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André Pitz

Leipzig, Germany

journalist by trade, cinephile at heart

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Posts by André Pitz

Gesehen: Autobiografia di una Borsetta (2025) - Die reaktionäre Handtasche

Werbung bleibt nun einmal Werbung

Gesehen: Autobiografia di una Borsetta (2025) - Die reaktionäre Handtasche
Foto: Miu Miu

Ich habe vorher einfach nicht aufmerksam genug gelesen und war dann einigermaßen irritiert, als relativ schnell klar wurde, dass das hier ein Werbefilm ist. Dennoch gab es einiges an Reibungsfläche, an der man sich abarbeiten kann.

Einerseits gelingt Joanna Hogg eine Art persiflierendes Unterlaufen der Marke, in deren Auftrag diese Vignetten inszeniert wurden, und der absurden Maschinerie, die sich Designermode nennt. Wenn die Protagonistin, eine Handtasche, ausgepackt wird, dann sehen wir das aus ihrer Perspektive und wie ein Kind, das sich durch den Geburtskanal seinen Weg nach draußen bahnt. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Inszenierung findet also schon statt.

Andererseits trieft diese knappe halbe Stunde nur so vor Anmaßung, Konservatismus und reaktionären Motiven.

Noch in Ordnung ist das Leben der Tasche bei der sorgenfreien Oberklasse im barocken Anwesen. Später landet sie in der Wohnung eines Sozialwohnungskomplexes, wo natürlich Klischees regieren und Menschen prinzipiell keine guten Momente haben dürfen. Von dort geht es weiter in die Hände von zwei (mutmaßlichen) Sexarbeiterinnen, die selbstverständlich kriminell sind.

Die letzte Station der Tasche ist eine Gruppe von gesellschaftlich Randständigen, die ihr den Wert von Freiheit vermitteln. Das ist natürlich blanker Hohn, da eine sündhaft teure Designerhandtasche natürlich weder Freiheit schafft noch in einer Welt frei von Zwängen existieren kann. Die reine Existenz dieser billig und vermutlich unter nicht gänzlich menschenwürdigen Umständen zusammengenähte Tasche mit einem derartigen monetären Wert, hat mit vielem zu tun, aber auf keinen Fall mit Freiheit.

Der ganze Kurzfilm auf Youtube:

🇮🇹, R: Joanna Hogg, Trailer, Letterboxd, Foto: Miu Miu

Autobiografia di una Borsetta - Stream: Online anschauen
Wie und wo du “Autobiografia di una Borsetta” online auf Netflix & anderen Anbietern ansehen kannst – einschließlich kostenloser Streams.

Kurzfilmfiesta mit Radu Jude

Alles aufgesaugt, was Mubi hergibt.

Kurzfilmfiesta mit Radu Jude
Radu Jude auf dem International Film Festival Rotterdam 2020 // Foto: Vera de Kok unter CC BY-SA 4.0

Bei Mubi ist gerade nicht nur Radu Judes großartiger DO NOT EXPECT TOO MUCH FROM THE END OF THE WORLD (2023) zu sehen, sondern auch eine Reihe von sonst nur schwer zu bekommenden Kurzfilme, die ich mir nun Stück für Stück über ein paar Wochen hinweg angesehen habe.

Radu Jude – Im Programm
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The Potemkinists (2022)

Faszinierend, wie viel Politik, Kunst und Gesellschaft in so einen kleinen Film mit letztlich nur einer einzigen Unterhaltung passt. In einem irren Tempo werden hier die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verflechtungen Rumäniens mit Russland bzw. der einstigen Sowjetunion abgerissen, die absurde Polarisierung gesellschaftspolitischer Diskurse auf die Schippe genommen und die sich verändernde Deutung von (Natur-)Denkmälern innerhalb identitätspolitischer Debatten untersucht.

Semiotic Plastic (2021)

Mein erster Gedanke war: Okay, das ist mir jetzt irgendwie zu simpel gedacht. Mein zweiter Gedanke war: So gut, wie simpel das gedacht ist! Radu Jude ist damit eine kontrastreicher Blick auf die Durchkapitalisierung der Zeit der kindlichen Unschuld gelungen. Er untersucht, wie sie sich verschiedene Komplexe von Konzernen wie Coca-Cola und dem Militär im Kinderzimmer breitmachen, wie rassistische Stereotype reproduziert werden und wie alles Hochglanz und sexy ist, aber nie Sex sein darf.

Caricaturana (2021)

Diese neun Minuten hätte ich mir vor dem erstmaligen Interpretieren einer Karikatur im Deutsch- oder Geschichtsunterricht gewünscht. Denn sie hätten mir gezeigt, dass da noch viel mehr möglich ist als ein Kunstwerk nur im Kontext seiner Entstehungs(zeit) zu betrachten.

Sonderlich überraschend ist das Ergebnis dieses „Experiments" dann jedoch nicht.

The Marshal’s Two Executions (2018)

Ein kritischer Blick auf Sprache, Bilder und die Sprache der Bilder, ein Infragestellen der Realitäten, die dadurch geformt werden und damit auch ein Hinterfragen der eigenen Kunstform.

Shadow of a Cloud (2013)

Ich mag es, wie viel hier losgelöst von Figuren und Plot über Rumänien erzählt wird – über die ökonomischen Verhältnisse, den Zustand des bröckelnden Sozialstaates und über diese eigenartige Zwischenwelt, in der zumindest die Bukarester Gesellschaft zu existieren scheint.

Der Priester scheint eine Art Scharnier zu sein zwischen der alten, in (Aber-)Glaube und anachronistischen Ritualen verhafteten Welt und der neuen Welt, in der ihn das Finanzamt exekutiert, weil „Opfergabe" kein steuerrechtlich zulässiger Begriff auf Zahlungsbelegen ist.

Der Priester ist eine Art geistlicher Uber-Fahrer, dessen Kund:innen die Dienstleistung eines richtigen Taxi-Unternehmens zu Preis einer Tram-Kurzstrecke erwarten, während er ohne jegliche betriebliche Absicherung sich und seinen „Equipment" aufs Spiel setzt.

Es gibt nur Verlierer:innen.

The Tube with a Hat (2006)

Ein sehr raues und doch warmherziges wie empathisches Porträt der rumänischen Menschen abseits der urbanen Zentren und der harschen ökonomischen Realität im ländlichen Raum – und der Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn, die sich trotz aller Widrigkeiten entfalten und ganz selbstverständlich auch in einem derart entbehrungsreichen Leben bestehen kann.

Der kaputte Fernseher steht hier für mehr als nur Zeitvertreib. Der Fernseher ist ein Werkzeug, um an einer Welt teilhaben zu können, die größer als die eigenen bescheidenen vier Wände ist. Um auch Kunst und Kultur genießen zu können.

Aber eben auch – und das ist die Kehrseite der Medaille, die hier ein gehöriges Maß an Ambivalenz produziert – ein Instrument, um die Realität auszublenden. Einerseits ist „Realitätsflucht" sicherlich auch mal notwendig und in einem gewissen Maße sogar gesund. Andererseits: Wer gebannt wie in Trance vor der Röhre sitzt, kann die ökonomischen und die Machtverhältnisse nicht infrage stellen, keine Revolution anzetteln. 

Opium des Volkes, diesdas.

Historiker Jens-Christian Wagner bei Jung & Naiv

Jemand, der trotz seiner Position seine Perspektive nicht bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert.

Historiker Jens-Christian Wagner bei Jung & Naiv
Jens-Christian Wagner im Niedersächsischen Landtag 2021 // Foto: Axel Hindemith unter CC BY-SA 3.0 DE; Zuschnitt von mir

Jens-Christian Wagner ist Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und derzeit eine besonnene wie nachdrückliche öffentliche Stimme gegen den gesellschaftlichen wie politischen Rechtsruck und auch jemand, der trotz seiner Position seine Perspektive nicht bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert.

Ich bin nicht der größte Fan von Tilo Jungs Format, weil er in meinen Augen mitunter einen sehr komischen Interviewstil pflegt. Mich irritieren in ihrer Konfrontativität fehlgeleiteten Fragen, auf die sich oft nur „Das musst du XYZ selbst fragen" antworten lässt, einfach. Die beschränken sich in diesem Gespräch jedoch zum Glück auf ein Minimum. Hören- und/oder sehenswert!

Ein Gespräch über Jens' Weg zur Leitung der Gedenkstätte und sein Rollenverständnis, den Begriff "Erinnerung" vs. kritische Auseinandersetzung, Geschichtsrevisionismus, die Rolle von Überlebenden, Opfern und Täter bei der historischen Aufarbeitung, sein Umgang mit Bedrohungen, Quellenarbeit, Jens' Biografie und Eltern, seine Kindheit in Chile und das Leben in der Militärdiktatur von Pinochet, Colonia Dignidad, Scham für das Bezeugen von Zwangsarbeit, die Gefahr des Faschismus heute, den Umgang mit der AfD, ein Parteiverbot, Empörung über Gauland und Höcke vor ein paar Jahren vs. fehlende Empörung über Weidels Hitler-Aussagen und Elon Musks Hitlergruß, die AfD-Solidarität mit Israel, den Missbrauch des Kampfs gegen Antisemitismus, die Ausladung von Omri Boehm zur 80-jährigen Gedenkfeier in Buchenwald auf Druck des israelischen Botschafters Prosor sowie den Umgang mit dem 7. Oktober und den laufenden Krieg in Gaza uvm.

Gesehen: Führer und Verführer (2024) - Bilder als (Rüstungs-)Material

Wie ein Dokudrama mit billigen Reenactments, nachts auf N24.

Gesehen: Führer und Verführer (2024) - Bilder als (Rüstungs-)Material
Robert Stadlober als Joseph Goebbels und Fritz Karl als Adolf Hitler // Foto: Wild Bunch Germany

Diesen einen interessanten Aspekt will ich dem Film nicht absprechen: Joachim Lang inszeniert die Propaganda als Teil der Kriegswirtschaft. Robert Stadlober spricht in der Rolle des Joseph Goebbels an manchen Stellen wortwörtlich davon, dass ihm die Bilder ausgehen – als wären sie (Rüstungs-)Material.

Aber davon abgesehen ist FÜHRER UND VERFÜHRER eine Hülle, die vergeblich mit schwülstig ausgestalteten Figuren aufgefüllt werden soll. Gepaart mit den immer wieder eingestreuten historischen Aufnahmen entsteht so schnell der Eindruck ähnlich eines Dokudramas mit billigen Reenactments wie nachts auf N24.

Endgültig selbst untergräbt sich der Film jedoch durch die Entscheidung, die Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, Elly Gotz, Ernst Grube, Charlotte Knobloch, Eva Szepesi, Eva Umlauf und Leon Weintraub als Talking Heads auftauchen zu lassen – nicht, weil deren Stimmen nicht gehört werden sollten, sondern weil der Film damit dem zuwiderhandelt, was er zu Beginn via Texteinblendung so großspurig angekündigt hat.

Der Film wolle den Täter:innen ganz nah kommen, weil man ihnen nur dann die Maske vom Gesicht reißen könne. Nicht nur ich teile diese Auffassung nicht, sondern offenbar Joachim Lang selbst auch nicht. Er behauptet, die Täterperspektive abzubilden und braucht dann doch die Stimmen der Überlebenden, um die Nazis zu demaskieren. Und das ist nun wirklich keine noch nie dagewesene Erkenntnis.

★☆☆☆☆

🇩🇪/🇸🇰, R: Joachim Lang, D: Robert Stadlober, Fritz Karl, Franziska Weisz, Dominik Maringer, Moritz Führmann, Till Firit, Christoph Franken, Michael Glantschnig, Katia Fellin, Oliver Fleischer, Martin Bermoser, Wolfram Rupperti, Emanuel Fellmer, Johannes Rhomberg, Peter Windhofer, Sebastian Thiers, Sascha Göpel, Helene Blechinger, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Wild Bunch Germany

Führer und Verführer - Stream: Jetzt Film online anschauen
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A ★ review of Führer and Seducer (2024)
Diesen einen interessanten Aspekt will ich dem Film nicht absprechen: Joachim Lang inszeniert die Propaganda als Teil der Kriegswirtschaft. Robert Stadlober spricht in der Rolle des Joseph Goebbels an manchen Stellen wortwörtlich davon, dass ihm die Bilder ausgehen – als wären sie (Rüstungs-)Material. Aber davon abgesehen ist FÜHRER UND VERFÜHRER eine Hülle, die vergeblich mit schwülstig ausgestalteten Figuren aufgefüllt werden soll. Gepaart mit den immer wieder eingestreuten historischen Aufnahmen entsteht so schnell der Eindruck ähnlich eines Dokudramas mit billigen Reenactments wie nachts auf N24. Endgültig selbst untergräbt sich der Film jedoch durch die Entscheidung, die Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer, Elly Gotz,

Gesehen: Naked Lunch (1991) - Im Dienste des Unvollständigen

Alles geht in einer sexuell-ekstatischen Transgression auf.

Gesehen: Naked Lunch (1991) - Im Dienste des Unvollständigen
Peter Weller als William Lee // Foto: Studiocanal

Ich habe hier vor allen Dingen diese so enge, so kleingeistige Welt gesehen, der jemandes Unterbewusstsein um jeden Preis ein Ende bereiten will. Der Protagonist sagt selbst von sich, jedes rationale Denken ausrotten zu wollen. Das scheint nur niemand ernst zu nehmen.

Das interessiert jedoch den Film, der sich dazu aufschwingt, diese Welt und die dort herrschenden Verhältnisse einzureißen, Erwartungen zu brechen und aufzubrechen sowie gegen den Strich zu bürsten, nur um gegen den Strich gebürstet zu haben, überhaupt nicht. Dabei reißt er seinen Protagonisten einfach mit und treibt ihn schließlich fieberhaft vor sich her.

Inmitten dieser Gemengelage gibt Cronenberg seinem Film immer größeren Abstrusitäten hin und führt eine Explosion des kreativen Fieberns herbei. Körper, Verlangen, Ausdruck und Werkzeug gehen in einer sexuell-ekstatischen Transgression auf.

Die anfängliche Welt scheint endlich Geschichte. Doch dann richtet sich der Film wiederum gegen sich, beginnt mit der Selbstdemontage, wirft erneut Strukturen über den Haufen und schreibt Figuren um – immer im Dienste des Unperfekten, des Unvollständigen, der Freiräume zwischen den Bruchstücken, die nur durch Rausch und Ekstase gefüllt werden können.

★★★★☆

🇨🇦/🇬🇧, R: David Cronenberg, D: Peter Weller, Judy Davis, Ian Holm, Julian Sands, Roy Scheider, Monique Mercure, Nicholas Campbell, Michael Zelniker, Robert A. Silverman, Joseph Scoren, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Studiocanal

Naked Lunch - Stream: Jetzt Film online finden und anschauen
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A ★★★★ review of Naked Lunch (1991)
Ich habe hier vor allen Dingen diese so enge, so kleingeistige Welt gesehen, der jemandes Unterbewusstsein um jeden Preis ein Ende bereiten will. Der Protagonist sagt selbst von sich, jedes rationale Denken ausrotten zu wollen. Das scheint nur niemand ernst zu nehmen. Das interessiert jedoch den Film, der sich dazu aufschwingt, diese Welt und die dort herrschenden Verhältnisse einzureißen, Erwartungen zu brechen und aufzubrechen sowie gegen den Strich zu bürsten, nur um gegen den Strich gebürstet zu haben, überhaupt nicht. Dabei reißt er seinen Protagonisten einfach mit und treibt ihn schließlich fieberhaft vor sich her. Inmitten dieser Gemengelage gibt Cronenberg

„Her Last Portrait" gibt bei Femiziden getöteten Frauen ein Gesicht

Raum und Zeit kommen zusammen

„Her Last Portrait" gibt bei Femiziden getöteten Frauen ein Gesicht
Symbolfoto: Miguel Bruna / Unsplash

Die österreichische Künstlerin Daniela Luschin hat mit „Her Last Portrait" ein Projekt ins Leben gerufen, das an all die Frauen erinnern soll, die einzig und allein aufgrund ihres Frauseins getötet wurden. Sie schreibt:

Jedes Jahr werden unzählige Frauen Opfer von Femizid – ermordet, weil sie Frauen sind. Ihre Gesichter verschwinden aus dem öffentlichen Gedächtnis, ihre Geschichten werden zu bloßen Zahlen. Her Last Portrait ist eine weltweite künstlerische Initiative, die das ändern möchte. Durch Portraitkunst ehren wir diese Frauen, bewahren ihre Geschichten und fordern Bewusstsein.

Dass Luschin von „Wir" schreibt, ist kein Zufall, sondern eine Einladung:

Wir laden Künstlerinnen aus aller Welt ein, sich anzuschließen. Erstelle ein Portrait eines Femizid-Opfers und veröffentliche es als Collab-Post mit @HerLastPortrait auf Instagram. Gemeinsam schaffen wir ein visuelles Denkmal, das diesen Frauen Würde und Sichtbarkeit verleiht.

Angedacht ist außerdem eine Ausstellung mit den eindrucksvollsten Porträts, die im Optimalfall 2026 stattfinden soll.

Was mir besonders gefällt, ist, wie hier nicht nur Frauen aus verschiedensten Ländern, sondern auch Zeiten zusammenkommen.

(via Nora Hespers)