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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gesehen: Diary of a Country Priest (1951) - Gegen die Verzweiflung anschreiben

Irgendwann spuckt jede*r Blut...

Gesehen: Diary of a Country Priest (1951) - Gegen die Verzweiflung anschreiben
Foto: Union Générale Cinématographique

Es steckt unheimlich viel in der Anordnung der Geschichte, aber am eindrücklichsten sticht für mich hervor, wie das Machtkonstrukt Kirche unter dem Gewicht der eigenen Lügen und Ansprüche zusammenbricht.

Es geht gar nicht so sehr um den Glauben, sondern um das institutionalisierte System dahinter, das den Verlust der eigenen Macht zu spüren bekommt. Denn einen verunsicherten Priester ins hinterletzte Kaff zu schicken, in dem die Menschen inklusive sich selbst an gar nichts mehr glauben, ist an Verzweiflung kaum zu überbieten.

Der Priester bekommt dort an eigenem Leib und eigener Seele zu spüren, dass die Welt, an deren Aufbau er bisher geglaubt hat, nichts weiter als Teil einer Pappkulisse ist. Denn von Rom aus lässt sich leicht Allmacht proklamieren. Aber dort draußen stößt diese Propaganda auf die Lebensrealität „einfacher" Menschen, die längst die ausbeuterischen, gierigen und autoritären Seiten der Kirche erkannt haben.

Die Kirche ist der Krebs, der Zwangslagen, Dissonanzen und Realitätsbrüche zur Folge hat – genau wie der Krebs im Magen des Priesters ihn von innen zerfrisst.

Eine ganz gute Lebensweisheit ist: Man kann nur eine gewisse Menge Mist schlucken und das in sich behalten, bevor man damit beginnt, Blut zu spucken.

Gegen all das permanent und unablässig anzuschreiben, der Verzweiflung diesen unendlichen Raum auf dem Papier zu gewähren, das finde ich als Bild wunderschön und bittersüß.

★★★★☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Claude Laydu, Jean Riveyre, Adrien Borel, Rachel Bérendt, Nicole Maurey, Nicole Ladmiral, Martine Lemaire, Antoine Balpêtré, Jean Danet, Gaston Séverin, Yvette Etiévant, Bernard Hubrenne, Léon Arvel, Martial Morange, Gilberte Terbois, Serge Bento, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Union Générale Cinématographique

Tagebuch eines Landpfarrers - Stream: Online anschauen
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A ★★★★ review of Diary of a Country Priest (1951)
Es steckt unheimlich viel in der Anordnung der Geschichte, aber am eindrücklichsten sticht für mich hervor, wie das Machtkonstrukt Kirche unter dem Gewicht der eigenen Lügen und Ansprüche zusammenbricht. Es geht gar nicht so sehr um den Glauben, sondern um das institutionalisierte System dahinter, das den Verlust der eigenen Macht zu spüren bekommt. Denn einen verunsicherten Priester ins hinterletzte Kaff zu schicken, in dem die Menschen inklusive sich selbst an gar nichts mehr glauben, ist an Verzweiflung kaum zu überbieten. Der Priester bekommt dort an eigenem Leib und eigener Seele zu spüren, dass die Welt, an deren Aufbau er bisher

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Wunderschön und wunderschön unheimlich.

Jules Vernes 1870er Ausgabe von „Von der Erde zum Mond" ist wunderschön illustriert

Die Kolleg:innen drüben beim Public Domain Review haben wieder einmal absolute Illustrationsperlen zusammengesucht – dieses mal aus den Federn von Émile-Antoine Bayard und Alphonse de Neuville für die 1870er Fassung von Jules Vernes Von der Erde zum Mond.

Für mich kommt da so viel zusammen: etwas kosmischer Horror, ein Hauch von Megastructure-Unbehagen, die Bedrohung im Ungewissen und gleichzeitig ein mutiger Aufbruchs ins Unbekannte.

Émile-Antoine Bayard’s Illustrations for Around the Moon by Jules Verne (1870)
Arguably the very first images to depict space travel on a scientific basis, these wonderful illustrations are the work of the French illustrator Émile-Antoine Bayard.

Wer dadurch Bock auf die Geschichte bekommt: Von der Erde zum Mond und Reise um den Mond gibt es gerade von Rufus Beck gelesen in der ARD-Audiothek. Wer lieber selbst lesen will, wird beim Projekt Gutenberg fündig, da die Werke natürlich längst gemeinfrei sind.

Gesehen: The Devil, Probably (1977) - Bressonsche Hyperrealität

Mark Fisher und Anton Jäger hätten ihre helle Freude gehabt...

Gesehen: The Devil, Probably (1977) - Bressonsche Hyperrealität
Foto: UCM.One

Mark Fisher und Anton Jäger hätten wahrscheinlich ihre helle Freude mit diesem Film gehabt – oder hatten sie angesichts des Erscheinungsjahres vielleicht sogar.

Es ist jedenfalls richtig unangenehm im allerproduktivsten Sinne, der Konstruktion dieser bressonschen Hyperrealität beizuwohnen. Zuzuschauen, wie sämtliche Zwischentöne, jegliche Graustufen Stück für Stück einem dichotomen Weltbild weichen.

Wenn alles vergeblich und egal ist, nichts mehr erstrebenswert scheint, dann macht sich einfach finsterster Nihilismus breit, der einem Menschen jeglichen Raum für Empathie raubt. Existenzen verpuffen im hyperpolitischen Nichts.

★★★½☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Antoine Monnier, Tina Irissari, Henri de Maublanc, Laetitia Carcano, Nicolas Deguy, Régis Hanrion, Geoffroy Gaussen, Roger Honorat, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: UCM.ONE

Der Teufel möglicherweise - Stream: Jetzt online anschauen
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A ★★★½ review of The Devil, Probably (1977)
Mark Fisher und Anton Jäger hätten wahrscheinlich ihre helle Freude mit diesem Film gehabt – oder hatten sie angesichts des Erscheinungsjahres vielleicht sogar. Es ist jedenfalls richtig unangenehm im allerproduktivsten Sinne, der Konstruktion dieser bressonschen Hyperrealität beizuwohnen. Zuzuschauen, wie sämtliche Zwischentöne, jegliche Graustufen Stück für Stück einem dichotomen Weltbild weichen. Wenn alles vergeblich und egal ist, nichts mehr erstrebenswert scheint, dann macht sich einfach finsterster Nihilismus breit, der einem Menschen jeglichen Raum für Empathie raubt. Existenzen verpuffen im hyperpolitischen Nichts.

Gesehen: Mouchette (1967) - Poesie schlägt Zynismus

Vom Nachteil, geboren zu sein...

Gesehen: Mouchette (1967) - Poesie schlägt Zynismus
Foto: Argos films, Parc Film

Gäbe es nicht die finale Einstellung, der etwas extrem Poetisches, eine kindliche Unschuld und eine gewisse Verspieltheit innewohnt, die mit der Erlösung von der Qual, geboren zu sein, einhergeht, wäre das alles ganz schön zynisch.

Aber so besteht noch Hoffnung auf Befreiung von etwas, für das man sich nie entschieden hat, in das man hineingezwungen wurde und für das man nun ungerechterweise auch noch die Konsequenzen tragen muss.

Es hat etwas von katholischer Schuld, die hier Mouchette gegen ihren Willen aufgebürdet wird – einfach, weil sie existiert.

★★★½☆

🇫🇷, R: Robert Bresson, D: Nadine Nortier, Jean-Claude Guilbert, Marie Cardinal, Paul Hébert, Jean Vimenet, Marie Susini, Marine Trichet, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Argos films, Parc Film

Mouchette - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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A ★★★½ review of Mouchette (1967)
Gäbe es nicht die finale Einstellung, der etwas extrem Poetisches, eine kindliche Unschuld und eine gewisse Verspieltheit innewohnt, die mit der Erlösung von der Qual, geboren zu sein, einhergeht, wäre das alles ganz schön zynisch. Aber so besteht noch Hoffnung auf Befreiung von etwas, für das man sich nie entschieden hat, in das man hineingezwungen wurde und für das man nun ungerechterweise auch noch die Konsequenzen tragen muss. Es hat etwas von katholischer Schuld, die hier Mouchette gegen ihren Willen aufgebürdet wird – einfach, weil sie existiert.

Gesehen: Eight Postcards from Utopia (2024) - Capitalismus Romanus

Das ist einfach total clever kuratiert.

Gesehen: Eight Postcards from Utopia (2024) - Capitalismus Romanus
Foto: Saga Film, Heretic

Faszinierend, wie durch gezieltes und cleveres Kuratieren die Strategien und politischen, gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Ziele von Konzernen hervortreten. Denn die Vorstellung, dass Kapitalismus und Konsum patriotische Akte sind oder gar in einer Traditionslinie mit etwa dem Römischen Reich stehen, ist natürlich hanebüchen. Aber es ist wie mit so vielen anderen Dingen: Wenn sie nur oft genug wiederholt werden, werden sie zwar nicht wahrer, aber eben trotzdem als Wahrheit abgespeichert.

Gleichzeitig darf es sich der Kapitalismus nicht erlauben, eine utopische Zukunft zu zeichnen. (Die Frage ist letztlich auch, ob es im Kapitalismus überhaupt eine utopische Zukunft geben kann...) Die Menschen müssen daran glauben, dass sie Kraft ihres eigenen Konsums ihre Gegenwart zur Utopie werden lassen können. Denn die Zukunft ist das Problem von Zukunftsmenschen.

Dabei wird verschleiert: Bedingungsloser Konsum versichert, dass die Dinge bleiben, wie sie sind. Bedingungsloser Konsum zementiert gesellschaftliche, politische und ökonomische (Macht-)Verhältnisse und verklärt Klassenbewusstsein. Es wird suggeriert: Der Mensch ist nur, wenn er konsumiert. Klassenbewusstsein und Moral stören da nur.

🇷🇴, R: Radu Jude, Christian Ferencz-Flatz, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Saga Film, Heretic

Opt ilustrate din lumea ideala - Stream: Online anschauen
Wo und wie heute “Opt ilustrate din lumea ideala” im Stream online auf Netflix, Prime Video, Disney+ uvm. schauen - inklusive 4K & Kostenlos Option!
A review of Eight Postcards from Utopia (2024)
Faszinierend, wie durch gezieltes und cleveres Kuratieren die Strategien und politischen, gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Ziele von Konzernen hervortreten. Denn die Vorstellung, dass Kapitalismus und Konsum patriotische Akte sind oder gar in einer Traditionslinie mit etwa dem Römischen Reich stehen, ist natürlich hanebüchen. Aber es ist wie mit so vielen anderen Dingen: Wenn sie nur oft genug wiederholt werden, werden sie zwar nicht wahrer, aber eben trotzdem als Wahrheit abgespeichert. Gleichzeitig darf es sich der Kapitalismus nicht erlauben, eine utopische Zukunft zu zeichnen. (Die Frage ist letztlich auch, ob es im Kapitalismus überhaupt eine utopische Zukunft geben kann...) Die Menschen müssen

Gesehen: Babygirl (2024) - Inversionsplattitüde

Der Kerngedanke stimmt, die Umsetzung ist jedoch viel zu kurzsichtig.

Gesehen: Babygirl (2024) - Inversionsplattitüde
Foto: Constantin Film

Der Kerngedanke, sich von anachronistischen Vorstellungen in Sachen Sexualität und Beziehungsmodellen lösen zu wollen, ist natürlich erst mal nicht abzulehnen. Ganz und gar nicht. Aber darüber hinaus gelingt dem Film nur sehr wenig gut oder überhaupt.

Das psychologische Setup: Die taffe Geschäftsfrau, die ihren Laden, ihr Leben und ihre Familie im Griff hat und insgeheim beim Sex mit dem Kopf ins Kissen gedrückt werden will, trifft auf den leicht manchmal schüchternen, manchmal unbeholfenen und manchmal mit seinem plötzlichen Selbstbewusstsein überforderten jungen Mann. Aber bei ihm, da kann sie Kontrolle abgeben. Bei ihr, da kann er ausnahmslos alle Zügel in der Hand halten.

Doch diese Inversion ist nicht interessant, sie ist eine bereits bis zum Erbrechen durchexerzierte Plattitüde, aus der fast überhaupt nichts Produktives mehr zu gewinnen ist.

Der Film scheitert außerdem daran, glaubhaft zu vermitteln, dass für die Protagonistin auch nur eine Sekunde lang wirklich etwas auf dem Spiel steht. Alle vermeintlichen Fallstricke lösen sich durch ihre ökonomische Machtposition in Wohlgefallen auf.

★★½☆☆

🇺🇸/🇳🇱, R: Halina Reijn, D: Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Esther-Rose McGregor, Sophie Wilde, Vaughan Reilly, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Constantin Film

Babygirl - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Wo und wie heute “Babygirl” im Stream online auf Netflix, Prime Video, Disney+ uvm. schauen - inklusive 4K & Kostenlos Option!
A ★★½ review of Babygirl (2024)
Der Kerngedanke, sich von anachronistischen Vorstellungen in Sachen Sexualität und Beziehungsmodellen lösen zu wollen, ist natürlich erst mal nicht abzulehnen. Ganz und gar nicht. Aber darüber hinaus gelingt dem Film nur sehr wenig gut oder überhaupt. Das psychologische Setup mit der taffen Geschäftsfrau, die ihren Laden, ihr Leben und ihre Familie im Griff hat und insgeheim beim Sex mit dem Kopf ins Kissen gedrückt werden will, trifft auf den leicht manchmal schüchternen, manchmal unbeholfenen und manchmal mit seinem plötzlichen Selbstbewusstsein überforderten jungen Mann. Aber bei ihm, da kann sie Kontrolle abgeben. Bei ihr, da kann er ausnahmslos alle Zügel in