Seit seiner Premiere in Cannes im Mai kann ich Jonathan Glazers neuen Film THE ZONE OF INTEREST kaum noch abwarten. Jetzt gibt es auch endlich einen ersten Trailer, der nun ein paar Bilder unter die vielen Texte, die ich bereits zu dem Film gelesen habe, legt. Auf dem Papier spricht viel dafür, dass das eine wahnsinnig intensive Erfahrung wird: Jonathan Glazer (Regie), Sandra Hüller (Hauptrolle) und Mica Levi (Musik). Aktuelles Startdatum in den deutschen Kinos ist der 29. Februar 2024.
Feuilleton & Firlefanz
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Gesehen: The Apartment (1960) - Wenn das Büro nach Hause kommt
FilmkritikEin Mensch zu sein ist erst möglich, wenn man sich gegen das kapitalistische System entscheidet.
Was für ein großartiger Film, der wahnsinnig klug nachzeichnet, wie Konzerne Stück für Stück in die Lebensräume der Menschen eindringen und so ganze Leben Stück für Stück übernehmen. Das Großkapital vergnügt sich im gemachten Nest, während sich die einfachen Arbeiter*innen vor verschlossener Tür eine Lungenentzündung einfangen. Und die „Belohnung“ dafür ist dann, dass sie sich auf vermeintlich besseren Positionen noch mehr von den Gewinn anderer ausbeuten lassen dürfen. Billy Wilder buchstabiert es auch aus: Ein Mensch zu sein ist erst möglich, wenn man sich gegen das kapitalistische System entscheidet.
★★★★☆


Gesehen: Hunger (2008) - Thatchers Schatten
FilmkritikSteve McQueen scheut sich nicht vor drastischen Bildern.
Steve McQueen scheut sich nicht vor drastischen Bildern, die unter die Haut gehen, aber niemals nur für die reine Schockwirkung stehengelassen werden. Margaret Thatcher liegt wie ein finsterer Schatten, der jeden noch so zarten Trieb Menschlichkeit erbarmungslos erstickt, über diesem Film. Sie ist nie zu sehen, sondern erklingt nur für eine Handvoll Sätze im Radio. Schon das reicht, um diesen würdelosen, unmenschlichen Ort im Zentrum des Geschehens zu erklären.
Dort, in diesem Gefängnis, wurden nicht nur mehrere Hungerstreikende, sondern auch der Rechtsstaat zu Grabe getragen. McQueen lässt sich jedoch nie darauf ein, Gewalt und Mord zu entschuldigen oder die Eskalation der Gegenreaktion zu rechtfertigen. Vielmehr gräbt er sich durch die unzähligen Schichten des Konflikts hindurch bis zu einer schnell aus dem Blick geratenen universellen Wahrheit vom Streben nach Freiheit und Entfaltung.
★★★★½


Gesehen: Anima - Die Kleider meines Vaters (2022) - Mehr als nur Nabelschau
Filmkritik„Mir geht es nicht darum, eindeutig weiblich zu sein, sondern im Transzendieren der männlichen Rolle meiner Seele Freiheit zu schaffen.“
„Mir geht es nicht darum, eindeutig weiblich zu sein, sondern im Transzendieren der männlichen Rolle meiner Seele Freiheit zu schaffen“, zitiert Uli Decker ihren verstorbenen Vater. Das ist nicht nur ein wahnsinnig schöner Satz, sondern bringt auch in einem erweiterten Sinne das zerstörerische Potenzial archaischer Rollenkonstrukte auf den Punkt. Das in Kombination mit den kleinen Momenten, Fragmenten und Zusammenhängen machen Deckers Film zu mehr als nur einer bloßen Nabelschau auf die eigene Familiengeschichte.


Theo Jansen: Animaris Rex
Kunst & KulturEin fast schon hypnotisches Werk des niederländischen Künstlers Theo Jansen, das irgendetwas tief in mir drin extrem beunruhigt, etwas verstört, regelrecht irritiert und trotzdem in seinen Bann zieht.
Gesehen: The Last Stage (1948) - Unglaubliche Rückkehr
FilmkritikAbsolut bemerkenswert, wie sehr dieser Film nach dem konventionellen Kino strebt.
Der absolute Wahnsinn, mit welcher Kraft offenbar Wanda Jakubowska gerade einmal zwei Jahre nach Kriegsende für die Dreharbeiten zurück an den Ort kehrte, an dem sie von den Nazis in den sicheren Tod geschickt worden wäre und an dem sie so viel Grauen erfahren musste. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, wie sehr dieser Film nach dem konventionellen Kino strebt, wie glatt er wirkt – kaum geprägt bzw. getrieben von Wut oder Rache, sondern geprägt von unendlicher Dankbarkeit für die Frauen, dank denen Auschwitz niemals komplett von der Finsternis verschluckt wurde.
Überhaupt war ich sehr überrascht davon, wie wenig sich Jakubowska in ihrem Film explizit für den Rassenhass und das Übermenschen-Gehabe der Nazis interessiert, sondern sehr viel Wert darauf legt herauszuarbeiten, wie stark die faschistische und nazistische Ideologie auch vom Frauenhass untermauert war/ist und wie genau das auch ein mächtiger Hebel war, zum eigenen Vorteil die Gefangenen gegeneinander auszuspielen.
★★★½☆

