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Filmkritik

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The Wizard of the Kremlin (2025) - Herrschaft = Kunst + Macht

The Wizard of the Kremlin (2025) - Herrschaft = Kunst + Macht
Bild: Constantin Film
🎬
FR/GB/US · R: Olivier Assayas · D: Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Tom Sturridge, Jeffrey Wright, Will Keen · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Wie Kunst und Politik hier miteinander zu einem Machtporträt verschränkt werden, hat mir eigentlich ganz gut gefallen. Politik (im Sinne von Herrschaft) als Ergebnis von Kunst plus Macht zu inszenieren, ergibt für mich ein ziemlich interessantes Spannungsfeld und eine gelungene Reibungsfläche.

Noch vor der ersten Szene macht der Film über eine Texteinblendung klar: Das hier präsentierte gesprochene Wort ist Fiktion. Damit bedient sich der Film selbst aus demselben künstlerischen Werkzeugkasten wie die Subjekte in seinem Zentrum und zieht eine im besten Sinne irritierende Abstraktionsebene zusätzlich ein.

Nur die Kapitelstruktur läuft sich, vor allem im letzten Drittel des Films, etwas tot. Es fühlt sich dann nämlich zunehmend einfach nur noch an wie das Abhaken einer Liste à la „Wir brauchen noch das und dies und jenes“ aus falschem Pflichtbewusstsein.

★★★½☆

Withnail & I (1987) - Schwarze Löcher

Withnail & I (1987) - Schwarze Löcher
Bild: Handmade Films
GB/CA · R: Bruce Robinson · D: Richard E. Grant, Paul McGann, Richard Griffiths, Ralph Brown, Michael Elphick · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Withnail ist wirklich ein wandelndes Schwarzes Loch – eigenartig anziehend in seinem trunken nach außen getragenen Selbstbewusstsein, menschenfressend in seiner Selbstüberhöhung, Hybris und Anspruchshaltung, bodenlos in Ambitions- und Würdelosigkeit.

„Der Körper schreitet voran, der Geist folgt" wird besonders gerne eher leicht depressiven Menschen mit auf den Weg gegeben. Withnail folgt einem ähnlichen Prinzip. Er lebt konsequent den Exzess, weil er überzeugt davon ist, dass der (eigentlich dafür notwendige) Erfolg dann schon automatisch folgen wird.

Alle in seinem Umfeld reißt er mit hinein in dieses Himmelfahrtskommando. Dann gibt es nur noch zwei Überlebenschancen: Entweder Withnail zögert das Desaster mit dem nächsten Grift noch einmal heraus und kann etwas zum Essen auf den Tisch stellen. Oder der eigene Schwung reicht, um sich bei der nächsten Umdrehung um Withnail wieder aus der Umlaufbahn lösen zu können.

★★★½☆

Henry Fonda for President (2024) - Perspektive schreibt Geschichte

Henry Fonda for President (2024) - Perspektive schreibt Geschichte
Bild: Mischief Films, Medea Film Factory, Michael Palm
AT/DE · R: Alexander Horwath · Trailer · Letterboxd · IMDb · Wikipedia

Zeigt natürlich vor allem, wie Geschichte alleine durch Perspektive geschrieben wird. Die Geschichte der USA durch die Linse von Henry Fonda, seiner Filme und seines politischen Engagements ist – so progressiv, so links, so antirepublikanisch sie auch sein mag – immer noch die eines enorm privilegierten weißen Mannes. Das nicht aufzubrechen, ist nicht etwa Alexander Horwaths Unvermögen zuzuschreiben, sondern fühlt sich nach einer bewussten Entscheidung an.

So wird innerhalb der drei Stunden immer klarer, wie sich politische sowie gesellschaftliche Verhältnisse und die in deren Kontext geschaffene Kunst einander bedingen. Wie Kunst die Verhältnisse nicht nur infrage stellt, sondern sie in gewissem Maße immer auch spiegelt und damit fortschreibt. Die Form, die sich daraus ergebende narrative Struktur wird somit Teil einer streng implizit geführten Kritik.

Mit der Faust in die Welt schlagen (2025) - Schweigen bis zum Tod?

Mit der Faust in die Welt schlagen (2025) - Schweigen bis zum Tod?
Bild: Across Nations
DE · R: Constanze Klaue · D: Anton Franke, Camille Loup Moltzen, Anja Schneider, Christian Näthe, Steffi Kühnert, Sammy Scheuritzel, Meinhard Neumann · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Der Film beginnt mit einem unerwarteten Moment der Stille, die kurz darauf zwar gebrochen wird, sich jedoch fortan auf andere Art fortsetzt: durch das Schweigen. „Ist das deine Flasche [Schnaps]?“ Der alkoholkranke Vater schweigt. „Wo ist eigentlich Opa?“ Die Mutter schweigt. „Weißt du, wer [das Hakenkreuz hier hingesprüht hat]; wer die Typen, die aus dem Auto heraus den Hitlergruß gezeigt habe, waren?“ Der Junge schweigt. Schweigen bis zum Tod?

Den beiden Brüder im Zentrum von MIT DER FAUST IN DIE WELT SCHLAGEN fehlt Sicherheit, fehlt Klarheit, fehlt ein Ausblick und damit gewissermaßen die Zukunft. Wann können wir endlich aus unserer Plattenbauwohnung in das eigene Haus umziehen? Muss ich mich vor meinen Schulfreund:innen dafür schämen, dass wir kein Geld für den Urlaub haben? Werden Mama und Papa sich trennen?

Das sind Fragen, die die Welt der beiden Heranwachsenden kaum zusammenhalten können. Wirklichen Bestand hat nur die Unbeständigkeit, das Auseinanderdriften und das aus dem Fokus Geraten der Welt der beiden Jungs. Das Ringen um Klarheit ist Alltag. Was Klarheit schafft, sind Fakten. Und wer schafft Fakten? Nazis. Es sind freilich einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft unwürdige und menschenfeindliche Fakten, aber es sind Fakten.

Nazis ziehen rigorose Grenzen, markieren eindeutige Feindbilder, weisen anscheinend einfache Lösungen für komplizierte Problem aus, stellen sich durch Gewalt in einer behaupteten Hierarchie über andere Menschen und zünden Geflüchtetenunterkünfte an. Eine so in Schwarz und Weiß geteilte Welt bietet die Illusion einer für die beiden Brüder verführerischen Perspektive an.

Auch das Schweigen darüber muss gebrochen werden. Wer sich rechtsextrem äußert muss sich wieder schämen, muss ausgegrenzt und geächtet werden, muss permanenten Widerspruch erfahren. Wenn die gesellschaftlichen Kosten nicht den Ruin bedeuten, dann läuft irgendwas falsch.

★★★★☆

Rave On (2025) - Rauschkino

Rave On (2025) - Rauschkino
Bild: Weltkino
DE · R: Nikias Chryssos, Viktor Jakovleski · D: Aaron Altaras, Clemens Schick, June Ellys Mach, Ruby Commey, Bineta Hansen, Benny Claessens, Hieroglyphic Being, Lucia Lu · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Ein absolut affektgetriebenes Rauschkino, das mich stellenweise sehr an Patric Chihas THE BEAST IN THE JUNGLE erinnert hat. Es ist, als ob der Club eine Art Taschendimension wäre, in der die Zeit aus verschiedenen Richtungen ineinander läuft, sich verknotet und schließlich wieder entwirrt. In der die Gegenwart nicht auf die Vergangenheit folgt, sondern parallel zu ihr liegt.

Dazu die Musik, die die Naturgesetze und unsere davon geprägte Wahrnehmung der Welt aus den Angeln zu heben scheint. Die eine kollektive Ekstase heraufbeschwört, in der dennoch individueller Taumel stattfinden kann. Die Menschen in ihrer Verschiedenheit vereint.

Ein bisschen schade ist es deshalb schon, dass der Film den von ihm heraufbeschworenen sensorischen Rausch wiederum ungeschickt mit einem unnötigen Geistermotiv und überflüssigen Erläuterungen zum offenkundigen Geschehen bricht.

★★★☆☆

The Piano Accident (2025) - Hinterherhächelnde Verspottung

The Piano Accident (2025) - Hinterherhächelnde Verspottung
Bild: Chi-Fou-Mi Productions
FR · R: Quentin Dupieux · D: Adèle Exarchopoulos, Jérôme Commandeur, Sandrine Kiberlain, Karim Leklou · Trailer · Letterboxd · IMDb · JustWatch · Wikipedia

Mir scheint, aus dem Vorreiter des Skurrilen mit THE PIANO ACCIDENT ein dem Absurden hinterherhechelnder Quentin Dupieux geworden zu sein. Die Entlarvung von Influencer:innen, die Verspottung von deren verblendeten Anhänger:innen, das ist in Teilen sicherlich angebracht, dann aber auch wieder einen Hauch anachronistisch.

Denn die keineswegs brandneue Erkenntnis, dass etwa das Publikum keineswegs eine dümmliche Masse ist, die belächelt werden sollte, sondern mitunter Opfer manipulativer Kommunikation und Algorithmen geworden sein könnte, blendet der Film aus.

Klar, ich sollte hier keine Analyse, die wirklich en détail durch jede Schicht dringt, erwarten. Habe ich auch nicht. Aber dass zumindest an der richtigen und wichtigen Stelle nach oben geschlagen wird, erscheint mir nicht zu viel verlangt.

★★½☆☆