zum ersten Mal innerhalb der Reihe ohne klaren Gedanken zurück. Vielmehr wirkt es so, als ob Kieślowski eine Bombe in den Raum wirft, verschwindet und uns als Publikum mit der Explosion und dem anschließenden Chaos zurücklässt.
Ein kurzer Satz zu EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN: Krzysztof Kieslowski ringt hier eindrücklich mit der Natur des Menschen, dessen Trieben, Recht und Gerechtigkeit. (Und ich mit der Vignettierung.)
Wahrscheinlich hat mir das dabei geholfen, meinen Blick nun für weitere Aspekte zu weiten und andere Themen auf mich wirken zu lassen.
Jedenfalls ging mir jetzt die starke Vignettierung viel weniger auf den Geist, weil sie mich nun ein wenig an die Verengung der Perspektive hat denken lassen, die jeder Mensch automatisch vornimmt, wenn er etwas in den Blick nimmt. Eine Entscheidung, etwas bestimmtes wahrzunehmen ist gleichzeitig auch immer eine Entscheidung, andere Dinge nicht wahrzunehmen. Ein Teil der Welt wird immer ausgeblendet.
Außerdem ist mir jetzt viel mehr der symbolische Einsatz der Farbe Rot aufgefallen. Da ist die junge Lieferantin, die mit ihrer roten Jacke im grau-braunen Einheitsbrei der heruntergekommenen Sozialsiedlung total hervorsticht. Da ist das Mädchen – ebenfalls mit roter Jacke –, das durch das Fenster des Cafés dabei zu sehen ist, wie es herzlich lacht wie niemand sonst im Film.
Diese Verknüpfung der Farbe Rot mit Sehnsucht, Hoffnung und Wehmut ist später popkulturell etwa auch in SCHINDLER'S LIST oder THE MATRIX verhaftet.
Die längere Schnittfassung, A SHORT FILM ABOUT LOVE, kannte ich schon:
Ein zynisches und vielleicht auch gerade deswegen so tolles voyeuristisches Machtspiel über Begierde, Verführung, Sex, Sehnsucht, Liebe, Hoffnung und Träume. Krzysztof Kieślowski setzt das Kaninchen vor die Schlange und nimmt Wetten an.
Der Fernsehfassung fehlt es eindeutig etwas an Raum zum Atmen. Die Anordnung fühlt sich so viel forcierter und behaupteter an.
Trotzdem hat sich für mich noch mal eine Facette hervorgetan, die ich zumindest beim letzten Mal nicht schriftlich festgehalten habe: Hier geht es natürlich auch um Geschlechterrollen und -verhältnisse.
Wie wird man Mutter – qua Blut oder qua Handeln entsprechend einer Mutter? Oder gibt es hier am Ende gar keine eindeutige Antwort?
Letztlich geht es hier doch um die Absolutheit von Regeln, Normen und Erwartungen. Über das endgültige Verwehren von Chancen, Rehabilitation und dem Übernehmen von Verantwortung im Widerspruch zu einer Welt, in der Ethik und Moral eigentlich permanent neu verhandelt werden bzw. werden müssen.
Auch im siebten Kapitel des Dekalogs bleibt es beeindruckend, wie viel hier auf einem derart engen Raum zusammenkommt, ohne dass ein Schleudertrauma produziert wird. Stattdessen entfaltet sich sie Figurenanordnung vor uns wie das Fraktal einer Mandelbrot-Menge mit immer neuen Details in immer neuen Schichten hinter immer neuen Ecken.
Ein verzwacktes Was-wäre-wenn-Spiel in Kombination mit Rückschaufehlern und gewissermaßen auch einem Präventionsparadox. Kieślowski zelebriert den Zustand des Unauflösbaren, aber auch das Anerkennen des Menschseins des jeweiligen Gegenübers. Denn darin liegt die zukunftsgerichtete Hoffnung.
Und ich habe den Eindruck, dass sich das auch im Color-Grading dieser Episode spiegelt. Zum ersten Mal im Dekalog hatte ich das Gefühl, mich nicht in einer grauen und folglich ausweglos elenden Welt wiederzufinden. Hier sind die Farben viel gesättigter, intensiver, klarer und breit gefächerter als bisher.
Ein gelungenes Venn-Diagramm aus Liebe, Eifersucht und Obsession. Und die Erzählung von einem Mann, der alle drei Teilmengen als ein und dasselbe begreift. Der emotionale Gewalt anwendet, der manipuliert und seine Frau in eine psychische Abhängigkeit treibt. Das ist keine Liebe, sondern Versklavung.
Einem Leben nachzutrauern, das einem angeblich vorenthalten wurde, ist vergiftete Trauer. Es ist keine Trauer nach dem Tod eines Menschen, sondern die Wut darüber, dass angebliche Ansprüche verwehrt wurden.
Aus dieser Wut wird schließlich Neid – Neid auf die Version seiner selbst, die vielleicht hätte sein können. Dieser Neid verunmöglicht es, mit der Vergangenheit Frieden zu schließen, im Moment zu leben oder sich selbstwirksam eine Zukunft vorzustellen.
Der Kern des Gesprächs scheint mir tatsächlich im Grundrauschen der tagesaktuellen Politik(-Berichterstattung) sehr oft unterzugehen. Wie oft werfen Parteifunktionäre direkt das scharfe Schwert des Rechtsweges in den Raum, ohne sich um eine tatsächlich politische Lösung, die dann mitunter auch diplomatisches Geschick abverlangt, zu kümmern? Es scheint mir immer öfter vorzukommen. Aber ist das gewissermaßen nicht auch ein geworfenes Handtuch im demokratischen Ring?
„Das müssen jetzt die Gerichte entscheiden", sollte letztlich doch am Ende jeder demokratischen Bemühung stehen. Stattdessen scheint es immer mehr als Abkürzung zu einem gewünschten Ergebnis begriffen zu werden. Doch darin liegt eine extreme Gefahr – nämlich dass Gerichte fälschlicherweise zunehmend als politische Akteure wahrgenommen werden und das Vertrauen in den demokratischen Prozess immer weiter abnimmt, weil es immer weniger gibt, was öffentlich und zivilisiert ausdebattiert wird.
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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