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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gelesen: „Blutbuch“ (2022) von Kim de l'Horizon

Gelesen: „Blutbuch“ (2022) von Kim de l'Horizon
Cover: DuMont, Foto: Harald Krichel unter CC BY-SA 4.0
📚
335 Seiten, erschienen bei DuMont, ISBN 978-3-8321-6717-2

Über etwas mehr als die Hälfte der Lesestrecke hinweg hat mich dieses Buch wirklich extrem angestrengt. Aber dann ist in mir ein Knoten geplatzt, was mich den zurückgelegten Weg noch einmal neu betrachten und den Rest der Strecke unter anderen Bedingungen angehen ließ.

Vor allem mit einem Gefühl der Ohnmacht hat mich dieser Stoff von diesem Punkt an konfrontiert. Eben weil das Buch und Kim de l’Horizon im Anschreiben gegen die Konventionen der Form offenbart, was eine binäre Welt mit Menschen machen kann, die sich nicht in dieses Muster pressen lassen. Ich kann das als weißer Hetero-Cis-Mann genau so schreiben und dann – wenn ich es den wollte – zu den Akten legen und mein Leben unbehelligt weiterleben. Menschen abseits der als Norm wahrgenommenen Binarität können das jedoch nicht. Vielleicht ist für viele von ihnen diese Ohnmacht ein noch einmal potenzierter Dauerzustand. Und diese Vorstellung allein hat etwas mit mir gemacht.

Außerdem war es für mich sehr faszinierend, wie sich das lyrische Ich durch den Akt des Schreibens eine Hülle erschafft, die der eigene Körper nie sein konnte oder es noch nicht ist.

★★★★☆

Selbst Menschen ohne Podcast haben jetzt einen Podcast

Hahaha, das ist ja geil: Schlangenöl-Händler*innen bedienen sich der Podcast-Ästhetik, um ihr Schlangenöl unter die Menschen zu bringen oder kontroversen (lies: moralisch abgründigen) Aussagen Legitimität zu verleihen. Manchmal ist es echt schwer, nicht diese Art von Technophobie zu entwickeln, für die ich andere immer kritisiert habe.

Kinotagebuch: Asteroid City (2023) - Ein Reh im Scheinwerferlicht

Kinotagebuch: Asteroid City (2023) - Ein Reh im Scheinwerferlicht
Jason Schwartzman und Tom Hanks // © Universal Pictures International Germany

Das war ziemlich ambitionslos, Mr. Anderson… Wie ein Reh im Scheinwerferlicht steht dieser Film vor der Aufgabe, das Wesen der USA seit 2015 einzufangen. Doch der immer resigniertere Rückzug ins Formalistische führt hier letztlich zu einer Art filmischem Nihilismus, der in seiner Leere sehr viel Achselzucken übrig lässt.

Every frame a painting gilt nach wie vor und kaum jemand kann kauzig-liebenswürdige Figuren so gut wie Wes Anderson. Aber das gerät mittlerweile einfach an Grenzen.

★★★☆☆

🇺🇸/🇩🇪, R: Wes Anderson, D: Jason Schwartzman, Scarlett Johansson, Tom Hanks, Jeffrey Wright, Tilda Swinton, Bryan Cranston, Edward Norton, Adrien Brody, Liev Schreiber, Hope Davis, Steve Park, Rupert Friend, Maya Hawke, Steve Carell, Matt Dillon, Willem Dafoe, Tony Revolori, Sophia Lillis, Jeff Goldblum, Trailer, Letterbox, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany

Asteroid City - Stream: Jetzt Film online anschauen
Finde heraus, wie und wo du “Asteroid City” heute auf Netflix, Prime Video & Co. sehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.
A ★★★ review of Asteroid City (2023)
Das war ziemlich ambitionslos, Mr. Anderson… Wie ein Reh im Scheinwerferlicht steht dieser Film vor der Aufgabe, das Wesen der USA seit 2015 einzufangen. Doch der immer resigniertere Rückzug ins Formalistische führt hier letztlich zu einer Art filmischem Nihilismus, der in seiner Leere sehr viel Achselzucken übrig lässt. Every frame a painting gilt nach wie vor und kaum jemand kann kauzig-liebenswürdige Figuren so gut wie Wes Anderson. Aber das gerät mittlerweile einfach an Grenzen.

Beim Orakel von Delphi...

Beim Orakel von Delphi...
Bild: Saara Sanamo / Unsplash

Der Impro-Comedy-Podcast Gespräche in Aspik ist ja schon das ein oder andere Mal in meinem Medienmenü aufgetaucht. Über Christian Eichler, den Macher von meinem Lieblings-Filmpodcast CUTS bin auf diese gallerartige Nährschleimlösung in Podcastform gestoßen:

Im Jahr 2522 klont eine künstliche Intelligenz die Gehirne von Lukas Diestel, Christian Eichler und Max Gehrls, um sie in einer gallertartigen Nährschleimlösung alltägliche Situationen nachspielen zu lassen. Diese "Gespräche in Aspik" dienen der Erforschung des Homo Sapiens. Denn die Menscheit - die ist schon lange ausgestorben.

Das ist öfter mehr als weniger lustig, aber bei der Abfertigung in der Orakel-Frabrik von Delphie musste ich oft laut lachen – was immer komisch ist, wenn man alleine auf der Straße unterwegs und nicht offen ersichtlich ist, dass man Kopfhörer im Ohr hat 😅 Also wollte ich mir das mal gesondert ins Blog kleben. Enjoy 🍸

Gelesen: „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (2022) von Werner Herzog

Gelesen: „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (2022) von Werner Herzog
Cover: Hanser, Foto: Fronteiras do Pensamento unter CC BY-SA 2.0
📚
349 Seiten, erschienen bei Hanser, ISBN 978-3-446-27399-3

Es ist wirklich bemerkenswert, wie klar in diesem Buch Werner Herzogs Stimme durchdringt. Klar, er hat es ja auch selbst geschrieben. Trotzdem ist es eine herausragende Leistung – auch des Lektorats, das er in seiner Danksagung auch hervorhebt –, diesen Ton so präzise im geschriebenen Wort zu treffen.

Insgesamt hat mich die Lektüre des Buches nur weiter in meinem Werner-Herzog-Fantum bestätigt. Mich fasziniert seit jeher seine glasklare Härte, seine harte Klarheit und seinen schier nicht zu bändigenden Wissensdurst. Und ich weiß nicht, ob ich einen in der Öffentlichkeit stehenden Menschen oder Kunstschaffenden kenne, der sich selbst und seiner Schwächen, aber mindestens gleichermaßen auch seiner Stärken so sehr bewusst ist und das derart messerscharf und frei von Eitel oder Scham artikulieren kann.

Das bringt mitunter dann eine grandios trockene Komik mit sich – zum Beispiel, wenn er Kritik an der Cinéma-vérité-Bewegung äußert und auf die unweigerlich folgende Gegenrede nur ein „Frohes neues Jahr, ihr Versager“ übrig hat.

Ich habe all das sehr gerne gelesen, besonders die Erinnerungen an seine Kindheit im abgelegenen bayrischen Bergdorf Sachrang, die den kindlich-abenteuerlichen Spieltrieb konserviert haben und doch nicht romantisiert wirken, so klug beobachtet und niedergeschrieben wie sie sind.

★★★★☆

Vox: How streaming caused the TV writers strike

Die (Video-)Explainer von Vox sind immer einen Blick wert – sowohl aus inhaltlichen als auch aus rein ästhetischen Gründen. Hier wird erklärt, warum in den USA gerade die Autor*innen von Filmen und Serien – aus meiner Sicht absolut zu Recht – streiken: Die großen Streaming-Anbieter beuten skrupellos aus, um Massenware zu produzieren. Von mir aus kann das alles abgefackelt werden. Was sich zuerst als Eldorado für Qualitätsinhalte präsentierte, verkommt immer und immer mehr zu einer Kohorte von turboklapitalistischen Content™-Farmen.