Nia DaCosta setzt das Politische im Privaten konsequent ins Licht
Foto: Prime Video
Wer darf wen ansprechen? Wer unterhält sich mit wem? Wer darf wen abblitzen lassen und wem ist Augenhöhe oder wenigstens Blickkontakt vergönnt? Das Politische im Privaten wird hier konsequent ins Licht gesetzt.
HEDDA ist ein permanentes Aushandeln von gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Macht, eingebettet in eine barocke Opulenz, der etwas ungewöhnlich Zeitloses anhaftet. Der Film spielt zwar in den 1950er Jahren, könnte aufgrund der gatsbyartigen Szenerie jedoch genauso gut erst vergangenes Wochenende während eines ausladenden Retreats für Techmillionär*innen über die Bühne gegangen sein.
Schein ist (überlebens)notwendiger als Sein. Obszön geht die Welt zugrunde.
Auf Ruth Beckermann ist einfach Verlass. Sie schafft es, mit ihrer Kamera die Anmutung einer Fliege an der Wand zu erzeugen, während sie eigentlich mittendrin steht, sogar oft direkt adressiert wird. Doch je länger sie bei den Kindern ist, desto natürlicher fügt sie sich in das Klassengefüge ein, desto wahrhaftiger werden die eingefangenen Momente.
Dass das jedoch nicht immer klappen kann, wenn es aber klappen muss, ist Beckermann sehr offensichtlich bewusst – und darauf ist Beckermann vorbereitet. Indem sie den Kindern eigene Handys zum Filmen von eigenen Szenen in die Hände drückt, kann sie in entscheidenden Momenten dabei sein, ohne dabei zu sein. Also genau genommen geht es nur um einen einzigen Moment – und der sitzt aber perfekt und dafür hat sich dieser Handykniff insgesamt gelohnt.
So schafft es der Film, die absoluten Unmöglichkeiten des Schulbetriebs einzufangen. Wie Schule und Lehrer*innen nicht nur Wissen vermitteln und teilweise Erziehungsaufgaben übernehmen, sondern in Teilen auch Ersatzelternfiguren, Therapeut*innen und Freund*innen sind – ob sie das nun müssen/wollen oder nicht, es passiert unweigerlich, denn das System™ funktioniert einfach nicht bzw. ist heillos überlastet.
Über die Art von Beziehung, die die jeweiligen Kinder zu ihrer Klassenlehrerin haben, lässt sich enorm viel über die Komplexität einer Einwanderungsgesellschaft und die Abgründe einer sogenannten Leistungsgesellschaft herauslesen – mal, weil es die Kinder offen aussprechen, mal, weil es gar keiner Worte, sondern nur Blicken bedarf.
Lynne Ramsay inszeniert die vermeintliche Freiheit rigoros als Gefängnis
Foto: Mubi, Studiocanal
Ich finde, dass die Genrezuschreibung „Drama" DIE MY LOVE kaum gerecht wird. Lynne Ramsay hat hier nämlich einen tief unter die Haut gehenden Horrorfilm inszeniert. Jedenfalls kommt das Bild von der Kernfamilie dem meinem Dafürhalten nach extrem nahe.
Lynne Ramsay schenkt ihren beiden Hauptfiguren die vermeintliche Freiheit – mit einem Haus, das es wahrscheinlich für umme gab, das sie völlig nach ihren Vorstellungen gestalten könn(t)en, in dem sie Musik so laut wie nur vorstellbar aufdrehen können, ohne jemanden zu stören, wo sie wie die Tiere übereinander herfallen und sich auch mal aus dem Weg gehen können.
Doch genau diese „Freiheit" ist ein Gefängnis, weil sie mit Konventionen und Erwartungen daherkommt. Weil dieser Ort in Blut getränkt ist. Wenn das, gepaart mit dem Motiv der Domestizierung der Frau, nicht der blanke Horror und Grund zur Selbstanzündung ist, dann weiß ich auch nicht. Die absolut toxische Beziehungsdynamik der beiden Hauptfiguren ist nur noch Öl in dieses Feuer.
Interessant ist, wie Lynne Ramsay das alles über das Color Grading begleitet. Der gesamte Film ist von starken Kontrasten durchsetzt, die Farben dabei jedoch mal trostlos ausgewaschen, mal intensiv übersättigt. Formal schwankt der Film damit seinen Figuren gleich zwischen Depression und Manie.
Letztlich bin ich mir aber nicht sicher, ob dieses unbestritten filmische Erzählen einfach nur zu einer übermäßigen Psychologisierung der Hauptfigur beiträgt und ihr damit wirklich gerecht wird.
Spannendes Gespräch zwischen Louis Theroux und Marina Abramović, das sich herunterdampfen lässt auf „I don't give a shit about what other people do or say". Theroux scheint intellektuell zu verstehen, dass Abramovićs Kunst ausschließlich aus einem inneren Antrieb heraus entsteht, rutscht aber immer wieder zurück in eine Perspektive, die Kunst ausschließlich als Reaktion auf Input von außen versteht. Ob er da nur den Anwalt des Teufels spielt oder nicht, ist eigentlich gar nicht so wichtig, denn die daraus entstehende Gesprächsdynamik ist super interessant. (Der letzte Satz im Gespräch: „I am hardcore, my dear" 🤌)
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Anne Applebaum analysiert die außenpolitische Strategie der MAGA-Regierung in den USA, die selbstverständlich auch abseits des pointierten Titels auf den Punkt ist.
Unilateral disarmament is now official policy. Because – despite its name – this National Security Strategy is not really a strategy document. It is a suicide note. If the ideas within it are really used to shape policy, then U.S. influence in the world will rapidly disappear, and America’s ability to defend itself and its allies will diminish. The consequences will be economic as well as political, and they will be felt by all Americans.
Es ist extrem beeindruckend, wie der Film durch diese Dichotomie das Herz unendlich schwer werden lässt – und zwar durch ehrliche Verzücktheit und tiefe Trauer gleichzeitig.
Bis zum 17. Januar 2026 steht er jetzt kostenlos in der ARD-Mediathek und ich kann ihn nicht nachdrücklich genug allen ans Hez legen.
Um in den Genuss von Kurt Masur gekommen zu sein, bin ich zu jung. Aber als kulturinteressierter Leipziger geht natürlich kaum ein Weg an einem der bekanntesten Ehrenbürger der Stadt vorbei. Vor zehn Jahren ist der einstige Gewandhauskapellmeister gestorben und anlässlich dieses Tages hat der Deutschlandfunk ein schönes Kalenderblatt aufgelegt, das sich vor allem seiner politischen und gesellschaftlichen Haltung widmet.
Margaret Atwood of The Handmaid's Tale-Fame war anlässlich der Veröffentlichung ihres Memoires Book of Lives zu Gast bei Alles gesagt?, um aus ihrem Leben zu erzählen. Auch abgesehen von ihrem Alter – 86 – ist ihr Erinnerungsvermögen absurd gut.
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Michael Hanekes DAS WEISSE BAND steht noch kostenlos bis zum 14. Januar 2026 in der ARD-Mediathek „und sollte angeschaut werden", wie der geschätzte Kollege Rochus Wolff zu sagen pflegt.
Drüben bei Kino-Zeit blicken wir auch schon auf 2025 zurück. Für mich haben sich bei der Rückschau auf mein Filmtagebuch drei Punkte besonders hervorgetan.
Anlässlich Rob Reiners tragischen Todes habe ich außerdem noch schnell ein paar Zeilen zu seiner Stephen-King-Adation MISERY aufgeschrieben, die gerade nch kostenlos bis zum 12. Januar 2026 bei Arte in der Mediathek zu sehen ist.
Da die sogenannten Branchendienste mal wieder weitestgehend Pressemitteilungsabschreiber sind und niemand mal bei ProSieben oder Steven Gätjen nachgefragt hat (und wenn doch, geht das nicht aus den jeweiligen Meldungen hervor), ist immer noch nicht ganz klar, was das für die hiesige TV-Heimat bedeutet.
Viel diskutiert wird dieser Tage über das aus fadenscheinigen Gründen aus verschiedensten digitalen Stores geflogene Spiel Horses. Andre Peschke und Janna Krone haben sich diesem Umstand ausführlich gewidmet. Immer wieder gut, eine Auseinandersetzung mit dem Medium als Kunstform, die über ästhetische Kategorien hinausgeht, zu hören.
Die Pferde in „Horses“ sind nackte Menschen mit Pferdemasken. Aber die wahre Entblößung fand schon im Vorfeld der Veröffentlichung dieses Indie-Horrorspiels statt. Durch Verkaufsplattformen, die sich vielleicht mehr als je zuvor als Moralwächter lächerlich machen, indem sie ausgerechnet ein waschechtes Kunstprojekt zum Aussätzigen erklären. Andre und Janna sprechen über „Horses“, die Geschichte der Grenzverletzungen in der Kunst und die Gleichgültigkeit der Spieleindustrie.
Ich habe Horses (noch) nicht gespielt und hätte es wahrscheinlich auch nicht vorgehabt, weil ich ohne die losgestoßene Debatte vermutlich nie davon gehört hätte. Ich bin eben nicht (mehr) so tief drin im Gamesmarkt. Aber jetzt:
Youtube hat mir einen Channel vorgesetzt, auf dem jemand unter anderem über Filme spricht und Formel-1-Rennen recappt – im ASMR-Stil. Und ich weiß ja auch nicht 🤷♂️
Calm Skateboard ASMRThis channel is for ASMR purposes, featuring videos that contain whsipering, and soft speaking, designed to help people relax, and sleep. ASMR (Autonomous
Aktuell (noch) vor der Paywall: Ronen Steinke von der Süddeutschen Zeitung spricht im Podcast mit Christina Clemm. Clemm berät aktuell Collien Fernandes, aber der ist nur mittelbar Thema der Folge, die sich in allererster Linie um das System dreht, in dem Fälle wie eben jener (immer wieder) passieren.
Christina Clemm
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