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Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 97

Gesehen: Neustadt. Stau - Der Stand der Dinge (2000)

Eine junge Frau in blauem Pulli sitzt vor einer hölzernen Schrankwand am Tisch u. hat vor sich 3 Bilder von ihren 3 Kindern.
(c) ÖFilm, Stiftung Deutsche Kinemathek

Die Ampel bleibt rot – das ist das letzte Bild des Films vor der Schwarzblende. In meinem Kopf hindert sie den letzten Zug daran, Halle-Neustadt zu verlassen. Wer an die Zukunft dachte, saß in einem der vorherigen Züge. Wer in der Vergangenheit schmorte, kam zu spät.

Thomas Heise wird hier mit seiner Kamera Zeuge der Ursachen und Folgen eines radikalen Braindrains innerhalb der Stadtteilgesellschaft. Natürlich hat das auch mit den wirtschaftlichen Folgen der Wende für Sachsen-Anhalt zu tun. Aber eben auch damit, dass Rechte – von Konservativen bis zu Neonazis – sich unter anderem großflächig an diesem Punkt überschneiden: die Verachtung von Bildung.

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Gesehen: Miller's Girl (2024)

Gesehen: Miller's Girl (2024)
Martin Freeman und Jenna Ortega // (c) Studiocanal

Wilde These, aber vielleicht eignet sich Dark Romance gar nicht dazu, derlei Machtstrukturen zu ergründen? Konkret in diesem Fall ist das jedenfalls so. Denn Komplexität und Grauzone werden lediglich behauptet.

Hier geht es nicht um Transgression oder auch nur eine erotische Gratwanderung, sondern letztlich um eine grotesk verschobene Wahrnehmung von Täter und Opfer, die mit einem „Irgendwie sind doch beide ein bisschen Schuld" und ein bisschen Genrekitsch überspielt werden soll.

So komplex wie der Film offenbar seine Fragestellungen begreift, so klar ersichtlich sind die Antworten darauf. Ein deutlich älterer Mann überschreitet mehrere Grenzen zu seiner gerade 18 Jahre alten Schülerin,

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Gruschel mich! Die StudiVZ-Story – erzählt von Zapp

Gruschel mich! Die StudiVZ-Story – erzählt von Zapp
StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani mit Mark Zuckerberg // (c) NDR/privat

Fritz Lüders hat für das NDR-Medienmagazin Zapp einen kurzweiligen Einstünder über Aufstieg und Fall von StudiVZ sowie die prägenden Figuren des damaligen Unternehmens produziert. Die Aufmachung ist flashy, etwas netflixy und für meinen Geschmack mit ein bisschen zu viel erzwungenem Humor unterlegt. Trotzdem kehrt der Film diesen Fiebertraum, zu dem nicht nur das Gruscheln und coole Gruppennamen, sondern eben auch sexuelle Belästigung, unmoderierte Nazipropaganda, Bro-Culture und strukturelles Chaos gehören, ganz gut zusammen.

Für die Doku spricht Autor Fritz Lüders erstmals mit allen wichtigen Akteuren der Unternehmensgeschichte wie dem Gründer Ehssan Dariani, der sich bis dahin jahrelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen
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The Substance-Q&A mit Coralie Fargeat und Guillermo del Toro

The Substance-Q&A mit Coralie Fargeat und Guillermo del Toro
Guillermo del Toro und Coralie Fargeat // Screenshot: Mubi

Eine tolle Paarung, die Mubi da für ein Q&A zum großartigen THE SUBSTANCE zusammengebracht hat: die Regisseurin Coralie Fargeat und Guillermo del Toro. Die beiden sprechen unter anderem über die Brachialität des Films, über die ich nach dem Kino auch noch länger nachgedacht habe. Denn es geht hier laut Fargeat darum, eben nicht irgendwelchen (patriarchalen) Benimmregeln zu gehorchen, sondern mit Gewalt nach außen zu kehren, was schon lange in ihr brodelte.

Die knappe Viertelstunde ist eigentlich viel zu wenig, denn man merkt, wie viel sich die beiden zu sagen haben und dass das nicht nur weichgespültes Marketinggewäsch, sondern

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Gesehen: Abschied von gestern (1966)

Gesehen: Abschied von gestern (1966)
Alexandra Kluge als Anita G. // (c) Edition Filmmuseum

Diese deutsche Gegenwart lässt sich nicht ohne den Blick in die deutsche Vergangenheit erzählen. Wo alte Naziseilschaften sich auch nach der sogenannten Entnazifizierung über Jahrzehnte hinweg weiter halten, dadurch teilweise weiterhin auf einflussreichen Positionen sitzenbleiben und folglich auf die gesellschaftliche Entwicklung haben konnten. Wo statt wirklicher Aufarbeitung viel eher ein Totschweigen der Vergangenheit die Regel ist, weil man ja sonst mit sich selbst, der eigenen Familie, den Freund:innen und Nachbar:innen ins Gericht gehen müsste. Dort kann es weiterhin keinen trittfesten Boden für Jüd:innen egal welches Alters geben. Und das steckt in jeder Pore dieses Films.

★★★★☆

🇩🇪, R: Alexander
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Gesehen: Tuesday (2023)

Gesehen: Tuesday (2023)
Julia Louis-Dreyfus // (c) Stage 6 Films

Der Film hat genau das gleiche Problem wie eine seiner beiden Protagonistinnen: Er traut sich einfach nicht, dahin zu gehen, wo es wirklich wehtut, wo die Trauer überwältigend ist und unendlich scheint.

Am meisten selbst im Weg steht sich der Film mit seiner zentralen Metapher, die sich bereits nach zehn Minuten quasi totgelaufen hat und dieser Anordnung keinen Millimeter weiterhilft. Es ist die Flucht in die Einfältigkeit, weil in diesem Film zwar extrem komplexe Emotionen und Verhaltensmuster zugrunde liegen, von denen wir als Publikum jedoch kaum etwas mitbekommen. Es wird viel behauptet, aber wenig geliefert.

Von unter anderem Tod, Verlust,

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