Ein beeindruckend dicht geschriebener wie gespielter Film, der direkt in den Höllenschlund des Kapitalismus hinabblickt. Der Wert eines Menschen bemisst sich nur noch anhand des Umsatzes, den er für das Unternehmen generieren kann. Aus zwischenmenschlichen sind rein transaktionale Beziehungen geworden.
Die ökonomische Abhängigkeit von ausbeuterischen Großkonzernen lässt Menschen zu seelenlosen Entitäten degenerieren, deren einzig verbleinender Reflex der Tritt nach unten zu sein scheint. Die leeren Aufstiegsversprechen gleichen der Karotte an der Angel vor der Nase des Esels, der alle nachgeifern, während sich die gesichtslosen Konzernköpfe die Taschen vollstopfen.
P.S.: Diesen Film werde ich außerdem auf ewig mit dieser großartigen Line von Elizabeth Lopatto verbinden:
One of the major problems with salesbros is that they think “always be closing” is a mantra to live by because they didn’t understand the point of Glengarry Glen Ross, which is that salespeople are nightmares.
🇺🇸, R: James Foley, D: Al Pacino, Al Pacino, Alec Baldwin, Alan Arkin, Ed Harris, Kevin Spacey, Jonathan Pryce, Trailer, Wikipedia, Foto: Turbine Medien
Einfach ein grundsympathischer Film, der zwar viel, aber auch bewusst mit Klischees spielt, das nie überreizt und sich darauf niemals ausruht. So ist letztlich nicht nur eine inspirierende, sondern auch bewegende Geschichte möglich. Eine Geschichte über einen der schwersten aller Prozesse: den Kampf ums Ich. Stehe ich überhaupt hinter den Werten, deren Ästhetik mich als naiver Jugendlicher einst so angezogen und vermeintlich überzeugt haben? Wie erkenne ich „meine" Werte? Wie werde ich überhaupt ich? Erst danach kann ich zusammen mit anderen Menschen ich sein.
★★★½☆
🇩🇪, R: Hermine Huntgeburth, D: Frederick Lau, Eike Weinreich, Miriam Stein, Hinnerk Schönemann, Albrecht Schuch, Rosalie Thomass, Robert Gwisdek, Daniel Michel, Johannes Klaußner, Ulrich Matthes, Trailer, Wikipedia, Foto: Radio Bremen, WDR, Studio Hamburg
Ein bemerkenswert vielschichtiges Porträt von Zerrissenheit, das Chantal Akerman hier zeichnet.
Es ist einerseits die Zerrissenheit durch die gesellschaftlich konstruierte und erwartete Rolle der Frau. Du bist zu alt, musst endlich sesshaft werden, eher gestern als morgen heiraten, viele Kinder kriegen und den Haushalt schmeißen – und dir dabei natürlich deine jugendliche Dynamik und Spontanität bewahren.
Andererseits ist da ihre vom gesellschaftlichen Kontext losgelöste, innere Zerrissenheit. Anna ist eine Frau, die unter gar keinen Umständen dem Stillstand verfallen will. Denn der Stillstand, das Feststecken bedeutet den Tod. Wenn sie zu lange an einem Ort bleibt, zieht sich die Schlinge der Dunkelheit um sie immer enger zusammen. Also ist sie auf der Flucht. Auf der Flucht vor der Enge. Auf der Flucht vor denjenigen, die sie festketten und in eine Schublade stecken wollen.
Wer jedoch ausschließlich damit beschäftigt ist, nach dem nächsten Fluchtweg zu spähen, der verliert sich irgendwann zwingend selbst aus dem Blick. Anne weiß deshalb zwar ganz genau, was sie nicht will, aber eben nicht, was sie sich für sich selbst wünscht.
Geschuldet sind diese Umstände dem einfachen Umstand, eine Frau in einer Männerwelt zu sein.
Das Theater als einer der letzten Orte, an dem wirklich noch Gesellschaft verhandelt werden kann. Ein Ort, der hier ganz konkret völlig heruntergekommen ist, als Spiegel des Raums, in dem Gesellschaft stattfindet. Fundament und Fassade scheinen noch stabil zu sein, der ganze Rest ist jedoch entweder verrottet oder der Entkernung zum Opfer gefallen.
Doch es bleibt der einzige Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft, verschiedenster Hintergründe, mit vielleicht sogar gegensätzlichen Werten zusammenkommen können. Und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als in und mit den Trümmern zu arbeiten, etwas daraus aufzubauen.
Manche spielen dabei eine Rolle und geben vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. Andere arbeiten bewusst mit ihrem tatsächlichen Kern, zeigen sich verletzlich. Und dann wird darum gerungen, ob und wie es zusammen weitergehen kann, ob dieser Raum, dieses Haus, diese Welt noch zu retten ist.
Titel und Location machen kein großes Geheimnis darum, dass es hier vordergründig um die USA gehen mag. Dass im letzten Akt schließlich eine Figur mit seiner Pistole um sich schießend verzweifelt durchs Haus rennt, passt also auch wie die Faust aufs Auge. Doch besonders aus heutiger Sicht wird klar, dass diese Verarbeitung von Tschechows Theater universellere, zeitlosere Qualitäten hat.
Wenn ich meinen ersten Gedanken zu VANYA ON 42ND STREET bis zum Schluss denke, stimmt mich das irgendwie traurig. Es ist Louis Malles letzter Film und es scheint stellenweise, als ob er sich hier selbst fragt, ob Film wirklich das richtige Medium für sein künstlerisches schaffen war.
★★★★☆
🇺🇸/🇬🇧, R: Louis Malle, D: Wallace Shawn, Julianne Moore, Larry Pine, Brooke Smith, George Gaynes, Lynn Cohen, Phoebe Brand, Jerry Mayer, Andre Gregory, Madhur Jaffrey, Trailer, Wikipedia, Foto: Mayfair Entertainment International, Film4 Productions, The Vanya Company
Der Film steht noch bis zum 14. März 2025 in der Arte-Mediathek:
Dieser Film hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Eigentlich hätte Marie Speths Werk den Titel tragen müssen, den Sandra Wollner 13 Jahre später für ihren Film nutzte: THE TROUBLE WITH BEING BORN. Es gibt kaum einen Satz, der all das mit nur so wenigen Worten beschreibt. Der die unglaubliche Ungerechtigkeit beim Ziehen aus dem Lostopf der Lebenswege so präzise beschreibt. Kein Kind der Welt kann sich aussuchen, in welche Umstände es hineingeboren wird.
Auch Sandra Hüllers Rita konnte das nicht. Sie kennt kein funktionierendes Familienleben, geschweige denn ihren eigenen Vater und offenbar auch keine sicheren ökonomischen wie sozialen Umstände.
Ihren Kindern will sie nun ein Fundament bieten. Doch sie befindet sich längst auf einem selbstzerstörerischen Weg hinein in eine Sackgasse. Sie glaubt, ihre reine Anwesenheit schafft Sicherheit. Weil sie die Abwesenheit von Menschen und Dingen für sie die Wurzel aller Unsicherheit ist. Aber sie hat nie gelernt, wie man für sich einsteht, Sicherheit erkämpft, kultiviert und anderen bietet. Rita strebt nach einem unerreichbaren Ideal, das in ihrer zerfressenen Psyche herumwabert.
Sie probiert es einfach immer und immer wieder. Brute Force. Sie versteht nicht, warum einfach nichts besser wird und weiß gleichzeitig, dass ihr Handeln alles schlimmer macht. Weil sie es nie anders gelernt hat. Weil ihr nie jemand eine Hand gereicht hat. Deshalb kann sie einfach nicht raus aus ihrer Haut. Und darin ist die unendlich tiefe Traurigkeit dieser Geschichte begründet.
Der Film ist super wirr und es ist extrem anstrengend zu ordnen, wonach hier alles ausgeholt, geschlagen und gegriffen wird – was aber nicht unbedingt schlecht ist. Denn viele Themen sind recht klug verwoben. Klug heißt hier nicht unbedingt subtil, aber man muss sich eben auch immer wieder bewusst werden, dass Musicals und arthousige Nuancierung nicht unbedingt Hand in Hand gehen und das auch gar nicht das Ansinnen ist. Deshalb gibt es den Rassismusdiskurs eben durchgehend dick aufgetragen.
Hier wird auch miterzählt, wie problematisch es ist, nach der Maxime „Also ich sehe ja keine Hautfarbe" zu leben, weil das genau gar nichts an den Verhältnissen ändert.
Wie im WIZARD läuft hier ein zumindest bisexueller Subplot ab. Denn was Elphaba und Galinda in der ersten Nacht im gemeinsamen Penne-Zimmer an körperlichen Reaktionen durchlaufen, hat nicht unbedingt viel mit der von ihnen diagnostizierten, füreinander empfundenen Ablehnung zu tun. Darauf angespielt wird immer und immer wieder.
Ich bin eigentlich kein Fan davon, wenn ein Sequel versucht, bekannte Figuren umzuschreiben. In der Regel trägt das nichts zur Tiefe der Figuren bei, sondern wirft alles für einen billigen Effekt sinnlos über den Haufen. Hier geht die Nummer aber auf, denn letztlich verleiht sie insbesondere dem Zauberer mehr sinnvollen Kontext. Es wird klarer: Eigentlich ist er wie europäischer ein Kolonialherr, der Oz annektiert und die Indigenen unter anderem mit Feuerwasser gefügig bzw. von ihm abhängig macht.
Der Zauberer ist ein lupenreiner Faschist, der an seiner Idealvorstellung eines Reichs schraubt und mit Mengele-Experimenten an Affen sowie der Ausgrenzung der Tiere seine Herrschaft über alles Lebende zu behaupten versucht.
Der Film verschiebt vor dieser Kulisse die Perspektive auf viele bekannte Figuren des Universums und nutzt das, um davon zu erzählen, wie Gesellschaften in den Faschismus kippen und darin auch gar kein Problem sehen.
Das Entschwinden des Zauberers zurück in seine Welt im letzten Akt von THE WIZARD OF OZ ist nun als Warnung zu verstehen: Der Faschismus kehrt zurück in unsere Welt und wir sind nicht dafür gewappnet.
Der Kulissenaufwand ist auch hier absurd, trifft jedoch leider auf eine nur selten in dessen Dienste arbeitende Cinematography, die trotzdem die Hälfte wie Greenscreen aussehen lässt.
★★★☆☆
🇺🇸, R: John M. Chu, D: Cynthia Erivo, Ariana Grande, Jeff Goldblum, Michelle Yeoh, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Marissa Bode, Peter Dinklage, Andy Nyman, Trailer, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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