Nichts in diesem Buch ist verklärt, aber auch nicht vom Pessimismus verschlungen. Es ist fast schon banal, und darin liegt die Poesie.
Cover: Klett-Cotta, Foto: Maximilian Gödecke
Wie Martina Hefter hier die Poesie im vermeintlich Tristen, im kargen und entbehrungsreichen Alltag sucht, herausarbeitet und auch erschafft, das finde ich sehr inspirierend. Ihren Figuren gibt sie Namen, die aus der griechischen Mythologie entsprungen sein könnten, was ihnen den Anschein von Überlebensgröße verleiht, obwohl sie eigentlich vergleichsweise einfache Leben führen und sich – mal mehr und mal weniger – mit Problemen wie jede:r andere auch konfrontiert sehen.
Das wird hier eingelassen in eine sehr ruhig und wohlig fließende Balance zwischen Aufblühen auf der einen und fast schon deprimierender Stagnation, wenn nicht sogar Regression auf der anderen Seite. Nichts an diesem Buch ist krampfhaft, sondern elegant in den Unwägbarkeiten des Lebens geerdet. Nichts ist verklärt, aber auch nicht vom Pessimismus verschlungen. Es ist fast schon banal, und darin liegt die Poesie.
Edward Yang verhandelt radikale Umbrüche nicht nur durch seine Figuren, sondern auch in der Form seines Films.
Foto: Atom Films
„Ich mag meine Bücher und die deine Fernsehsendung" – darum dreht sich ein Streit zwischen zwei der Figuren von Edward Yang. Vielleicht lassen sich Menschen wirklich klar in diese beiden, scheinbar unvereinbaren Kategorien einordnen. Vielleicht sind es diese beiden Kategorien, die diesen Moment in Taipeh in dieser Zeit so treffend wie nur wenig andere Bilder beschreiben.
Wirtschaftsboom, Demokratisierung, zunehmende Adoption als westlich wahrgenommener Werte. Tradition trifft auf Moderne, Konservatismus auf freiheitlicheres Denken, vermeintlich bewussteres Leben auf radikalen Konsum im Turbokapitalismus. Edward Yang zeigt unter dem Brennglas eine Stadt, in der bisherige Denkkategorien nicht mehr funktionieren, bisherige Wege plötzlich nicht mehr zum Ziel führen und in der sich der Mensch neu sortieren und einordnen muss.
Das sind Gabelungen, an denen sich besonders beim rasanten Tempo dieser Entwicklungen im Taipeh der 1990er Jahre gefühlt erst mal keine Mittelwege bauen lassen. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die aufgegabelten Wege irgendwann wieder zusammenkommen.
Es muss unglaublich kräftezehrend gewesen sein, sich innerhalb dieses brutalen Malstroms des grundlegenden Wandels seiner eigenen Werte und Überzeugungen zu vergewissern, für sie und damit sich selbst einzustehen und dabei auch Familie, Freund*innenschaften und Liebesbeziehungen infragezustellen.
Besonders Edward Yangs Blick auf die Kunst innerhalb dieses Malstroms lässt sich hervorragend im Kontext von Walter Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit betrachten. Das Filmschaffen, eine traditionell langsame Ausdrucksform, steht nun plötzlich einem immer billiger und immer schneller produzierbaren Fernsehen gegenüber.
Ich finde, dass Yang besonders dieses Spannungsfeld auch bildästhetisch in seinem Film verhandelt. Denn der schwankt immer wieder zwischen einer zurückhaltenden, intimeren Bildsprache und einer irritierend klaren, digitalen, künstlichen und fast schon billigen Seifenopernoptik. Er lässt die Umwälzungen dieser Zeit also nicht nur von seinen Figuren verhandeln. Yang begibt sich auch durch die immer wieder Widersprüche produzierende Form seines Films in den Konflikt.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Chen Shiang-chyi, Yiwen Chen, Danny Dun, Hung Hung, Elaine Jin, Chen Sisi, Richie Li, Suk Kwan Ni, Bosen Wang, Weiming Wang, Yeming Wang, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
In einer Welt, in der Nihilismus die einzige Option scheint, ist das Vertrauen in Chaos der einzige Ausweg.
Foto: Atom Films
Ein wahnsinnig deprimierender Film, der eine Welt zeichnet, in der der einzig sinnvolle Bewältigungsmechanismus Nihilismus zu sein scheint, weil es keine substanzielle Perspektive gibt. Ohne Perspektive keine Hoffnung. Ohne Hoffnung nichts, wonach sich streben lässt. Wofür also überhaupt noch nach fremden Regeln leben? Oder überhaupt leben?
Es ist diese Welt, die die in ihr lebenden Menschen zu Händler*innen reduziert. Hier existieren keine Familien, keine Freund*innenschaften, keine Liebesbeziehungen mehr, sondern nur noch Handelsbeziehungen, bei denen es ausschließlich darum geht, möglichst viel für sich selbst herauszuschlagen und im Optimalfall das Gegenüber dabei noch möglichst hart über den Tisch zu ziehen.
Diese Menschen sind gefangen in einem Zustand der ewigen Vorhölle, aus der es kein Entkommen mehr zu geben scheint. Denn wer in diesem Umfeld festsitzt und merkt, wie die eigene Menschlichkeit mit jeder Handlung ein Stück weiter entfleucht, der weiß, dass es den anderen auch so geht.
Dort kann es kein Vertrauen mehr geben. Wo es kein Vertrauen mehr gibt, kann es auch keine Liebe geben.
Edward Yang lässt seine Geschichte trotzdem nicht vollends von der Finsternis schlucken. Aber er scheint dennoch nie wirklich von Hoffnung, sondern einem nihilistischen Vertrauen auf das Chaos des Universums zu vertrauen. Glückliche Fügung scheint ihm fremd, Zufall eine fast schon zu optimistische Beschreibung.
★★★★☆
🇹🇼, R: Edward Yang, D: Tang Tsung-sheng, Chang Chen, Lawrence Ko, Virginie Ledoyen, Wu Nien-jen, Elaine Jin, Carrie Ng, Chang Kuo-chu, Nick Erickson, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Atom Films
Paul Thomas Anderson hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
Foto: Warner Bros. Entertainment
Diese teilweise uramerikanischen Motive von den Muscle-Cars auf den unendlichen, pfeilgeraden Highways durch karge Wüstenlandschaften unter der sengenden Sonne, von den in der Enge des Canyons aufeinandertreffenden wortkargen Revolverhelden mit den politischen Gegebenheiten unserer Zeit aufzuladen und das in Vistavision mit haufenweise eleganten wie verführerischen Tracking-Shots zusammenzubinden, geht einfach total gut auf.
Die Satire mag sehr laut sein, aber das verkommt nie gänzlich zum Selbstzweck, sondern bietet gleichermaßen ein gutes Fahrwasser für filigranere Konstruktionen, über die wiederum tatsächliche politische Machtverhältnisse subtiler kommentiert werden.
Ein Beispiel: Haha, die linken Aktivistenspinner wie Leonardo DiCaprios Figur graben Fluchttunnel quer durch den Wald und kommen am Ende wortwörtlich unter einer vergammelten Campingplatztoilette heraus. Dann wesentlich später im Film: Wir sind wieder unter der Erde, dieses Mal aber in einem regelrecht palastartigen Untergrundkomplex der White Supremacists.
Über Anordnungen wie diese wird herausgearbeitet: Hier herrscht keine Waffengleichheit und die von einem „linken Mainstream" lamentierende Gruppe ist ökonomisch um ein unendlich Vielfaches besser gestellt, was wiederum in reellem politischen Einfluss resultiert.
Womit ich immer noch hadere, ist die satirische Ebene des Films, die zwar wie beschrieben durchaus einen Zweck erfüllt, aber nach meinem Dafürhalten auch eine Art Kapitulation vor der Realität ist. Denn irgendwie wird der Vorhang des Humors nie ausreichend zurückgezogen, um einmal die US-amerikanischen Zustände unironisch als das anzuerkennen, was sie sind: eher nicht zum Lachen und für marginalisierte Menschengruppen zunehmend lebensgefährlich. Wahrscheinlich hat mir wirklich das im Halse steckenbleibende Lachen gefehlt. Hier wird mehr durchgelacht – und manchmal eben genau so entrückt, wie man eben lacht, wenn man mit der Welt überfordert ist. Nur weiß ich nicht so recht, ob ich das Paul Thomas Anderson als Stilmittel zugestehen will.
Dass PTA die Sache trotzdem ernst ist, ist auf jeden Fall in der Figurenzeichnung seiner Protagonistin zu erkennen. Denn die ist wie seine eigenen vier Kinder Tochter einer Schwarzen Frau und eines weißen Mannes. Alleine dadurch schwingt jede Menge schmerzliche Überforderung, gleichzeitig aber auch klare und inspirierende Entschlossenheit mit.
Klar gefallen hat mir, wie der Film mit dem routinierten Chaos arbeitet. Wenn das Militär und die bis unter die Zähne bewaffnete Polizei in einen Stadtteil einfällt, dann passiert das mit chirurgischer Präzision. Gleichzeitig entwickelt sich die durch das Eintreffen der Einsatzkräfte aufkommende Unruhe schnell zu einem unübersichtlichen Flächenbrand – in dessen Schatten dann wiederum die streng eingeübten Gegenchoreografien der Zivilgesellschaft anlaufen. Das Chaos ist Routine ist das Chaos ist Routine.
PTA hat erneut eine große amerikanische Geschichte eingefangen. Ungewohnt ist, dass diese Geschichte noch kein Ende kennt.
★★★★☆
🇺🇸, R: Paul Thomas Anderson, D: Leonardi DiCaprio, Chase Infiniti, Sean Penn, Benicio des Toro, Regina Hall, Teyana Taylor, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Entertainment
Zwanzig Minuten, in denen die Grenzenlosigkeit kindlicher Fantasie mit der Banalität des Ortes Baumhaus zusammenkommen. Für die Kinder ist das ein König:innenreich. Aber zur Wahrheit gehört eben auch, dass das auch nur ein Reich von deren Eltern Gnaden ist. Denn die waren es, die das Baumhaus letztlich zusammengezimmert und abgesichert haben. Die Eltern schaffen ihren Kindern so einen Freiraum innerhalb bewusst abgesteckter Grenzen. Im übertragenen Sinne: Freiheit wird nie frei von Abhängigkeiten sein und kann ohne gegenüberliegende Verbote nicht existieren.
Was es natürlich nicht braucht, ist ein weiterer Streaming-Service. Der deutsche Filmverleih Neue Visionen bringt nun trotzdem einen neuen an den Start. Zugegeben: Gänzlich neu ist der Service nicht, es wird nur ein bestehender namens Goodmovies umgebrandet. Interessant ist das, weil Neue Visionen „auf Eigenproduktionen, die das Filmangebot weiter kontextualisieren sollen", setzen will, wie Damian Sprenger bei The Spot schreibt. Fünf eigens dafür produzierte Formate sind angekündigt. Das ist meiner Meinung nach genau das, womit man sich als Streaming-Service überhaupt noch mehrwertig abheben kann.
Die (Almost) Dailies sind mein kuratierter Blick auf das Internet – irgendwo zwischen (Pop-)Kultur, Medien, Politik und dem ganzen anderen Wahnsinn. Wenn du magst, auch in deinem Postfach!
LinkedIn verwendet künftig Nutzer*innendaten auch zum Training von KI-Modellen. Eine absolute, aber wohl zu erwartende Sauerei: Die ganze Nummer ist natürlich Opt-out. Wer eingeloggt ist, kann hier seine Zustimmung entziehen.
Martin Schwarzbeck hat das für Netzpolitik.org noch einmal nachvollziehbar und ein bisschen Drumherum aufgeschrieben.
Weil gerade #Oktoberfest ist:
Das Dirndl, so wie wir es heute kennen, ist keine ländliche Tracht, sondern entstand Ende des 19. Jh als Mode bei Städterinnen, die dieses auch im Urlaub in den Bergen trugen. Maßgeblich beteiligt an dieser Mode waren die jüdischen Gebrüder Wallach, die in München
1/3
Angelika Schoder hat drüben bei musermeku eine tolle Liste mit Vampirfilmen, die nichts mit Dracula zu tun haben, zusammengestellt. Auch eine Handvoll Buchtipps zu den jeweiligen Filmen gibt's dazu. Großartiges Paket!
BKM Wolfram Weimer streicht den Kulturpass und das kommt eher nicht so gut an:
Die Bundesschülerkonferenz reagierte empört. "Wieder werden wir im Stich gelassen", erklärte Generalsekretär Quentin Gärtner. "Da darf sich die Politik nicht wundern, wenn wir zu Kulturbanausen werden."
Der Kulturpass sorge für Chancengleichheit. "Es kann nicht sein, dass nur die Kinder von Ärzten und Anwälten ins Theater und ins Kino gehen können", meinte der Schülervertreter.
Nun, genau diese Rückkehr zu einer Kunst, die nur von einem elitären Publikum konsumiert werden kann, scheint mir kein Bug, sondern ein bewusst gesetztes Feature in Weimers Plan zu sein.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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