Georgis Grigorakis stellt die Frage: Wem gehört das Land? Gemeint ist sowohl das kleine Fleckchen Waldgrundstück seiner Figuren als auch das gesamte Griechenland angesichts der Staatsschuldenkrise, der folgenden Austeritätspolitik und der Verstümmelung des (Sozial-)Staates samt den psychosozialen Folgen.
Die Konfliktlinie zwischen den Generationen verläuft hier entlang der Themen Autonomie, Stolz, Fremdbestimmung und Solidarität auf dem Grund und Boden, über dessen Kontrolle gerungen wird.
Letztlich schade ist ob dieser spannenden Gemengelage dann doch die Entscheidung zum Vollzug dieser Kreisbewegung zwischen Vater und Sohn, die dem ganzen dann doch etwas Radikalität raubt.
Als Teil des Ti-West-Triples zusammen mit den beiden anderen Ablegern der Reihe im Leipziger Luru Kino geschaut. Was besonders deutlich wird, wenn man die drei Filme so geballt sieht, ist, wie detailversessen Ti West ist und wie das niemals reiner Selbstzweck bleibt, sondern auch immer wieder dafür genutzt wird, die drei Filme und ihre Themen miteinander in Beziehung zu setzen, sie zu verweben.
Beim ersten Mal X habe ich vor allem auf die Auseinandersetzung mit Moral und Gesellschaft geachtet. Nun, beim zweiten Mal, ist mir vor allem die krankhafte Obsession der Figuren mit der ewigen Jugend, dem Ekel vor dem Alter, dem Schein und nur selten dem Sein, das letztlich auch wortwörtlich unter die Räder kommt, ins Auge gesprungen.
Die Kraft des Technicolor-Idylls ist mir selbstverständlich bereits beim ersten Mal PEARL aufgefallen. Nachgedacht habe ich hingegen vor allem über das Verhältnis zwischen Sexualität und Selbstermächtigung. Nun, beim zweiten Mal, bin ich wieder auf die Farben zurückgekommen. Denn es sind diese komplett übersättigten, sich intensiv einbrennenden Farben, die so eng verknüpft sind mit Filmen wie THE SOUND OF MUSIC (1965) oder THE WIZARD OF OZ (1939) und damit auch mit Hoffnung und einem so implizierten Aufstiegsversprechen, mit dem PEARL radikal bricht.
MAXXXINE habe ich beim ersten Mal vor allem durch die Brille des Spiels mit der eigenen Medialität und die einer Reflexion der Frauenrolle in Kunst und Gesellschaft gesehen. Jetzt war es die Flüchtigkeit von Ruhm, die Austauschbarkeit des Menschen im Gefüge der (Kultur-)Industrie und die Erotik bzw. Erotifizierung von Gewalt. Auch die zahlreichen Giallo-Anleihen sind mir jetzt erst so richtig bewusst geworden.
Ein beachtliches Kunststück, derartige vermeintliche Banalitäten durch unendlich viele subtile Spitzen mit Spannung aufzuladen.
Freiheit ist eine Illusion und realistisch betrachtet ein Gefängnis – jedenfalls, wenn wir der Vaterfigur dieser Geschichte folgen.
Seine Vorstellung von Freiheit dreht sich nur um seine eigene Freiheit und nicht die seines Umfeldes. Unter diesen Umständen ist ein „Bitte" niemals eine ehrliche Bitte und ein „Zusammen" immer das Ziehen einer anderen Person an deren Hand.
Freiwilliges soziales Jahr in Südamerika? Klar, da kann sich die Tochter frei entfalten, zu ihrem eigenen Menschen heranwachsen und an sich und ihren Aufgaben wachsen.
Die Affäre hat das Verhältnis ihrem Mann gebeichtet? Das ist jetzt irgendwie zu viel Stress.
Es wird klar, dass ehrliche, wahrhaftige und echte Freiheit nur miteinander und nicht aneinander vorbei funktioniert. Ansonsten ist die Freiheit des einen immer das Gefängnis eines anderen Menschen.
★★★★½
🇩🇪, R: Ulrich Köhler, Henner Winckler, D: Maj-Britt Klenke, Sebastian Rudolph, Thomas Schubert, Stefan Stern, Katrin Röver, Margarita Breitkreiz, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Grandfilm
Steht gefühlt in der Tradition eines Ingmar Bergman, an dessen Film THE SILENCE (1963) ich jedenfalls hier und da denken musste. Auch Alex Ross Perry entwickelt viel über die – vage, provokative, wütende, herablassende – Art der Kommunikation seiner Figuren untereinander.
Durch präzisen Schnitt lässt er Zeit und Raum ineinander fließen und taucht so immer tiefer ein in eine Psyche, die entgleitet und die Umwelt nur noch verzerrt wahrnehmen lässt. Du snackst Chips? Ohrenbetäubender Lärm, den du vorsätzlich erzeugst, um mich zu provozieren! Jede Frage dient plötzlich einzig und allein dem Ziel, mich herabzusetzen. Mein eigener Kopf beginnt damit, gegen mich zu arbeiten. Und du stehst grinsend an der Seitenlinie und feuerst ihn auch noch an!
Das erzeugt zuverlässig ein durchgehend unangenehmes Gefühl. Letztlich finde ich jedoch, dass der Film sich zu sehr und zu affektiert auf diesen Entrückungseffekt verlässt und dabei vergisst, was darunter eigentlich liegen soll.
★★★☆☆
🇬🇷/🇺🇸, R: Alex Ross Perry, D: Elisabeth Moss, Katherine Waterston, Patrick Fugit, Kentucker Audley, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Faliro House Productions, Washington Square Films, Her Majesty September, Forager Film
Für mich war es die so oft von unten aufblickende Kamera, mit der diese Figuren in Szene gesetzt werden, was diesen und dem ganzen Geschehen eine regelrechte Larger-than-life-Optik, eine Art theatralische Überhöhung verleiht, die sich Ästhetisch an Musicalverfilmungen wie etwa WEST SIDE STORY annähert. Diese Stilisierung geschieht selbstbewusst und nie den Bogen überspannend.
Coppola zeichnet mit diesen Mitteln ein vielschichtiges Bild einer vergessenen oder vielleicht sogar verlorenen Generation.
Eine Generation, die unter von Kriegstraumata verschiedenster Art geprägten Eltern aufgewachsen ist. Diese Eltern versuchen, im Sinnbild des Films, ihre inneren Dämonen mit Alkohol verstummen zu lassen. Doch diese Menge an Hochprozentigem zersetzt nicht nur die Leber, sondern auch das eigene Herz und folglich die Beziehung zu allen nahestehenden Menschen.
Diese Eltern ziehen eine Generation heran, die keinen funktionierenden Zugang zu ihren Gefühlen mitgegeben bekommen hat. Gefühle überfordern, sind vielleicht sogar peinlich und müssen um jeden Preis verdrängt werden – etwa durch vermeintlich hypermaskulines Verhalten und die Ablehnung von allen als autoritär empfundenen Strukturen wie die Schule, die eigene Familie und Liebesbeziehungen auf Augenhöhe, weil einer Frau diese Gerechtigkeit nicht zugestanden und deshalb als Ungleichgewicht in der natürlichen Ordnung wahrgenommen wird.
★★★★☆
🇺🇸, R: Francis Ford Coppola, D: Matt Dillon, Mickey Rourke, Diane Lane, Dennis Hopper, Diana Scarwid, Vincent Spano, Nicolas Cage, Chris Penn, Laurence Fishburne, William Smith, Trailer, Wikipedia, Foto: Plaion Pictures
Dass den Russos bei einer in den 1990ern spielenden Geschichte nichts anderes einfällt, als ein paar abgegriffene Needle-drops über in elend ausgewaschene Bilder verpackte 08/15-Action zu stülpen...
Man muss es sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen, dass die Russos trotz Simon Stålenhags eindrücklicher visueller Vorlage praktisch keine hängenbleibenden Motive schaffen konnten. Extrem viel fußt dazu auf visuellem Humor, der nach zwei, drei Gags sich dann auch schon totgelaufen hat. Der Film verkennt das Spannungsfeld, das Simon Stålenhags retrofuturistische Illustrationen zwischen nostalgischer Magie und unheimlicher Anthropomorphisierung erzeugen.
Alles, was hier an Themen hinsichtlich Robotik und Transhumanismus konkret formuliert wird, ist eiskalter Kaffee und die finale, stumpf ausformulierte Botschaft reduziert nicht aufs Wesentliche, sondern trivialisiert und banalisiert die Rolle von Technologie in vernetzten Gesellschaften.
★☆☆☆☆
🇺🇸, R: Joe Russo, Anthony Russo, D: Millie Bobby Brown, Chris Pratt, Anthony Mackie, Alan Tudyk, Giancarlo Esposito, Stanley Tucci, Woody Harrelson, Ke Huy Quan, Jason Alexander, Holly Hunter, Colman Domingo, Brian Cox, Jenny Slate, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Netflix
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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