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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Kinotagebuch: The Brutalist (2024)

Kinotagebuch: The Brutalist (2024)

Brady Corbet hat hier wirklich eine epische Sinfonie komponiert, orchestriert und dirigiert. Diese brachial-opulenten Bilder verkommen nie zum Selbstzweck, sondern stehen immer konsequent im Dienst von Corbets Figuren. Diese Figuren fühlen mehr als wir alle – größeren Schmerz, feurigere Leidenschaft, wärmere Liebe, brennendere Wut, tiefere Trauer.

Die filmischen Einflüsse sind dabei nicht zu übersehen: Unter anderem Federico Fellinis , Paul Thomas Andersons THERE WILL BE BLOOD, Andrei Tarkowskis STALKER und Charlie Kaufmans SYNECDOCHE, NEW YORK wabern durch Corbets American Dream – doch niemals des reinen Zitats wegen, sondern immer klug verwoben mit einer eigenen Perspektive, einer eigenen Vision.

Die uramerikanische Erzählung vom Wohlstandsversprechen für alle harten Arbeiter*innen wird hier auf die Schlachtbank gelegt und als hinterhältiges Märchen entlarvt. Es mag eine Generation gegeben haben, für die der American Dream noch möglich war, die so an Geld und Macht gelangen konnten. Diese Menschen trugen diese verheißende Erzählung fort, schrieben sie jedoch für den eigenen Profit um und manipulierten so alle diesem Ruf einer vermeintlich besseren Zukunft Folgenden dazu, sich nach Strich und Faden ausbeuten zu lassen.

Die für dieses Epos gewählte bildliche Klammer – mit Eröffnung durch die auf dem Kopf stehende Freiheitsstatue und dem durch ein umgedrehtes Kreuz besiegelten Ende – ist brillant. Es sind Bilder, denen zwar auch ein zeitlicher Bezug zugeordnet werden könnte, die letztlich im Kern jedoch Geschichte transzendieren und eine universellere Wahrheit herstellen.

★★★★½

🇬🇧/🇺🇸, R: Brady Corbet, D: Adrien Brody, Guy Pearce, Felicity Jones, Joe Alwyn, Stacy Martin, Raffey Cassidy, Alessandro Nivola, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Jonathan Hyde, Trailer, Wikipedia

Der Brutalist - Stream: Jetzt Film online anschauen
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„Dear fellow humans..." – Tilda Swintons messerscharfe Rede auf der Berlinale 2025

„Dear fellow humans..." – Tilda Swintons messerscharfe Rede auf der Berlinale 2025
Foto: Elena Ternovaja unter CC BY-SA 3.0; Zuschnitt von mir

Die fantastische Tilda Swinton ist die Ehrenpreisträgerin der diesjährigen Berlinale und ihre Dankesrede war eine absolute Wucht. Patrick Wellinski brachte es drüben auf Bluesky bereits auf den Punkt: „Kann man sagen, was man will, aber das war rhetorisch eine hoch präzise und brutal intelligente Rede, in wunderschönem britischen English. Sowas gibt es in Cannes nicht."

We can head for can head for the great independent state of Cinema and rest there; an unlimited realm, innately inclusive, immune to efforts of occupation, colonization, takeover, ownership or the development of riviera property. A borderless realm and with no policy of exclusion, persecution or deportation, no known address, no visa required. It's so very very good for us to wonder at the world and to be surprised by admiration for each other, rather then shocked speechless by our cavalier mean-spiritedness and cruelty. To notice our myriad variations and to unite in celebrating them, rather than resign ourselves to a submission, to entitled domination and the astonishing savagery of spite.

Gesehen: Dario Argento: Panico (2023)

Gesehen: Dario Argento: Panico (2023)
Dario Argento // (c) Plaion Pictures

All das, was hier inhaltlich an der Oberfläche treibt, kann eigentlich niemandem vom Hocker reißen. Unterm Strich ist diese Doku ein ziemlich großer Circle-Jerk, was für ein außergewöhnlicher Künstler Dario Argento eigentlich ist, wie er diesen und jenen beeinflusst hat. Das ist lauwarmer Kaffee.

Viel interessanter fand ich zu sehen, wer hier wie (über Dario Argento) spricht.

Argento selbst erzählt stolz von Sergio Leone, für den er am Drehbuch zu ONCE UPON A TIME IN THE WEST unter anderem an den Frauenfiguren schreiben sollte. Leone habe jemanden gebraucht, der sich besser in Frauen einfühlen könne. Auch heute scheint es Argento nicht komisch zu finden, dass niemand eine Frau gefragt hat.

Dieser Moment, diese Anekdote hängt fortan wie eine graue Wolke über dem kompletten Film.

Wer hier über Argento Lob ausschütten darf: Männer. Die Begeisterung, Verbundenheit und Dankbarkeit, die Guillermo del Toro, Nicolas Winding Refn und Gaspar Noé für den Italiener verspüren, will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber lediglich diese Außenperspektiven verhindern, aus dem Dokumentarfilm mehr als einen Boys Club zu machen.

Besonders Argento selbst darf sich hier damit brüsten, dass ihm junge Frauen in seinen Hauptrollen immer wichtig gewesen seien. Was dazu andere weibliche Filmschaffende sagen und wie sie das beurteilen würden? Das scheint nicht zu interessieren und ist damit wieder total on brand.

Wenn Frauen sprechen, dann sind es – vielleicht abseits seiner Ex-Frau – welche, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Argento standen oder (über welche Bande auch immer) immer noch stehen. Und genau diese Frauen drücken sich auffällig ausgewählt und vorsichtig aus.

Weil sie nicht als undankbar wahrgenommen werden wollen? Weil sie berufliche wie private Konsequenzen fürchten müssen? Das lässt sich nicht erahnen, nur interpretieren. Der Film scheint jedoch absolut kein Interesse daran zu haben, diese offensichtliche Wand der Zurückhaltung zu durchbrechen und zu schauen, was dahintersteckt.

🇬🇧, R: Simone Scafidi, Trailer, Wikipedia

Dario Argento Panico - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Guillermo del Toro über die unsterbliche Liebe zur „doomed religion" Stop-Motion-Animation

Guillermo del Toro über die unsterbliche Liebe zur „doomed religion" Stop-Motion-Animation
Guillermo del Toro 2017 in Sitges // (c) GuillemMedina unter CC BY-SA 4.0
Animation is made by humans. And that's what makes it moving.

Guillermo del Toro war vor ein paar Monaten beim British Film Institute und hat vor Publikum über seine so geliebte Kunstform der Stop-Motion-Animation gesprochen. Und brennenden Menschen beim Reden über ihre Herzensangelegenheiten zuzuhören, ist immer großartig – auch hier. Zwei Momente haben es mir besonders angetan.

Es berührt mich sehr, wie ehrlich, wertschätzend, dankbar, bewundernd und voller Wärme Guillermo del Toro über Mark Gustafson, seinen Co-Regisseur bei PINOCCHIO, spricht. Gustafson ist im Februar 2024 bei einem Herzinfarkt gestorben. Ein „genius" und „a titan of animation" sei er gewesen. Gleichzeitig klingt del Toro auch wie ein Kind im Spielzeugladen, wenn er über seinen verstorbenen Kollegen spricht. I'm not crying, you are!

Wie Guillermo del Toro auf den Schaffensprozess in der Stop-Motion-Animation blickt, ist beispiellos. Er sagt:

The other thing that a director does, is quietly act like the force of gravity. You may not notice when you're doing it. What you notice, if you stop doing it: everybody starts floating into space in different directions. [...]and if you do your job right, everybody in the movie owns the movie. It's not just your movie. Everybody will say ‚Have you seen my movie PINOCCHIO?', whether they were sculpting a set or animating a puppet or doing anything. Your hope as a director is to inspire all of them to say ‚my movie' and to find the biography, their autobiography in something they did for that movie.

Wie selbstlos kann ein*e Künstler*in sein? Guillermo del Toro: „Ja!"


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Gesehen: An Urban Allegory (2024)

Gesehen: An Urban Allegory (2024)
Foto: Ad Vitam Production, Social Animals, ARTE France Cinéma, Mubi

Ein Plädoyer für kollektives Handeln, für Aktivismus sowie für das Aufstehen und für sich und die Gemeinschaft einzustehen. Das ist auch ein grenzenlos optimistischer Vertrauensbeweis gegenüber der Gesellschaft, wie Alice Rohrwacher und JR den Menschen Fähigkeiten zuschreiben, die dieser Tage auch oftmals verloren geglaubt werden können.

Ein bisschen banal und auf jeden Fall ermüdend finde ich dieses abgegriffene wie totgelaufene Bild der zombifizierten Menschheit, die ihre Welt nur noch durch den Filter ihres Smartphones wahrnimmt und davon errettet werden muss. Das ist auch in einem Kurzfilm ein viel zu einfältiger Blick. Denn haben die Menschen ihre Welt nicht schon immer weitestgehend durch Filter wahrgenommen?

Cool war dafür wiederum der Stencil-Einsatz von JR, der mich noch einmal aus einem anderen Winkel auf die Kunstform hat blicken lassen. Denn nicht nur Ort und Motiv sind ausschlaggebend für das Gesamtkunstwerk. Der reine Prozess des Auf- und Abtragens ist in sich bereits Kunst. Das habe ich so noch nie betrachtet.

🇫🇷, R: Alice Rohrwacher, JR, D: Naïm El Kaldaoui, Lyna Khoudri, Leos Carax, Trailer, Wikipedia

Der Kurzfilm steht noch bis zum 26. Juni 2025 in der Arte-Mediathek:

An Urban Allegory - Film in voller Länge | ARTE
Platon fragt sich in seinem Höhlengleichnis: Was würde passieren, wenn es einem der Gefangenen gelänge, sich von seinen Ketten zu befreien und aus der Höhle zu fliehen? Und wie wäre es, wenn es sich bei diesem Gefangenen um Jay, einen siebenjährigen Jungen, handeln würde?
An Urban Allegory - Stream: Jetzt Film online anschauen
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Gesehen: No Dogs Allowed (2024)

Gesehen: No Dogs Allowed (2024)
Foto: ZDF, Jolanda Selting

Es mag wie der „perfekte" Sturm wirken, der hier herbeikonstruiert wurde. Doch eigentlich beschreibt der Film eine naheliegende und folgerichtige Situation.

Ein 15 Jahre alter Junge, der erkennt, pädophil zu sein, wird in unserer Gesellschaft wohl nur selten sofort Präventions- und Behandlungsangebote in Anspruch nehmen. Nicht nur gibt es davon nicht sonderlich viele, auch das gesellschaftliche Stigma ist kaum zu überwinden.

Wo also Halt suchen? Wahrscheinlich bei anderen Betroffenen. Aber da das alles im Schatten stattfindet, können jugendliche Pädophile selbst zum manipulierten Opfer, gleichzeitig aber auch Täter*in im Sinne von Mitwisser*in oder gar Kompliz*in werden.

„Alles, was ich tun kann, ist nichts zu tun."

Dieser Satz des Protagonisten sollte nachhallen. Denn er ist Ausdruck dessen, worauf das krasse Stigma die Sicht trübt: Pädophilie ist eine Störung der Sexualpräferenz, also eine Krankheit und kein Synonym für den sexuellen Missbrauch von Kindern. Wer krank ist, kann Hilfe bekommen, um diese klare Grenze nicht zu überschreiten.

Letztlich bindet mir der Film das Geschehen etwas zu lückenlos zusammen. Es bleiben fast keine Fragen offen, und darum ist das Drehbuch spürbar bemüht. Ein offeneres Ausfasern wäre der Komplexität dieser Anordnung, in der es keine simplen Antworten gibt, angemessener gewesen.

P.S.: Ich empfehle, unbedingt Heike Fallers herausragenden Text „Der Getriebene" von 2012 bei der Zeit zu lesen. Der Teaser: „Kann ein Mensch seine Sexualität sein Leben lang unterdrücken? Wenn Jonas ein guter Mensch sein will, wird er es müssen – er ist pädophil. Wir haben ihn bei seiner Therapie begleitet."

★★★½☆

🇩🇪, R: Steve Bache, D: Carlo Krammling, Robin Sondermann, Katharina M. Schubert, Sean Douglas, Bineta Hansen, Sithembile Menck, Trailer, Wikipedia

Der Film steht noch bis zum 18. November 2025 kostenlos in der ZDF-Mediathek:

No Dogs Allowed
Seine pädophile Neigung hält Gabo (15) vor Familie und Freunden geheim. Aus Angst vor Verurteilung sucht er Unterstützung in Onlineforen.
No Dogs Allowed - Stream: Jetzt Film online anschauen
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A ★★★½ review of No Dogs Allowed (2024)
Es mag wie der „perfekte” Sturm wirken, der hier herbeikonstruiert wurde. Doch eigentlich beschreibt der Film eine naheliegende und folgerichtige Situation. Ein 15 Jahre alter Junge, der erkennt, pädophil zu sein, wird in unserer Gesellschaft wohl nur selten sofort Präventions- und Behandlungsangebote in Anspruch nehmen. Nicht nur gibt es davon nicht sonderlich viele, auch das gesellschaftliche Stigma ist kaum zu überwinden. Wo also Halt suchen? Wahrscheinlich bei anderen Betroffenen. Aber da das alles im Schatten stattfindet, können jugendliche Pädophile selbst zum manipulierten Opfer, gleichzeitig aber auch Täter*in im Sinne von Mitwisser*in oder gar Kompliz*in werden. „Alles, was ich tun kann,