…mit dem Irrglauben, dass Plot der interessante Kern von Das Parfum ist.
…mit einem lächerlichen Voiceover, das permanent Superlative behaupten muss, weil Tom Tykwer daran scheitert, sie filmisch greifbar zu machen.
…mit generell uninspirierter Inszenierung, die eigentlich nur einen einzigen wirklich filmischen Moment hat: die Orgie praktisch ganz zum Schluss.
★★☆☆☆
BE/FR/DE/ES/US, R: Tom Tykwer, D: Ben Whishaw, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Dustin Hoffman, Sian Thomas, Corinna Harfouch, Karoline Herfurth, Trailer, Wikipedia
(c) SVT Drama, Easy Film, Nordisk Film & TV Fond, Roy Andersson Filmproduktion
Trotz seiner offenbar sehr tief sitzenden Misanthropie komme ich immer wieder gerne und mit Genuss zu Roy Andersson zurück – weil er so viele absurd komische Ideen hat und überaus clevere Bilder für die offenen Wunden der Gesellschaft findet, in die er erbarmungslos sein Salz streut.
„Das Leben ist ein Markt“, lässt Andersson eine seiner Figuren die ganze Misere auf den Punkt bringen. Wenn die oberste Maxime das Verkaufen – am besten immer mit einer extra Null hinten dran – ist, setzen unweigerlich Entfremdung und Entsolidarisierung ein. Arbeiter*innen treten beim Versuch, über Wasser zu bleiben, zunehmend nach unten, anstatt nach oben zu greifen.
Irgendwann sind nur noch aschfahle Menschenhüllen übrig, die sich kaum noch vom Grau der Stadt abzuheben vermögen und praktisch eins mit der industriellen Architektur werden.
Und trotzdem werden lieber ohne mit der Wimper zu zucken Kinder geopfert und wortwörtlich in die Glaskugel geschaut, als die unsichtbare Hand des Marktes infrage zu stellen. Gesellschaft, aber als unendlicher Stau, dessen Abgaswolke jeden noch so kleinen Keim der Kunst gnadenlos erstickt.
★★★★☆
SE/DK/NO, R: Roy Andersson, D: Lars Nordh, Stefan Larsson, Bengt C.W. Carlsson, Torbjörn Fahlström, Sten Andersson, Rolando Nunez, Lucio Vucina, Peter Roth, Klas-Gösta Olsson, Nils Eriksson, Hanna Eriksson, Tommy Johansson, Sture Olsson, Fredrik Sjögren, Trailer, Wikipedia
Der Affenzahn, diese absolut irre Schlagzahl, in der man hier einen messerscharfen Gag nach dem anderen um die Ohren gehauen bekommt, das ist einfach beeindruckend. So viele sitzende Pointen am Stück bin ich einfach nicht gewohnt. Viele Filme versuchen mit einer Fülle an Gags zu überfluten. Aber da ist normalerweise sehr viel Schwund dabei. Nur hier sitzt einfach überdurchschnittlich viel.
Dazu kommt eine sehr treffsichere Analyse des Nachkriegsdeutschlands: wie die US-amerikanische Ausprägung des Kapitalismus einer Hälfte des Landes übergestülpt wurde und auch dadurch die Denazifizierung gescheitert ist und so viel alte Naziseilschaften überleben konnten – weil die fast schon religiöse Verehrung dieses zur de facto Schattenverfassung gewordenen Wirtschaftssystems und dessen enge Verstrickung mit vermeintlich freiheitlichen Werten letztlich eine einfache Lösung für ein unendlich komplexes Problem versprochen haben.
Das Drehbuch arbeitet außerdem beeindruckend präzise heraus, wie irre es ist, wenn sich gesellschaftspolitische Diskurse irgendwann nur noch um zu leeren Worthülsen verkommene Begriffe und nicht um Inhalte drehen. Beispielhaft etwa der Ostberliner Polizist, der bei einer Kontrolle bei jemandem das Wall Street Journal entdeckt, nur „Wall Street“ sieht und damit bereits klar ist: Wir haben es hier mit einem Klassenfeind aus dem Westen zu tun, der das sozialistische Paradies mit dem kapitalistischen Virus in den Abgrund stürzen will. Das sagt auch viel über unserer Gegenwart aus. Wir sind als Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar keinen Millimeter weiter gekommen, weil die heute ausgetragenen Kulturkämpfe nichts anderes sind.
★★★★☆
US, R: Billy Wilder, D: James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Howard St. John, Hanns Lothar, Trailer, Wikipedia
Jeanne Moreaus abschätzige, von Ekel durchzogene Blicke sind das Herz dieses Films. Denn eine Welt, in der Macker wie die Männer in diesem Film glauben, mit allem davonkommen zu können, über anderen Menschen zu stehen und Frauen seien ihr Spielzeug, könnte abgründiger kaum sein. Hell is empty, and all the devils are here.
Diese Typen hinterfragen nie ihre eigene Position, reflektieren nie ihr Handeln und überdenken nie getroffene Entscheidungen – ganz im Gegensatz zu Jeanne Moreaus Julie Kohler, die sich zwar auf einen moralisch verwerflichen Rachetripp begibt, sich dessen aber klar bewusst ist und letztlich auch Verantwortung für ihr Handeln übernimmt. Sie kann gewissermaßen im Reinen mit sich selbst sein, während das ihre Opfer vor deren Tod überhaupt nicht von sich behaupten konnten.
Formal betrachtet ist das hier sicherlich keine von Truffauts stärkeren Filmen. Für mich liegt das daran, dass er sich stellenweise gleichzeitig sehr gehetzt und sehr zäh angefühlt hat. Die Ortswechsel, die Setups – all das passiert wahnsinnig schnell. Und dann verbringen wir sehr viel Zeit an den jeweiligen Orten, an denen schnell abgesteckt wird, für welche Art von Abgrund sie stehen, und danach nur noch seltsam ausgedehnt um das Absehbare herumgetänzelt wird. Das ist für mich die größte Schwäche des Films, die jedoch dem Gesamtpaket und -genuss praktisch keinen Abbruch tut.
★★★½☆
FR/IT, R: François Truffaut, D: Jeanne Moreau, Michel Bouquet, Jean-Claude Brialy, Charles Denner, Claude Rich, Michael Lonsdale, Daniel Boulanger, Trailer, Wikipedia
Wenn man sich für einen Moment die Haneke-Brille aufsetzt und das hier als Betrachtung von überwältigender Trauer als alles zersetzende Kraft und Kontrastmittel für all das Abgründige, das sich hinter der Fassade dieser spießbürgerlichen Vorstadtidylle verbirgt, versteht, dann hat man mit MOTHERS’ INSTINCT eine ganz passable Zeit.
★★★☆☆
BE/GB/US, R: Benoît Delhomme, D: Anne Hathaway, Jessica Chastain, Anders Danielsen Lie, Josh Charles, Trailer, Wikipedia
Um genau diesen Moment in der Zeit nachvollziehen zu können, bin ich ein bisschen zu jung. Aber das Gefühl, um das Edward Yang hier immer und immer wieder kreist, steckt im Grunde genommen in jedem von uns. Denn wie begegnet man einer Welt, die immer größer wird, in der es immer weniger Grenzen gibt, in der sich alles immer schneller dreht, es keine Momente des Innehaltens mehr zu geben scheint? Wie schafft man Orte der Reflexion, während der Fahrtwind einem um die Ohren rauscht? Wie sollen bei diesem irren Tempo alte Wunden versorgt oder gar geheilt werden?
Die Frage ist, ob man sich auf den Ritt einlässt oder das Spektakel erstmal an sich vorbeiziehen zu lassen. Die Zurückbleibenden werden jedoch irgendwann unweigerlich von den Hunden gebissen, die Vorpreschenden laufen zunehmend Gefahr, mit Vollgas gegen die nächste Wand zu fahren. Fressen oder gefressen werden inmitten einer Welt voller Ambivalenzen, in der einstige Traditionen und Werte zunehmend an Bedeutung verlieren – zum Guten wie zum Schlechten. Am Ende bleibt erstmal ein Gefühl der Entfremdung, das für einen Moment unüberwindbar scheint und sich schließlich Stück für Stück in Melancholie auflöst.
★★★★☆
TW, R: Edward Yang, D: Chin Tsai, Hou Hsiao-hsien, Wu Nien-jen, Lin Hsiu-Ling, Su-Yun Ko, Trailer, Wikipedia
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
Recommendations
Shelfd
Keine Zeit für schlechte Streams. Bei Shelfd findet ihr jede Woche handverlesene Empfehlungen und Kolumnen – von echten Menschen, nicht vom Algorithmus.