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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gesehen: Nights of Cabiria (1957) - Homo homini lupus

Hadern mit dem Postfaschismus

Gesehen: Nights of Cabiria (1957) - Homo homini lupus
Foto: Studiocanal

Es fühlt sich für mich so an, als ob Fellini hier mit den Trümmern des postfaschistischen Italiens hadert und der Film sein Dokument einer versuchten Fundamentlegung auf (wortwörtlich und metaphorisch) zerstörtem Boden ist. Krieg und Faschismus haben derartige Schneisen der Zerstörung durch Land und Gesellschaft geschlagen, dass es mit einfachem Kitt nicht mehr getan ist. Dazu der stete Gang an der Grenze zum magischen Realismus, der die Frage stellt, ob eine Zukunft erträumt werden darf oder ob nur noch geträumt werden kann, weil die Welt irreparabel aus den Fugen geraten ist. Homo homini lupus, um mal besonders staatstragende Töne anklingen zu lassen.

★★★★☆

🇮🇹/🇫🇷, R: Federico Fellini, D: Giulietta Masina, François Périer, Franca Marzi, Dorian Gray, Aldo Silvani, Ennio Girolami, Mario Passante, Christian Tassou, Amedeo Nazzari, Pina Gualandri, Polidor, Franco Fabrizi, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Studiocanal

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A ★★★★ review of Nights of Cabiria (1957)
Es fühlt sich für mich so an, als ob Fellini hier mit den Trümmern des postfaschistischen Italiens hadert und der Film sein Dokument einer versuchten Fundamentlegung auf (wortwörtlich und metaphorisch) zerstörtem Boden ist. Krieg und Faschismus haben derartige Schneisen der Zerstörung durch Land und Gesellschaft geschlagen, dass es mit einfachem Kitt nicht mehr getan ist. Dazu der stete Gang an der Grenze zum magischen Realismus, der die Frage stellt, ob eine Zukunft erträumt werden darf oder ob nur noch geträumt werden kann, weil die Welt irreparabel aus den Fugen geraten ist. Homo homini lupus, um mal besonders staatstragende Töne anklingen

Happy Leseziel 2023! 🎉

Happy Leseziel 2023! 🎉
Bild: Jessica Ruscello / Unsplash

Wenn ich Champagner trinken würde, würde ich jetzt eine Flasche köpfen. Etwas mehr als die Häfte des Jahres ist durch und ich habe mein im Frühjahr gestecktes Leseziel tatsächlich schon (in der vergangenen Woche) erreicht!

Zu keinem Buch habe ich mich gezwungen und einfach gelesen, was mir interessant vorkam und/oder wovon ich an anderer Stelle gute Dinge gehört hatte. Das war mir von Anfang an wichtig. Ich wollte mein Ziel nicht durch Zwang erreichen und mir so die wiederkehrende Lust am Lesen verbauen.

Und ohne explizit darauf zu achten, ist mir eine ganz gute Geschlechterverteilung gelungen, finde ich: fünf Frauen, vier Männer und eine genderfluide nichtbinäre Person. So habe ich wirklich viele Betrachtungen aus Blickwinkeln, die mir gar nicht möglich sind, erfahren und das wirklich genossen.

Hier meine Gedanken zu den zehn Werken noch einmal in der Übersicht:

Mal von der Vielfalt abgesehen, habe ich eigentlich weiterhin keine konkreten Ziele. Mal schauen, wie viele Bücher es bis Ende des Jahres noch werden. Tendenziell möchte ich mich noch an ein paar mehr Klassiker*innen heranwagen. Außerdem hoffe ich, dass sich endlich mal eine gute Alternative zu Goodreads auftut. Projekte wie das Lesetsgebu.ch oder die dezentrale Alternative Bookwyrm sind zwar vom Gedanken her wesentlich cooler und ich habe dort zum Reinschauen auch Accounts. Aber letztlich möchte ich schon ein rudimentäres Empfehlungssystem, das über den Follow-Feed hinausgeht.

Mein Zwischenfazit für mein Lesejahr 2023: Ich bin super happy darüber, dass Literatur wieder einen festen Platz in meinem Medienmenü hat und freue mich schon sehr auf viele tolle Erzählungen, die in den vergangenen Jahren an mir vorbeigegangen sind.

Gelesen: „Blaue Frau“ (2021) von Antje Rávic Strubel

Gelesen: „Blaue Frau“ (2021) von Antje Rávic Strubel
Cover: S. Fischer, Foto: Rudolf H. Boettcher unter CC BY-SA 4.0
📚
428 Seiten, erschienen bei S. Fischer, ISBN 978-3-10-397101-9

Beim Abhaken des Buches auf Goodreads habe ich schon mit halbem Auge gesehen, dass das Werk bei vielen Leser*innen, sagen wir mal, etwas prätentiös angekommen ist. Vielleicht fehlt mir in Sachen zeitgenössischer Literatur auch einfach der Erfahrungshorizont, aber mir hat diese Art zu schreiben sehr gefallen – wie Antje Rávic Strubel anfangs fast schon staccatoartig formuliert, so die zunächst gebrochene Protagonistin spiegelt und daraus Stück für Stück eine Welt zusammenbaut.

Und von der Sprachästhetik mal abgesehen: Die Auseinandersetzung mit dem theoretischen Ideal Europa kommt nie richtig in Fahrt, eröffnet aber über den Begriff der „Dunkelstellen“ den Weg weg von der Kaum einzufangenden Dimension des Diskurses in Sachen europäischer Erinnerungspolitik und -kultur hin zu Dunkelstellen, die viele (sicherlich weitestgehend Männer) nicht als solche anerkennen wollen, sie als Lappalien Angesichts des Großen und Ganzen™ verharmlosen.

Dass das Buch keine wirklich Katharsis, Utopie oder wenigstens eine mit bissigem Kommentar verbundene Hinnahme der gesellschaftlichen Realität anbietet, lässt mich zwiegespalten zurück. Das schnelle Urteil lautet Faulheit. Nach weiterem darüber Nachdenken sehe ich eventuell ein angemessenes Stilmittel, weil es eben genau den gesellschaftlich nach wie vor dürftigen Umgang mit sexualisierter Gewalt spiegelt. Jedenfalls hat mich Blaue Frau dazu gebracht, noch einmal neu über bestimmte Themen nachzudenken. Und entgegen der Meinung einiger auf Goodreads weit oben gelandeten Kritiken hatte ich auch beim Lesen und nicht nur dem Denken Spaß.

★★★★☆

Lewis Waller: What Red Pill Philosophy Gets Wrong

If you think you can find the key to ‚relationship success‘ for example in a forum or a method or a formula: there is none. Intersubjectivity is more important than you.

Vielen Dank für das Lesen dieses Lewis-Waller-Fanblogs 🙏

Gesehen: The Nun (2018) - Billiges one-trick pony

Mit einem Wanderjahrmarkt von einem Horror-Klischee zum nächsten...

Gesehen: The Nun (2018) - Billiges one-trick pony
Foto: Warner Bros.

Dass das absoluter Schrott ist, muss ich ja eigentlich kaum erwähnen. Und dennoch: THE NUN ist ein billiges one-trick pony, das zusammen mit einem Wanderjahrmarkt von einem Horror-Klischee zum nächsten reist, dessen Hauptattraktion eine heruntergekommene Geisterbahn mit einem Zerrspiegel als krassestes Feature ist. Der einzige Nagel, den dieser Film auf den Kopf trifft: In den „heiligen“ Hallen der katholischen Kirche passiert wirklich abgefuckte Scheiße.

½☆☆☆☆

🇺🇸, R: Corin Hardy, D: Taissa Farmiga, Demián Bichir, Bonnie Aarons, Jonas Bloquet, Ingrid Bisu, Patrick Wilson, Vera Farmiga, Lili Taylor, Charlotte Hope, Sandra Teles, Maria Obretin, August Maturo, Jack Falk, Lynnette Gaza, Ani Sava, Michael Smiley, Gabrielle Downey, David Horovitch, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros.

The Nun - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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A ½ review of The Nun (2018)
Dass das absoluter Schrott ist, muss ich ja eigentlich kaum erwähnen. Und dennoch: THE NUN ist ein billiges one-trick pony, das zusammen mit einem Wanderjahrmarkt von einem Horror-Klischee zum nächsten reist, dessen Hauptattraktion eine heruntergekommene Geisterbahn mit einem Zerrspiegel als krassestes Feature ist. Der einzige Nagel, den dieser Film auf den Kopf trifft: In den „heiligen“ Hallen der katholischen Kirche passiert wirklich abgefuckte Scheiße.

Gelesen: „Weiter Sehen“ (2023) von Esther Kinsky

Gelesen: „Weiter Sehen“ (2023) von Esther Kinsky
Cover: Suhrkamp, Foto: Heike Huslage-Koch unter CC BY-SA 4.0
📚
179 Seiten, erschienen bei Suhrkamp, ISBN 978-3-518-22544-8

Dieses Buch hat mit ziemlich zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits habe ich mich so gerne in Esther Kinskys detailreiche Sprache hineingelegt und mich an den dadurch vor meinem geistigen Auge entstehenden Orten ergötzt. Andererseits bin ich an den teilweise schier nicht enden wollenden Schachtelsätzen auch fast verzweifelt. Diese beiden Erfahrungen haben für mich permanent miteinander gerungen und tun das jetzt nach dem Buch immer noch.

Schade ist, dass sie zwar völlig zu Recht den Niedergang des Kinos betrauert und klug beobachtet, was dadurch mit in den Abgrund gerissen wird, und dann trotzdem nicht die äkonomischen Verstrickungen klar benennen mag. Denn das Kino stirbt nicht nur daran, dass immer weniger Menschen Lust auf diese Art des Sehens haben, sondern in großen Teilen und ganz schnöde ausgedrückt an der Kohle. Kino muss man sich als Zuschauer*in leisten können – nicht nur finanziell, sondern auch rein zeitlich, was wiederum den Bogen zurück zum Finanziellen schließt.

Kinsky greift diese Dimension zwar auch auf, verarbeitet sie jedoch nur implizit, indem sie den Niedergang des Kinos mit der Implosion eines de facto postsowjetischen Landes verknüpft. Ich empfinde das als den eleganteren Weg, doch wird diese Variante leider von der zuweilen sehr direkt, klar und einfach formulierten Publikumskritik erstickt.

Unterm Strich habe ich das alles trotzdem sehr gerne gelesen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Kritik im Gegensatz dazu sehr hart ausfällt, weil das Kino eben auch für mich ein so wichtiger Ort ist, den ich mit Leben gefüllt sehen möchte. Ein Ort, mit dem ich nunmal mehr als nur den fetten Action-Kracher auf der Leinwand und den unerträglichen Geruch der künstlichen Käsesoße, der von der Sitznachbar*in herüberweht, verbinde.

★★★½☆