Skip to Content

Feuilleton & Firlefanz

Posts on page 17

Gesehen: Love Me (2024) - Falsche Perspektive

Kann man schon von oben herab machen, ist dann halb nicht produktiv...

Gesehen: Love Me (2024) - Falsche Perspektive
Foto: AgX, 2AM, Shivhans Pictures

In seiner Analyse, den formulierten Botschaften und den Gedanken darüber, was es heißt, Mensch zu sein in einer Welt, die (scheinbar) permanente Performance abverlangt, ist dieser Film nahezu unerträglich selbstgefällig.

Natürlich ist da etwas dran, dass wir irgendwann den Zugang zu uns selbst, unseren Gefühlen und auch unseren Gegenübern verlieren, wenn wir den lieben langen Tag damit beschäftigt sind, eine Illusion aufrechtzuerhalten.

Aber wie blindlings die Komplexität der zahlreichen hier ineinandergreifenden Abhängigkeiten ignoriert wird, führt nicht etwa dazu, dass das Wesentliche hervortritt. Es banalisiert so lange, bis von der vielleicht noblen Idee nur noch ein paar Kalendersprüche übrig bleiben.

Letztlich nimmt der Film die aus meiner Sicht falsche Perspektive ein – nämlich die von in der Medienöffentlichkeit stehenden Individuen, die aus einer exponierten sowie privilegierten (Macht-)Position heraus argumentieren, denen in digitalen Räumen grundlegend anders begegnet wird und die sich grundlegend anders durch diese Räume bewegen als durchschnittliche Menschen.

★½☆☆☆

Infos & Extras

Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) - Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier

Ein Film voller Zitate und doch geprägt von einer eigenen Handschrift

Kinotagebuch: Sehnsucht in Sangerhausen (2025) - Bresson, Kiarostami, Novalis, Radlmeier
Foto: Grandfilm

Julian Radlmeier ist hier wirklich ein tolles Amalgam verschiedenste künstlerischer Ansätze gelungen, ohne dabei die eigene Handschrift aus den Augen zu verlieren. Die fast schon Puppenhaftigkeit der Figuren erinnert etwa an Robert Bresson. Die absolute Leichtigkeit in der Inszenierung bei gleichzeitig in Teilen ziemlich abgründigem Geschehen weckt Erinnerungen an den auch (nach)namentlich im Film referenzierten Abbas Kiarostami. Und der ebenfalls im Film mehrfach erwähnte Novalis drängt durch zitierte Motive immer wieder in die Erzählung.

Radlmeier ist sich dabei immer der Klasse seiner Figuren bewusst, genau wie die Figuren selbst – weil sie sich nicht mal eben ein paar Kirschen aus dem Supermarkt leisten können und die Tüte mit den Früchten an der Kasse zurücklassen müssen; weil sie mit offenen Augen durch die Welt gehen und deren Ungerechtigkeiten erkennen können; weil andere sie gnadenlos mit dem Gesicht hineindrücken.

Im Anschluss habe ich den Regisseur Julian Radlmaier beim Filmgespräch – vielleicht etwas naiv, aber wirklich ehrlich interessiert – gefragt, wie er bei seiner immerwährenden Auseinandersetzung mit Klassenfragen nicht einfach komplett zynisch wird. Die sinngemäße Antwort: Die utopischen Momente will er sich, wenn auch im Kleinen, einfach nicht nehmen lassen.

Der utopische Moment in SEHNSUCHT IN SANGERHAUSEN beschreibt dreieinhalb Menschen verschiedenster Hintergründe, die durch ihre ganz persönlichen Sehnsüchte zusammenfinden – und einfach zusammen Mensch sind. Klingt eigentlich ganz einfach und nach gar keiner sonderlich hoch liegenden Messlatte für eine Utopie. Aber weil wir als Deutsche einfach strukturelle oder ganz individuelle Rassist*innen sind, ist das nun mal wirklich zu allererst eine Utopie. Und das ist bitter und dann wiederum auch gar nicht so leicht, wie sich das alles erst mal anfühlt. Ich finde das eine spannende Reibung.

★★★★☆

Infos & Extras

Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen

Wer Jane Schoebrun verstehen will, muss Kiyoshi Kurosawa schauen

Gesehen: Pulse (2001) - Digitales Unbehagen
Foto: Daiei Film, Nippon Television Network Corporation, Hakuhodo, IMAGICA

Es ist richtig toll unangenehm, wie Kiyoshi Kurosawa hier das urbane mit dem digitalen Unbehagen zusammenbringt und ineinander verschränkt. Aus beiden Dimensionen drängen letztlich Erzählungen radikaler Vereinzelungserfahrungen, die ihren Ursprung in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft haben. Nirgendwo ist man gleichzeitig von so vielen Menschen umgeben und dennoch so isoliert, einsam und vielleicht auch eingeschüchtert wie in der Großstadt. Digitale Räume tun sich mit dem Versprechen auf, Orte der Gemeinschaft zu schaffen, entpuppen sich jedoch als unauthentische Theaterbühnen, auf denen das „wahre" Ich nur zu einem Teil existieren kann und einem performten Ich immer mehr den Vorrang lassen muss.

Unter diesen Umständen existiert ein Mensch nur noch gefangen in einer Art Zwischenwelt – einerseits voller Unbehagen und Ablehnung sich selbst und dem eigenen Körper gegenüber, andererseits sich nach einer physischen Präsenz sehnend, die von anderen wahrgenommen und berührt werden kann und auch wird. Doch Nähe zu sich und zu anderen Menschen ist in jedweder Ausprägung in dieser Zwischenwelt eine Illusion. Ich bin sicherlich einer der letzten Blitzmerker, der das schreibt, aber: Wer Jane Schoebrun und Co. durchdringen will, muss offenbar auch Kiyoshi Kurosawa gesehen haben.

★★★★½

Infos & Extras

Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch

Ein Film über die Welt, in der Frauen leben

Gesehen: Blackbird Blackbird Blackberry (2023) - Almodóvar auf Georgisch
Foto: Alva Film, Takes Film

Ein Film über Ansprüche, Erwartungen, Urteile und Verurteilungen. Ein Film über Frauen. Und ein Film über die Welt, in der sie leben.

Die Protagonistin hadert in dieser Welt mit der Freiheit, die sie bisher zu genießen glaubte. Einerseits ist ihr ein komplett unabhängiges Leben gelungen, in dem sie sich gesellschaftlichen und patriarchalen Konventionen verweigerte.

Andererseits ist dieser kompromisslose Lebensentwurf für sie paradoxerweise zu einer Art Gefängnis geworden. Isoliert von echten Freund*innenschaften auf Augenhöhe, Familie und der Liebe muss sie erkennen, dass Freiheit nicht zwingend im Alleingang vollzogen werden muss.

Denn die eigenen Höhen und Tiefen mit anderen Menschen teilen, mit ihnen lachen und weinen zu können, schränkt nicht die eigene Autonomie ein, sondern macht das Herz leichter – vor Freude oder dank der Gewissheit von Solidarität in schweren Momenten.

Mir gefällt, wie Elene Naveriani diese und die anderen Frauen konsequent vor der Kulisse intensiver, zumeist warmer Farben inszeniert. Das erinnert daran, wie Pedro Almodóvar Frauen und Mütter in Szene setzt.

★★★½☆

Infos & Extras

Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz

Wenn Unterbrechungen zum Wagnis werden

Gesehen: Shoah: Four Sisters (2017) - Mehr als Zusatz
Foto: Synecdoche, Arte

Das ist nicht einfach Zusatzmaterial zu SHOAH. Denn die Kuratierungsentscheidung sorgt hier noch einmal für eine anders gewichtete Perspektive. Unvergleichlich bleibt Claude Lanzmanns gnadenloser Interviewstil, mit dem er sich über das Nachbohren bei vermeintlichen Nichtigkeiten Zugang zu seinen Gesprächspartnerinnen verschafft und sie dann weitestgehend reden lässt. Denn jede Nachfrage, jede Unterbrechung wäre ein Wagnis, könnte den Fluss brechen und so Teile dieser so wichtigen Zeitzeugnisse unausgesprochen lassen.

Infos & Extras

Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie

Der wahre Horror liegt in der glaubhaften Abstreitbarkeit begraben

Gesehen: Watcher (2022) - Demontierte Autonomie
Foto: Universal Pictures

Was passiert hinter den Türen zu den Wohnungen der anderen, im Verborgenen? Gewalt gegen Frauen, die so perfide orchestriert ist, dass den eigentlichen Akt praktisch niemand sehen kann und immer glaubhafte Abstreitbarkeit gewährleistet ist. Wer Verdacht schöpft oder als Opfer nach Hilfe ruft, kann kurzerhand als verrückt erklärt werden.

WATCHER lässt auch uns irgendwann an unserer Wahrnehmung und unseren Verdächten zweifeln und lässt so, genau wie für seine Protagonistin, eine immer intensivere Paranoia aufziehen.

Lange, bevor der Film seine physische Dimension entfaltet, bekommen wir bereits das breite Instrumentarium psychischer Gewalt vorgeführt. Die Protagonistin wird durch ihr sprachliches Unvermögen ausgegrenzt und isoliert. Nicht mehr sie selbst, sondern ihr Gegenüber, sogar ihr Partner entscheidet darüber, was für ihre Ohren wichtig ist und was nicht. Die Autonomie der Protagonistin wird Stück für Stück demontiert.

Der letzte im Film geworfene Blick gilt nicht der Kamera, sondern uns. Es ist eine Aufforderung, hinzuschauen, den Blick zu erwidern, solidarisch zu sein.

★★★½☆

Infos & Extras