Star Trek: Picard ist wirklich keine gute Serie, so sehr man es auch drehen und wenden mag. Aber immerhin scheinen sich das die Showrunner vor dem Finale auch eingestanden zu haben. Denn Staffel 3 wirft nahezu jeden Balast der 20 vorangegangenen Episoden ab. Gut sind die letzten zehn Folgen dadurch trotzdem nicht geworden. Denn das nun noch unverhohlenere Spielen auf der Klaviatur der Nostalgie kann nicht über grundlegende Schwächen hinwegtäuschen. Aber was soll ich als von klein auf devoter TNG-Jünger dagegen sagen? Diese Crew ist nunmal meine Crew. Ich meine außerdem: Wer kann dieses Outro nicht ohne gänsehautigste Gänsehaut in Dauerschleife durchlaufen lassen?
Posts by André Pitz
Gelesen: „Muldental“ (2014) von Daniela Krien
Bücher
Jeder Abend mit diesem Buch endete für mich in einem Zwiespalt: Einerseits wollte ich diese Geschichtsfragmente einfach nicht zur Seite legen, andererseits ging mir all das zwischen den beiden elektronischen Buchdeckeln wirklich an die Nieren. Und so habe ich mehrfach die Entscheidung getroffen, bereits nach einer gelesenen Geschichte den Tolino beiseitezulegen – weil da erst einmal Dinge sacken gelassen, verarbeitet und durchdacht werden mussten.
Gepackt und fasziniert hat mich diese Geschichtensammlung nicht, weil sich für mich daraus neue Erkenntnisse zur ostdeutschen Identität ergaben, sondern weil sich diese Zeilen fast alle so extrem nah anfühlten – auch aus meiner Perspektive eines in Westdeutschland Geborenen, aber in Sachsen Lebenden. Zu einen liegt das daran, dass ich die realen Geschichten hinter der Fiktion teilweise aus den lokalen und regionalen Medien kenne. Zum anderen aber auch durch die Menschen und deren ähnliche Erfahrungen und Geschichten, die ich durch meine Arbeit für verschiedene sächsische Medien kennenlernen durfte.
Mich hat fasziniert, dass Muldental nicht den „einfachen“ Weg wählt und die Wende als ultimative Ursache für die bitteren Schicksale so vieler Menschen zitiert. Bei einigen mag das sicherlich trotzdem der Fall gewesen sein. Aber letztlich zeigt diese Geschichtensammlung, wie alternativlos ein Großteil dieser Schicksale war. Sicherlich hat der Systemwechsel das Tempo, mit dem sich alle auf die Wand zubewegten, noch einmal erhöht. Aber gekommen wäre die Wand auch ohne Wiedervereinigung. Die Implosion der DDR-Wirtschaft war sowieso unausweichlich. Aber genau auf dieses „Was wäre wenn?“ lässt sich Daniela Kriens Buch gar nicht erst ein. Es ist die Endgültigkeit, aus der die Kraft von Muldental entwächst.
★★★★☆
Gelesen: „Die Heldin reist“ (2022) von Doris Dörrie
Bücher
Ich bin zugegebenermaßen nicht der allergrößte Fan von Doris Dörries Filmen. Doch bei ihrem geschriebenen Werk sieht das vielleicht anders aus. Jedenfalls habe ich Die Heldin reist regelrecht verschlungen und in einem für mich atembraubenden Tempo innerhalb von drei Tagen ausgelesen.
Dörries Gedanken über Zeit, das Altern, Rollenbilder, gesellschaftliche Konventionen und über das Selbstverständnis einer Reisenden zu folgen, ihren Reflektionen über die Rolle einer Frau in dieser Welt (oder eigentlich: in diesen Welten) mitzudenken, in ähnliche oder ganz andere Zwiespalte zu geraten und damit auch mal vermeintlich Grundlegendes zu überdenken – das bereitet mit diesem Buch einfach große Freude. Dörrie hat einen wahnsinnig angenehmen Flow, der unabhängig von der Schwere des Themas immer leichtherzig, aber nie seicht ist.
★★★★☆
Gesehen (und gehasst): Der Schwarm (Miniserie)
Filme & Serien
Normalerweise schreibe ich keine Serienkritiken. Nicht einmal kurze. Also außer, ich werde dafür bezahlt. Strengt mich einfach zu sehr an. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, mir zu diesem Desaster ein paar Worte ins Blog kleben zu müssen.
Frank Schätzing, Autor der Romanvorlage, hat – gelinde gesagt – nicht sonderlich viel übrig für die internationale Serienadaption. Wirklich bis ins Detail habe ich aber keines seiner zahlreichen Interviews gelesen. Denn als Schöpfer der Vorlage ist er viel zu nah dran am Stoff, gehörte ursprünglich auch mal zu den Produzentinnen der Serie. Und die Ausdeutung eines Werks durch die Schöpferin interessiert mich einfach null. Die Deutungshoheit liegt immer beim Publikum.
Und was ich habe gedeutet... Um abzuschätzen, ob Der Schwarm eine Empfehlung für drüben sein könnte, habe ich die ersten drei Episoden direkt nach Erscheinen in der Mediathek angeschaut. Schon damals™ habe ich ein paar Zeilen ins Redaktions-Slack geschrieben, die nun auch nach Sichtung der restlichen Episoden getrost so stehen bleiben können:
Also ganz ehrlich, diese Serie ist – und ich habe mir jetzt alle drei schon verfügbaren Episoden angeschaut – ein absolutes Armutszeugnis. Das läuft wirklich auf einem inszenatorischen Niveau des Bergdoktors ab. Und das meine ich nicht sarkastisch. Meine Oma war Fan und ich saß bei genug Folgen mit vorm Fernseher. Das ist visuell alles so wahnsinnig bieder und es passiert rein gar nichts, ohne dass es sich zwei Figuren gegenseitig erzählen.
Ich teile deine Meinung, dass die Serie alleine durch die Vorlage und die Dimension der Produktion schon eine gewisse Relevanz mit sich bringt. Aber das ist wirklich Fernsehen für Teilnahmslose, nach dem ohne den dicken Namen kein Hahn krähen würde.
Mittwochslinks - 17. Mai 2023
(Almost) DailiesRichard Brody nutzt im New Yorker Quentin Tarantinos gebetsmühlenartig immer wieder betonten Abgang nach zehn Filmen und Steven Soderberghs Rückzug aus dem System Hollywood, um zwei grundverschiedene Perspektiven auf Kino herauszuarbeiten: „The differing approaches that Soderbergh and Tarantino take to the very notion of cinema retirement set up an artistic dichotomy that both puts their individual careers into an illuminating perspective and reflects two defining ideals of the art of movies.“

Ein kleines Kuriosum aus Hollywood hat Natasha Chen für CNN ausgegraben: Zum ersten Mal seit zehn Jahren wird es in den USA wieder einen Stripclub geben, dessen Tänzerinnen sich gewerkschaftlich organisieren. Die Arbeiterinnen vertreten wird die Actors' Equity Association (AEA), in der sich eigentlich Theaterdarsteller*innen organisieren. AEA-Präsidentin Kate Shindle sagte laute CNN: „Strippers are live entertainers. While some elements of their job are unique, they are essentially performance artists, and have a lot in common with other Equity members who dance for a living[...].” Großartig!
https://edition.cnn.com/2023/05/16/business/strippers-union/index.html
Sam Altman ist Chef von OpenAI, der Bude hinter ChatGPT und DALL·E. Und in dieser Funktion stand er jüngst einem Sentsunterausschuss für Justiz Rede und Antwort – und bettelte offenbar regelrecht darum, von staatlicher Seite aus reguliert zu werden. Ashley Gold und Ryan Heath analysieren für Axios: Vielleicht geht es Altman gar nicht so sehr darum, ob der rasanten Entwicklung sogenannter künstlicher Intelligenzen gesellschaftlichen Schaden abzuwenden, sondern viel mehr um die Zementierung seines Marktvorsprungs. Klingt trotzdem wie der Moment, in dem die Dystopie unabwendbar wurde.
https://www.axios.com/2023/05/17/ai-leaders-sam-altman-regulate-senate
Gelesen: „Der Mauersegler“ (2021) von Jasmin Schreiber
Bücher
Insgesamt hat mich Der Mauersegler nicht so sehr gepackt wie Jasmin Schreibers Vorgänger- und Debütroman Marianengraben(€). Dafür ist dieses Buch formal spürbar komplexer angelegt und arbeitet – völlig egal, ob nun bewusst oder unbewusst – smart mit Abschnittsweise eingestreuten Rückblenden. Die tauchen schließlich immer seltener auf, bis kein Platz mehr für verklärte Vergangenheit ist und sich das schmerzliche Hier und Jetzt endgültig Bahn bricht. Und obwohl alle Puzzleteile vorher schon bereitliegen, tut das Zusammenfügen zum Schluss noch einmal besonders weh. Jasmin Schreiber gelingt es ohne auch nur einen einzigen überzogen deskriptiven Satz, sich dem Verdrängen, dem Katastrophisieren, dem Zusammenbruch während eines depressionsartigen Zustandes zu nähern und macht gleichzeitig eine wohlige Umarmung voller Hoffnung möglich, ohne kitschig zu werden.
★★★½☆