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Filmkritik

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Posts tagged with Filmkritik

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte

The Secret Agent (2025) - Ringen um Familie und Geschichte
Bild: Port-au-Prince Pictures, Central Film Verleih
BR/FR/NL/DE · R: Kleber Mendonça Filho · D: Wagner Moura, Tânia Maria, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Alice Carvalho, Udo Kier · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Das Ringen um die eigene Familie wird zum Ringen um die eigene Geschichte. Beides konnte während der Militärdiktatur in Brasilien von einem Moment auf den anderen ein Ende finden. Wie in Walter Salles' I'M STILL HERE ist das Motiv der Zeug*innenschaft zentral für den Film. Die Tonaufnahmen der zahlreichen Gespräche sind nicht unbedingt Absicherung, sondern Versicherung, dass die Geschichten dieser Leben nie einfach wie möglicherweise die Menschen einfach verschwinden, sondern die Zeit überdauern und irgendwann zu Ende erzählt und auch rekonstruiert werden können.

THE SECRET AGENT gelingt der Slow Burn außerordentlich gut und konstruiert entlang der Handlung viele kleine Momente, in denen sich spiegelt, wie eine Gesellschaft unter autoritärer Herrschaft kippt und umgekippt wird – etwa über die Alltäglichkeit und die folgende Desensibilisierung von zunehmend grotesker Gewalt; oder über die Herbeiführung ökonomischer Zwänge, um Korruption zugunsten von Regimegewalt um sich greifen zu lassen.

★★★★☆

Mr. Nobody Against Putin (2025) - Kontrolle durch Upload

Mr. Nobody Against Putin (2025) - Kontrolle durch Upload
Bild: ZDF, Arte, Made in Copenhagen
DK/CZ/DE/UK · R: David Borenstein, Pavel Talankin · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Dass zwischen Entstehungszeit und Veröffentlichung des verwendeten Videomaterials so viel Zeit lag, lässt sich dem Film natürlich nur schwer zum Vorwurf machen. Aber es hat dennoch zur Folge, dass diese Aufnahmen wenig neue Erkenntnisse produzieren. Der totalitäre Eingriff der russischen Regierung in das Bildungssystem war derweil nämlich Gegenstand unzähliger journalistischer Arbeiten.

Spannend (und tatsächlich neu) war für mich ein Detail: Es gibt Regierungsserver, auf die angefertigtes Videomaterial der in der Schule umgesetzten Propagandamaßnahmen hochgeladen werden muss. Das zeugt natürlich umso mehr von einem von der blanken Angst des Kontrollverlusts getriebenen Regime. Wie so oft sind in diesem Material genau die Stellen interessant, in denen geschwiegen wird. Die Leerstelle wird zum Ausdruck einer unterdrückten Haltung.

Doch es gibt durchaus auch Stellen, in denen offene Ablehnung der russischen Regierung dokumentiert wird. Mal sind es nicht näher benannte Stadtbewohner*innen, mal Lehrer*innen und mal junge Schüler*innen – und zwar nicht unkenntlich gemacht. Das ist angesichts der drohenden, im Zweifel tödlichen Konsequenzen für die klar oder zumindest sehr leicht Identifizierbaren ethisch untragbar. Es wirkt skrupellos-ausbeuterisch bis hin zu masturbatorisch ob der seltenen Aufnahmen, die der Produktion hier in die Hände gefallen sind.

Vielleicht gab es entsprechende Vorkehrungen, um die abgebildeten Menschen zu schützen oder sie zu unterstützen. Ob dem so ist, wird nicht verraten. Und das hinterlässt einen extrem bitteren Nachgeschmack.

Nachtrag vom 12.03.26: Meduza ist dem in einem größeren Stück nachgegangen und hat zumindest ein paar Antworten parat.

No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch

No Bears (2022) - Dokumentierter Widerspruch
Bild: Peripher Filmverleih
IR · R: Jafar Panahi · D: Jafar Panahi, Naser Hashemi, Vahid Mobasseri, Bakhtiyar Panjeei, Mina Kavani, Reza Heydari · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ich finde es immer wieder toll, wie Jafar Panahi stets auch einfach „nur“ Dokumentarist iranischen Lebens ist, das jedoch niemals zulasten der Schärfe seiner unermüdlichen Kritik an den iranischen Zuständen geht und auch niemals dazu führt, dass Menschen aus der Haftung genommen werden und zu leicht davonkommen.

NO BEARS dokumentiert und ist gleichzeitig Ausdruck der enormen Widersprüche, denen die Menschen in Iran und Jafar Panahi als vom Regime sanktionierter Kunstschaffender ausgesetzt sind, die auch in ihnen existieren und von ihnen fortgeschrieben werden.

Es ist die Auflage, das Land nicht verlassen zu dürfen und sich gleichzeitig aus freien Stücken dazu zu entscheiden, zu bleiben. Zu bleiben, um hinzusehen, Zeuge zu sein. Um dem Regime und seinen Vasallen über den Film sinngemäß ins Gesicht zu sehen: „Schaut her, ihr könnt mir gar nichts, ich finde immer einen Weg und werde Zeuge eurer totalitären Mangel sein!“

Dieses Zeugnis legt Panahi hinter mehreren, immer wieder gebrochenen, immer mal mehr und mal weniger durchlässigen Filmebenen ab. Fiktion wird Wirklichkeit, Wirklichkeit wird Fiktion, Blicke gleichzeitig geschärft und verschleiert – immer unter Lebensgefahr, immer gewillt, nicht einfach die Flucht zu ergreifen.

★★★★☆

Ghosts of Mars (2001) - Der bessere „Doom“

Ghosts of Mars (2001) - Der bessere „Doom“
Bild: Sony Pictures Entertainment Duetschland
US · R: John Carpenter · D: Natasha Henstridge, Ice Cube, Pam Grier, Jason Statham, Clea DuVall, Joanna Cassidy · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Auf jeden Fall der bessere DOOM, aber damit noch lange kein guter DOOM. Denn GHOSTS OF MARS ist unterm Strich eine ziemliche Mogelpackung, über die eine im Schnitt übergestülpte Erzählstruktur hinwegtäuschen soll.

Letztlich sehen wir hier einen Haufen wild zusammengewürfelter und zusammenhangslos inszenierter Action-Set-Pieces, in denen wenig passiert und noch weniger vorangetrieben wird. Die werden dann hemdsärmelig als Aneinanderreihung von Flashbacks im Rahmen einer Verhörsituation versucht, zusammenzubinden.

In der Art und Weise der Reduktion von allem, was nicht über die Action verhandelt wird, erinnert sehr an das, was Paul W. S. Anderson kurze Zeit später mit RESIDENT EVIL beginnen sollte.

★½☆☆☆

Gesehen: Reflection in a Dead Diamond (2025) - Alles bricht

Alles wird permanent neu zusammengesetzt

Gesehen: Reflection in a Dead Diamond (2025) - Alles bricht
Bild: Plaion Pictures

Alles bricht – das Licht in der Kristallstruktur der Diamanten, die Bilder, die Töne, die Grenze zwischen Fiktion und Realität, die vierte Wand, der Fluss der Zeit, die Ausdruckswege sowie die Kohäsion von Erzählung und Wirklichkeit.

Die Vergangenheit wird von der Gegenwart reflektiert, die Gegenwart spiegelt sich in den Scherben der Vergangenheit. Alles wird permanent neu zusammengesetzt, aber es ist immer dasselbe Licht, das auf dasselbe Prisma fällt, nur aus leicht verschobenem Winkel. Originalität und das Originäre sind gleichzeitig Illusion und Permanenz.

Alles ist sich immer wieder von innen nach außen stülpender Pastiche. Und das schafft in dieser Form fast schon ironischerweise Transparenz, legt Blickstrategien frei und offenbart, wie unser Blick auf sowie unsere Inszenierung von Geschlecht, Körper, Anmut und Erotik – im guten wie im schlechten Sinne – jeden Bruch zu überdauern scheinen.

★★★★☆

Infos & Extras

Gesehen: Mountainhead (2025) - Gesiebtes Gelächter

Fängt gut an, leiert schwer nach

Gesehen: Mountainhead (2025) - Gesiebtes Gelächter
Bild: HBO Max

War dann doch etwas überrascht davon, wie wenig MOUNTAINHEAD auf reinen Pointen fußt. Denn er macht ziemlich konsequent klar, dass es diesen Gestalten nicht einmal vergönnt sein sollte, ausgelacht zu werden. Deren Taten sollen einfach nicht für auch nur das kleinste Fünkchen Freude verantwortlich sein – außer, durch die Gitterstäbe einer Gefängniszelle hindurch.

Dennoch verfällt der Film ziemlich schnell in ermüdendes Leiern, und wiederholt immer und immer wieder die gleichen Psychopathien. Dass es keine ethischen Milliardäre geben kann, ist sehr schnell offenkundige Position von MOUNTAINHEAD. Sich dafür immer und immer wieder Gesinnungsapplaus abzuholen, ist faul.

Was dann aber wiederum für einen Film dieses Kalibers ganz okay funktioniert, ist die in jede Faser mit verwobene Männlichkeitskritik. Diese Typen scheitern krachend an sich selbst, ihrem Alphagehabe, ihren Fehlinterpretationen griechischer und römischer Philosophie und ihrer grenzenlosen Unkultiviertheit. Unermesslicher Reichtum ist kein Gradmesser für Intelligenz, sondern ausschließlich für Skrupellosigkeit. Widerspruch ist keine Hysterie, Macht kein Anrecht.

Es mag zwar vielleicht mit der Realität korrespondieren, dass der Film genau diese Männer dann doch sehr leicht vom Haken lässt. Doch dieses Ende verlangt nach entsprechender Vorbereitung, die hier einfach nicht stattfindet. Das hinterlässt einen unironisch zynischen Nachgeschmack.

★★½☆☆

Infos & Extras