Das Leben ist einfach zu anstrengend, um es auch noch nach den Vorstellungen anderer zu leben.
Foto: Rapid Eye Movies
Das Leben ist einfach zu anstrengend, um es auch noch nach den Vorstellungen anderer zu leben. Diese Botschaft transportiert der Film mit einer wunderschön ausgeglichenen und melancholischen Ruhe, die jedoch nicht mit Resignation verwechselt werden sollte.
Der Alltag dieser Frauen vibriert ausdauernd vor sich hin, bis wir nicht mehr anders können, als zu resonieren – zu verstehen, dass ob all der Zwänge, Vorschriften und Erwartungen nur wenig bis gar kein Raum dafür bleibt, auf sich, seine Wünsche und Bedürfnisse zu hören. Und auch zu verstehen, dass all das so erschöpfend ist, dass viele nicht nur praktisch kein Raum, sondern auch keine Energie für Wut übrig haben zu scheinen.
Aber in der Ruhe liegt tatsächlich die Kraft – die Kraft des Films und überhaupt. Die Kraft zu erkennen, dass eine Absage an all die Zwänge, Vorschriften und Erwartungen die Welt nicht zu einem schlechteren, sondern zu einem besseren Ort für alle Menschen macht. Aus den Fugen gerät nur die Ordnung der Welt, die repressive Kräfte zum Erhalt der eigenen Macht als Natur der Dinge verkaufen wollen.
Es fällt mir wirklich schwer, hier mehr darin zu sehen oder herauszuziehen als die Perspektive eines Menschen (Östlund), der mit Welt und Gesellschaft einfach nicht mehr klarkommt, den alles ankotzt, dem eine gewisse Monotonie zum Hals heraushängt, der deshalb einfach erst mal dagegen sein will.
Das größte Potenzial, das in diesem Film verborgen ist, ist das Aufbegehren gegen versteinerte gesellschaftliche Strukturen, die keinem Menschen mehr Raum zur Entfaltung bieten, die keine Koexistenz unterschiedlicher Weltbilder zulassen.
Dagegen kann man gerne sein. Aber ich finde es einfach nicht interessant, wenn über diese Ablehnung hinweg nicht viel angeboten wird. Es fehlt der strukturelle Blick oder vielleicht sogar eine Utopie – auch, wenn die nie ein Muss sein sollte. Aber hier passiert einfach kaum mehr, als dagegen™ zu sein.
★★☆☆☆
🇸🇪, R: Ruben Östlund, D: Erik Rutström, Ola Sandstig, Britt-Marie Andersson, Julia Persdotter, Mikael Allu, Bjarne Gunnarsson, David Olandersson, Pär Berg, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Hinden/Länna-Ateljéerna, Plattform Produktion
Für die einen eine Dystopie, für Carsten Linnemann sowas wie eine Anleitung
Foto: Hideho Urata, Film Partners, Urban Factory, Fusee
Chie Hayakawa hat hier wirklich ein großartiges Worldbuilding durch zahlreiche kleine Details betrieben – kluge Details, die fast schon beiläufig davon erzählen, wie tief dieser Abgrund tatsächlich ist, in den diese Gesellschaft immer noch hineinfällt.
Es ist die verriegelte Tür des Seniorenheims, durch die Besucher:innen erst hereingebeten werden, nachdem sie mit einem Metalldetektor abgesucht wurden. Das wird nicht weiter kommentiert, aber: Zusammen mit der Aufnahme einer Nachrichtensendung ganz zu Beginn des Films, in der von vermehrten Übergriffen auf alte Menschen die Rede ist, ergibt sich ein erschreckendes Bild.
So setzt Hayakawa Stück für Stück ein komplexes Puzzle zusammen, das kaum auf ausbuchstabierte Exposition angewiesen ist. Am Ende steht das Bild eines neoliberalen Fiebertraums, in dem eine vom Staat eingeräumte, vermeintliche Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe durch den Fleischwolf des kaum regulierten Marktes gedreht wird. Individuelle ökonomische Umstände lassen die Entscheidung über die Inanspruchnahme der Sterbehilfe unfrei werden. Die Privatisierung dieses Geschäfts ist ein Abschied von allem, was wir heute als Zivilisation beschreiben. Die Eskalation ist nicht nur eingepreist, sondern für kapitalistisches Wachstum auch unabdingbar.
Der Film beschreibt das so: Regierung liberalisiert aktive Sterbehilfe ab 75 -> Regierung lässt private Anbieter auf den Markt und reguliert unzureichend -> private Anbieter müssen Wachstum (aka mehr Sterbehilfekund:innen) vorweisen -> es werden Umstände geschaffen, in denen der Tod als Lösung erscheint.
Alte Menschen werden unter dem Vorwand von höherem Risiko für Betriebsunfälle entlassen -> entlassene alte Menschen können sich die Miete für ihre Wohnung nicht mehr Leisten -> Menschen bekommen nicht nur keine günstigere, sondern gar keine Wohnung mehr, weil niemand mehr an Alte vermieten will -> Menschen landen auf der Straße -> private Anbieter sorgen für Anti-Wohnungslosen-Vorrichtungen auf Bänken im öffentlichen Raum -> Anbieter gerieren sich an diesen Orten mit kostenloser Essensausgabe für Bedürftige als Ritter in glänzender Rüstung und haben den unbürokratischen Anmeldebogen für das Sterbehilfe-Paket gleich neben der Suppenkelle liegen.
Plötzlich ist der selbstgewählte Tod also keine freie Entscheidung mehr, sondern zwingend notwendig, wenn man nicht elend erfrieren will. Das mag vielen von uns wie eine dystopische Zuspitzung vorkommen. Aber die im Film vorangegangene verfehlte Sozialpolitik sehen wir auch schon bei uns. Und Rechtsausleger:innen wie ein Carsten Linnemann sprechen bereits unverhohlen davon, dass Rentner zu wenig arbeiten würden. Er gibt ihnen implizit Mitschuld für eine Lage, die aus Politikversagen heraus entstanden ist. Wir befinden uns längst auf dem Weg in eine Welt, wie sie sich Chie Hayakawa hier ausgemalt hat.
Es passt gut ins Bild, dass Casey Affleck hier Regie geführt hat.
Foto: Plaion Pictures
Der Film öffnet mit einer sehr eindrucksvollen Collage, für die etliche Szenen mehrerer Late-Night-Shows übereinandergelegt wurden. Doch statt einem wirren Durcheinander ergibt sich ein regelrechter Chor aus zahlreichen Stimmen, die fast alle gleich klingen – in Betonung, im Rhythmus, im Timing und so weiter.
Das macht I'M STILL HERE zu einem Film über Medien und die Geschichten, die sie allesamt auf Krampf erzählen wollen, die an Einfältigkeit kaum zu überbieten sind und nach denen trotzdem das Verlangen nicht versiegen zu scheint.
Das macht I'M STILL HERE auch zu einem Film über uns als Publikum. Ein Publikum, das geifernd, voller Genuss und manchmal regelrecht masturbatorisch über am Boden liegende Menschen herfallen, sie zuerst in den Himmel heben, nur um sie von dort aus direkt in die Hölle zu stoßen.
Das macht I'M STILL HERE wiederum unfreiwillig zu einem Film über die patriarchale Gesellschaft. Britney Spears, die sogar im Film Erwähnung findet, musste nach einer psychischen Ausnahmesituation unter den Augen der Weltöffentlichkeit die Kontrolle über ihr Leben abgeben und sich der Vormundschaft ihres Vaters unterwerfen. Das ist keine Kandarre, an die Joaquin Phoenix genommen worden wäre. Er wäre einfach der exzentrische Typ geblieben, der trotz allem sehr weich gefallen wäre.
Das scheint mir nur keine Dimension, die der Film wirklich zu reflektieren versucht. Es passt also gut ins Bild, dass gegen Regisseur Casey Affleck nach der Produktion Vorwürfe hinsichtlich sexueller Übergriffigkeit erhoben wurden und er erst fast zehn Jahre später eingestand: „I contributed to that unprofessional environment and I tolerated that kind of behavior from other people and I wish that I hadn't. And I regret a lot of that ... I behaved in a way and allowed others to behave in a way that was really unprofessional. And I'm sorry."
Geschichten voller Widersprüche und damit zutiefst menschlich
Foto: Hanfgarn & Ufer Filmproduktion
Es war total faszinierend, für knapp 80 Minuten kurz in das Leben dieser Menschen einzutauchen. Denn es wird relativ schnell klar, dass die Obsession Film hier weitestgehend nur ein Mittel zum Zweck zu sein scheint – ein Mittel, sich zu betäuben, vor der eigenen Realität zu flüchten und/oder das Grundrauschen nie enden zu lassen, um die vielleicht unbequemen Fragen, die im Unterbewusstsein lauern, zu übertönen.
Es lässt sich nur darüber spekulieren, woher diese Fragen rühren. Naheliegend wären traumatische Erlebnisse, soziale Isolation durch stigmatisierte Neurodivergenz oder psychische Erkrankungen. Doch an diesen Stellen bohrt der Film nicht weiter – und das muss er auch nicht, denn das wäre eine unnötige Grenzüberschreitung, die dieses so urteilsfreie und empathische Dokument ins Ausbeuterische drängen würde.
Was diesen Film so faszinierend macht, ist genau diese warme menschliche Seite und nicht, diesen Übernerd-Kolleg:innen zu lauschen. Denn so, wie sie sich vor der Kamera präsentieren und von ihr präsentiert werden, fällt vor allem auf: Diese Menschen scheinen keine Filmfans im offensichtlichen Sinne zu sein. Alle artikulieren weitestgehend nicht, warum sie diesen oder jenen Film nun gut oder schlecht fanden. Sie sind besessen von Ästhetik und noch viel mehr von den Abläufen und Umständen eines Kinobesuchs. Hauptsache gesehen, das Kinoticket für die Sammlung behalten, das Programmheft mitgenommen, andere Menschen zurechtgewiesen, die die strenge Etikette nicht eingehalten haben.
Hier werden so viele Widersprüche zutage gefördert. Das ist der zutiefst menschliche Kern des ganzen Films: Geschichten voller Widersprüche.
Was der Film verkennt: Desillusionierung ist noch keine Bestrafung.
Foto: Les Films du Camélia
Die ach so gnädigen italienischen Faschisten eröffnen den griechischen Frauen großzügig die Möglichkeit, sich und ihren Familien als Prostituierte einen (Über-)Lebensunterhalt zu verdienen. Frei von Zwängen ist diese Option für die Frauen selbstverständlich überhaupt nicht. Für viele ist es die letzte Möglichkeit, in einem von Italiens Faschisten in den Hunger gezwungenen Land zu überleben. Andere Völker zu entmenschlichen und sich deren Körper anzueignen, ist das Brot und Butter von Faschist:innen.
Den griechischen Frauen dann einen italienischen Leutnant an die Seite zu stellen, der sich letztlich als Verbündeter erweist, lässt jedoch angemessene Konsequenz vermissen. Denn der darf noch 1942(!) behaupten, er interessiere sich nicht für Politik, als er gefragt wird, ob er Faschist sei.
Zwar wird er mit den Taten seiner Kameraden konfrontiert und dadurch desillusioniert, doch mit der Fahrlässigkeit seiner eigenen Gleichgültigkeit, die ihn natürlich nicht vom Tätersein freispricht, muss er sich nie wirklich auseinandersetzen. Sein Wandel ist ihm nicht abzusprechen, aber er kommt ungestraft davon. Und das stößt sauer auf.
★★★½☆
🇫🇷/🇩🇪/🇮🇹, R: Valerio Zurlini, D: Anna Karina, Lea Massari, Marie Laforêt, Tomas Milian, Mario Adorf, Valeria Moriconi, Aleksandar Gavrić, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Les Films du Camélia
Der Film steht noch bis zum 01. Juli 2025 kostenlos in der Arte-Mediathek:
Die heutigen Dailies unter anderem mit: „Twin Peaks“ für umme, Spielepodcasts und roten Linien
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