Posts by André Pitz
Gesehen: Bone Tomahawk (2015)
Filmkritik
Ich hätte nie damit gerechnet, einen Film über die sogenannte Inner Frontier zu bekommen. Aber letztlich geht es hier doch genau darum: die Frage, welche Art von Mensch, welche Art von Mann man sein will. Wer entscheidet, dass etwa das Niederschreiben von Gefühlen der ein gutes Buch in der heißen Badewanne liegend zu lesen nicht mit den Western-Idealen zusammenpasst? Die Reise in die Höhle der Kannibalen ist für die Protagonisten damit auch eine Reise ins eigene Innere. Und dort, gefangen in der Höhle, sagt die Frau den klügsten Satz des ganzen Films: „This is why frontier life is so difficult. Not because of the Indians or the elements but because of the idiots.“
★★★½☆

Röyksopp - Eple
MusikGesehen: Priscilla (2023)
Filmkritik
Es ist schon bemerkenswert, wo cool dieser Film einfach ist, zugleich jedoch keine Sekunde der Selbstverliebtheit an den Tag legt und immer im Dienst seiner Figuren steht.
Sofia Coppola nimmt keine Gefangenen. Sie macht von der ersten Szene an klar, dass es ein Machtgefälle gibt, das sich niemals ausgleichen lassen wird. Der Moment, in dem die 15-jährige Priscilla angesprochen wird, ob sie nicht mal zur einer von Elvis’ Partys kommen wolle, erinnert nicht nur zufällig an die Gebaren von Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell.
Elvis will Priscilla nicht lieben, sondern wie einen Gegenstand besitzen. Jedes Kompliment, jede vermeintlich harmlose kritische Anmerkung dient einem einzigen Ziel: Priscilla soll ohne ihn nicht mehr leben können. Er isoliert sie von Freund*innen und Familie, macht sie emotional sowie ökonomisch von sich abhängig und gibt ihr immer wieder implizit zu verstehen, dass sie ohne ihn nichts ist. Zuckerbrot und Peitsche.
Coppola weiß das auch wunderbar auf der visuellen Ebene zu erzählen. Über Maske und Kostüm transportiert sie, wie Elvis Priscilla die Menschlichkeit austreibt, sie zunehmend zu einer leeren Hülle verkommt, die einer Schaufensterpuppe gleicht. Die Natürlichkeit kehrt erst wieder vorsichtig zurück, als sie Elvis verlässt.
★★★★☆

Vollbild-Sondersendung zu THE ZONE OF INTEREST
Filme & Serien
Immer wieder stellt sich die Frage, wie und ob man überhaupt angemessen filmisch den Zivilisationsbruch der Shoah darstellen kann. „The Zone of Interest“ zeigt das Unzeigbare wie noch nie zuvor: mit indirektem Horror und erschütternder Nüchternheit.

Patrick Wellinski hat die jüngste Ausgabe des von mir sehr geschätzten Filmmagazins Vollbild auf Deutschlandfunk Kultur gänzlich Jonathan Glazers Ausnahmefilm THE ZONE OF INTEREST (2023) gewidmet.
Gesprochen hat er mit Christian Friedel, wie er sich der Rolle des Rudolf Höß genähert und den sozusagen unorthodoxen Stil Jonathan Glazers erlebt hat. Mit Marcus Stiglegger ist außerdem ein Filmwissenschaftler zu Gast, der viel über die Form des Films erklärt. Und Christian Berndt fasst die deutsche Filmgeschichte mit Blick auf den Holocaust zusammen.
Ich bin froh, dass es im öffentlich-rechtlichen Journalismus noch derartige Formate gibt – Formate, die sich Monothematik erlauben können und dann auch innerhalb dieses Rahmens ausführliche Gespräche stattfinden können, die keiner schwachsinnigen Formatierung folgen müssen.
