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Feuilleton & Firlefanz

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Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde

Der Film vermeidet und unterläuft konsequent verkitschte Stereotype mit einer unglaublichen Wärme.

Gesehen: Sing Sing (2023) - Unantastbare Würde
Foto: Weltkino Filmverleih

Wie der Film konsequent total verkitschte Stereotype vermeidet und mitunter sogar unterläuft, hat mir gefallen. Die Kamera begegnet diesen Figuren mit unglaublich viel Wärme – auch formal, bedingt durch das Drehen mit analogem Film und das Color Grading.

Der Film bleibt durchgehend den Menschen zugewandt und lässt Taten, die verbüßt sind oder gerade verbüßt werden, niemals zu deren Wesenskern werden. Er beharrt darauf, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und es nur auf dieser Grundlage ein Fortbestehen der Menschlichkeit in der Welt geben kann.

Doch darüber hinaus wird hier nach sehr wenig gegriffen. Es werden sehr ausdrucksstarke Schauspieler in den sinngemäßen Obsthain gestellt, wo sie dann die am tiefsten hängenden Früchte pflücken dürfen. Klar, der Erntesack füllt sich dadurch beachtlich schnell. Aber wirklich gearbeitet wurde dafür nicht. Übersetzt: Der Film ist auch ein Blender, der keine besondere (psychologische) Tiefe erreicht und etwas Größeres, als er eigentlich zu leisten vermag, vor sich herträgt.

★★★½☆

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Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel

Lockt auf eine falsche Fährte und lässt dann gelungen Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern.

Gesehen: Im toten Winkel (2023) - Autoritäres Vexierspiel
Foto: missingFILMs

Ein wirklich großartig gelungenes Vexierspiel, das uns zu Beginn auf eine gänzlich falsche Fährte lockt und dann Stück für Stück Zeit und Raum auseinandersplittern lässt – durch den erratischen Schnitt, springende Blickwinkel und ein permanentes Vor- und Zurückbewegen durch die Zeit. Nie können wir uns absolut sicher sein, an welchem Punkt wir selbst uns im Geschehen befinden, welche Figur zu welcher Zeit was hinter sich hat, was ihnen noch bevorsteht, was sie wissen und noch nicht wissen können.

Es ist ein Abbild der zersetzenden Wirkung autoritärer Methoden. Erst wird der Glaube der Figuren an ihre eigene Wahrnehmung gebrochen, dann zieht Paranoia in jeden noch so kleinen Lebensbereich ein, und zack, schon ist die gesamte Energie eines Menschen gebunden und kann nicht mehr dazu eingesetzt werden, die Systemfrage zu stellen.

Diese Mechanismen, diese damit einhergehende Allgegenwärtigkeit des Überwachungsstaates durch den imaginierten Freund eines Mädchens zu versinnbildlichen und gewissermaßen auch eine Gespenstergeschichte daraus zu machen, hat mich einfach total abgeholt.

Das zweischneidige Motiv des unsichtbaren Freundes – für manche besorgniserregende Alarmglocke einer belasteten Psyche, für andere spielerischer Teil des Erwachsenwerdens – steht wirklich klug für die ständige Unsicherheit, die sich durch den Film zieht.

★★★★☆

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Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit

Angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende ein überaus beachtlicher Film.

Gesehen: Germany, Year Zero (1948) - Zerbrochene Zeit
Foto: Studiocanal

Wie schon Rossellinis drei Jahre zuvor erschienener ROME, OPEN CITY (1945) ist auch das hier ein extrem beachtlicher Film angesichts der unmittelbaren zeitlichen Nähe zum Kriegsende – aber auch angesichts der unbequemen Wahrheiten, die hier gnadenlos auf den Tisch gelegt werden.

Die politische Führungsriege der Nazis mag entmachtet oder tot gewesen sein, aber was geschieht mit einem ganzen Volk aus Täter*innen? Die gesamte Gesellschaft ist derart von menschenverachtender Ideologie durchsetzt, dass Kinder wortwörtlich ihre Väter töten müssen, um diesen Zustand zu überwinden.

In ROME, OPEN CITY kann sich Rossellini noch zu einem vergleichsweise hoffnungsvollen Ende mit den zukunftsgerichteten Blicken der Kinder durchringen. Doch hier, im verdorbenen Herzen Deutschlands, scheint das aussichtslos. Hier ist die Zeit nicht nur zu einem Stillstand gekommen, sie ist irreparabel zerbrochen. Es kann kein Zurück, aber vor allem auch kein Vor mehr geben.

Vielleicht muss wirklich alles restlos planiert werden, damit etwas Neues, von alldem Losgelöstes entstehen kann. Mit ein paar scheinheilig herumopfernden Überbleibseln wird das nicht möglich sein.

★★★★☆

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Gesehen: Eismayer (2022) - Pol Dancing

Der Film spielt mit der Verschränkung zweier gegenüberliegender Pole, ist sich aber leider nicht zu Schade für öden Kitsch.

Gesehen: Eismayer (2022) - Pol Dancing
Foto: Salzgeber

Gar nicht gefallen hat mir, dass sich der Film echt nicht zu schade für total verkitschte Momente ist. Dass er so arg um Versöhnlichkeit bemüht und darauf aus ist, zum Ende wirklich jegliche Reibung aufzulösen.

Wirklich gut hat mir dann wiederum gefallen, wie der Film den Weg dieser beiden Figuren und ihre Rolle im System Militär zeichnet. Eismayer flüchtet sich in die toxisch-maskuline Machtstruktur des Heers, deren Ziel Deindividualisierung ist. In dieser Struktur kann er sich verstecken.

Der Rekrut Falak hingegen will sich diesen Strukturen nicht unterordnen. Damit meine ich nicht unbedingt eine Aufmüpfigkeit gegenüber Vorgesetzten oder ein generelles Ablehnen des Militärs. Vielmehr weigert er sich, sich als Individuum aufzugeben und in der Kompanie aufgehen zu lassen.

Von diesen entgegenstehenden Polen aus, laufen Eismayer und Falak unterbewusst aufeinander zu, verharren kurz an der Kreuzung ihrer Wege und entfernen sich dann wieder voneinander – bis der Kitsch die Schleife doch noch zusammenbindet.

★★★☆☆

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Gesehen: Resident Evil: The Final Chapter (2016) - Konservativ gegen die Wand

Der Film hat einen einzigen produktiven Aspekt, den man sich schon mit sehr viel Anstrengung und maximalem Wohlwollen erarbeiten muss.

Gesehen: Resident Evil: The Final Chapter (2016) - Konservativ gegen die Wand
Foto: Constantin Film

Der interessanteste Aspekt, den ich diesem Film mit endlos vielen zugedrückten Augen gerade so noch zugestehen würde, ist, dass letztlich ein Bild dafür gefunden wird, dass der Konservatismus die Welt vor die Wand fährt.

Hier wird vermeintlicher Fortschritt unter dem Deckmantel der eigentlich ja für Erneuerung stehenden Jugend propagiert, während die unter diesem Deckmantel agierende Strippenzieherin den Kampf gegen ihren körperlichen Verfall schon vor Ewigkeiten verloren hat. Diese Art der Elendsverwaltung ohne Rücksicht auf gesamtgesellschaftliche Auswirkungen ist ein klares Merkmal des gegenwärtigen Konservatismus'.

Aber diesen Aspekt muss man sich schon mit sehr viel Anstrengung und maximalem Wohlwollen erarbeiten. Denn sonst ist dieser Film nicht viel mehr als das Zusammenklatschen einzelner Versatzstücke der vorangegangenen Filme und ein letzter, verzweifelter Versuch, die gesamte Reihe noch einmal rückwirkend emotional aufzuladen. Das ist jedoch ein billiger und leicht zu durchschauender Taschenspielertrick, der keine einzige Sekunde des Gesamtwerks aufzuwerten vermag.

½☆☆☆☆

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Gesehen: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (1974) - Nüchtern bis ernüchternd

Zeit ist ein flacher Kreis. Alexander Kluge und Edgar Reitz erzählen in ihrem Film von 1974 deshalb auch von heute.

Gesehen: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (1974) - Nüchtern bis ernüchternd
Foto: Edition Filmmuseum

Von nüchtern bis ernüchtert sezieren Kluge und Reitz, was von der Aufbruchstimmung der 1960er Jahre übrig geblieben ist: nicht viel. Staatliche Repression nimmt zu, wirtschaftliche, politische sowie gesellschaftliche Probleme werden bewusst ignoriert oder gar verschärft und die patriarchal strukturierte Gesellschaft mit ihren bestehenden Machtverhältnissen ist (auch in den Köpfen) alles andere als überwunden.

Der Film erzählt damit in Kombination mit seinem Titel auch viel über unsere Gegenwart. Heruntergebrochen geht es damals wie heute um die Verschiebung des Overton-Fensters. Es geht nicht um eine „natürliche" Gegenbewegung zu liberaleren Strömungen, um einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, sondern um ein Verschieben der sogenannten Mitte nach rechts, um Sicherung von politischen wie gesellschaftlichen Vormachtstellungen.

★★★½☆

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