Der einzige Grift, den diese drei Menschen wirklich beherrschen, wie kein:e Zweite:r, ist der Grift sich selbst gegenüber. Die drei machen sich vor, ihr Leben im Griff zu haben, am Steuer zu sitzen, die Kontrolle über all ihr Handeln zu haben. Daran halten sie sich fest, weil es keine Alternative gibt.
Letztlich ist der Grift wie eine Drogensucht: Nur, weil du dir die Spritze selbst in die Vene setzt, hast du noch lange keine Kontrolle. Im Gegenteil, die Droge hat längst dein Ruder in der Hand. Die wiederum tanzt sozusagen nach den Pfeifen der Dealer:innen und die im Rückschluss nach den Pfeifen der Kartelle.
Cui bono? Den Grifter:innen selbst jedenfalls nicht. Wer griftet, wird ausgebeutet. Wer griften lässt, hat die Kontrolle.
Damit ist THE GRIFTERS eine tieftraurige Geschichte über Menschen, die einfach nicht (mehr) aus ihrer Haut können und sich dessen wahrscheinlich schon lange nicht mehr auch nur ansatzweise bewusst sind.
Der Film ist zwar konsequent und finster, zerfasert nur leider an vielen Ecken und versucht diese Fransen schließlich mit Schlagfertigkeit und aufspielender Coolness unter den Teppich zu kehren.
★★★☆☆
🇨🇦/🇺🇸, R: Stephen Frears, D: John Cusack, Anjelica Huston, Annette Bening, Trailer, Wikipedia, Foto: ARD Degeto 2025
Der Film steht noch bis zum 01. April 2025 in der Arte-Mediathek:
Friendly Reminder: Am Samstag ist Internationaler Frauentag. Arte fährt deshalb ein ziemlich starkes Programm auf, von dem Teile auch jetzt schon in der Mediathek abrufbar sind:
Audrey Diwans HAPPENING nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Annie Ernaux. Eine großartige wie an die Nieren gehende Geschichte über Emanzipation und körperliche sowie sexuelle Selbstbestimmung im Frankreich der 1960er.
Frauke Finsterwalders Machtgefüge und Rollenbilder dekonstruierender Blick auf Elisabeth von Österreich-Ungarn: SISI & ICH mit Susanne Wolff und Sandra Hüller. Habe ich im Kino gesehen und war begeistert.
Thematisch aus der Reihe tanzed: Robert Schwentkes SENECA versucht viele interessante Dinge und scheitert meiner Meinung nach ultimativ daran, dass Schwentke mehr Metzger als Regisseur ist. Aber es ist ein Scheitern, dem man trotzdem viel abgewinnen kann.
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur macht 65.000 Fotos aus dem Archiv digital öffentlich zugänglich.
Die Fotografien bieten sowohl west- als auch ostdeutsche Perspektiven auf die DDR und die deutsche Teilung. Sie dokumentieren politische Ereignisse, den Alltag der Bevölkerung, Protestbewegungen sowie die Friedliche Revolution 1989/90 und die anschließende Transformationsphase. Die erste Auswahl umfasst Bilder von Günter Bersch, Klaus Mehner, Jürgen Nagel und Harald Schmitt sowie aus dem Archiv der ehemaligen Bildagentur Eastblockworld.
Das ist zwar nur ein winziger Bruchteil des den Angaben nach rund eine Million Fotografien umfassenden Archivs, aber trotzdem: Ich bin immer ein großer Fan davon, Geschichte so (barriere)frei wie möglich zugänglich zu machen.
Kevin Rose hat zusammen mit ein paar Techbuddys das einst von ihm gegründete Digg zurückgekauft – aber nicht, um sich am freien Internet zu beteiligen, sondern um überall noch mehr KI-Bullshit reinzudrücken. Weil genau dieses Puzzleteil bisher gefehlt hat, um gesunde Communitys wachsen zu lassen...
They bought the domain and other assets from Money Group for a price they wouldn’t disclose and are bringing it back. The site is relaunching today, but only in a limited form. Its ultimate ambitions, however, are enormous: Digg aims to build the kind of community-first social platform that basically no longer exists on the internet. And its new founding team thinks AI could be the secret to pulling it off.
Beim Hollywood Reporter ist derzeit ein, wie soll ich sagen, interessantes Stück zum Thema „alte" Filme und deren Fehlen in den Katalogen von Netflix und Co. zu lesen. Autor Benjamin Svetkey scheint das Herz immerhin am rechten Fleck zu haben.
The great promise of streaming, of course, was supposed to be a world in which every movie ever made would be immediately viewable at the touch of a button. [...] And yet, as it turns out, the streaming revolution has been something of a disaster for classic movies. It has, in fact, been slowly and methodically wiping the collective culture’s memory of anything made before … well, 1973 seems about right.
Seine Kritik richtet sich hier völlig zu Recht an die großen Streaming-Anbieter – nur um dann den kurzsichtigsten Take, den ich je dazu gelesen habe, nachzuschieben.
Why would viewers today bother to search Apple TV+ or Google Play for a classic film like, say, The African Queen, when their Netflix home screens are already beckoning them with original offerings like Kinda Pregnant and La Dolce Villa? Of course, there’s every reason they should watch John Huston’s 1952 adventure story — not the least of which is Bogart and Katharine Hepburn’s bristly onscreen chemistry — but most won’t. They’ll watch Amy Schumer strap on a fake belly bump instead. Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie.
Svetkey schreibt es selbst und verpasst es, auch nur einen einzigen produktiven Schluss daraus zu ziehen. „Because there isn’t a Late, Late Show making them watch the good movie." Das ist natürlich unglaublicher Quatsch. Es ist richtig, dass es eben nicht mehr die Late Late Show ist. Dafür bespielen andere Tastemaker:innen das Feld. Wer an Film(geschichte) interessiert ist, wird ohne Aufwand fündig werden.
Wer hingegen schon damals™ etwas nur geschaut hat, wenn Tom Snyder oder Craig Kilborn es gesagt haben, war höchstwahrscheinlich auch schon damals™ passive:r Zuschauer:in, gar nicht explizit an „guten" Inhalten interessiert und damit auch nicht „besser" als alle, die sich heute vom Netflix-Algorithmus ihren Filmkonsum diktieren lassen.
Einen „guten Klassiker" einfach gedankenlos wegzukonsumieren ist in meinen Augen nicht sonderlich weit davon entfernt, die nächste Folge Love is Blind zu ballern, weil es groß auf der Netflix-Home ist.
Ich finde es befremdlich, ein so kritisches Thema für Kultur, Gesellschaft und Industrie mit so viel unbelegtem Fühlifühli aus dem Bauch heraus abzuarbeiten. Es ist unfassbar belanglos und egal, was Humphrey Bogarts Sohn Stephen dazu meint. Der findet in diesem Artikel sowieso nur statt, um seinen neuen Dokumentarfilm zu bewerben. Wo sind die handfesten Statistiken, die Anfragen an die Streaming-Dienste, die Einschätzungen von Filmhistoriker:innen und anderen Wissenschaftler:innen?
Dieser unfassbare Kulissenaufwand, die endlos vielen Statist:innen, die genialen und vor allem die Zeit überdauerten Spezialeffekte, dieser Reichtum an Metaphern, das ist schon abgefahren.
Vielen werde ich damit sicherlich nichts Neues erzählen, aber ich kannte vorher weder das Buch noch habe ich mich anderweitig belesen und zähle jetzt einfach mal auf, was mir alles aufgefallen ist:
Wie der Film Rollenbilder dekonstruiert, der eisenharte Tin Man selbstverständlich auch ein Herz haben darf, der immer mit großem Mut in Verbindung gebrachte Löwe natürlich auch mal Angst haben darf und die Vogelscheuche bisexuell as fuck ist. „Of course, people do go both ways!"
Die Yellow Brick Lane, also gewissermaßen die mit Gold oder Geld gepflasterte Straße führt zur Emerald City, wo ein völlig entrückter Typ in seinem Elfenbeinturm wohnt. Kapitalismus, ich hör die trapsen.
Und Elon Musk bzw. Donald Trump, dir hör’ ich auch trapsen. Denn als „Wizard of Oz" hat Professor Marvel Emerald City unterjocht oder zumindest kolonialisiert und zieht dort in seiner Zentrale eine ziemlich exzentrische wie egozentrische Show ab. Dabei ist er außerdem besessen von Oberflächlichkeiten – nicht nur, was seine Erscheinung betrifft, sondern auch: die Flavor-Flav-Style-Uhr für den Tin Man, Stolen Valor für den Löwen und der Ehrendoktortitel für die Vogelscheuche. Was zählt, ist, was an der Oberfläche glänzt. Natürlich waren Musk und Trump 1939 noch nicht mal Quark im Schaufenster, aber ich wollte den Bezug herstellen, um die meiner Meinung nach extrem zeitlosen Qualitäten der Bilder zu unterstreichen.
Dazu eine Prise Faschismus von fliegenden Affen in SS-ähnlichen Uniformen.
Und weil's knallt: Die Wicked Witch of the West hext die Truppe um Dorothy in den Schlaf – natürlich nur gänzlich zufällig auf einem Blumenfeld, das nur Schlafmohn sein kann. Aber dann zaubert Glinda Schnee herbei und alle sind wieder hellwach. Noch Fragen?
★★★★½
🇺🇸, R: Victor Fleming, D: Judy Garland, Frank Morgan, Ray Bolger, Bert Lahr, Jack Haley, Billie Burke, Margaret Hamilton, Charley Grapewin, Clara Blandick, Trailer, Wikipedia, Foto: Warner Bros. Home Entertainment, MGM
Es scheint redundant, erst den Namen Ken Loach zu nennen und dann trotzdem noch zu erwähnen, wie nuanciert hier die Zusammenhänge zwischen ökonomischer Ungleichheit, den Folgen fehlender politischer Teilhabe, autoritärer Schulbildung sowie weggebrochener öffentlicher Räume des Zusammenkommens außerhalb der eigenen vier Wände und in Flammen aufgegangener berufliche Perspektiven inszeniert werden. Aber dennoch: Irre, wie nuanciert und organisch das alles ineinandergreift.
All das führt zu einer radikalen Entsolidarisierung nicht nur innerhalb einer Gesellschaft, sondern sogar innerhalb individueller Familiengefüge. Das dadurch entstehende Vakuum wird direkt vom autoritären Geist gefüllt. Bereits einfach nur als Kind zu existieren, ist in den Augen dieser Geister schon ein nicht zu akzeptierender Zustand. Diese Kinder haben im Gegensatz zu denen noch die Möglichkeit einer Zukunft und sind deshalb mit aus Neid entwachsener, größtmöglicher Aggression und Repression zu behandeln.
Doch wenn diesen Kindern auch nur der Hauch einer Chance gewährt wird, nach etwas streben, sich in etwas finden, in etwas aufgehen zu können, dann besteht noch Hoffnung für die Welt – selbst für eine Welt, in der die Schiedsrichter:innen selbst Teil einer der Mannschaften sind, deren Wettbewerb sie eigentlich überwachsen sollen. (Eine wirklich großartige Metapher, die Ken Loach hier im Schulsport und dem tyrannischen Lehrer findet.)
★★★★☆
🇬🇧, R: Ken Loach, D: David Bradley, Freddie Fletcher, Lynne Perrie, Colin Welland, Brian Glover, Bob Bowes, Trailer, Wikipedia
Derek Guy schreibt über die Modeindustrie und hat deshalb einen Blick auf Trumps und Vances Stunt beim Besuch von Wolodymyr Selenskyj im Weißen Haus wie wohl kaum ein:e Politikjournalist:in. In einem Bluesky-Thread (via kottke.org) analysiert er den weirden Move, sich auf Selenskyjs Kleidungswahl einzuschießen.
The biggest reason why I dislike the idea of respectability in dress is because it conflates the appearance of virtue with actual virtue. Wearing a suit doesn't make you respectful, intelligent, or capable, just as wearing a leather jacket doesn't make you rugged.
There has been a lot of chatter today about Zelenskyy's meeting with Trump, some regarding this moment when White House correspondent Brian Glenn asked if the Ukrainian president plans to wear a suit. I want to address idea in this thread. 🧵
Patrick Tormas tolles Herzensprojekt Journalistenfilme.de feiert zehnjähriges Bestehen! Ich erinnere es nicht mehr ganz genau, aber ich bin relativ früh auf das Blog aufmerksam geworden und seitdem regelmäßiger Leser. Ist auch kein Wunder, wenn zwei meiner Leidenschaften (und auch zum Beruf gewordenen Themen) zusammenkommen. Patricks geplantes Geburtstagsprogramm kann sich auch sehen lassen.
Noch ein Blog-Jubiläum: Caschys Blog feiert 20. Geburtstag! Das Blog hat seit Ewigkeiten einen verdienten Stammplatz in meinem RSS-Reader. Klar, Technews und -analysen bekommt man in der Regel eh schneller bei den US-Medien und -Blogs. Aber deshalb lese ich Caschy und sein Team nicht. Spannend sind für mich nämlich immer wieder die vielen kleinen Tools, die im Blog vorgestellt werden, die mein digitales Leben schon mehr als ein paar Mal verbessert haben. Außerdem habe ich vor Äonen bei einem Gewinnspiel einen Monitor gewonnen, der hier immer noch als Zweitbildschirm auf meinem Schreibtisch steht.
Alles ist möglich, nichts zwingend. Ohne Clickbait, Bullshit und unseriöse Inhalte. Bei unserem breiten Themenspektrum und der großen Leserschaft hat jeder seine eigene Vorstellung davon. Ich setze kein Fachwissen voraus und möchte weiterhin allgemeinverständlich schreiben. Eine Kommunikation auf Augenhöhe ist das Ziel, auch wenn man sein Gegenüber nicht kennt. (Caschys Blog)
Das mit dem „Ohne [...] unseriöse Inhalte" bröckelt meiner Meinung nach seit dem „Siegeszug" generativer KI ein bisschen. Zu viele Posts habe ich schon gelesen, in denen ohne sinnvolle Einordnung Pressemitteilungen von OpenAI und Co. wiedergegeben werden und number go up mit besser gleichgesetzt zu werden schien. Aber ich weiß, wie ich diese Inhalte zu nehmen habe und umschiffe sie einfach. 20 Jahre sind nichtsdestotrotz eine beachtliche Zeit. Herzlichen Glückwunsch!
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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Keine Zeit für schlechte Streams. Bei Shelfd findet ihr jede Woche handverlesene Empfehlungen und Kolumnen – von echten Menschen, nicht vom Algorithmus.