Skip to Content

André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

1419 posts

Posts by André Pitz

Gesehen: Bugonia (2025) - Getrieben im Weitwinkel

Die Eskalation ist im Plattformkapitalismus ein Feature, kein Bug

Gesehen: Bugonia (2025) - Getrieben im Weitwinkel
Foto: Universal Pictures International Germany

Durch die mit Weitwinkelobjektiven ausgestatteten Handkameras strahlt dieser Film etwas Getriebenes, manchmal auch Desorientierendes aus. Damit rückt der Film über seine Ästhetik unser Filmerleben als Publikum nah an das des von Jesse Plemons gespielten Verschwörungsideologen heran.

Ein traumatisches Erlebnis, eine traumatische Phase hat diese Figur mit aller Gewalt aus der Bahn gestoßen. In Ermangelung an funktionierenden Fangnetzen befindet sie sich seitdem im Fall ins Bodenlose, in einen algorithmisch gesteuerten Strudel.

Dass große (Tech-)Konzerne mit ihren Plattformen wissentlich nicht nur psychische Schäden anrichten und sogar an der Eskalation von Gewalt teilhaben, ist offenkundig keine Verschwörungstheorie, sondern belegte Tatsache.

Die Eskalation ist im Plattformkapitalismus ein Feature, kein Bug.

Yorgos Lanthimos inszeniert sich relativ leichtfüßig durch dieses Sujet. Aber er macht es sich auch ziemlich leicht. Denn der von ihm letztlich eingenommenen Helikopterperspektive haftet etwas unangenehm Besserwisserisches an. (Vielleicht hat deshalb Ari Aster deshalb hier mitproduziert? 😉) Es fehlt letztlich die Reflexion der eigenen Rolle und in Teilen auch der eigenen Position.

★★★☆☆

Infos & Extras

Gesehen: Both Sides of the Blade (2022) - Der dünne Firnis der Liebe

Claire Denis findet überall Schnittmengen mit dem Kolonialismus

Gesehen: Both Sides of the Blade (2022) - Der dünne Firnis der Liebe
Foto: Arsenal Filmverleih

Wie dünn doch der Firnis der Liebe ist und wie unangenehm wahrhaftig sich das alles anfühlt... Ständig wird geschwiegen, aber die Blicke und vorsichtigen Berührungen sprechen unüberhörbare Worte. Menschen verdrängen, verweigern, versprechen, vergessen und versagen. Sie verlieren sich in sich selbst, in einem anderen Menschen, immer im falschen, nie im richtigen. Die Scham hüllt den Mantel des Schweigens um jeden Konfliktherd.

Genau diese Dynamik hat – wie soll es bei Claire Denis auch anders sein – eine bemerkenswert große Schnittmenge mit der Kolonialgeschichte Frankreichs, die hier immer wieder mit den Figuren verwoben wird. Es wird lieber geschwiegen, verdrängt, verklärt, verwaschen, solange die Notwendigkeit der Rechenschaft immer noch unnachgiebig an die Tür klopft. So lebt der Schmerz der anderen immer weiter.

★★★★☆

Infos & Extras

Gesehen: Love Me (2024) - Falsche Perspektive

Kann man schon von oben herab machen, ist dann halb nicht produktiv...

Gesehen: Love Me (2024) - Falsche Perspektive
Foto: AgX, 2AM, Shivhans Pictures

In seiner Analyse, den formulierten Botschaften und den Gedanken darüber, was es heißt, Mensch zu sein in einer Welt, die (scheinbar) permanente Performance abverlangt, ist dieser Film nahezu unerträglich selbstgefällig.

Natürlich ist da etwas dran, dass wir irgendwann den Zugang zu uns selbst, unseren Gefühlen und auch unseren Gegenübern verlieren, wenn wir den lieben langen Tag damit beschäftigt sind, eine Illusion aufrechtzuerhalten.

Aber wie blindlings die Komplexität der zahlreichen hier ineinandergreifenden Abhängigkeiten ignoriert wird, führt nicht etwa dazu, dass das Wesentliche hervortritt. Es banalisiert so lange, bis von der vielleicht noblen Idee nur noch ein paar Kalendersprüche übrig bleiben.

Letztlich nimmt der Film die aus meiner Sicht falsche Perspektive ein – nämlich die von in der Medienöffentlichkeit stehenden Individuen, die aus einer exponierten sowie privilegierten (Macht-)Position heraus argumentieren, denen in digitalen Räumen grundlegend anders begegnet wird und die sich grundlegend anders durch diese Räume bewegen als durchschnittliche Menschen.

★½☆☆☆

Infos & Extras

Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) - Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier

Ein Film voller Zitate und doch geprägt von einer eigenen Handschrift

Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) - Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier
Foto: Grandfilm

Julian Radlmeier ist hier wirklich ein tolles Amalgam verschiedenste künstlerischer Ansätze gelungen, ohne dabei die eigene Handschrift aus den Augen zu verlieren. Die fast schon Puppenhaftigkeit der Figuren erinnert etwa an Robert Bresson. Die absolute Leichtigkeit in der Inszenierung bei gleichzeitig in Teilen ziemlich abgründigem Geschehen weckt Erinnerungen an den auch (nach)namentlich im Film referenzierten Abbas Kiarostami. Und der ebenfalls im Film mehrfach erwähnte Novalis drängt durch zitierte Motive immer wieder in die Erzählung.

Radlmeier ist sich dabei immer der Klasse seiner Figuren bewusst, genau wie die Figuren selbst – weil sie sich nicht mal eben ein paar Kirschen aus dem Supermarkt leisten können und die Tüte mit den Früchten an der Kasse zurücklassen müssen; weil sie mit offenen Augen durch die Welt gehen und deren Ungerechtigkeiten erkennen können; weil andere sie gnadenlos mit dem Gesicht hineindrücken.

Im Anschluss habe ich den Regisseur Julian Radlmaier beim Filmgespräch – vielleicht etwas naiv, aber wirklich ehrlich interessiert – gefragt, wie er bei seiner immerwährenden Auseinandersetzung mit Klassenfragen nicht einfach komplett zynisch wird. Die sinngemäße Antwort: Die utopischen Momente will er sich, wenn auch im Kleinen, einfach nicht nehmen lassen.

Der utopische Moment in SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN beschreibt dreieinhalb Menschen verschiedenster Hintergründe, die durch ihre ganz persönlichen Sehnsüchte zusammenfinden – und einfach zusammen Mensch sind. Klingt eigentlich ganz einfach und nach gar keiner sonderlich hoch liegenden Messlatte für eine Utopie. Aber weil wir als Deutsche einfach strukturelle oder ganz individuelle Rassist*innen sind, ist das nun mal wirklich zu allererst eine Utopie. Und das ist bitter und dann wiederum auch gar nicht so leicht, wie sich das alles erst mal anfühlt. Ich finde das eine spannende Reibung.

★★★★☆

Infos & Extras

Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen

Wer Jane Schoebrun verstehen will, muss Kiyoshi Kurosawa schauen

Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen
Foto: Daiei Film, Nippon Television Network Corporation, Hakuhodo, IMAGICA

Es ist richtig toll unangenehm, wie Kiyoshi Kurosawa hier das urbane mit dem digitalen Unbehagen zusammenbringt und ineinander verschränkt. Aus beiden Dimensionen drängen letztlich Erzählungen radikaler Vereinzelungserfahrungen, die ihren Ursprung in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft haben. Nirgendwo ist man gleichzeitig von so vielen Menschen umgeben und dennoch so isoliert, einsam und vielleicht auch eingeschüchtert wie in der Großstadt. Digitale Räume tun sich mit dem Versprechen auf, Orte der Gemeinschaft zu schaffen, entpuppen sich jedoch als unauthentische Theaterbühnen, auf denen das „wahre" Ich nur zu einem Teil existieren kann und einem performten Ich immer mehr den Vorrang lassen muss.

Unter diesen Umständen existiert ein Mensch nur noch gefangen in einer Art Zwischenwelt – einerseits voller Unbehagen und Ablehnung sich selbst und dem eigenen Körper gegenüber, andererseits sich nach einer physischen Präsenz sehnend, die von anderen wahrgenommen und berührt werden kann und auch wird. Doch Nähe zu sich und zu anderen Menschen ist in jedweder Ausprägung in dieser Zwischenwelt eine Illusion. Ich bin sicherlich einer der letzten Blitzmerker, der das schreibt, aber: Wer Jane Schoebrun und Co. durchdringen will, muss offenbar auch Kiyoshi Kurosawa gesehen haben.

★★★★½

Infos & Extras

Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch

Ein Film über die Welt, in der Frauen leben

Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch
Foto: Alva Film, Takes Film

Ein Film über Ansprüche, Erwartungen, Urteile und Verurteilungen. Ein Film über Frauen. Und ein Film über die Welt, in der sie leben.

Die Protagonistin hadert in dieser Welt mit der Freiheit, die sie bisher zu genießen glaubte. Einerseits ist ihr ein komplett unabhängiges Leben gelungen, in dem sie sich gesellschaftlichen und patriarchalen Konventionen verweigerte.

Andererseits ist dieser kompromisslose Lebensentwurf für sie paradoxerweise zu einer Art Gefängnis geworden. Isoliert von echten Freund*innenschaften auf Augenhöhe, Familie und der Liebe muss sie erkennen, dass Freiheit nicht zwingend im Alleingang vollzogen werden muss.

Denn die eigenen Höhen und Tiefen mit anderen Menschen teilen, mit ihnen lachen und weinen zu können, schränkt nicht die eigene Autonomie ein, sondern macht das Herz leichter – vor Freude oder dank der Gewissheit von Solidarität in schweren Momenten.

Mir gefällt, wie Elene Naveriani diese und die anderen Frauen konsequent vor der Kulisse intensiver, zumeist warmer Farben inszeniert. Das erinnert daran, wie Pedro Almodóvar Frauen und Mütter in Szene setzt.

★★★½☆

Infos & Extras