Im fortwährenden Kriegszustand gibt es nur wenig, was sich wirklich mit abschließender Sicherheit sagen lässt
Foto: déjà-vu film
[...] Denn im fortwährenden Kriegszustand gibt es nur wenig, was sich wirklich mit abschließender Sicherheit sagen lässt.
Klar ist, dass sich die Dinge verschieben. Denn die vielen, vermeintlich einfachen, banalen und kindlichen Dinge, die sich der Junge zu Beginn des Films ausmalt, sind plötzlich gar nicht mehr so kindlich. Die Erwachsenen sprechen plötzlich von ganz ähnlichen Wünschen. Ohne zusätzliche Worte macht der Film klar: Der Krieg hat dem Kindlichen die Unschuld geraubt und in den Köpfen der erwachsenen Menschen eine regelrechte Regression der Wünsche, der Träume, der Vorstellungskraft herbeigeführt.
Das eindeutige Fahrwasser kann der Film nicht unerkannt machen
Ein Gedanke ging mir einfach nicht aus dem Kopf: Das ist doch einfach nur CUBE, aber mit Aliens. Also klar, auch vor CUBE gab es natürlich schon Filme, die sich an vergleichbaren Anordnungen versucht haben. Aber dieses Zusammenspiel aus Figuren, aus Arche- und Stereotypen und Bildästhetik, das ist schon ein relativ eindeutiges Fahrwasser. Darüber lässt sich dann auch nicht mit einer derart pseudocoolen Verkultung von Kriegergehabe und entsprechenden Codes hinwegtäuschen.
An einem kunstgeschichtlichen Zugang versuche ich mich hier erst gar nicht, daran kann ich nur scheitern und maximal mit sehr dünnem Halbwissen glänzen. Deshalb möchte ich einen eher persönlichen Zugang wählen:
Die eine Hälfte meiner Großeltern war in der Landwirtschaft – wie der ganze Zweig dieser Familie über Generationen hinweg. Im Haus meiner Großeltern hingen Bilder in einem THE PEASANTS nicht unähnlichen Stil. Heute würde ich sagen, dass diese Bilder ein entbehrungsreiches Leben nicht nur verkitscht, sondern fast schon in religiöse Sphären gehoben und diesen Motiven etwas Ikonenhaftes verliehen haben. Das Zugrunderichten des eigenen Körpers samt Verkrüppelung der eigenen Psyche als Religion.
Und genau diesen Ikonen liefert der Film Widerstand. Er greift diese Motive auf, bricht die Rahmen auf und schaut, was vor und nach diesen eingefangenen Momenten passiert (ist), wie sich diese Welt zusammenfügt. Und das erinnert sehr an Michael Hanekes DAS WEISSE BAND. Wir erleben eine autoritäre Gemeinschaft, die die Gegebenheiten nicht infrage stellt, sondern stattdessen Schuldige in den eigenen Reihen sucht und konsequent nach unten tritt.
Vermeintliche Momente der Solidarität, wie der Ring von wissenden Frauen um eine Braut, die nun nicht gerade eine Liebeshochzeit begehen soll, sind an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten. Denn später sind es genau diese Frauen, die die Braut als Hure beschimpfen und ihr die Schuld nicht nur für die Verfehlungen ihrer Männer, sondern auch für die Verschlechterung der Zustände allgemein geben.
Gemeinplätze sind einfach nicht so schön anzusehen...
Foto: Universal Pictures International Germany
Der Film bleibt einfach super farblos – (vielleicht) ironischerweise, weil er lediglich mit extrem groben und breiten Pinselstrichen arbeitet. Es bleibt bei einem grob ausformulierten Konzept und kommt nie zu einer detaillierteren Ausarbeitung. Deshalb kann sich der Film in der Kritik bestimmter Milieus auch nur auf Gemeinplätze zurückziehen.
Superreiche und -berühmte haben die Bodenhaftung und damit den Kontakt zu „normalen" Menschen verloren. Wir leben in einer Zeit, in der das (Ver-)Formen der eigenen Erzählung für eine permanente digitale Öffentlichkeit zu einer regelrechten Kulturtechnik geworden ist. Große Teile der Gesellschaft verhalten sich zu Kulturschaffenden wie zu Sportteams; es geht nicht mehr um die Kunst, sondern nur noch um irgendwelche tribalistischen Grabenkämpfe, um das eigene „Team", das gegen ein anderes gewinnen muss.
All das steckt potenziell in OPUS. Dennoch bekommen wir nur selten mehr als "reicher Exzentriker = komisch" serviert. Die gesamte Struktur des Films scheint ohne jegliche Ambition zusammengezimmert.
Dringt in die politische Dimension von Urheber*innenschaft vor, überhöht sich dabei jedoch unangenehm
Foto: Sony Pictures
Eigentlich ja ein nobles Unterfangen, der Kunst im Allgemeinen und dem Theater im Speziellen diese politische und vielleicht auch agitatorische Macht zuzuschreiben. Auch die politische Dimension von Urheber*innenschaft verkennt der Film klugerweise nicht.
Denn wer darf und kann überhaupt Kunst schaffen? Wer hat nicht nur die monetären und materiellen Mittel dazu, sondern auch Zugang zu entsprechender Bildung? Alphabetisierung ist (im Film) Ausdruck von Privilegien und keine Selbstverständlichkeit. Sind Künstler*innen und damit die Kunst wirklich frei, wenn sie ökonomisch von wenigen mächtigen Gönner*innen abhängig ist?
Aber: Der Film öffnet mit einem Typen, der vom Gesetz festgehalten und gefragt wird, ob er schon mal festgenommen worden sei. Natürlich, er sei schließlich Autor, so die sinngemäße Antwort. Und ich komme einfach nicht umhin, darin weniger einen Beschreibungsversuch des politischen Drucks auf Shakespeare und Co., als mehr einen billigen Versuch des von der Kritik (zu Recht) gescholtenen Emmerich zu sehen, sich selbst im Film zu verewigen.
Das trieft nur so vor Selbstüberhöhung und selbstgefälligem Herumopfern.
Wird seinen Protagonistinnen deutlich gerechter als der Vorgänger
Foto: ZDF, Anne Misselwitz
Klar darum bemüht, die zahlreichen Unzulänglichkeiten des Vorgängers auszubügeln. Hier bekommen wir eine tolle Perspektivenvielfalt serviert, weil der Film den Themenkorridor nicht mehr so unfassbar eng anlegt. Wie im Vorgänger geht es hier natürlich auch ums große Ganze, aber eben auch um die vielen kleinen, ganz individuellen Kämpfe. So werden die Frauen, die dort vor der Kamera sprechen, zu immer greifbareren Protagonistinnen, die so viel mehr sind, als nur eine Reaktion auf Sexismus im Parlament.
Formal bewegt sich der Film jedoch weiterhin auf keinem sonderlich hohen Niveau. Die deskriptiven Lieder, immer wieder die ins Bild drängende sozialistisch-realistische Kunst, das alles wird nie zu einer geschwungenen Schleife zusammengebunden. Das Ziel, damit Widersprüche zu den Berichten der Frauen zu produzieren und so das DDR-Narrativ zu brechen, gelingt nur selten. Eher mehr als weniger trägt das zu einer gewissen Verkitschung bei.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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