Ja, ich habe tatsächlich immer noch ein paar Tabs mit Talks und Sessions von der diesjährigen Republica offen. Diese Auseinandersetzung des Journalisten Thomas Ramge mit den Folgen für Gesellschaft und den Planeten, wenn Menschen immer länger leben, hat mir besonders gut gefallen. Durch genau die richtige Mischung aus trockenem Humor und fundierten Inhalten hat mich Range total abgeholt und auch dazu gebracht, meine Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Video zu richten und es nicht nebenbei auf dem zweiten Monitor zu schauen. Es sei hiermit empfohlen.
Feuilleton & Firlefanz
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The Eternal Daughter (2022) - Spuk in Abwesenheit
Filmkritik
Der für mich interessanteste Aspekt des Films war der Umgang mit dem Konzept Spuk. Denn in THE ETERNAL DAUGHTER spuken nicht die anwesenden Geister. Das Unheimliche ergibt sich aus dem Abwesenden. Es sind abwesende Menschen, Gefühle, die verwehrte Katharsis, die wie ein böser Geist durch das alte Gemäuer ziehen. Und das hat zuverlässig eine derart unangenehme Stimmung erzeugt, die jedoch auch aufgrund der Figurenanordnung in jeder Minute empfindenswert ist.
★★★★☆
Gesehen: Mädchen in Uniform (1958)
Ich habe schon ein bisschen gelesen, dass diese Version im Vergleich zur Erstverfilmung (1931) des Theaterstücks/Romans von Christa Winsloe etwas glattgebügelter und weniger offensiv sein soll. Vielleicht liegt das an den Erfahrungen des Nationalsozialismus, die diese Adaption unweigerlich geprägt haben müssen. Mit der verbrannten Erde, die der Faschismus hinterließ, musste sicherlich eine neue Sensibilität gesucht und vorsichtig ertastet werden. Diesen Prozess meine ich auch in diesem Film, der sich Schritt für Schritt aus dem Schatten wagt und das Unterschwellige immer selbstbewusster hinter sich lässt, erkannt zu haben.
Diese Neuinszenierung ist geprägt von einem Schrecken, der homosexuellen Menschen systematisch unmenschliche Dinge angetan hat, und von der bedrückenden Vorahnung weiterer lebensfeindlicher Jahrzehnte für queere Menschen. MÄDCHEN IN UNIFORM beschreibt die Tabuisierung, Kriminalisierung und Entmenschlichung von Homosexualität inmitten einer Gesellschaft, in der durch Indoktrination und Propaganda so viel Unsicherheit gesät wurde, dass niemand mehr ausmachen kann, wo die Grenzen zwischen Verbündeten, Denunzianten und (Lebens-)Feinden verlaufen.
★★★★☆

Klimt and The Nazi Aesthetic: Great Art Cities: Vienna
Kunst & KulturGreat Art Explained ist derzeit einer meiner Lieblingschannels auf Youtube. Mit Macher James Paynes jüngstem Video zu Gustav Klimt bin ich in etwas mehr als einer Viertelstunde vor meinem Laptop dem Wesen des Wiener Jugendstiel-Künstlers gefühlt näher gekommen, als es das Kunstkraftwerk in Leipzig mit der immersiven Installation „Gustav Klimt: Gold Experience“ geschafft hat. Denn die war/ist leider ein ziemlicher Reinfall, wirkt wie eine Klimt-Powerpoint mit einer Best-of-Klassik-CD im Hintergrund und einem widerlich kalkulierenden Teil, der ausschließlich für Instagram und nie und nimmer zur Egründung Gustav Klimts gebaut wurde.
Spannend ist für mich, wie die Nazis Klimt für ihre niederen Zwecke umgedeutet haben. Obwohl ich bei Kunst eigentlich kein Freund des Umdeutungsbegriffes bin. Denn meine Perspektive ist: Die Intention und der Hintergrund des Künstlers sind nur bedingt relevant für das Lesen des eigentlichen Kunstwerks. Die Deutungshoheit liegt IMMER bei den Rezipientinnen. Nur waren die Nazis keine „einfachen“ Rezipientinnen, die schlicht eine andere Deutung von Klimts Kunst darlegten. Sie begriffen Klimts Kunst nicht als solche, sondern als praktisches Propagandawerkzeug.
Gesehen: EO (2022)
Filmkritik
Zuallererst will ich mal festhalten, wie wunderschön dieser Film fotografiert ist und wie erfrischend es nach ein paar aktuellen Mainstream-Filmen am Stück ist, derart gesättigte Farben im Bild zu sehen. Jedes Motiv – sei es in der Sommersonne oder im harschen Winter – strahlt eine einnehmende Wärme aus, durch ich mich direkt auf jeder Etappe des Esels angekommen gefühlt habe – ganz unabhängig von Traurigkeit und Tristesse der eingefangenen Momente. Das hat es mir umso leichter gemacht, mich auf diese Geschichte über Sehnsucht, Zugehörigkeit und Liebe einzulassen.
Interessant sind aber auch die kapitalismuskritischen Denkräume, die der Film abseits der Gefühlsebene eröffnet. Der Übersicht halber hier als kurze Liste:
· Es dauert nicht lange, da wird Eo durch Gerichtsvollzieher aus seinem Umfeld im Zirkus gerissen. Das ließe sich durchaus als Metapher für Enteignungen aus links-utopischer Perspektive lesen. Denn so offenbart der Film das kranke System, denn aus einem Ausbeuterloch einfach zur nächsten nach kapitalistischer Verwertungslogik arbeitenden Maschinerie geschoben wird, profitiert wieder nur das so weiterhin unverändert laufende System.
· Das vermeintliche Paradies erreicht der Esel zwischenzeitlich mit einem Hof, auf dem offenbar mit Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen gearbeitet wird. Doch der Schein trügt, denn es sind genau diese Menschen, die im Kapitalismus entweder eiskalt nicht mehr produktiver Teil einer Gesellschaft sein können oder dreist in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen ausgebeutet werden. Der Esel verschwindet.
· Eo wird von Hooligans brutalst zugerichtet und springt dem Tod in einer Tierklinik oder einem Tierheim offenbar nur knapp von der Schippe. Helfen wolle man dort den Tieren. Doch auch dort muss Eo nach seiner Genesung direkt wieder einen Karren durch die Gegend ziehen. Wert hat nur, was Wert schaffen kann.
All das und noch viele weitere Beispiele sind angesichts dessen, wonach der Esel anscheinend strebt, super traurig. Aber EO ist auch mit vielen einigen herrlich situationskomischen Momenten gespickt, die den Löffel einer Welt am Rande des Abgrunds mit Zucker füllen.
★★★★☆

Gesehen: Slow Horses (Staffel 1)
Filme & Serien
Gerade habe ich bei Apple TV+ die erste Staffel von Slow Horses mit Gary Oldman fertiggeschaut und bin davon total angetan. Die Serie hat etwas von John le Carré, ohne sich dabei zu ernst zu nehmen. Mir scheint, als ob das – Cast mit einbezogen – genau das ist, was dem Agenten-/Spionage-Thriller aktuell fehlt. Darüber hinaus kann ich nur applaudieren, wie sich die erste Staffel konsequent rechtsextremistischem Inlandsterrorismus widmet und erst gar keinen Nährboden für Alte und Neue Rechte bietet. Bin gespannt, was Staffel 2 kann!
