Der Kerngedanke stimmt, die Umsetzung ist jedoch viel zu kurzsichtig.
Foto: Constantin Film
Der Kerngedanke, sich von anachronistischen Vorstellungen in Sachen Sexualität und Beziehungsmodellen lösen zu wollen, ist natürlich erst mal nicht abzulehnen. Ganz und gar nicht. Aber darüber hinaus gelingt dem Film nur sehr wenig gut oder überhaupt.
Das psychologische Setup: Die taffe Geschäftsfrau, die ihren Laden, ihr Leben und ihre Familie im Griff hat und insgeheim beim Sex mit dem Kopf ins Kissen gedrückt werden will, trifft auf den leicht manchmal schüchternen, manchmal unbeholfenen und manchmal mit seinem plötzlichen Selbstbewusstsein überforderten jungen Mann. Aber bei ihm, da kann sie Kontrolle abgeben. Bei ihr, da kann er ausnahmslos alle Zügel in der Hand halten.
Doch diese Inversion ist nicht interessant, sie ist eine bereits bis zum Erbrechen durchexerzierte Plattitüde, aus der fast überhaupt nichts Produktives mehr zu gewinnen ist.
Der Film scheitert außerdem daran, glaubhaft zu vermitteln, dass für die Protagonistin auch nur eine Sekunde lang wirklich etwas auf dem Spiel steht. Alle vermeintlichen Fallstricke lösen sich durch ihre ökonomische Machtposition in Wohlgefallen auf.
★★½☆☆
🇺🇸/🇳🇱, R: Halina Reijn, D: Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Esther-Rose McGregor, Sophie Wilde, Vaughan Reilly, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Constantin Film
Mascha Schilinskis zum deutschen Oscarbeitrag gewordener Film ist eindrücklich inszeniert und bewegt sich bei Subtext wie Motiven in ähnlichem Fahrwasser wie etwa Céline Sciammas PORTRAIT OF A LADY ON FIRE.
Foto: Neue Visionen
Ich habe die ganze Zeit so oft an Céline Sciammas PORTRAIT OF A LADY ON FIRE denken müssen – weil Mascha Schilinskis IN DIE SONNE SCHAUEN für mich nicht nur fast schon folkloristische Qualitäten hat, sondern vor allem eine Erzählung über Zeuginnenschaft und das Sehen ist.
Wer wird gesehen? Wer darf etwas sehen? Wer wird beobachtet? Wer verschränkt vor was seinen Blick? Wie bestimmen Blicke die Rollen, die wir – oder hier: diese Mädchen und Frauen – ausfüllen?
Dieses Spiel wird wirklich exzellent gespielt und auch durch eine Grenzen auslotende Kameraarbeit unterstrichen – wie durch sie Blicke geworfen, verfolgt, verfälscht, verengt und geweitet werden, ganze Szenen außerhalb des Fokus verweilen und mit einem Schlag scharfgezogen werden, begleitet von einem radikalen Sounddesign, das mit harten Kontrasten zwischen ohrenbetäubend, laut, leise und stumm arbeitet. In Momenten wird die Kamera selbst zum Schreckgespenst, das durch den Film spukt und irgendwann von den Figuren entdeckt wird. Und da die Kamera auch unser Auge ist, wird das Publikum stellenweise selbst Akteur*in, muss sich zwangsläufig zum Geschehen verhalten und kann nicht passiv danebenstehen.
Mascha Schilinski war mit dabei in der Premierenvorstellung, in der ich den Film gesehen habe. Vorab hat sie dem Publikum erklärt, was dieser Film alles nicht ist – unter anderem keiner, der zum permanenten Miträtseln einlädt, welche der Figuren der drei Zeitebenen denn nun wie miteinander verwandt sind. Und so sehr aus meiner Perspektive die Autor*in meistens tot ist, muss ich ihr hier recht geben. Die individuellen transgenerationalen Stränge sind meiner Meinung nach gar nicht so wichtig für die Erzählung. Es geht hier viel mehr um kollektive Erfahrungen von Frauen, die selbstverständlich durch die Generationen getragen werden, aber eben allgemeingültigere Qualitäten haben.
V.r.n.l.: Regisseurin Mascha Schilinski, ihre Co-Autorin Louise Peter, Produzent Lucas Schmidt, die Darsteller*innen Laeni Geiseler, Konstantin Lindhorst, Martin Rother, [kann ich leider nicht zuordnen] und zwei Kolleg*innen vom Verleih Neue Visionen
Ein enormes Risiko ist sicherlich die absolute Dunkelheit, die Schilinski und ihre Co-Autorin Louise Peter hier auch den Kinderfiguren ihres Films zugestanden haben. Aber es geht auf. Denn diese Finsternis ist universell. Kindern fehlt vielleicht das entsprechende Vokabular und Wissen, diese Abgründe zu beschreiben, aber sie verstehen sie ganz intuitiv. Und das nehmen Schilinski und Peter ernst.
★★★★☆
🇩🇪, R: Mascha Schilinski, D: Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Zoë Baier, Hanna Heckt, Lea Drinda, Luise Heyer, Greta Krämer, Filip Schnack, Helena Lüer, Anastasia Cherepakha, Susanne Wuest, Gode Benedix, Luzia Oppermann, Bärbel Schwarz, Liane Düsterhöft, Martin Rother, Florian Geißelmann, Konstantin Lindhorst, Claudia Geisler-Bading, Andreas Ankel, Ninel Geiger, Lucas Prisor, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Neue Visionen
Stunt ist Schauspiel ist künstlerischer Ausdruck – aber eben auch sehr testosteronlastig
Foto: Leonine Studios Spielfilm
Ich kann nicht einschätzen, wie viel Behind-the-Scenes-Material von irgendwelchen DVD-Extras usw. hier zweitverwertet wurde. Aber mir hat es gefallen, dass es eben nicht nur Talking Heads waren, die hier mit Szenen der vier Filme quergeschnitten wurden, sondern dass vor allem super viel Material aus dem Produktionsprozess des ersten Kapitels seinen Weg hier hereingefunden hat. Das hat ein schönes Gesamtkompositum ergeben.
Die veränderte Wahrnehmung von Stuntperformer*innen hin zu Künstler:innen und weg von rein stumpfen Werkzeugen von Künstler*nnen findet hier guten Ausdruck. Keanu Reeves formuliert es in einer kurzen Szene eigentlich ziemlich gut auf den Punkt. Er sagt sinngemäß, dass es eben nicht nur darum geht, sich (manchmal wortwörtlich) vor den Bus zu werfen. Denn wenn die Stuntperformer:innen selbst die Figur nicht verstehen und dafür keinen körperlichen Ausdruck bzw. Zugang finden, beginnt das Kartenhaus gefährlich zu schwanken.
Stunt ist Schauspiel ist künstlerischer Ausdruck.
Eher gar nicht reflektiert WICK IS PAIN, die männliche Dominanz in der Branche – nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Wie viele Dudebro-Seilschaften von einem Film zum nächsten wandern und Frauen nur in ihrer Rolle als (Ex-)Ehefrauen darüber sprechen können, wie hart es doch ist, mit einem so sehr seiner Kunst verschriebenem Typen zusammenzuleben.
Außerdem ist der Film etwa anderthalb Silben davon entfernt, die elende wie hanebüchene Mär von großer Kunst, die nur aus großem Leid entstehen kann, weiterzutragen. Es ist bemerkenswert, wie körperliche Grenzerfahrungen und -überschreitungen hier rationalisiert statt hinterfragt werden.
Vorab: Ich schwöre, dass ich nicht vom Deutschlandfunk bezahlt werde! 🤞😅
Während auf der iberischen Halbinsel immer noch schwere Waldbrände wüten, hat sich Matthias Dell für Vollbild im Deutschlandfunk Kultur damit beschäftigt, wie sich der Film dem verheerenden Inferno genähert hat.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
Ich hänge Carl Giersdorfer wirklich unheimlich gerne an den Lippen, wenn er über seine Arbeit spricht. Er macht für mich so viel aus, was ich an guten Dokumentarfilmer:innen so sehr schätze.
Eigentlich war der Themenblock zur Macht der Worte in den Systemfragen des Deutschlandfunks mit Folge vier von vier abgeschlossen. Diese Woche aber ploppte plötzlich die Folge fünf von sechs im Podcast-Feed auf.
In einer Demokratie wird um Einfluss, um Ressourcen, um Werte gerungen – allerdings nicht mit Gewalt, sondern vor allem mit dem Wort. Kultiviertes Streiten bedeutet: Es gibt Regeln – doch einige Kräfte brechen sie gezielt.
Gesponnen ist die Folge um Gregor Gysi und Norbert Lammert herum.
Carl Giersdorfer hat sich (zusammen mit damals™ Mareike Müller) während der Corona-Pandemie mit Charité intensiv: Station 43 in mein Dokumentarfilmherz gedreht. Krankenhäuser haben ihn in seinem Schaffen seitdem offenbar nicht mehr losgelassen. Er hat eine Ärztin eines Kinderkrankenhauses im ukrainischen Lwiw begleitet, während der russische Angriffskrieg bereits in vollem Gange war. Und es hat ihn mit Charité Intensiv: Gegen die Zeit zurück nach Berlin gezogen, um sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen.
Jetzt war er zusammen mit seiner Kollegin Laura Salm-Reifferscheidt in Sudan, um für Arte/ZDF ein „Krankenhaus im Schatten des Krieges" zu beleuchten. Über seine dort gesammelten Erfahrungen und Eindrücke hat er nun mit Utz Dräger bei Plus Eins im Deutschlandfunk Kultur gesprochen.
Verletzte Kämpfer, unterernährte Kinder, erschöpfte Mütter: Ein Krankenhaus in den Nubabergen im Bürgerkriegsland Sudan rettet täglich Leben – unter extremsten Bedingungen. Filmemacher Carl Gierstdorf war vor Ort. Was er erlebte, geht unter die Haut.
Ich hänge Carl Giersdorfer wirklich unheimlich gerne an den Lippen, wenn er über seine Arbeit spricht. Er macht für mich so viel aus, was ich an guten Dokumentarfilmer*innen so sehr schätze: Es ist wahnsinnig empathische Menschen, die einen klaren moralischen Standpunkt vertreten, diese Haltung auch nicht verstecken, mit einer gewissen Dringlichkeit eine Botschaft formulieren und andauerndes Engagement an den Tag legen, ohne sich dabei komplett selbst hinter der Arbeit zu verlieren oder gar zu verstecken.
EIN KRANKENHAUS IM SCHATTEN DES KRIEGES steht noch kostenlos bis zum 14. Mait 2026 bei Arte in der Mediathek.
Pasolini und Brass werden in diesen Film mit hineingezogen – ob sie nun wollen oder nicht.
Foto: Studiocanal
Für mich hat sich das angefühlt, als ob Fellini hier versucht hat, die Qualitäten eines Pier Paolo Pasolini und die eines Tinto Brass irgendwie in einem mehr oder weniger latent freudianischen, psychosexuellen Fiebertraum zusammenzubringen.
Herausgekommen ist meinem Gefühl nach ein brutal nihilistischer Film, der aus welchen Gründen auch immer vor einer zu moralischen Position zurückschreckt und einfach alles für nichts einzureißen versucht.
17 Jahre nach dem manischen Hoch von 8½ folgt der psychosexuelle Kater – inklusive einer selbstironischen Demontage von Marcello Mastroianni.
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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