Skip to Content

Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 42

Wie FORREST GUMP von rechtsaußen vereinnahmt wurde

Broey Deschanel legt frei, warum Robert Zemeckis' Film gealtert ist wie Milch.

Wie FORREST GUMP von rechtsaußen vereinnahmt wurde
Foto: Hannah Raine, Broey Deschanel / Paramount Pictures, Universal Pictures Home Entertainment

Broey Deschanel widmet sich der Frage, wie FORREST GUMP von rechtsaußen für vereinnahmt wurde. Eine entscheidende Rolle dabei spielte Regisseur Robert Zemeckis, unter dessen Fuchtel die Romanvorlage unter der hier behandelten Fragestellung wohl eher zum Schlechteren abgewandelt wurde.

[...]But its cinematic trickery, conspicuous omissions and perplexing additions, emphasis on the emotional over the social and romantic sentimentality where there should be satire, is why so many conservatives back then saw it as a mouthpiece. The consequence is that FORREST GUMP did have immediate mass appeal, as its creators intended, but in the years to follow, it's aged like milk.

(Irgendwie war mir bis heute nicht klar, dass FORREST GUMP tatsächlich auf einem Roman fußt – und zwar Forrest Gump von Winston Groom.)

„Über Zombies, Lyrik und unsere Hassliebe zur Kunst": Johannes Franzen bei Jan Skudlarek über Wut und Wertung

Gestritten wird schließlich immer!

„Über Zombies, Lyrik und unsere Hassliebe zur Kunst": Johannes Franzen bei Jan Skudlarek über Wut und Wertung
Foto: Frankie Cordoba / Unsplash

Anlässlich der Veröffentlichung seines Buches Wut und Wertung – Warum wir über Geschmack streiten taucht Johannes Franzen immer mal wieder in den verschiedensten Formaten zu diesem Thema auf. Es ist quasi the gift that keeps on giving, denn das Buch ist zwar bereits im Oktober 2024 erschienen, aber gestritten wird natürlich permanent.

Bei Jan Skudlarek im Podcast wird das Thema nun auch noch einmal aufgegriffen. Ich will das Gespräch empfehlen, weil die beiden nicht nur ein großes Augenmerkt auf die wissenschaftliche bzw. akademische Perspektive legen, sondern ihr auch genügend Raum und Zeit einräumen. Damit kann man als Laie nicht nur folgen, sondern ist hinterher auch klüger als vorher. Also jedenfalls bilde ich mir das ein 😉

Gesehen: Don’t Come Knocking (2005) - Auf der Felge zu Kreuze kriechen

Eine Welt wie aus dem Pinsel Edward Hoppers.

Gesehen: Don’t Come Knocking (2005) - Auf der Felge zu Kreuze kriechen
Foto: Studiocanal

Hat mich über Einsamkeit, Geld und Macht nachdenken lassen.

Da gibt es den von Tim Roth gespielten Filmstudio-Vasallen, dessen Ankunft am Set im Helikopter inszeniert ist wie das Herabsteigen des Erzengels Gabriel aus dem Himmel. Letztlich ist diese Figur jedoch ausschließlich Interessenvertreter des Kapitals, in dessen Sinne nur der Profit und nie die Kunst ist.

Das Studio hat die Filmemacher*innen in ihrer Gewalt, die wiederum die Schauspieler:innen in ihrer Gewalt haben. Diese Macht-Matrjoschka scheint als natürliche Ordnung wahrgenommen zu werden, aus der der von Sam Shepard gespielte Protagonist fliehen muss.

Doch wohin fliehen? Die Welt, durch die der Protagonist und die anderen Figuren laufen, könnte aus dem Pinsel Edward Hoppers entsprungen sein – mit großen, einfarbigen Flächen und klaren Kontrasten, durch die ein Schwellenraum zwischen Wärme und Kühle entsteht und dem Mensch, der in diesen Motiven fast untergeht, einsam zurückbleibt oder gar verschluckt wird.

Bezeichnend (und leider treffend) ist schließlich, dass der Mensch am Ende vor dem Kapital zu Kreuze kriecht – hier der Protagonist, der in seinem Auto mit zerschossenen Reifen auf der Felge bis vor die Füße des Studiovasallen eiert.

Eher nicht so zugesagt hat mir dieses in Teilen klischierte Bild einer midwestern USA.

★★★½☆

🇫🇷/🇩🇪/🇬🇧/🇺🇸, R: Wim Wenders, D: Sam Shepard, Jessica Lange, Tim Roth, Gabriel Mann, Sarah Polley, Fairuza Balk, Eva Marie Saint, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Studiocanal

Der Film steht noch kostenlos bis zum 25. August 2025 in der Arte-Mediathek:

Don’t Come Knocking - Film in voller Länge | ARTE
Der alternde Film-Cowboy Howard ist gerade vom Set seines neuen Films abgehauen. Verfolgt von einem Versicherungsagenten, besucht er nach 30 Jahren das erste Mal seine Mutter, die ihm erzählt, dass er womöglich einen Sohn hat. Howard begibt sich auf eine turbulente Reise und die Suche nach sich selbst ... Für den Deutschen Filmpreis nominierter Spielfilm (2005) von Wim Wenders.
Don’t Come Knocking - Stream: Jetzt Film online anschauen
Wo und wie heute “Don’t Come Knocking” im Stream online auf Netflix, Prime Video, Disney+ uvm. schauen - inklusive 4K & Kostenlos Option!
A ★★★½ review of Don’t Come Knocking (2005)
Hat mich über Einsamkeit, Geld und Macht nachdenken lassen. Da gibt es den von Tim Roth gespielten Filmstudio-Vasallen, dessen Ankunft am Set im Helikopter inszeniert ist wie das Herabsteigen des Erzengels Gabriel aus dem Himmel. Letztlich ist diese Figur jedoch ausschließlich Interessenvertreter des Kapitals, in dessen Sinne nur der Profit und nie die Kunst ist. Das Studio hat die Filmemacher:innen in ihrer Gewalt, die wiederum die Schauspieler:innen in ihrer Gewalt haben. Diese Macht-Matrjoschka scheint als natürliche Ordnung wahrgenommen zu werden, aus der der von Sam Shepard gespielte Protagonist fliehen muss. Doch wohin fliehen? Die Welt, durch die der Protagonist und

Gesehen: Threads (1984) - Point of no Return

Alles wird zu einem Kartenhaus, wenn der Windstoß nur stark genug ist.

Gesehen: Threads (1984) - Point of no Return
Foto: Pidax Film

Obwohl es zeitlich ziemlich genau passen würde, scheint THREADS nicht gewissenlos die noch vorherrschende Nuclear Panic im Kalten Krieg für seine Zwecke zu missbrauchen, um möglichst effektive Effekthascherei zu betreiben.

Vielmehr ist es ein Film über (politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche) Systeme mit großem wie scharfem Augenmerk auf Prozesse, wie die unüberblickbar vielen Zahnräder ineinandergreifen, welche Abhängigkeiten auch auf den zweiten, dritten und vierten Blick bestehen und welche Ambivalenzen die Systeme produzieren – alles getrieben durch den Faktor Mensch.

Der Kern der Geschichte: Alles wird zu einem Kartenhaus, wenn der Windstoß nur stark genug ist. Darin liegt auch die Zeitlosigkeit des Films begründet, durch die sich Parallelen zu anderen Krisen – wie etwa der Corona-Pandemie – ziehen lassen.

Der Film ist außerdem kein Appell zur Aufrüstung, weil Aufrüstung Sicherheit verspricht, aber sie letztlich nur vorgaukelt. Auch ein Appell für mehr Diplomatie ist der Film nicht. Denn wenn in – in diesem Fall – Europa der nukleare Winter herrscht, hilft auch keine Diplomatie mehr.

Es gibt Points of no Return, an denen das Ende besiegelt wird und ab dem die Menschheit nur noch Verwalter des sicheren eigenen Todes ist.

★★★★☆

🇦🇺/🇬🇧, R: Mick Jackson, D: Karen Meagher, Reece Dinsdale, David Brierly, Rita May, Nicholas Lane, Jane Hazlegrove, Henry Moxon, June Broughton, Sylvia Stoker, Harry Beety, Ruth Holden, Ashley Barker, Michael O’Hagan, Phil Rose, Steve Halliwell, Brian Grellis, Peter Faulkner, Anthony Collin, Michael Ely, Sharon Baylis, David Stutt, Phil Askham, Anna Seymour, Fiona Rook, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Pidax Film

Tag Null - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Wo und wie heute “Tag Null” im Stream online auf Netflix, Prime Video, Disney+ uvm. schauen - inklusive 4K & Kostenlos Option!
A ★★★★ review of Threads (1984)
Obwohl es zeitlich ziemlich genau passen würde, scheint THREADS nicht gewissenlos die noch vorherrschende Nuclear Panic im Kalten Krieg für seine Zwecke zu missbrauchen, um möglichst effektive Effekthascherei zu betreiben. Vielmehr ist es ein Film über (politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche) Systeme mit großem wie scharfem Augenmerk auf Prozesse, wie die unüberblickbar vielen Zahnräder ineinandergreifen, welche Abhängigkeiten auch auf den zweiten, dritten und vierten Blick bestehen und welche Ambivalenzen die Systeme produzieren – alles getrieben durch den Faktor Mensch. Der Kern der Geschichte: Alles wird zu einem Kartenhaus, wenn der Windstoß nur stark genug ist. Darin liegt auch die Zeitlosigkeit des

Gesehen: The Killer (2024) - Instagrammatic Bloodshed

John Woo findet hier, was er mit SILENT NIGHT vergeblich versucht hat.

Gesehen: The Killer (2024) - Instagrammatic Bloodshed
Foto: Universal Studios

Ich bin wirklich kein Heroic-Bloodshed- und John-Woo-Experte. Nach SILENT NIGHT mit Joel Kinnaman, den ich wirklich unerträglich fand, hatte ich wirklich keine großen Erwartungen an diese Neuinterpretation seines eigenen Hong-Kong-Klassikers, den ich zudem auch (noch) nicht gesehen habe. Mit diesem fehlenden Kontext kann ich jedoch sagen: Mir hat das wirklich gefallen.

In SILENT NIGHT hat John Woo sinngemäß nach einer Sprache ohne Worte gesucht, sie aber nicht gefunden. Dafür gelingt ihm dieses Vorhaben in THE KILLER, dem ich das Label Instagrammatic Bloodshed aufdrücken möchte. Woo bedient sich der Ästhetik des Influencer:innen-Zeitalters und orchestriert sich daraus eine eigene Sinfonie zusammen. Er spielt mit der absolut aalglatten Künstlichkeit dieser Bilder, für die jede noch so banale Bewegung zu einem epischen Move inszeniert wird.

Aber nicht nur ästhetisch, sondern auch strukturell nähert sich Woo an die digitale Selbstdarstellung bzw. Kommunikation an, deren Kern der Remix ist. Auch Woo remixt: JOHN WICK, MISSION IMPOSSIBLE und THE INTOUCHABLES, aber auch Anleihen an Ai Weiweis Stuhlinstallationen finden sich versatzstückartig in THE KILLER. Nur passieren diese Zitate hier nicht aus reinem Selbstzweck, sondern sie werden (zueinander) in einen neuen Kontext gesetzt. Sie sind gleichzeitig (Selbst-)Referenz, Dekonstruktion und neuer Ausdruck.

Als formale Versuchsanordnung hat mir dieser Film also ziemlich viel Spaß bereitet.

★★★½☆

🇨🇦/🇺🇸, R: John Woo, D: Nathalie Emmanuel, Omar Sy, Sam Worthington, Diana Silvers, Grégory Montel, Saïd Taghmaoui, Éric Cantona, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Studios

The Killer - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
Wo und wie heute “The Killer” im Stream online auf Netflix, Prime Video, Disney+ uvm. schauen - inklusive 4K & Kostenlos Option!
A ★★★½ review of The Killer (2024)
Ich bin wirklich kein Heroic-Bloodshed- und John-Woo-Experte. Nach SILENT NIGHT mit Joel Kinnaman, den ich wirklich unerträglich fand, hatte ich wirklich keine großen Erwartungen an diese Neuinterpretation seines eigenen Hong-Kong-Klassikers, den ich zudem auch (noch) nicht gesehen habe. Mit diesem fehlenden Kontext kann ich jedoch sagen: Mir hat das wirklich gefallen. In SILENT NIGHT hat John Woo sinngemäß nach einer Sprache ohne Worte gesucht, sie aber nicht gefunden. Dafür gelingt ihm dieses Vorhaben in THE KILLER, dem ich das Label Instagrammatic Bloodshed aufdrücken möchte. Woo bedient sich der Ästhetik des Influencer:innen-Zeitalters und orchestriert sich daraus eine eigene Sinfonie zusammen. Er

„Attraktiv für autoritäre Populisten": Christoph Safferling über die turbulente Geschichte des Strafrechts

Immer wieder nachträglich beängstigend, auf was für einem dünnen Fundament die Bundesrepublik eigentlich gegründet wurde.

„Attraktiv für autoritäre Populisten": Christoph Safferling über die turbulente Geschichte des Strafrechts
Foto: Benjamin Cheng / Unsplash

Im auch für Nicht-Jurist*innen wie mich immer wieder bereichernden Verfassungsblog schreibt Straf- und Völkerrechtler Christoph Safferling ausführlich über die Entwicklung des deutschen Strafrechts nach den Nazis.

Spätsommer 1951, Bonn: Das Bundesjustizministerium legt dem Bundestag seinen Entwurf für ein neues Staatsschutzstrafrecht vor, formuliert von Juristen, die einst für das NS-Regime arbeiteten. Der Kalte Krieg liefert den Anlass, die alten Konzepte zurückzuholen. Schon damals zeigt sich, wie im Namen der Sicherheit Strafgesetze gezielt genutzt werden können, um politische Gegner zu delegitimieren und die Kontrolle über gesellschaftliche Entwicklungen zu sichern.

Der gesamte Text führt noch einmal aus rechtsgeschichtlicher Sicht vor Augen, auf was für einem dünnen Fundament die Bundesrepublik eigentlich gegründet wurde. In meinem Fach würde man sagen: Das war ganz schön mit der heißen Nadel gestrickt. Auch „hemdsärmelig" ist ein Wort, das mir dazu einfallen würde.

Aber nur, weil wir damals™ offenbar ein paar Kugeln entgangen sind, heißt das nicht, dass wir über den Berg sind. Ganz im Gegenteil, es ist so wichtig wie schon sehr lange nicht mehr, sich gegen autoritäre Strömungen in Gesellschaft und Politik aufzulehnen und für demokratische Prinzipien einzustehen.

Der politische Meinungsaustausch darf nicht vorschnell unter strafrechtlichen Generalverdacht gestellt werden. Wie schnell Strafrecht ideologisiert und zu politischen Zwecken missbraucht werden kann, zeigt der Blick in unsere eigene Nachkriegsgeschichte und die Auswüchse der Kommunistenverfolgung.

Strafrecht bleibt ein scharfes Schwert und schon die Drohung mit seinen Mitteln schüchtert ein. Es ist gerade deshalb attraktiv für autoritäre Populisten zur Absicherung von Macht. Demokratie aber lebt von Vielfalt, Argumenten und Überzeugungen. Der Ruf nach dem Strafrecht muss, bei aller berechtigter Sorge um die Sicherheit, immer ultima ratio bleiben.
Wer schützt wen vor wem?
Die Geschichte des Staatsschutzstrafrechts in der Bundesrepublik ist geprägt von NS-Kontinuitäten, politischer Instrumentalisierung und antikommunistischer Paranoia im Kalten Krieg. Juristen mit NS-Vergangenheit formten 1951 ein Strafrecht, das autoritäre Denkmuster fortschrieb und zur Verfolgung politischer Gegner nutzbar machte. Trotz Reformen ab 1968 bleibt der Staatsschutz ein sensibles Instrument, das stets zwischen legitimer Sicherheitsvorsorge und Machtmissbrauch balancieren muss. Die Lehre aus der Geschichte: Strafrecht darf in einer Demokratie nur ultima ratio sein – und muss vor allem die Freiheitsrechte der Bürger schützen.