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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz

Wenn Unterbrechungen zum Wagnis werden

Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz
Foto: Synecdoche, Arte

Das ist nicht einfach Zusatzmaterial zu SHOAH. Denn die Kuratierungsentscheidung sorgt hier noch einmal für eine anders gewichtete Perspektive. Unvergleichlich bleibt Claude Lanzmanns gnadenloser Interviewstil, mit dem er sich über das Nachbohren bei vermeintlichen Nichtigkeiten Zugang zu seinen Gesprächspartnerinnen verschafft und sie dann weitestgehend reden lässt. Denn jede Nachfrage, jede Unterbrechung wäre ein Wagnis, könnte den Fluss brechen und so Teile dieser so wichtigen Zeitzeugnisse unausgesprochen lassen.

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Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie

Der wahre Horror liegt in der glaubhaften Abstreitbarkeit begraben

Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie
Foto: Universal Pictures

Was passiert hinter den Türen zu den Wohnungen der anderen, im Verborgenen? Gewalt gegen Frauen, die so perfide orchestriert ist, dass den eigentlichen Akt praktisch niemand sehen kann und immer glaubhafte Abstreitbarkeit gewährleistet ist. Wer Verdacht schöpft oder als Opfer nach Hilfe ruft, kann kurzerhand als verrückt erklärt werden.

WATCHER lässt auch uns irgendwann an unserer Wahrnehmung und unseren Verdächten zweifeln und lässt so, genau wie für seine Protagonistin, eine immer intensivere Paranoia aufziehen.

Lange, bevor der Film seine physische Dimension entfaltet, bekommen wir bereits das breite Instrumentarium psychischer Gewalt vorgeführt. Die Protagonistin wird durch ihr sprachliches Unvermögen ausgegrenzt und isoliert. Nicht mehr sie selbst, sondern ihr Gegenüber, sogar ihr Partner entscheidet darüber, was für ihre Ohren wichtig ist und was nicht. Die Autonomie der Protagonistin wird Stück für Stück demontiert.

Der letzte im Film geworfene Blick gilt nicht der Kamera, sondern uns. Es ist eine Aufforderung, hinzuschauen, den Blick zu erwidern, solidarisch zu sein.

★★★½☆

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Gesehen: Caught Stealing (2025) - Soderbergh-Imitat

Schleifen bindet hier leider nur ungelenke Exposition

Gesehen: Caught Stealing (2025) - Soderbergh-Imitat
Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland

Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass sich das nach einem Steven-Soderbergh-Film anfühlt. Es ist eher Darren Aronofsky, der versucht, Soderbergh zu imitieren.

Das hat alles schon ein ganz schmissiges Tempo und produziert einigermaßen schrullige Figuren. Viele Schleifen kann das Drehbuch aber leider nur mit ungelenker Exposition binden. Dazu kommt, dass die Figuren zwar angenehm weird, aber dennoch total schwammig gezeichnet sind. Woraus hier Motivation und Charakterzüge entspringen, ist viel zu grob angelegt.

Der Film reißt mich so zwar mit, lässt mich gleichzeitig aber auch total kalt.

★★★☆☆

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Kinotagebuch: Alpha (2025) - Unsicherheit hat Tradition

Es ist dann doch etwas mehr, als „nur" eine tonnenschwere AIDS- und Corona-Metapher

Kinotagebuch: Alpha (2025) - Unsicherheit hat Tradition
Foto: Plaion Pictures, Studiocanal

Ich vertrete dann wohl das, was man eine Mindermeinung nennt. Natürlich lässt sich das rein als tonnenschwere AIDS- und auch als Corona-Metapher begreifen. Das war auch zuerst mein Zugang. Aber irgendwann habe ich unterbewusst begonnen, das Geschehen viel mehr erst mal als das zu begreifen, was es ist.

Es geht um Menschen, die aufgrund ihrer konkreten, vermuteten oder behaupteten Andersartigkeit markiert, stigmatisiert und ausgegrenzt werden – also um eine gewissermaßen universelle Erfahrung, um universelle Ängste. Das rekurriert wiederum stark auf die bisher in der Filmografie Julia Ducournaus zentralen Themen.

Es geht um ein Kind, das sein ganzes bisheriges Leben lang kein wirkliches Sicherheitsgefühl erfahren hat, dem kein Raum für Verletzlichkeit eingeräumt wird. Und im Verlauf des Films wird klar: Das hat Familientradition.

Ein Verlust ist etwas, das vergessen und nicht verarbeitet werden muss. Da lassen sich dann wieder produktivere Bezüge zu AIDS-Epidemie und Corona-Pandemie herstellen. Es gab Millionen von Toten, aber – jedenfalls bei Corona – keinen Raum für die Würdigung dieser Verluste, ob der blind-eifrigen Rückkehr zu „Normalität" keine Möglichkeit der angemessenen (gesamtgesellschaftlichen) Trauer.

Eine Welt voller unverarbeiteter, ignorierter und unterdrückter Traumata, in die wir unsere Kinder entlassen...

★★★★☆

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Gesehen: The Ugly Stepsister (2025) - Politische Schönheit

Ästhetik als strategisches Instrument

Gesehen: The Ugly Stepsister (2025) - Politische Schönheit
Foto: Capelight Pictures

Es geht eben nicht (nur) um die Dekonstruktion von Schönheit und die Entlarvung des Oberflächlichen. Für mich war es der Blick auf die Abbildung von Schein und Schönheit als politisches Instrument. Der Film streicht hervor, inwiefern das Beschreiben und Empfinden der äußeren Erscheinung durch ästhetisch „gute" und „schlechte" Merkmale als strategischer Hebel zum Erringen, Erhalten und Vernichten gesellschaftlicher, ökonomischer und patriarchaler Machtpositionen eingesetzt wird.

Der Film bricht zudem immer wieder mit seiner etablierten Form (und in Teilen auch der vierten Wand) und serviert uns eine durch fünfzehn Weichzeichner gejagte Musikvideo-Optik. Dadurch legt er frei, inwieweit auch Bilder – inklusive der eigenen – Teil dieser machtstrategischen Instrumente sind, die auch in vermeintlich harmloser Unterhaltung zum Einsatz kommen.

★★★☆☆

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Gesehen: Double Lover (2017) - Realitätsverlustiger Albtraum

François Ozon vollführt einen abgründigen Zaubertrick

Gesehen: Double Lover (2017) - Realitätsverlustiger Albtraum
Foto: Leonine

Da hat wohl jemand DEAD RINGERS geschaut 😉

Letztlich erschafft François Ozon hier eine Illusion. Wir glauben, dabei zuzusehen, wie eine Frau nach allen Regeln der gaslightenden Manipulation gebrochen wird – nur um dann festzustellen, dass sie bereits von Beginn an ein Scherbenhaufen war. Es entblättert sich Schicht um Schicht ein Bild von internalisierter Misogynie, das den fruchtbaren Boden für eine Beziehung bereitet, die mit einem unauflösbaren Machtgefälle beginnt und sich zu einem realitätsverlustigen Albtraum auswächst.

★★★☆☆

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