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Feuilleton & Firlefanz

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Gesehen: Sirāt (2025) - Geister in der Wüste

Menschen verlieren durch Verluste die Verhaftung an der physischen Welt

Gesehen: Sirāt (2025) - Geister in der Wüste
Foto: Pandora Film Verleih

Für mich ist SIRĀT eine Geistergeschichte. Denn das Leben, das dieser Mann führt, lässt sich kaum als solches bezeichnen. Er zieht mit seinem Sohn im Schlepptau nur noch von Rave zu Rave, immer auf der Suche nach seiner für ihn spurlos verschwundenen Tochter. Seine Tochter ist für ihn zum Geist geworden und er versucht nun, ihr auf diese Ebene zu folgen, über die Raves zu geistern und sie so zu finden.

Er haftet immer weniger an dieser Welt und seinem eigenen Leben. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass er schließlich unbeirrt und unbeschadet über ein Minenfeld laufen kann. Es ist wie, als ob er tatsächlich zum Geist geworden ist, dem gar keine Wechselwirkung mehr mit der physischen Welt möglich ist.

SIRĀT ist aber auch eine Geschichte über Flucht – die Flucht vor Familie, Gesellschaft, deren Konventionen, der Welt und ihrem Elend, hin zu Freund*innen und in die Hoffnung auf ein besseres Leben.

★★★★☆

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Kinotagebuch: The Mastermind (2025) - Kluger Verzicht

Kelly Reichardt bringt uns gekonnt zum Stolpern

Kinotagebuch: The Mastermind (2025) - Kluger Verzicht
Foto: Mubi

Es mag ein bisschen paradox klingen, aber ich fand es super angenehm, wie oft und zuverlässig dieser Film mich zum Stolpern gebracht hat – aber eben nie durch gezielt aus dem Rahmen fallende Irritationen, sondern alleine durch den Verzicht auf dramatische Zu- und Überspitzung. Deshalb kann ich mich auch nicht so recht mit dem Begriff des „Anti-Heist-Films" anfreunden, den ich im Zusammenhang mit THE MASTERMIND schon oft gelesen und gehört habe.

Kelly Reichardt steckt hier nämlich eben nicht am laufenden Band Stöcke zwischen die Speichen – das machen ausschließlich wir als Publikum, weil unser Blick und unsere mit dem Genre verknüpfte Erwartungshaltung mit Abweichungen nur schwer klarkommen. Währenddessen konstruiert Reichardt Schicht für Schicht eine durchaus komplexe Figur.

Sie beginnt ihren Film mit einer sehr klaren Bildsprache, die durch viele klare Formen, gerade Linien und kontrastreiche Farben geprägt ist. Das bricht und löst sich im Verlauf des Films immer weiter auf. Es folgt damit der Entwicklung des Protagonisten, der zwar aus keinem erfüllenden, aber zumindest sicheren Leben absolut diffuses Chaos macht.

Der Protagonist lässt sich dabei jedoch nie auf eine Dimension festnageln. Er steht etwa im permanenten inneren Konflikt mit seinem übermächtigen Vater. Er kann weder ihm noch den Erwartungen gerecht werden, die wahrscheinlich andere aufgrund des Rufs des Vaters an ihn haben. Nichts, was der Protagonist tut, scheint (in den Augen des Vaters) jemals genug zu sein. Warum also überhaupt etwas probieren, wenn alle anderen darin sowieso ein Scheitern ausmachen werden?

Gleichzeitig lässt sich seine totale Ambitionslosigkeit aber auch nicht abstreiten. Er ist außerdem ein Träumer, der sich vor allem in der Vorstellung von sich als „erfolgreichem" Typen gefällt, aber bei jedem noch so kleinen Widerstand, der zur Realisierung dieser Wunschvorstellung aufkommt, aufgibt.

Der Protagonist ist innerlich längst ein Drifter. Dass er diese Entwicklung im Verlauf des Films schließlich auch nach außen hin vollzieht, ist nur folgerichtig und gewissermaßen eine Vollendung.

Der Film endet schließlich auf einer sehr interessanten Note. Denn der Protagonist erfährt zum ersten Mal im Film richtige Konsequenzen – aber eben nicht für seine Taten, sondern für die „Taten" anderer, in deren Nähe er sich einfach zur falschen Zeit befunden hat. Er erfährt, dass das Einstehen für sich und seine Überzeugungen immer mit einem gewissen Risiko einhergeht. Das nennt sich Gesellschaft, in der er seinen Platz erst finden und außerdem lernen muss, dass ihm nicht alles in den Schoß fallen wird.

P.S.: Das eigentliche Mastermind ist hier ja wohl eindeutig die Frau des Protagonisten, die arbeitet, Essen kocht, die Schwiegereltern im Zaum hält und sich um die Kinder kümmert, damit nicht alles auseinanderfällt, während er in seinem eigenen Kopf leben kann.

★★★★☆

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Kinotagebuch: Kontinental ’25 (2025) - Form follows function

Radu Jude nimmt stellenweise so viel Tempo aus dem Film, dass es unangenehm wird

Kinotagebuch: Kontinental ’25 (2025) - Form follows function
Foto: Grandfilm

Radu Judes Bandbreite ist einfach unglaublich. Wer direkt von DO NOT EXPECT TOO MUCH FROM THE END OF THE WORLD kommt, klatscht bei KONTINENTAL '25 regelrecht gegen eine Wand. Der Film schaltet nicht nur ein paar Gänge runter, er kommt fast schon zum Stillstand. Form follows function, denn bei der Protagonistin und gesellschaftlich bewegt sich gar nichts mehr – jedenfalls nicht vorwärts.

Radu Jude nimmt stellenweise so viel Tempo aus dem Film, dass es unangenehm wird, weil den Figuren so genügend Zeit gegeben wird, sich aus Verlegenheit selbst zu entlarven. Die reine Bewegungslosigkeit der Kamera, die Verweigerung von Schnitt und die ästhetische Banalität mancher Einstellungen für sich sind schon eine gelungene Provokation.

Dennoch strotzt das alles nur so vor unendlich vielen kleinen Details und Splittern, die sich zu einer extrem vielschichtigen Gesamtkomposition zusammensetzen lassen.

Da ist die perverse Selbstverständlichkeit, mit der an jeder Ecke neben der rumänischen Landes- auch die Europaflagge hängt. Es wird Einigkeit gepredigt, aber Zwietracht gesät. Mittendrin sind dann Menschen wie die Protagonistin, die an der Scherenachse festhängen – auf der einen Seite ökonomisch und damit existenziell vom Kapital abhängig, auf der anderen Seite Marionette des Kapitals beim noch weiteren Öffnen der gesellschaftlichen Schere und dem Vergrößern des äußeren Randes.

Da ist die Freundin der Protagonistin, die sich im Winter um den Wohnungslosen vor ihrem Haus sorgt, sich dann aber wiederum so sehr an seinem Gestank stört, dass sie sich manchmal wünscht, er würde einen besonders kalten Tag da draußen nicht überleben. Sie gefällt sich mehr bei dem Gedanken, sich um Missstände zu sorgen, als wirklich etwas gegen Missstände zu tun. Außerdem braucht sie das Elend anderer, um sich selbst noch nicht auf der Talsohle angekommen zu sehen.

Deshalb wiederholt die Protagonistin auch immer und immer wieder ungefragt explizit die Todesumstände eines Menschen, mit dem sie durch ihre Arbeit in Kontakt kam – weil sie sich selbst und anderen immer und immer wieder vergewissern will, was für eine schlimme Sache sie doch erlebt hat; weil sie sich immer und immer wieder von Schuld freisprechen lassen will, denn sie spürt die moralische Schuld auf ihren Schultern. Nicht, weil sie direkt Mitschuld am Tod eines Mannes hat, sondern weil sie ihrer Verantwortung nicht nachkommt und nie wirklich etwas an den so problematischen Umständen, die zu diesem Tod geführt haben, zu ändern versucht.

Radu Jude fängt hier meiner Meinung nach die abstruse und paradoxe Gleichzeitigkeit von absolutem Stillstand und der exponentiellen Verschlechterung der Gesamtgegebenheiten bei verblendeten Wohlstandserzählungen ziemlich gut ein.

★★★★☆

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Gesehen: Infinity Pool (2023) - Gegenwärtige Finsternis

Rückbezüge und Vorgriffe auf die Weltgeschichte lassen sich nicht ausblenden, sie sind Teil der filmischen Struktur

Gesehen: Infinity Pool (2023) - Gegenwärtige Finsternis
Foto: Universal Pictures Germany

Was diesen Film für mich so finster gemacht hat, ist seine Gegenwärtigkeit. Es ist nicht zwingend die Eskalation der Gewalt, deren Zuspitzung oder die Drastik der Bilder, aus denen das Unwohlsein heraus entsteht. Für mich sind es eher die Menschen, die Zeug*innen dieser Abwärtsspirale werden und ihr dennoch teilnahmslos und gleichgültig beiwohnen, alles erst dulden und schließlich befeuern. Es ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem zunehmenden Verfall der eigenen Moral und das Verschieben der eigenen, wortwörtlich und im übertragenen Sinne gemeinten Schmerzgrenzen.

Die Rückbezüge und Vorgriffe auf die Weltgeschichte lassen sich nicht ausblenden, sie sind Teil der filmischen Struktur: Die Arroganz gegenüber Schwellenländern und der sogenannten Dritten Welt, deren Ausbeutung und die Duldung bis hin zur aktiven Förderung von zivilisatorischer Regression gehörten schon immer zum Playbook des sogenannten Westens – durch neokoloniale Ausbeutung des globalen Südens, durch die entsetzlichen Verbrechen der Nazis, durch Orte wie Guantanamo Bay, durch Abschiebungen nach Afghanistan direkt in die Arme der Taliban, durch das CECOT in El Salvador oder auch den Gaza-Streifen.

Selbst als Profiteur dieser Strukturen kann der sogenannte Westen somit im Zweifelsfall immer noch mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere zeigen und sich selbst durch widerlichste Art und Weise überhöhen. In dieser Welt scheint jede Moral ihren Preis zu haben, der sich verhandeln lässt.

★★★½☆

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Gesehen: Schlafkrankheit (2011) - Unangenehmer Nihilismus

Ulrich Köhler provoziert, ohne sich mit den Abgründen gemein zu machen. Am Ende fehlt es aber an Reflexion.

Gesehen: Schlafkrankheit (2011) - Unangenehmer Nihilismus
Foto: Farbfilm Verleih

Ein sehr unangenehmer Film, der konsequent die neokolonialen Muster offenlegt, die in den Köpfen der Menschen und deshalb auch in den Strukturen von Konzern und auch global agierenden NGOs zu finden sind, deren Aufgabe es teilweise ist, genau diese ausbeuterischen Strukturen zu überwinden.

Ulrich Köhler macht hier meinem Gefühl nach keinen großen Hehl daraus, dass er auch bewusst provozierende Momente konstruiert, mit denen er sich nicht zwingend gemein macht. Indem er eine Figur schafft, die von Rassismus betroffen sein und gleichzeitig rassistischen Denkmustern unterliegen kann. Indem das Bild vom „wilden" Afrika gleichzeitig dekonstruiert und untermauert wird.

Genau aus so einem Moment heraus wird eine der Figuren schließlich kompromisslos mit der ultimativen Konsequenz ihres Handelns konfrontiert. Doch genau damit hadere ich – denn dieser Moment, diese Konsequenz steht alleine im gesamten Film. Andere Figuren werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Das mag zwar gewissermaßen die Realität widerspiegeln, aber dafür keine filmische Reflexion zu suchen, sondern lediglich fast schon resigniert abzubilden, ist irgendwie unangenehm nihilistisch.

★★★☆☆

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Gesehen: The Bibi Files (2024) - Spektakel ohne Mehrwert

Die Doku erweist der unbedingt notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit Benjamin Netanjahu einen Bärendienst.

Gesehen: The Bibi Files (2024) - Spektakel ohne Mehrwert
Foto: BR, NDR, Jigsaw

Ich begrüße wirklich jede notwendige kritische Auseinandersetzung mit Benjamin Netanjahu. Gerade deshalb wiegt es besonders schwer, wie schlecht dieser Dokumentarfilm ist.

Er ruht sich auf geleakten Aufnahmen der Befragungen während der Korruptionsermittlungen gegen Netanjahu aus und inszeniert daraus ein voyeuristisches Spektakel ohne echten Mehrwert. Denn es gibt fast keinen Unterschied zwischen dem öffentlichen Netanjahu und dem, der sich in einer vertraulichen Situation wähnt.

Die zumindest vor der Kamera sichtbare Quellenlage ist außerdem extrem dünn und schwach zusammengestellt. Den größten Redeanteil haben Menschen mit Skin in the Game: ehemalige Geheimdienstler, Berater der politischen Gegenseite, einstige Hausangestellte. Nur ein einziger Journalist darf einsam darüber sprechen, was zu Netanjahu unabhängig recherchiert und belegt wurde. Als ob es Jahrzehnte umspannende Arbeit zahlreicher Medien zuvor einfach nicht gegeben hätte. Dazu wird dann noch eine einzige Kibbuz-Bewohnerin sinngemäß als Stimme ihrer Generation herangezogen.

An handwerklicher Einfalt ist das alles kaum zu unterbieten. Darunter fällt auch, den Krieg im Gazastreifen einfach nur als weiteres Kapitel der Methode Netanjahu zu inszenieren. Unterkomplexer geht es kaum.

Der Dokumentarfilm ist noch bis zum 26. November 2026 in der ARD-Mediathek verfügbar.

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