Hans Rosenthal verkörpert in dieser Vignette die Dichotomie der sogenannten deutschen Erinnerungskultur. Da ist die Kultur des Täter:innenvolks, die viel mehr ein Kultivieren des Vergessens ist. Da ist der innere Kampf von Rosenthal und anderen Jüd:innen, die die Nazis überlebt haben. Gegen die eigene Scham, Erinnerungen und eine Gesellschaft, die sich aus der Affäre zieht. Und das Ringen mit dem Verhältnis zu einer nachkommenden Generation von Jüd:innen, die diesen inneren Konflikt nicht in dieser Form austragen muss und deshalb radikaler zu denken pflegt.
Florian Lukas macht seine Sache als Hans Rosenthal ganz gut, das jedoch in einem eindeutig für den Second Screen geschriebenen Film. Es wird wirklich penibel viel Wert darauf gelegt, Themen, Standpunkte und Figuren sehr einfach, sehr klar und sehr deutlich auszuformulieren.
ROSENTAHL wird derart grob serviert, dass auch ein Publikum, das ihn nebenbei auf dem Fernseher laufen lässt, nicht den Anschluss verliert. Es gibt jedoch keine Welt, in der ein Film dadurch gewinnt. Vor allem mit diesem spannenden Zugang wäre hier viel möglich gewesen. Aber dieses Potenzial bleibt weitestgehend unangetastet, die meisten Chancen werden verschenkt.
★★½☆☆
🇩🇪, R: Oliver Haffner, D: Florian Lukas, Claude Heinrich, Silke Bodenbender, Hans-Jochen Wagner, Niklas Hummel, Benjamin-Lew Klon, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: ZDF, Ella Knorz
Der Film steht noch bis zum 21. März 2026 in der ZDF-Mediathek:
Der Film gibt schon darüber zu denken, wie wir als Gesellschaft mit unterstützungsbedürftigen Menschen umgehen. Denn wer es sich leisten kann, sourct (physische) Care-Arbeit einfach aus. Per se ist das natürlich kein Problem. (Diskutiert werden müssen natürlich die finanziellen Zugangshürden, aber das steht auf einem anderen Blatt.) Aber damit einher geht immer auch eine teilweise oder vollständige Auslagerung emotionaler Zuwendung. Die einen erleichtern sich einer emotionalen Last auf Kosten derjenigen Menschen, die anderen werden sozial isoliert. Aber sie leben noch, also können wir uns ja alle gegenseitig auf die Schulter klopfen.
Die in THELMA porträtierte Methode des Enkeltricks ist nun nicht gerade neu. Aber sie lässt sich auf die Situation abstrahieren, in der wir uns als globale Gesellschaft jetzt angesichts der Entwicklung generativer KIs gerade befinden. Was hier unreguliert und barrierearm auf die Menschheit losgelassen wird, ist ein Problem. Wir sind nicht auf den Impact dieser Tools, die Realität aus den Angeln heben und sie nach den Vorstellungen von Bad Actors (ver-)formen können, vorbereitet. Wir werden gerade bei vollem Bewusstsein am offenen Herzen operiert.
Verpackt ist das in einem augenzwinkernden Stil, der an Steven-Soderbergh-Heists und manchmal auch an Sean Bakers L.A.-Porträts erinnert. Das ist ganz nett, wird zuweilen aber auch überstrapaziert.
★★★½☆
🇨🇭/🇺🇸, R: Josh Margolin, D: June Squibb, Fred Hechinger, Richard Roundtree, Parker Posey, Clark Gregg, Malcolm McDowell, Nicole Byer, Coral Peña, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International Germany
Aus vielerlei Gründen hat Petra Volpe hier ganz großes und großartiges Kino vollbracht. Was alles zusammenbindet, ist die Form. Fast alle Shots sind nicht nur auf die von Leonie Benesch gespielte Protagonistin Floria gerichtet, sie sind dazu noch auf Augenhöhe. Die Kamera geht mit Floria in die Hocke und kommt auch wieder mit ihr nach oben. Sie wird weder überlebensgroß noch bemitleidend von oben herab inszeniert. Wir als Zuschauer:innen verlassen dadurch anderthalb Stunden lang nie Florias Erfahrungswelt, was diesen Film zu einem unglaublich intensiven Erlebnis macht.
Darauf zahlen auch die zahlreichen extrem langen Einstellungen ein, die eine ungewöhnliche Ruhe in diesen stressigen Film bringen und dadurch Raum schaffen, Floria bei der Arbeit zu zeigen. Während der Problemberg immer größer wird, sitzen ihre Handgriffe. Alles was sie tut, tut sie mit einem ungeheuren Selbstbewusstsein. Die Inszenierung dieser chirurgischen Präzision erinnert stellenweise an einen Michael-Mann-Film.
Dass in dieser Umgebung etwas, das wir als Publikum als GAU bezeichnen würden, eben nicht passiert, ist ein absoluter Boss-Move – genauso wie extreme Spannungsmomente eben nicht durch den Knall der Eskalation aufzulösen, sondern durch ein plötzliches Bewältigen des Moments. Der Film versteht einerseits, dass seine Protagonistin genau diese Momente verdient, und andererseits, dass die porträtierten Umstände der eigentliche GAU sind.
HELDIN ist für Leonie Benesch die konsequente Fortführung ihres Einsatzes in İlker Çataks DAS LEHRERZIMMER. Sie transportiert durch ihre Körpersprache so gut, klar beobachtet und nuanciert wie nur wenige andere Schauspieler:innen eine immer heftigere Anspannung. Benesch lässt ihre Figur gegen deren bebenden Körper kämpfen und liefert dabei ein beeindruckend kontrollierte Performance ab.
Der Name der Hauptfigur, Iris, ist ein Anagramm von Siri. Das sagt eigentlich schon alles darüber, was von diesem Film zu erwarten ist.
In der Ausgestaltung seiner Figuren, Themen und Motive ist dieser Film irgendwo zwischen zehn und 15 Jahren zu spät dran. Damals hätte die Frage nach einem selbstbestimmten Leben für fühlende Maschinen vielleicht noch ein laues Kaminfeuer entfacht. Aber selbst das ist in dieser Form allerspätestens seit BLADE RUNNER (1982) durchexerziert und verlangt heute unbedingt nach einer mindestens zeitgemäßeren, wünschenswerter Weise jedoch visionäreren Auseinandersetzung.
Immerhin wird hier nicht das alte Bild der durchknallenden Android:innen bedient, sondern gewissermaßen mit einem Sujet gespielt, das ein Echo unserer Welt ist: Kann eine Technologie inhärent gut oder schlecht sein oder sind es die Menschen, die darüber durch die entsprechende Nutzung entscheiden?
Das übergeordnete Problem ist jedoch, dass dieses Drehbuch keinen Faden konsequent durchdenkt. So binden ein paar pseudophilosophische Fragen die Aufmerksamkeit, während sich im Hintergrund alle ständig selbst auf die Füße treten.
Sich parallel zu alledem auch noch den Emanzipationsstempel aufzudrücken, wirkt wie ein billiges Ablenkungsmanöver von den tatsächlich eklatanten Schwächen des Films.
COMPANION ist nicht brutal schlecht, aber er ist egal. All das ist aggressives Mittelmaß.
★★½☆☆
🇺🇸, R: Drew Hancock, D: Sophie Thatcher, Jack Quaid, Lukas Gage, Megan Suri, Harvey Guillén, Rupert Friend, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment
Seit Clint Eastwood 2012 bei der National Rifle Association mit einem Stuhl als Ersatz für Barack Obama gesprochen hat, habe ich ihn irgendwie als komplett abgedrifteten Republikaner abgeheftet. Dass das nicht ganz fair war, zeigt dieser Film.
JUROR #2 hält mir den Spiegel vor. Klar, Eastwood ist weiterhin ein erzkonservativer Republikaner. Das zeigt sich hier alleine durch diesen krassen heteronormativen Kernfamilien-Fetisch. Das kann man gut finden oder nicht, denn für das, was der Film in meinen Augen versucht, spielt das gar keine große Rolle. Eastwood ist eben mehr als die skurrile Stuhl-Episode, und ich habe ihn trotzdem in eine Schublade gesteckt.
Eastwood inszeniert hier unter dem Brennglas des Gerichtssaals ein republikanisches Amerika, das die so offensiv vor sich hergetragenen Werte längst aus den Augen verloren hat. „Liberty and justice for all" ist Zeugnis einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft geworden, in der einzelne Gruppen für sich proklamieren, „all" zu sein. Law and order ist praktisch nur noch ein diskriminierendes Instrumentarium.
Ich muss kein Konservativer sein, um anzuerkennen, dass hier jemand sehr ruhig und klar für seine Werte argumentiert und sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen versteigt. Denn die durch ökonomische Faktoren immer größer werdende (und politisch vorangetriebene) Ungleichheit vor dem Gesetz sowie innerhalb eines Justizsystems, das mit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung nur schwächer wird, ist keine Ansichtssache, sondern Fakt. Auch mit konservativen US-amerikanischen Werten ist das nicht vereinbar.
Eastwood verhandelt mit seinem Gerichtsdrama die großen Themen der US-amerikanischen Gegenwart und mahnt den Verlust eines ganzen Wertekonstrukts bei gleichzeitigem Abstieg in den Höllenkreis der Vibe Politics an. Sein Film meint: Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber uns trotzdem verständigen können.
Ein wahrscheinlich zufälliges, aber spannendes Detail: Es sind ausgerechnet ein Brite (Nicholas Hoult) und eine Australierin (Toni Collette), die hier als Verhandler:innen der US-amerikanischen Werte ins Rennen geschickt werden – als ob die tatsächlichen US-Amerikaner:innen dazu schon gar nicht mehr in der Lage sind.
★★★★☆
🇺🇸, R: Clint Eastwood, D: Nicholas Hoult, Toni Collette, Zoey Deutch, Chris Messina, J.K. Simmons, Gabriel Basso, Cedric Yarbrough, Leslie Bibb, Kiefer Sutherland, Amy Aquino, Adrienne C. Moore, Drew Scheid, Hedy Nasser, Chikako Fukuyama, Francesca Eastwood, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment
Worauf es hier wirklich ankommt, nämlich die innere und nicht die äußere Reise, wird leider sträflich vernachlässigt. Zu viel wird über Dialog verhandelt. Zu selten verharrt der Film in Momenten und den daraus wachsenden Gefühlen. Zu oft scheint er von Station zu Station zu hetzen.
Die filmische Übersetzung der literarischen Metaphern wird mit Minimalaufwand erledigt, als ob es eine Aufgabe wäre, die man notgedrungen und gezwungenermaßen irgendwie noch abhaken musste. Hier werden kaum filmische Mittel ausgeschöpft. Deshalb wirkt dieser Roadtrip auch total abgegriffen – was bitter ist, weil mir Jasmin Schreibers Romanvorlagewirklich gefallen (€) hat.
★★☆☆☆
🇦🇹/🇮🇹/🇱🇺, R: Eileen Byrne, D: Luna Wedler, Edgar Selge, Willie Vonnemann, Martin Abram, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Oliver Oppitz, Alamode Film
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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