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Feuilleton & Firlefanz

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Gesehen: A House of Dynamite (2025) - Crash-Zoom aufs Ende

Tight inszeniert, aber komisch distanziert von den eigenen Bildern

Gesehen: A House of Dynamite (2025) - Crash-Zoom aufs Ende
Foto: Netflix

Das ist ein absolut tight inszenierter Thriller, der es jedoch nie so wirklich geschafft hat, mich auf einer rein filmischen Ebene gänzlich abzuholen. Kathryn Bigelow will sich nämlich nicht wirklich auf die inhärente Nüchternheit ihrer Bilder einlassen, sondern versucht sie durch haufenweise kleine Crash-Zooms zu übertünchen. Vielleicht will sie ihrem Film damit etwas Dokumentarisches anheften. Wenn ja, dann wäre das Stilmittel aber auch dafür nicht konsequent genug durchgezogen.

So springt der Film oft zwischen konventioneller und gefakt dokumentarischer Inszenierung hin und her. Dadurch kann man sich nicht so leicht zu Geschehen verorten. Klar, der Film will dazu zwingen, verschiedene Positionen einzunehmen und für sich selbst abzuwägen. Aber dafür wirft mir der Film zu viele desorientierende Stöcke zwischen die Speichen.

Ein bisschen albern fand ich auch die „Choose your own adventure"-ähnliche Sequenz im finalen Kapitel. Denn die braucht es doch eigentlich nicht, um die moralische Komplexität und die Schwere der Situation zu verdeutlichen. In jedem Fall werden unfassbar viele Menschen sterben. Wem der Weg zu dieser Erkenntnis nur durch ein kleines Gedankenspiel geebnet werden kann, der sollte vielleicht noch mal einen Blick in ein Geschichtsbuch werfen.

Was dann wiederum sehr gut funktioniert, ist, wie dadurch der absolute Zynismus der Debatten vor Augen geführt wird, die wir im Hinblick auf Aufrüstung vor der Kulisse einer in sich zusammenfallenden Weltordnung führen. Plötzlich sind wir alle Fünf-Sterne-General*innen und niemand fragt nach dem Ob, sondern nur noch nach dem Wie.

Kathryn Bigelow führt uns also vor Augen, dass wir in der gesellschaftlichen und globalpolitischen Debatte dabei sind, ohne Chance auf Kurskorrektur falsch abzubiegen. Sie dokumentiert die Bürokratisierung der Apokalypse; wie Protokolle den Untergang der Zivilisation kodifizieren, weil sie den Menschen aus der Gleichung nehmen.

★★★½☆

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Gesehen: On the Silver Globe (1988) - Hypnotischer Fiebertraum

Von einer Menschheit, die dazu verdammt ist, ihren eigenen Niedergang immer und immer wieder zu wiederholen

Gesehen: On the Silver Globe (1988) - Hypnotischer Fiebertraum
Foto: Eureka, Alive

Das ist Jodorowsky, das ist Tarkowski, das ist Kurosawa, das ist Herzog, das ist Kubrick, das ist Malick und am Ende immer noch klar Żuławski selbst. Dieser absolut hypnotische Fiebertraum hat mich echt umgeblasen. Żuławski beschwört einen magischen, albtraumhaften und prophetischen Sturm herauf; eine apokalyptische Prophezeiung und ein scharf urteilender Blick auf zurückliegende Geschichte.

ON THE SILVER GLOBE zeigt eine Menschheit, die dazu verdammt ist, ihren eigenen Niedergang immer und immer wieder zu wiederholen, weil sie sehenden Auges immer und immer wieder in die Kreissäge ihres eigenen Fundamentalismus rennt. Weil sie den Aufbau und Erhalt von Macht regelrecht religiös überhöhen. Weil sie geblendet werden von ihrer maßlosen Hybris. Weil sie sich für unfehlbar halten und damit ein etwaiges Lernen aus der Vergangenheit für sie keine Notwendigkeit hat.

Dazu gibt es eine Kameraarbeit, die dem Gefühl nach in ihrer Dynamik um Jahrzehnte voraus ist. Wir sind die Kamera, die Kamera wird direkt adressiert, wir sind also zweifellos potenzielle:r Akteur:in in dieser Welt und doch zu absoluter Tatenlosigkeit verdammt, weil uns immer noch Leinwand oder Bildschirm vom Geschehen trennt.

Die Agilität der Kamera reißt uns dabei mit hinab in einen albtraumhaften Strudel, sie gleitet regelrecht entfesselt durch immer ekstatischere Momente. Dennoch übergeht sie dabei nicht Momente der Verletzlichkeit, der Schönheit und der Liebe, die sie im Rauschen des Malstroms doch einzufangen vermag.

★★★★★

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Gesehen: Parthenope (2024) - Klassen(un)bewusstsein

Paolo Sorrentinos Obsessionen sind nicht unproduktiv, aber eben auch abgegriffen

Gesehen: Parthenope (2024) - Klassen(un)bewusstsein
Foto: Alamode Film

Diese Obsession mit Jugend, Schönheit und Wohlstand hat nicht nur etwas mit Paolo Sorrentinos Neapel zu tun, sondern erst mal auch ganz pragmatisch mit notwendiger Klassenkritik.

Die Figur der Parthenope ist der fleischgewordene Ausdruck fehlenden Klassenbewusstseins. Sie erkennt zwar das Abhängigkeitsverhältnis, in dem sie und ihre Familie zum Comandante stehen, scheint aber die eigene gehobene Stellung weitestgehend zu verkennen oder zumindest praktisch nicht zu reflektieren.

Parthenope wandelt durch die Armen- und Arbeiter*innenviertel Neapels wie durch das Rotlichtviertel von Amsterdam – also wie entlang einer Reihe von Schaufenstern, in denen sich das Prekariat anbietet, an deren ökonomischer Abseitsstellung man sich ergötzen kann, ohne sich selbst die Finger „schmutzig" zu machen.

Es lässt sich vortrefflich darüber streiten, ob diese Ignoranz nicht ähnlich schwer wiegt wie die unbestreitbare gesellschaftliche Macht von etwa Mafia und Kirche. Also die Ohnmacht der bildungsbürgerlichen Mittelschicht ob der moralischen Verkommenheit der Oberschicht, die gar nicht erst versucht, daraus einen Hehl zu machen.

Aber: Gefühlt erzählt uns das Sorrentino schon zum fünfzehnten Mal, nur in einem leicht anderen Gewand. Seine Themen sind längst nicht ausverhandelt – ganz im Gegenteil. Nur er scheint so langsam mit seinem Latein am Ende zu sein und nicht mehr viel Produktives beitragen zu können.

★★½☆☆

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Gesehen: Papers, Please (2018) - Unangebrachtes Augenzwinkern

Als Marketingtool sicherlich okay, als Kurzfilm unzureichend

Gesehen: Papers, Please (2018) - Unangebrachtes Augenzwinkern
Foto: KINODOM Productions

Als Marketingtool für das gleichnamige Spiel aus 2013 ist das sicherlich ganz nett, um noch mal den Scheinwerfer auf dieses spielerische Kleinod zu richten. Aber man muss sich dann schon entscheiden, ob man einen Kurzfilm oder einen Werbespot drehen möchte. Hier scheint beides gleichzeitig versucht worden zu sein, und das geht einfach nicht auf.

Innerhalb kürzester Zeit scheinen hier sämtliche moralischen Herausforderungen durch die Spielmechanik abgebildet werden zu müssen. Dazu halten ein paar ästhetische Manierismen aus dem Spiel auch hier im Kurzfilm Einzug, was leider nie wirklich ein nettes Augenzwinkern, sondern unangebracht albern ist.

Der krampfhafte Versuch, um jeden Preis wie ein Blockbuster auszusehen, raubt dem Zehnminüter dann den Rest seiner Seele.

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Gesehen: Jessy (2021) - Hölzerne Familie

Wer ist Mutter? Wer ist Vater? Ein Laborversuch.

Gesehen: Jessy (2021) - Hölzerne Familie
Foto: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, RBB, Silva Film

Entlang dieses Films lassen sich eigentlich wunderbar und in aller Kürze soziale Konstrukte erklären. Denn Blutsverwandtschaft als Basis des Konstrukts Familie reicht noch lange nicht aus – das sehen wir hier in dieser erzwungenen Anordnung, die vielleicht räumliche, aber noch längst keine emotionale Nähe zwischen den Figuren herstellt. Familie ist letztlich, wer familiär handelt, und wird nicht nur durch die Einträge „Mutter" und „Vater" auf der Geburtsurkunde der Tochter bestimmt. „Weil das eben so ist und immer schon so war" ist keine Basis, auf der Familie funktionieren kann.

Dabei wirkt der Film jedoch überaus hölzern und fast schon artifiziell. Das lässt diesen Anordnungsversuch weniger natürlich und organisch und mehr wie im klinischen Labor künstlich herbeigeführt wirken. Das passt dann wiederum nur selten zu den Emotionen, die das Drehbuch behauptet.

★★½☆☆

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