Dieser Titel, dieser Name schürt natürlich gewisse Erwartungen – die dieser Film gewissermaßen auch erfüllt. Denn das Streben nach Freiheit steht auch hier im Zentrum.
Was hier längst nicht mehr interessiert, ist sexuelle Freiheit. Mit der ist Emmanuelle bereits ausgestattet.
Woraus es hier auszubrechen gilt, ist der stumpfe Irrsinn des kapitalistischen Wirtschaftens.
Wer eine steile Karriere bei einem multinationalen Großkonzern hinlegt, mag zwar ökonomische Sicherheit, aber niemals individuelle Freiheit genießen. Individuen fallen hier aus der Reihe. Gesucht sind Marionetten, die die Macht anderer durchsetzen.
In diesem System gibt es keinen persönlichen Gestaltungsspielraum. Wer kein perfektes Zahnrad wie zunächst Emmanuelle ist, wird aussortiert – nicht repariert oder an passenderer Stelle eingesetzt, sondern entsorgt.
Der Film bietet einen Ausweg aus dieser Sackgasse: existenzieller Nihilismus. Das System muss nicht nur verlassen, sondern eigentlich eingerissen werden.
★★★½☆
🇫🇷, R: Audrey Diwan, D: Noémie Merlant, Will Sharpe, Jamie Campbell Bower, Chacha Huang, Anthony Wong Chau-Sang, Naomi Watts, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Leonine Studios Spielfilm
Eine Konfrontation der menschlichen Existenz mit dem Verständnis von Zeit. Apichatpong Weerasethakul deutet eine nichtlineare Zeit an, nach der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft alle parallel und auf einer Ebene existieren.
Weerasethakul stellt den Wert infrage, den wir unserer Existenz beimessen, bzw. hinterfragt er den gesamten Existenzbegriff. Der Mensch ist lediglich eine vorübergehende Hülle für das, was wir vielleicht als Seele oder Geist bezeichnen würden.
Die menschliche Existenz wird durchlässig, Raum und Zeit verkommen zu leeren Worthülsen, alles ist miteinander verbunden – mit allem Schmerz, allem Glück, aller Freude und aller Traurigkeit.
Eine sehr meditative Auseinandersetzung mit dem Fluss und dem Verfließen der Zeit. Leben ist der unaufhaltsame Prozess des Sterbens, der reine Umstand zu existieren mitunter eine Qual und immer ein Ankämpfen gegen den Tod, den alternden Körper, ökonomische Sorgen, zerbrechende Freundschaften, Entfremdung von Familienmitgliedern und das zerklüftete Erbe der eigenen Herkunft.
Wie die Soldaten in dieser Geschichte scheinbar in einen ewigen Schlaf zu fallen, scheint für die Wachen ein verführerischer Zustand. Denn wer schläft, kann nicht bei Bewusstsein sterben, sondern existiert in einer Welt irgendwo zwischen Raum und Zeit. Wer wach ist, sehnt sich nach diesem Ort.
Gebündelt wird diese Sehnsucht in einer zum Krankenhaus umfunktionierten Schule – also an einem Ort der Kindheit, der noch (unbefleckten) Unschuld, der Sorglosigkeit, der gefühlt noch ewigen Jugend.
Ein so schlichtes und dennoch kraftvolles Porträt zweier Frauen, die jeweils für sich und einander eigentlich nur das Beste im Leben wollen. Doch die Vorstellungen davon scheinen nicht miteinander vereinbar. Doch was sie eint, ist, dass beide vom Patriarchat unterdrückt werden.
Für Serap Berrakkarasu wäre es wahrscheinlich sehr leicht gewesen, eine scharfe Abrechnung mit sowohl der türkischen Gesellschaft als auch den in Deutschland lebenden Türk:innen, die aktiv an der Zementierung des Patriarchats arbeiten, zu inszenieren. Doch das ist offensichtlich nicht ihr Ansinnen. Sie versucht, das strukturelle Problem lediglich durch die Linse ihrer Wurzeln in der Türkei zu betrachten.
Sie versteht es, zu transportieren, dass manche Täter:innen auch gleichzeitig Opfer sind. Ihre Bilder zeigen unmissverständlich den Missstand des Systems: Im Privaten dürfen sich Frauen zeigen, außerhalb ihrer vier Wände gehen sie in der Menge von Männern, die das Bild dominieren und die Lebensgeschichte der Frauen selbst schreiben wollen.
🇩🇪, R: Serap Berrakkarasu, Letterboxd, Foto: Arsenal - Institut für Film und Videokunst
Weil ich ständig nur gearbeitet habe, weiß ich nicht, was »Leben« bedeutet.
Was als Geschichte über sogenannte Gastarbeiterinnen aus der Türkei und ihr Leben in Deutschland beginnt, wird schnell überführt in eine Betrachtung von Menschen als kleine Zahnräder im Getriebe des Kapitalismus.
Hier wird kaum noch gearbeitet und damit Geld verdient, um sich eine Zukunft zu sichern. Hier geht es, zugespitzt formuliert, nur noch um den nächsten Tag. Work. Sleep. Repeat. Im Dunkeln zur Arbeit fahren, im Dunkeln nach Hause gekommen, am Wochenende zu erschöpft sein, um mehr als den Weg vom Bett zum Sofa zu sehen. Soziale Kontakte beschränken sich auf den engsten Familienkreis, sofern der überhaupt in Deutschland lebt.
Die Männer dürfen vom Sofa aus Anweisungen geben, während die Frau nach einer Woche in der Fabrik noch die ganze Bude putzt, kocht und Gäst:innen bewirtet. Sie werden ausgegrenzt, weil manche von ihnen aus der Türkei gekommen sind. Sie werden ausgegrenzt, weil sie die sogenannten niederen Arbeiten erledigen, für die sich sonst niemand finden lässt. Sie werden ausgegrenzt, weil weder Zeit noch Kraft bleibt, um trotzdem irgendwie Anschluss zu finden.
Serap Berrakkarasu gibt diesen Frauen Raum, sich der unbequemen Frage zu stellen, ob für sie ein Ausbruch aus diesem Hamsterrad überhaupt noch möglich ist. Die einen würden vor Erleichterung abheben, die anderen in den sich unter ihren Füßen auftuenden Abgrund gerissen.
🇩🇪, R: Serap Berrakkarasu, Letterboxd, Foto: Arsenal - Institut für Film und Videokunst
Unendlicher Schmerz steckt in diesem Film – aus in der Kindheit wurzelnden Traumata und aus Liebe gegenüber den engsten Menschen hervorbrechend.
Damit einher geht lebenslange Schuld, die bereits eine Generation zuvor ihren Lauf nahm, die ungerechterweise der nächsten aufgeladen wurde und die nun die nächsten Leben zu zerfressen droht.
Wer seine inneren Dämonen über Jahrzehnte hinweg füttert, wird sie irgendwann nicht mehr überwältigen können.
Es entsteht erst ein gefährlicher Kreislauf, der sich schließlich zu einem mörderischen Strudel auswächst, der immer mehr droht zu verschlucken – die dir nahen Menschen, die Menschen, die gerne nah bei dir wären und die, deren Nähe du suchst.
Wie das noch durchbrechen?
★★★★☆
🇩🇰, R: Thomas Vinterberg, D: Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Gustav Fischer Kjærulff, Morten Rose, Helene Reingaard Neumann, Patricia Schumann, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Mubi, Nimbus Film
Vergangenes Jahr habe ich auf dem DOK Leipzig unter anderem Dominique Cabreras cinephile Schnitzeljagd rund um Chris Markers legendären Kurzfilm und ihre Familie, LA JETÉE, THE FIFTH SHOT, gesehen. Arte hat den Film jetzt noch bis zum 02. November 2025 in der Mediathek stehen.
Der palästinensische Filmemacher Hamdan Ballal ist Berichten zufolge in der West Bank von etwa 15 bewaffneten israelischen Siedlern brutal angegriffen und schließlich von der israelischen Armee festgenommen worden. Offiziell verdächtigt die IDF ihn, israelische Staatsbürger mit Steinen beworfen zu haben.
Ballal hat zusammen mit Basel Adra, Yuval Abraham und Rachel Szor zusammen den Dokumentarfilm NO OTHER LAND (2024) gemacht, die die Zerstörung palästinensischer Siedlungen in der West Bank durch israelische Soldaten dokumentiert. Dafür wurden die vier – Ballal und Adra sind Palästinenser, Abraham und Szor Israeli – mit einem Oscar ausgezeichnet.
Nach dieser gestrigen Meldung kam heute das Update: Hamdan Ballal ist wieder frei. Yuval Abraham berichtet, sein Co-Regisseur sei auf einem Armeestützpunkt festgehalten und geschlagen worden sein, während ihm Handschellen angelegt waren.
From the party that brought you „bUt hEr e-MaIlS!": Im US-Verteidigungsministerium unter Leitung des ehemaligen Fox News-Moderators Pete Hegseth wird sich über konkrete Kriegspläne offenbar über private Handys und den Messenger Signal ausgetauscht. Der Gipfel der Dummheit ist jedoch, dass Trumps Berater für nationale Sicherheit, Michael Waltz, den The Atlantic-Chefredakteur Jeffrey Goldberg aus Versehen zu einer Signal-Gruppe eingeladen hat, in der Pläne für Bombardierungen in Jemen verbreitet und kommentiert wurden.
Josh Kincaid erzählt im Day One-Podcast, wie er mit Hilfe der Shortcuts-App unter iOS und macOS sein Leben (teils automatisiert) festhält. Unter anderem archiviert er jeden Tag die Titelseite der New York Times, um seine anderen Einträge auch in der Retrospektive mit dem Weltgeschehen zu verknüpfen. Das finde ich eine ziemlich coole Idee, dich ich mit deutscher Entsprechung auch mal ausprobieren werde.
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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