Die fantastische Abigail Thorn widmet sich auf ihrem Youtube-Kanal Philosophy Tube in zwei Videos Friedrich Nietzsche und analysiert unter anderem, wie heute von rechts geführte Kulturkämpfe in Bezug zum Schaffen des 1900 gestorbenen Philosophen stehen. Good Stuff!
In Inhalt und Form Ausdruck der komplizierten Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens, der mitunter ziemlich sauer aufstößt.
Foto: Pandora Film Verleih
Ein bitterböser Fiebertraum mit Blaskapellenbegleitung. Wer Verklärungs- statt Erinnerungskultur pflegt, bleibt in längst überwunden geglaubten Zeiten stecken und unterwirft sich und die Gesellschaft dem Diktat der Ignoranz. Falscher (National-)Stolz ebnet den Weg in den Untergang.
Ein bitterer Nachgeschmack bleibt hier unter anderem aufgrund dessen, dass im Kontext des Bosnienkrieges das Wort „Brudermord" in den Mund genommen wird. Klar, der Völkermord von Srebrenica geschah erst zwei Monate nach Premiere des Films. Dass zuvor bereits Kriegsverbrechen an der Bevölkerung inklusive blutiger Massaker mit dem Ziel der ethnischen Säuberung begangen wurden, war jedoch schon bekannt. „Brudermord" erscheint mir eine bewusste Relativierung dieser Verbrechen.
UNDERGROUND ist also in Inhalt und Form, mal bewusst und mal unbewusst, Ausdruck der komplizierten Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens und in den sauer aufstoßenden Momenten Zeugnis der unendlich tiefen (moralischen und menschlichen) Abgründe, die im Zuge des Zusammenbruchs Jugoslawiens unverfüllbar wie unüberbrückbar wurden. Es gibt kein Zurück mehr für Menschen, die anderen das Menschsein absprechen, weil sie dadurch selbst das Menschsein hinter sich lassen.
In diesem Film stecken Gedanken, die heutigen sogenannten Konservativen die Schädel platzen lassen würden.
Angelina Jolie als Christine Collins // Foto: Universal Pictures International
Was mir sehr gefallen hat, ist, wie würdevoll Clint Eastwood diese Frau inszeniert. Er ist ganz nah dran bei ihr und ihrem Schmerz, wahrt aber dabei immer eine respektvolle Distanz. Sprich: Er lässt seinen Film einfach nicht ins Ausbeuterische, in einen Trauma-Porno abgleiten.
Das erreicht er durch eine verführerische Kameraarbeit. Die Kamera gleitet ganz sanft durch die Szenen und vollführt mit den Figuren fast schon einen klassischen Tanz – ganz zart, ganz vorsichtig und stets daran arbeitend, eine gemeinsame Frequenz zu finden und einen Resonanzraum zu konstruieren.
Ansonsten ist es natürlich ein Leichtes, Eastwood hier mit der Auswahl dieser Geschichte und der Inszenierung aller Beteiligten seinen Konservatismus vorzuhalten – mit der Kirche als unverrückbar moralische Instanz (lol) und einer sehr durch die patriarchale Linse betrachtete Mutterrolle.
Doch Eastwood tut da hier ohne den zur Predigt erhobenen Zeigefinger und nie belehrend, sondern immer als Appell an die Gesellschaft, den Kampf um Gerechtigkeit nie aufzugeben, das, was man heute als Law and Order bezeichnen würde, abzulehnen und für Moral und das Gute einzustehen. Denn es ist dieses Law and Order, das per se nichts mit Recht und Gesetz zu tun hat, sondern mit Macht, Herrschaft und Kontrolle derer, die dem eigenen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Standing gefährlich werden können.
Aus Sicht eines Mannes im Patriarchat geht diese Gefahr von Frauen aus. Somit ließe sich argumentieren, dass auch Konservatismus – jedenfalls einer wie der von Clint Eastwood 2008 – nicht ohne Feminismus gedacht und betrachtet werden kann. Bei diesem Gedanken würde heute vielen sogenannten Konservativen sicherlich der Schädel platzen. Eastwoods Finger liegt also in einer Wunde.
★★★½☆
🇺🇸, R: Clint Eastwood, D: Angelina Jolie, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Michael Kelly, Colm Feore, Jason Butler Harner, Amy Ryan, Geoff Pierson, Denis O’Hare, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Universal Pictures International
Der Film steht noch bis zum 03. Mai 2025 in der Arte-Mediathek:
Für absoluten Größenwahn und Opulenz gebührt trotz – oder gerade wegen – aller Trashi- und Tackiness Applaus.
Malcolm McDowell als Caligula und Helen Mirren als Caesonia // Foto: Tiberius Film
Für diesen absoluten Größenwahn und die szenenbildnerische Opulenz gebührt dem Film trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – aller Trashi- und Tackiness Applaus. Denn diese Figuren, diese fragilen Männeregos können wohl nur in nur wenigen Umfeldern so gut inszeniert werden wie in diesem.
Männer wie Caligula und der Rest der herrschenden Klasse stumpfen durch pure Dekadenz emotional komplett ab oder reifen erst gar nicht in nennenswertem Umfang heran. Um dann überhaupt (noch) Euphorie, Freude, Liebe, Selbstsicherheit oder überhaupt etwas zu spüren, müssen immer drastischere, immer transgressivere Maßnahmen ergriffen werden.
Denn wenn diese Gefühle plötzlich ausbleiben, dann muss das im Umkehrschluss ja bedeuten, dass man nicht mehr gesehen, gemocht, respektiert und/oder gefürchtet wird. Daran zerbrechen Männer wie Caligula mit ihren aus purer Dekadenz herausgewachsenen Egos.
Die hier so ausladend inszenierte sexuelle Freizügigkeit ist kein Ausdruck einer vermeintlich liberalen Gesellschaft, sondern die Konsequenz aus konzentrierter Macht. Diese Körper geben sich nur einander hin, weil es ein einziger Mann kultiviert. Diese Freiheit ist nur seine Freiheit und für alle anderen ein Gefängnis.
CALIGULA trägt der korrumpierenden Kraft, die Einfluss, Macht, unermesslichem Reichtum und diesem Geschlecht innewohnt, Rechnung.
★★★½☆
🇮🇹/🇺🇸, R: Tinto Brass, D: Malcolm McDowell, Helen Mirren, Teresa Ann Savoy, Peter O’Toole, John Gielgud, John Steinerl, Guido Mannari, Paolo Bonacelli, Leopoldo Trieste, Giancarlo Badessi, Mirella D’Angelo, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Tiberius Film
Ein Film, der mir wenig über die Liebe erzählt und auf den meisten Ebenen sträflich apolitisch erscheint.
Johannes Hegemann als Hans und Liv Lisa Fries als Hilde Coppi // Foto: Pandora Film Verleih
Liv Lisa Fries ist großartig. Es liegt an ihrer herausragenden Leistung, dass der Film nicht komplett entgleitet. Denn Andreas Dresens Entscheidung, Nazideutschland derart radikal zu deästhetisieren, ist extrem irritierend.
Vielleicht ist das der Versuch, der Unerschütterlichkeit der Liebe den Vorrang zu geben. Doch das untermauert der Film kaum. Ich konnte die Figuren nur selten greifen und hatte noch seltener den Eindruck, verstehen zu können, warum sie miteinander befreundet sind, sich ineinander verlieben, was ihre Wünsche, Träume, Wert und Ideale sind.
In einem der letzten existenziellen Momente des Films wird die Figur der Hilde gefragt, was sie will – und sie findet keine richtige Antwort. Dieser Moment steht beispielhaft für den gesamten Film – ein Film, der mir wenig über die Liebe erzählt und auf den meisten Ebenen sträflich apolitisch erscheint.
Denn das Aussparen der Nazi-Symbolik hebt den Film zeitlich gesehen so sehr aus den Angeln, dass er genauso in der DDR spielen könnte. Ich will Andreas Dresen keine bewusste Geschichtsverklärung und verharmlosende Gleichstellung unterstellen, aber diese stilistische Entscheidung lässt die Tür zu dieser Lesart leider sperrangelweit offen.
★★½☆☆
🇩🇪, R: Andreas Dresen, D: Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Alexander Scheer, Gabriela Maria Schmeide, Emma Bading, Sina Martens, Lisa Hrdina, Lena Urzendowsky, Heike Hanold-Lynch, Tilla Kratochwil, Lisa Wagner, Steffi Kühnert, Florian Lukas, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Pandora Film Verleih
Die Lautstärke des Films verführt. Aber es ist die Ruhe, die einer Dampfwalze gleich alles überfährt.
Foto: SquareOne Entertainment, 24 Bilder
American Dream schön und gut, aber mich hat hier vor allen Dingen fasziniert, wie konkret und konsequent diese Erzählung in Verbindung zu New York City gesetzt wird. Es ist die Stadt, die einst als Tor zur freien Welt, zu Hoffnung und der Chance auf Aufstieg und Wohlstand galt. Heute ist NYC ein ultra-urbaner Fleischwolf im Dienste eines ausbeuterischen Systems.
Wer nach New York kommt, muss sich auf dieses System einlassen und das Tempo mithalten können, um nicht unter die Räder zu geraten und zerfetzt zu werden. Eine Stadt ohne Erbarmen. Wer mithalten kann, wird vermeintlich hoch belohnt, muss aber einen noch viel höheren Preis bezahlen. Ausbeutung ist selbstverständlich, Aussortierung nur eine Frage der Zeit.
Hier ist es The Grill, ein Restaurant am Times Square, das als Höllenhund der Stadt fungiert. In der Hoffnung, dieses Biest besiegen zu können, steigen diese Menschen in den Betonschlund dieses Monsters herab, verlaufen sich in den engen, tristen und sich ewig windenden Gängen und werden dort zersetzt.
Überleben scheint letztlich utopisch. Ein mich an Bong Joon Hos PARASITE erinnernder Ausbruch ist zwar möglich, wird jedoch sofort vergolten – und zwar aufgrund ungleichster Machtverhältnisse mit aller Grausamkeit.
Also lieber schweigen, mitspielen und so irgendwie überleben? Auch das scheint keine Möglichkeit mehr zu sein. Denn diese Figuren funktionieren nur noch bei ohrenbetäubendem Lärm. Wer Raum und Ruhe hat, wieder die eigenen Gedanken und in sein Innerstes hinein hören zu können, erkennt, dass die eigene Zukunft bereits verloren ist.
Die Lautstärke des Films verführt. Aber es ist die Ruhe, die einer Dampfwalze gleich alles überfährt.
★★★½☆
🇲🇽/🇸🇪/🇺🇸, R: Alonso Ruizpalacios, D: Raúl Briones, Rooney Mara, Anna Díaz, Motell Gyn Foster, Laura Gómez, Oded Fehr, James Waterston, Lee Sellars, Eduardo Olmos, Spenser Granese, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: SquareOne Entertainment, 24 Bilder
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
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