
Posts by André Pitz
Gesehen: The Lovers on the Bridge (1991) - Die ewige Brücke
FilmkritikLeos Carax inszeniert eine außergewöhnliche Liebe – eine mit unendlich vielen kleinen und auch unkonventionellen Gesten.
Zwei Menschen kommen nicht mehr klar – mit der Welt, den anderen Menschen, der Gesellschaft, Paris und sich selbst. Zu tief sitzen Kränkungen, Verletzungen, Scham, Schuld und Angst. Doch all das lässt sich auf der Brücke, die während Bauarbeiten für Mensch und Verkehr gesperrt ist, ausblenden – inklusive sich selbst durch Fusel und Schlafmittel.
Die Tragik des Films besteht darin, dass es trotzdem kein Entkommen gibt. Die Welt mit all ihren Zwängen und Bedrohungen drängt immer wieder hinein in die scheinbare Abgeschiedenheit der Brücke. Eine Flucht vor sich selbst ist unmöglich, egal, wie sehr und mit welchen Mitteln man es versucht.
Da verschweigt der Protagonist seiner langsam erblindenden Liebe eine möglicherweise augenlichtrettende Operation. Denn wenn sie wieder „normal" sehen könnte, würde sie ja vielleicht erkennen, dass dieses Leben auf der Brücke niemals mehr als eine Flucht sein kann.
Es ist eine außergewöhnliche Liebe, die Leos Carax hier inszeniert – eine mit unendlich vielen kleinen und auch unkonventionellen Gesten. Es ist etwa sowohl skurril als auch wunderschön, wie er sie in ihrer ersten Nacht auf der Brücke auf seinem Platz schlafen lässt und für sie die Sicherung der Brückenbeleuchtung herausschraubt, damit sie nicht vom Licht wachgehalten wird.
Doch die Realität holt jeden Traum ein. Dennoch wird den beiden immer die Brücke bleiben – nicht als tatsächlicher Ort, denn nach Abschluss der Bauarbeiten wird auch der wieder von Paris und den Menschen übernommen, sondern als innerer Zufluchtsort.
★★★★½
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Resident Evil: Retribution (2012) - Arbeit als Purgatorium
FilmkritikPaul W. S. Anderson stößt – ob nun absichtlich oder nicht – tatsächlich die Tür zu einer allegorischen Abhandlung über die moderne Arbeitswelt auf.
Dass ich das jemals sagen und schreiben würde, hätte ich auch nicht mehr gedacht: Das war gar nicht so schlecht. Denn RESIDENT EVIL: RETRIBUTION ist aus dem richtigen Blickwinkel letztlich eine allegorische Abhandlung über die moderne Arbeitswelt.
Schnell schmeißt uns der Film ein „Was bisher geschah" zu den vorangegangenen vier Filmen vor die Füße. Aber eigentlich ist es total egal, was da überhaupt passiert ist. Niemand erwartet, dass du dich daran erinnern kannst, dir das auch mithilfe dieser kurzen Montage merkst und schon gar nicht, dass du daraus irgendwelche Schlüsse für das bevorstehende Geschehen ziehst.
Warum aus der Vergangenheit lernen und aufwändig gemachte Fehler analysieren, wenn man unendlich viele Ressourcen hat, die blind auf das Problem geschmissen werden können, bis es gelöst ist?
Wie in dieser Arbeit als Mensch, als kleines Zahnrad im großen, turbokapitalistischen Getriebe noch Sinn finden, geschweige denn suchen? Alles ist egal. Keine Tat hat Veränderung zur Folge – weder zum Guten noch zum Schlechten. Nichts ändert sich. Alles steht still und rauscht gleichzeitig dennoch in einem Affenzahn an einem vorbei. Wer verschleißt, wird aussortiert. Es ist das sich in einer albtraumhaften Endlosschleife wiederholende Anrennen gegen eine Mauer, um die herum längst ein Weg gefunden wurde, der jedoch weniger Profit verspricht.
Arbeit in diesem Sinne ist ein Purgatorium.
★★☆☆☆
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Gesehen: I’m Still Here (2024) - Grenzerfahrung mit Würde
FilmkritikWalter Salles geht inszenatorische Wagnisse ein, nimmt seinen Figuren nie die Würde und kommt einfach nicht zum Ende.
Walter Salles geht mehrere inszenatorische Wagnisse ein. Er kontrastiert zum Beispiel den Kern der Geschichte mit der vorherigen Familienidylle, wie sie im Bilderbuch steht. Doch das ist nie effekthascherisch angelegt, nie auf den reinen Knalleffekt abzielend, sondern immer organisch und damit glaubwürdig ineinander übergehend.
Gewagt ist auch die Entscheidung, die politischen Dynamiken, die hier am Werk sind, nur sehr grob auf die Leinwand aufzutragen und sich stattdessen sehr klar auf die Menschen zu konzentrieren. Der brasilianischen Militärdiktatur wird dadurch nie die Hoheit über diese Geschichte überlassen, ohne die Abscheulichkeiten des Regimes verharmlosend in den Hintergrund zu stellen.
Letztlich ist es gar nicht entscheidend für diesen Film, dass wir erfahren, wer sich jetzt wie genau und aus welchen politischen Gründen gegen das Militär und dessen verquere Ideologie im Widerstand engagiert. Entscheidend ist, dass Menschen mal mehr und mal weniger wahllos ermordet werden, weil sie nicht in das Weltbild des Militärs passen und für Gerechtigkeit einstehen. Weil sie Menschen sind.
Walter Salles schafft es, die absolut zersetzende Wirkung dieser Grenzerfahrung in seinen Film zu übersetzen, ohne seine Figuren wahl- und ziellos durchs Trauma waten zu lassen, ohne ihnen die Würde zu nehmen und sie zu bloßen Hüllen für unendliches Leid zu verdammen. Er schafft es auch, die absolut dichotome Lebensrealität in einer Diktatur herauszuarbeiten: Denn es gibt ja auch immer einen Teil des Lebens, einen Alltag, der weiter bestritten und gestaltet wird, während das Militär drei Häuser weiter Menschen verschwinden lässt.
Unterm Strich verliert der Film jedoch daran, einfach kein richtiges Ende finden zu können. Alles muss fast schon krampfhaft und übermäßig konstruiert abgebunden werden. Dabei wären Ungewissheiten als Folge unabgeschlossener Erzählstränge gar kein prinzipieller Makel, sondern eine Einladung an uns als Publikum, mit unseren Gefühlen und Fragen zu verharren, statt mit dem Film zusammen den Deckel draufzumachen und fertig.
★★★½☆
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Gesehen: Hot Milk (2025) - Trauma ist Krieg
FilmkritikDer Film begräbt unnötigerweise große Teile unter tonnenweise grobschlächtiger Metaphorik.
So sickert eine gefährliche Mischung aus verdrängtem Trauma und ungesunden Bewältigungsmechanismen durch die Generationen... Warum der Film das dann jedoch zusammen mit tonnenschwerer Metaphorik in überaus bedeutungsschwangere Momente packen muss, erschließt sich mir einfach nicht.
Natürlich kann die von Emma Mackey gespielte Protagonistin nicht einfach nur eine junge Frau sein, sie MUSS eben auch noch ausgerechnet Anthropologin sein und darf in dieser Funktion dann auch noch rein zufällig erklären, warum es wichtig ist, Fragen nach der Vergangenheit zu stellen, um so etwas wie Kriege in Gegenwart und Zukunft verhindern zu können.
Dass „Krieg" hier für „Familientrauma" steht, bedarf keiner sonderlich großen Denkleistung. Ganz im Gegenteil, denn es wird ja auch gar nicht verschleiert. Diese Momente, die irgendwo zwischen brachialer Metaphorik und grobschlächtiger Küchenpsychologie zu verorten sind, haben für mich leider den Film auseinanderbrechen lassen.
Dabei macht Emma Mackey ihre Sache wirklich gut. In ihrem Gesicht ruht gleichermaßen tief sitzende Unsicherheit, lodernde Wut oder der lähmende Frust darüber, in manchen Momenten einfach nicht aus der eigenen Haut zu können. Aber das reicht halt nicht, um einen ganzen Film zu tragen.
★★★½☆
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Gesehen: Magnetic Beats (2021) - Sicherheit durch Ungewissheit
FilmkritikSo kalenderspruchmäßig das alles auch sein mag, so ehrlich inspirierend ist dennoch gleichermaßen.
Das alles ist bei mir schon auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Sich in einem derart hyperpolitisierten Umfeld nicht selbst aus den Augen zu verlieren oder überhaupt den Raum zu haben, sich selbst zu erkennen und freizulegen, wer man eigentlich ist und wo man überhaupt hin möchte, das ist unendlich schwer und ein absolut zeitloses Dilemma.
Mir gefällt total, wie der Film mit Unsicherheiten und Vergänglichkeiten spielt. Der Protagonist Philippe findet in diesem Piratenradiosender so viel Erfüllung und es ist nicht mal klar, ob und wie viele Menschen den überhaupt hören. Diese Unsicherheit liegt in der Natur des Mediums – und in Prä-Internet-Zeiten natürlich ganz besonders. Aber Philippe ist das egal, denn im Radio hat er sich selbst gefunden.
Liebesbekundungen werden in Mixtapes versteckt, von denen nie klar ist, wann und ob sie überhaupt gehört werden. Geantwortet wird darauf mit einer elaborierten Radiobotschaft, die wiederum nur in diesem einen Moment existieren und damit eben auch verpasst werden kann.
Der Film gelangt Seite an Seite mit Philippe zu der Erkenntnis, dass es letztlich genau diese Momente der Unsicherheit sind, an denen wir und unserer selbst bewusst werden, wachsen und erkennen können, was für eine Art von Mensch wir sind und sein wollen. So kalenderspruchmäßig das auch sein mag, so ehrlich inspirierend ist es dennoch gleichermaßen.
★★★½☆