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Filmkritik

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Gesehen: Working Girls (1986)

Gesehen: Working Girls (1986)
(c) Lizzie Borden

Ein absolut zeitloser und universeller Banger! Lizzie Borden öffnet ihren Film mit einer schlafenden Frau, die noch vor dem Wecker wach wird und das Unterbewusstsein den Körper sofort in den Angstmodus schickt, während der rationale Teil des Hirns direkt mit dem „Kleinreden" der durch die Situation bedingten, affektiven Reaktion beginnt. Man muss ja funktionieren. Andere schaffen es doch auch. Als Millennial habe ich mich ihr sofort wahnsinnig verbunden gefühlt.

Was folgt, ist eine Geschichte über Solidarität, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, schiefliegende Machtverhältnisse, die monotonen Seiten der Postmoderne und allem voran über die Ausbeutung im Kapitalismus.

Es sind wenige Menschen, die die Körper vieler ausbeuten, daraus unverhältnismäßig viel Profit schlagen und sich wiederum weigern, genau diesen Profit mit denjenigen zu teilen, die ihn tatsächlich erwirtschaftet haben. Der Kapitalismus zementiert rassistisches Denken und rechtfertigt das mit Marktlogik. Das Kapital hat Gewalt über die Existenzgrundlage anderer und setzt genau das als Waffe gegen die Arbeiter:innenklasse ein.

★★★★☆

US, R: Lizzie Borden, D: Louise Smith, Deborah Banks, Liz Caldwell, Marusia Zach, Amanda Goodwin, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Ronin (1998)

Gesehen: Ronin (1998)
(c) Alive AG

Wie der Film einem die kurosawaeske Struktur erst ganz nett auf die Nase bindet, innerhalb dieses Regelsystems ein nettes Figurenensemble nett durch die Gegend schiebt und dann dieses nette Konzept ganz nett wieder aufbricht, ist ganz nett. Nett.

In der Mitte eine fantastisch inszenierte Verfolgungsjagd durch die Pariser Innenstadt.

Am Ende ein fast schon nihilistisches Umarmen eines ausbeuterischen Systems – und damit, wenn man es so lesen will, auch ein Fingerzeig auf Kapitalismus und den Hollywood-Film.

Und Katharina Witt, for some reason...

★★★☆☆

GB/US, R: John Frankenheimer D: Robert De Niro, Jean Reno, Natascha McElhone, Stellan Skarsgård, Skipp Sudduth, Jonathan Pryce, Sean Bean, Michael Lonsdale, Féodor Atkine, Trailer, Wikipedia
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Gesehen: Je, tu, il, elle (1974)

Gesehen: Je, tu, il, elle (1974)
(c) Collections Cinematek / Fondation Chantal Akerman

Absurderweise musste ich nahezu den ganzen Film lang über das Defragmentieren von Festplatten nachdenken. Selbst, wenn man stets um Ordnung bemüht war, sind die unter den Teppich gekehrten Datenreste irgendwann hervorgequollen. Und dann musste man eben den langwierigen Aufräumprozess hinter sich bringen.

So ergeht es auch der von Chantal Akerman selbst gespielten Julie, deren Inneres der winzigen Erdgeschosswohnung gleicht, in die sie sich nach dem Ende ihrer Beziehung zurückzieht. Egal, wo sie sich befindet, die Wände sind immer ein bisschen zu nah, die Möbel immer irgendwie störend im Weg.

Also schafft sich Julie Platz – im Raum und um ihre Gedanken nach und nach wieder ordnen zu können. Irgendwann scheint sich das Chaos zu lichten, die Festplatte läuft wieder rund und ein Gefühl der Erneuerung greift um sich. Aber der Schein trügt. Auf das Defragmentieren folgt in der Regel ein Ringen, das unweigerlich zurückkehrende Chaos so lange wie möglich im Zaum zu halten.

Grandios war der Moment, in dem sich Julie nach langer Zeit wieder sieht, einen großen Schritt näher zu sich geht – und zwar splitternackt vor der Glastür ihrer Wohnung. Draußen ist es dunkel, im Raum brennt Licht. Julie sieht nur ihr eigenes Spiegelbild, auf der anderen Seite ist die finstere Welt. Dass vorbeigehende Menschen sie sehen können, scheint ihr egal zu sein. Sie hat ein Stück von sich wiedergefunden und kann sich wieder wertschätzen – ganz unabhängig von den Blicken und Urteilen anderer.

★★★★☆

BE/FR, R: Chantal Akertman, D: Chantal Akerman, Niels Arestrup, Claire Wauthion, Trailer, Wikipedia

Steht noch bis zum 24. April 2025 in der Arte-Mediathek:

Ich, du, er, sie - Film in voller Länge | ARTE
Eine junge Frau, die allein in ihrem Zimmer ist, wird von Liebeskummer geplagt. Sie stellt die wenigen Möbelstücke um und bringt sie dann heraus, mit Ausnahme ihrer Matratze. Nach und nach entledigt sie sich auch ihrer Kleidung, ist Zucker und schreibt einen Brief. Schließlich verlässt die Frau die Wohnung. Ein Lastwagenfahrer nimmt sie per Anhalter mit und ermöglicht ihr so, zu der Frau zu gelangen, die sie liebt.
Je Tu Il Elle - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: Apartment 7A (2024)

Gesehen: Apartment 7A (2024)
(c) Paramount Pictures

Was ich dem Film zugutehalten kann, ist das übergeordnete Thema der körperlichen Selbstbestimmung von Frauen. Das ist natürlich sehr zeitgeistig, hier im bitteren Gegenzug aber auch arg grobschlächtig. Hier tröstet also gar nichts darüber hinweg, dass APARTMENT 7A nur eine Variation von ROSEMARY'S BABY mit letztlich sehr minimalen Abweichungen ist.

Die Erzählung mit dem Entertainment-Business zu verknüpfen, ist auch einer dieser zeitgeistigen Momente. Nur originell ist das alles nicht. Damit meine ich nicht, dass das Thema abgegriffen ist. Denn wie man sich dem mit klarem Gestaltungswillen nähern kann, hat jüngst etwa THE SUBSTANCE gezeigt.

Aber dieser Film bedient lediglich plump, was gerade so durch den gesellschaftspolitischen Diskursraum wabert, ohne eine wirkliche Auseinandersetzung damit zu wagen. Und das ist ob des Vermächtnisses der filmischen Mutter einfach nur schade.

P.S.: Dass dieser Film nur so vor pseudosubtilen Anspielungen auf Polański Film strotzt, ist einfach nur grotesk. Ich meine: APARTMENT 7A spielt nicht einfach nur lose im selben Universum, sondern wortwörtlich im selben Haus auf derselben Etage, mit denselben Figuren und teilweise in derselben Wohnung. Dein ganzer Film ist bereits die Anspielung, hier gibt es keine Gelegenheit mehr, etwas clever zu verstecken.

★½☆☆☆

US, R: Natalie Erika James, D: Julia Garner, Dianne Wiest, Kevin McNally, Jim Sturgess, Marli Siu, Rosy McEwen, Andrew Buchan, Kobna Holdbrook-Smith, Trailer, Wikipedia
Apartment 7A (2024)

Gesehen: Rosemary's Baby (1968)

Gesehen: Rosemary's Baby (1968)
(c) Paramount Pictures

Der Film ist so wahnsinnig gut, weil er mehr Wert auf das Psycho in Psychohorror legt und diese Seite immer wieder in den Vordergrund rückt, mehr mit diesen statt den okkulten Abgründen spielt.

Beeindruckt hat mich die klare feministische Lesart, die hier eröffnet wird. Es geht um eine Frau, die von ihrem Mann vergewaltigt wird. Daraus entwickelt sich zunächst eine Kritik am urbanen Zusammenleben. Denn trotz dieser Menge an Menschen auf engstem Raum, trotz Wand an Wand, durch die jedes Wort zu hören ist, scheint sich niemand großartig daran zu stören. Hier liegt der Horror auch darin, dass die vermeintliche Stärke in der Gemeinschaft nicht für Frauen gilt, weil die Gemeinschaft das Patriarchat ist.

Das wird außerdem eng mit einer sich so lesen lassenden Kritik an der erstarkenden New-Age-Bewegung verbunden. Es ist das Sektenartige und Kultähnliche mit all der Esoterik, Verschwörungsglaube und grundsätzlichem Misstrauen gegenüber etablierten Strukturen, das hier an die Oberfläche getragen und mit den Niederungen der Hölle gleichgesetzt wird.

P.S.: Mit dem Wissen um Samantha Galleys Vergewaltigung durch Roman Polański, die neun Jahre nach ROSEMARY'S BABY vor Gericht landete, lief mir hier ein zusätzlicher Schauer über den Rücken. Es fühlt sich fast schon nach Projektion an – und nach einer ekelhaften Überheblichkeit.

★★★★½

US, R: Roman Polański, D: Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy, Trailer, Wikipedia
Rosemaries Baby (1968)

Gesehen: Andrea lässt sich scheiden (2024)

Gesehen: Andrea lässt sich scheiden (2024)
(c) Majestic Film

Letztlich wird hier doch die Frage verhandelt, wie man für sich selbst und sein eigenes Handeln Verantwortung übernehmen soll, wenn man ständig Verantwortung für andere übernehmen muss. Das kombiniert mit diesem trockenen, lakonischen und vor allen Dingen lakonischen Humor und den vielen kleinen skurrilen Momenten, die Josef Hader hier einflechtet, ergibt ein wirklich gelungenes Gesamtwerk.

★★★½☆

AT, R: Josef Hader, D: Birgit Minichmayr, Josef Hader, Thomas Schubert, Robert Stadlober, Branko Samarovski, Thomas Stipsits, Trailer, Wikipedia
Andrea lässt sich scheiden - Stream: Jetzt online anschauen
Wie und wo du “Andrea lässt sich scheiden” online auf Netflix & anderen Anbietern ansehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.