In einer Welt, in der Nihilismus die einzige Option scheint, ist das Vertrauen in Chaos der einzige Ausweg.
Foto: Atom Films
Ein wahnsinnig deprimierender Film, der eine Welt zeichnet, in der der einzig sinnvolle Bewältigungsmechanismus Nihilismus zu sein scheint, weil es keine substanzielle Perspektive gibt. Ohne Perspektive keine Hoffnung. Ohne Hoffnung nichts, wonach sich streben lässt. Wofür also überhaupt noch nach fremden Regeln leben? Oder überhaupt leben?
Es ist diese Welt, die die in ihr lebenden Menschen zu Händler*innen reduziert. Hier existieren keine Familien, keine Freund*innenschaften, keine Liebesbeziehungen mehr, sondern nur noch Handelsbeziehungen, bei denen es ausschließlich darum geht, möglichst viel für sich selbst herauszuschlagen und im Optimalfall das Gegenüber dabei noch möglichst hart über den Tisch zu ziehen.
Diese Menschen sind gefangen in einem Zustand der ewigen Vorhölle, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Denn wer in diesem Umfeld festsitzt und merkt, wie die eigene Menschlichkeit mit jeder Handlung ein Stück weiter entfleucht, der weiß, dass es den anderen auch so geht.
Dort kann es kein Vertrauen mehr geben. Wo es kein Vertrauen mehr gibt, kann es auch keine Liebe geben.
Edward Yang lässt seine Geschichte trotzdem nicht vollends von der Finsternis schlucken. Aber er scheint dennoch nie wirklich von Hoffnung, sondern einem nihilistischen Vertrauen auf das Chaos des Universums zu vertrauen. Glückliche Fügung scheint ihm fremd, Zufall eine fast schon zu optimistische Beschreibung.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Tang Tsung-sheng, Chang Chen, Lawrence Ko, Virginie Ledoyen, Wu Nien-jen, Elaine Jin, Carrie Ng, Chang Kuo-chu, Nick Erickson, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
Paul Thomas Anderson hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
Foto: Warner Bros. Entertainment
Diese teilweise uramerikanischen Motive von den Muscle-Cars auf den unendlichen, pfeilgeraden Highways durch karge Wüstenlandschaften unter der sengenden Sonne, von den in der Enge des Canyons aufeinandertreffenden wortkargen Revolverhelden mit den politischen Gegebenheiten unserer Zeit aufzuladen und das in Vistavision mit haufenweise eleganten wie verführerischen Tracking-Shots zusammenzubinden, geht einfach total gut auf.
Die Satire mag sehr laut sein, aber das verkommt nie gänzlich zum Selbstzweck, sondern bietet gleichermaßen ein gutes Fahrwasser für filigranere Konstruktionen, über die wiederum tatsächliche politische Machtverhältnisse subtiler kommentiert werden.
Ein Beispiel: Haha, die linken Aktivistenspinner wie Leonardo DiCaprios Figur graben Fluchttunnel quer durch den Wald und kommen am Ende wortwörtlich unter einer vergammelten Campingplatztoilette heraus. Dann wesentlich später im Film: Wir sind wieder unter der Erde, dieses Mal aber in einem regelrecht palastartigen Untergrundkomplex der White Supremacists.
Über Anordnungen wie diese wird herausgearbeitet: Hier herrscht keine Waffengleichheit und die von einem „linken Mainstream" lamentierende Gruppe ist ökonomisch um ein unendlich Vielfaches besser gestellt, was wiederum in reellem politischen Einfluss resultiert.
Womit ich immer noch hadere, ist die satirische Ebene des Films, die zwar wie beschrieben durchaus einen Zweck erfüllt, aber nach meinem Dafürhalten auch eine Art Kapitulation vor der Realität ist. Denn irgendwie wird der Vorhang des Humors nie ausreichend zurückgezogen, um einmal die US-amerikanischen Zustände unironisch als das anzuerkennen, was sie sind: eher nicht zum Lachen und für marginalisierte Menschengruppen zunehmend lebensgefährlich. Wahrscheinlich hat mir wirklich das im Halse steckenbleibende Lachen gefehlt. Hier wird mehr durchgelacht – und manchmal eben genau so entrückt, wie man eben lacht, wenn man mit der Welt überfordert ist. Nur weiß ich nicht so recht, ob ich das Paul Thomas Anderson als Stilmittel zugestehen will.
Dass PTA die Sache trotzdem ernst ist, ist auf jeden Fall in der Figurenzeichnung seiner Protagonistin zu erkennen. Denn die ist wie seine eigenen vier Kinder Tochter einer Schwarzen Frau und eines weißen Mannes. Alleine dadurch schwingt jede Menge schmerzliche Überforderung, gleichzeitig aber auch klare und inspirierende Entschlossenheit mit.
Klar gefallen hat mir, wie der Film mit dem routinierten Chaos arbeitet. Wenn das Militär und die bis unter die Zähne bewaffnete Polizei in einen Stadtteil einfällt, dann passiert das mit chirurgischer Präzision. Gleichzeitig entwickelt sich die durch das Eintreffen der Einsatzkräfte aufkommende Unruhe schnell zu einem unübersichtlichen Flächenbrand – in dessen Schatten dann wiederum die streng eingeübten Gegenchoreografien der Zivilgesellschaft anlaufen. Das Chaos ist Routine ist das Chaos ist Routine.
PTA hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
★★★★☆
🇺🇸, R: Paul Thomas Anderson, D: Leonardi DiCaprio, Chase Infiniti, Sean Penn, Benicio des Toro, Regina Hall, Teyana Taylor, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment
Zwanzig Minuten, in denen die Grenzenlosigkeit kindlicher Fantasie mit der Banalität des Ortes Baumhaus zusammenkommen. Für die Kinder ist das ein König:innenreich. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass das auch nur ein Reich von deren Eltern Gnaden ist. Denn die waren es, die das Baumhaus letztlich zusammengezimmert und abgesichert haben. Die Eltern schaffen ihren Kindern so einen Freiraum innerhalb bewusst abgesteckter Grenzen. Im übertragenen Sinne: Freiheit wird nie frei von Abhängigkeiten sein und kann ohne gegenüberliegende Verbote nicht existieren.
Was es natürlich nicht braucht, ist ein weiterer Streaming-Service. Der deutsche Filmverleih Neue Visionen bringt nun trotzdem einen neuen an den Start. Zugegeben: Gänzlich neu ist der Service nicht, es wird nur ein bestehender namens Goodmovies umgebrandet. Interessant ist das, weil Neue Visionen „auf Eigenproduktionen, die das Filmangebot weiter kontextualisieren sollen", setzen will, wie Damian Sprenger bei The Spot schreibt. Fünf eigens dafür produzierte Formate sind angekündigt. Das ist meiner Meinung nach genau das, womit man sich als Streaming-Service überhaupt noch mehrwertig abheben kann.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
LinkedIn verwendet künftig Nutzer*innendaten auch zum Training von KI-Modellen. Eine absolute, aber wohl zu erwartende Sauerei: Die ganze Nummer ist natürlich Opt-out. Wer eingeloggt ist, kann hier seine Zustimmung entziehen.
Martin Schwarzbeck hat das für Netzpolitik.org noch einmal nachvollziehbar und ein bisschen Drumherum aufgeschrieben.
Weil gerade #Oktoberfest ist:
Das Dirndl, so wie wir es heute kennen, ist keine ländliche Tracht, sondern entstand Ende des 19. Jh als Mode bei Städterinnen, die dieses auch im Urlaub in den Bergen trugen. Maßgeblich beteiligt an dieser Mode waren die jüdischen Gebrüder Wallach, die in München
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Angelika Schoder hat drüben bei musermeku eine tolle Liste mit Vampirfilmen, die nichts mit Dracula zu tun haben, zusammengestellt. Auch eine Handvoll Buchtipps zu den jeweiligen Filmen gibt's dazu. Großartiges Paket!
BKM Wolfram Weimer streicht den Kulturpass und das kommt eher nicht so gut an:
Die Bundesschülerkonferenz reagierte empört. "Wieder werden wir im Stich gelassen", erklärte Generalsekretär Quentin Gärtner. "Da darf sich die Politik nicht wundern, wenn wir zu Kulturbanausen werden."
Der Kulturpass sorge für Chancengleichheit. "Es kann nicht sein, dass nur die Kinder von Ärzten und Anwälten ins Theater und ins Kino gehen können", meinte der Schülervertreter.
Nun, genau diese Rückkehr zu einer Kunst, die nur von einem elitären Publikum konsumiert werden kann, scheint mir kein Bug, sondern ein bewusst gesetztes Feature in Weimers Plan zu sein.
Was dann wiederum die Dokudrama-Ästhetik da verloren hat, weiß ich auch nicht...
Foto: DCM Stories, Road Movies, Wim Wenders
Diese Welt, die sich Anselm Kiefer hier geschaffen hat und in die Wim Wenders zusammen mit uns abtaucht, habt mich sehr viel an THE BRUTALIST und SYNECDOCHE, NEW YORK denken lassen. Denn es ist nicht nur der Umstand, dass Architektur und Kulisse natürlich auch Ergebnis künstlerischen Ausdrucks sein können. Es geht immer auch um den räumlichen Kontext, in dem sie platziert werden, und natürlich auch darum, von wem sie platziert werden.
Anselm Kiefers Stück Land ist voller Bereiche, die sich wie Dimensionstaschen anfühlen – die mitten in unserer Realität plötzlich ganze Universen öffnen und zugänglich machen, in deren Entrücktheit nicht nur Unbehagen, sondern auch grenzenlose Schönheit verankert ist.
Wim Wenders lässt seine Kamera davon in den Bann ziehen und setzt so Anselm Kiefers verschiedene Ausdrucksformen schwelgerisch in Szene.
In fast schon krassem Gegensatz dazu stehen die dramatisch nachgestellten Szenen aus Kiefers jüngeren Jahren, in denen er mal von seinem Sohn Daniel, mal von seinem Großneffen Anton gespielt wird. Diese Momente sind absolute Fremdkörper in einem Film, der letztlich nur bedingt den Künstler als Person, sondern vor allem seine Kunst und sein künstlerisches Schaffen porträtiert. Diese Dokudrama-Ästhetik fällt total aus dem Rahmen und hat etwas ziemlich Albernes an sich.
„Die wahre menschliche Alphabetisierung im KI-Zeitalter bedeutet also gerade nicht, unsere Begrenztheit zu überwinden, Code und Programm als Quelle der Bedeutung zu verstehen[...]."
Es freut mich wirklich sehr, dass Gert Scobel das mit der Rente nur so halb ernst gemeint hat und jetzt auf Youtube weitermacht. Seine Videos stoßen mir bisher immer neue Türen auf und bieten Perspektiven, die im „Tagesgeschäft" vom Schaum vor den Mündern eher verdeckt werden.
Auch sein Video über generative KI war für mich in dieser Hinsicht sehr bereichernd:
Die Frage der Zukunft ist daher, ob und wie wir KI wirklich nutzen können, um selber weise zu werden. Shukai Matsumoto sagt: Eine KI zeigt uns nicht, wie wir werden sollen, sondern wer wir jetzt sind. Sie fungiert als ein philosophisches Kontrastmittel, das unsere eigene Natur und unsere eigene Perspektive erst sichtbar macht. Und das ist sehr lehrreich, aber auf eine ganz andere Weise, als wir normalerweise glauben.
Die wahre menschliche Alphabetisierung im KI-Zeitalter bedeutet also gerade nicht, unsere Begrenztheit zu überwinden, Code und Programm als Quelle der Bedeutung zu verstehen, selber coden und programmieren zu können. Wir sind es, die einem Phänomen Bedeutung geben. Wir. Und wir geben auch der KI ihre Bedeutung.
Was wir brauchen, ist in seinen Augen ein neuer Humanismus, der nicht auf der Überlegenheit über andere Wesen basiert, sondern unser eigenes Bewusstsein kultiviert und transparent macht für die Einzigartigkeit und Zerbrechlichkeit unserer eigenen, aber relativen Existenzweise.
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
Nach der einfach nur niederschmetternden Recherche des Spiegel zur sexualisierten (digitalen) Gewalt, die Collien Fernandes erfahren hat, lese ich viele Texte, von denen ich erst mal zwei hier festhalten möchte.
Jasmin Schreiber:
Wer auf diese Zahlen hinweist, bekommt verlässlich zu hören: Aber die meisten Männer sind doch anständig. Stimmt. Mein
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