Eiza González als Riya // Foto: Amazon MGM Studios
Diese überaus fiebrige Ästhetik, das Spiel mit den Farben, die einerseits so klare Abgrenzung schaffen und andererseits ineinander aufgehen können und damit Abbild des menschlichen Körpers sind, das hat mir schon sehr gefallen.
Auch viele kleine frische Momente in der Choreografie der Kämpfe stachen mir ins Auge – etwa ein Kampf in einer Duschkabine, bei dem die Protagonistin ihrer in einem Raumanzug steckenden Gegnerin den Duschkopf in den Helm rammt und das Wasser aufdreht.
Erzählerisch kann Flying Lotus diese Akzente meiner Meinung nach jedoch nicht setzen. Die Abhandlung der menschlichen Hybris wird lediglich auf lauwarmer Flamme geköchelt und bleibt daher bis zum Schluss halbgar. Da ist nur wenig bis gar nichts, was nicht bereits vor Jahrzehnten filmisch verhandelt wurde.
Was mich darüber hinaus immer wieder rausgebracht hat, ist diese permanent weird aus dem Rahmen fallende Inszenierung von Eiza González. Ja, auch ich finde sie ziemlich attraktiv. Aber die Regelmäßigkeit, in der ihre Figur in bemerkenswert enger wie lasziver Kleidung, mit einem gleißenden Schweißfilm auf der Haut und stets leicht geöffneten Lippen in Szene gesetzt wird, ist absolut irritierend.
★★½☆☆
🇫🇮/🇳🇿/🇺🇸, R: Flying Lotus, D: Eiza González, Aaron Paul, Iko Uwais, Kate Elliott, Beulah Koale, Flying Lotus, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Amazon MGM Studios
Macht, Reichtum, Tod und Verderben – vier Seiten derselben Medaille
Kenda Hmeidan als Rashida York // Foto: Lukasz Bak, Port au Prince
Mich hat dieser Brecher von Film absolut gepackt mit dieser sprachlichen Kompromisslosigkeit im überlebensgroßen Dialog und der selbstbewussten Selbstverständlichkeit in den Bildern, die zunächst in einem realistischen Szenenbild geerdet vom Mut der Überzeichnung zehren, bis Burhan Qurbani diese Welt auch visuell aufbrechen lässt und dekonstruiert.
Die für mich interessante Ebene des Films, die im produktivsten Sinne für Reibung sorgt, ist die vielschichtige Betrachtung des Patriarchats. Die großartig von Kenda Hmeidan gespielte Rashida York scheint zunächst durch das Verlangen, sich ihrer Unterdrücker zu entledigen, motiviert. Doch Einfluss, Reichtum und Macht korrumpieren sie und sie wird selbst zu einem dieser Menschen, die sie vermeintlich ausradieren wollte.
Das zeigt: Auch wer als Frau im Patriarchat an eine Machtposition kommt, lässt das Patriarchat nicht hinter sich, sondern trägt weiter zu dessen Verstetigung bei, wenn die Systemfrage nicht gestellt wird. Am Ende gewinnt ausschließlich das System, der Mahlstrom.
Danke Burhan Qurbani für den großartigen Film, das tolle Filmgespräch im Anschluss zusammen mit Verena Altenberger und an die von den Passage Kinos gewonnenen Premierekarten.
Worüber sich diskutieren und spekulieren lässt: Ist Rashida bereits von Kind an von Macht und Reichtum korrumpiert und wird es nicht erst im Zuge ihres blutigen Aufstiegs innerhalb der Familie? Hatte sie überhaupt jemals eine Chance? Qurbani zeigt zu Beginn in einer „Der Anfang vor dem Anfang" betitelten Sequenz die junge Rashida, die sich noch im Nahen Osten mit einer Gruppe anderer Mädchen um einen goldenen Reif streitet und den letztlich siegreich in die Höhe streckt. In diesem Moment sind herannahende Jets zu hören, die Mädchen rennen weg und zurück bleibt Rashida, die alleine dabei zusehen muss, wie ihr Dorf durch Bomben in Schutt und Asche gelegt wird.
Das Szenenbild, der erbitterte Kampf und dieses eine Objekt, das Hereinbrechen einer tödlichen Waffe in diese Sequenz – das ist extrem nah dran an Kubricks 2001: A SPACE ODYSSEY und dessen „The Dawn of Man"-Eröffnung. Die gipfelt im legendären Match Cut vom Gegenstand des erbitterten Streits, einem Knochen, hin zu einem Satelliten – einer ambivalenten technologischen Entwicklung, die für wissenschaftlichen und militärischen Fortschritt gleichermaßen steht.
Bei Qurbani vollzieht sich dieser Match Cut nicht direkt visuell, sondern findet eher auf einer thematischen Ebene statt: Wer nach Macht und Reichtum strebt, wird nur Tod und Verderben ernten. Es erscheint fast synonym.
★★★★☆
🇩🇪/🇵🇱/🇫🇷, R: Burhan Qurbani, D: Kenda Hmeidan, Hiam Abbass, Verena Altenberger, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Mehdi Nebbou, Meriam Abbas, Banafshe Hourmazdi, Hassan Akkouch, Tamer Karabay, Ibrahim Al-Khalil, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Lukasz Bak, Port au Prince
Die Systemfragen im Deutschlandfunk hatten schon vor zwei Monaten einen Themenblock, der genau meiner Kragenweite entsprach. Jetzt habe ich endlich meine Podcast-Warteschlange so weit abgearbeitet, dass ich selbst in den Hörgenuss kommen konnte.
Vier interessante Folgen sind zusammen mit Friedemann Vogel, Sozio- und Diskurslinguist an der Uni Siegen, zum Thema „Die Macht der Worte" entstanden.
Wörter als Waffen
In der Demokratie wird nicht mit Gewalt, sondern vor allem mit Sprache um Einfluss gerungen. Worte werden zu Waffen. Dies spiegelt sich auch in der politischen Kommunikation, etwa bei „technologieoffen“ oder dem Stigma-Wort „links-grün-versifft“.
Wer ist Freund, wer Gegner, wer Feind? Sprache kann diffamieren, dehumanisieren und sogar zu Gewalt anstacheln – etwa wenn Akteursgruppen in der Klimadebatte als „Öko-Terroristen“ mit Terroristen gleichgesetzt werden.
Floskeln, Phrasen und Schlagwörter erleichtern nicht nur unsere Kommunikation, sie können sogar den Verlauf einer politischen Diskussion prägen. „Links“ und „rechts“ sind solche Denkschablonen, genauso wie „Flüchtlingswelle“ oder „Börsenkollaps“.
Streit ist normal und muss auch mal hitzig sein dürfen. Doch wenn Beschimpfungen entmenschlichen oder sogar mit Gewalt gedroht wird, sind Grenzen überschritten. In demokratischen Debatten sollte es nur Gegner und nie Feinde geben.
Amy Lloyd als die Köchin Rose und Tom Hiddleston als Edward // Foto: Wild Horse Film Company, Curzon
Mehr als die Synopse habe ich vor dem Film nicht gelesen. Umso überraschter war ich dann, hier bei genauerer Betrachtung fast schon ein klassisches britisches Upstairs-Downstairs-Drama serviert zu bekommen.
Da ist die Mutter, die vermutlich noch eine Zeit ohne ausufernden Wohlstand kennengelernt hat und krampfhaft versucht, sich und dem Zusammensein mit ihrer Familie noch einen Rest von Würde zu erhalten, nahbar zu bleiben, wie es der eigene Reichtum eben zulässt.
Da ist die Tochter, die vermutlich in ihrem Leben keine Sekunde der ökonomischen Unsicherheit erfahren hat, für die es normal ist und in deren Innerem sozusagen verankert ist, dass sie Teil einer gewissen ökonomischen Klasse ist und sie alleine aus diesem Umstand heraus auf Menschen außerhalb dieser Klasse herabblicken darf.
Da ist der Sohn, der sich in diesem Gefüge offensichtlich unwohl fühlt, die Ungerechtigkeit in der ungleichen Vermögensverteilung erkannt hat und sich in seinen Abgrenzungsbemühungen ausgerechnet als schlimmstes aller Glieder dieser Familienbande entpuppt. Denn er gesteht sich nicht ein, dass sein ach so liberaler Lebensstil auch nur möglich ist, weil ihm der Rücken durch die Arbeiter:innenklasse freigehalten wird und es mit dieser durch das aus der finanziellen Abhängigkeit entstehenden Machtgefälle niemals ein Miteinander auf Augenhöhe geben kann. Der Sohn versucht es trotzdem und macht sich dabei der emotionalen Ausbeutung schuldig.
Ein Beispiel: Er fragt die Köchin nach ihren Eltern. Für sie ist es offenbar schwer, darüber zu sprechen. Zu tief sitzt noch der Schmerz nach dem Tod ihres Vaters im Jahr zuvor. Sie versucht es trotzdem, wird jedoch wenige Sekunden später wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen, als der Sohn von seiner Schwester ohne Rücksicht auf das laufende Gespräch wegen irgendeiner Belanglosigkeit angequatscht wird. Die Köchin bleibt aufgewühlt und alleine mit ihrer Trauer stehen und muss umgehend weiter ihren Dienst schieben. Aber der Sohn darf sich so wie ein Mann des Volkes™ fühlen.
Nur besteht in diesem Fall durch das Machtgefälle natürlich keine „Waffengleichheit". Das ist die Grundlage des gesamten Films.
★★★½☆
🇬🇧, R: Joanna Hogg, D: Tom Hiddleston, Lydia Leonard, Kate Fahy, Amy Lloyd, Christopher Baker, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Wild Horse Film Company, Curzon
Joseph Campbell in den späten 1970ern auf der Feathered Pipe Ranch in Montana // Foto: Joan Halifax (Upaya) unter CC BY 2.0; Zuschnitt von mir
Wer schon mal ein Videoessay jedweder Qualität zu Star Wars ertragen musste und/oder genießen konnte, kam um diesen Namen wahrscheinlich nicht herum: Joseph Campbell.
Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler beschrieb 1949 in seinem Buch The Hero with a Thousand Faces genau die Erzählstruktur, die heute gemeinhin als Held:innenreise bekannt ist – und die unter anderem George Lucas der Erzählung nach dabei half, aus einem Müllkippenbrand von Drehbuch, Adventures of the Starkiller, schließlich Star Wars zu machen.
Die Lange Nacht des Deutschlandfunks spürte Campbell nun noch mal in aller Ausführlichkeit nach. Für mich neu und spannend war, inwiefern sich auch therapeutische Ansätze bei etwa Burnout-Syndrom auf die Held:innenreise stützen.
Foto: Filmplan International, Canadian Film Development Corporation, Montreal Trust Company of Canada
Es ist das sympathisch-trahsig aufgemachte Spiel mit den vermeintlich Andersartigen, den Fremden, den Ausgegrenzten, den Vorverurteilten und damit natürlich mit verinnerlichten Mechanismen menschlichen Miteinanders.
Wenn Menschen aufgrund gesellschaftlich und/oder politisch konstruierter Eigenschaften benachteiligt, ausgegrenzt, erniedrigt, herabgewürdigt und ausgebeutet werden, ist eine radikale Gegenbewegung zum Brechen dieses Systems immer denkbar.
Wer etwa aus fremdenfeindlichen Motiven Menschen in verschiedene Klassen einteilt, erschafft damit eine selbsterfüllende Prophezeiung. Die Eskalation ist eingepreist, um noch härtere Repressionen zu rechtfertigen und proklamieren zu können, dass man es ja von Anfang an gewusst und gesagt habe.
Wird dieser Mechanismus nicht gebrochen, wird dessen Geist auf ewig weiterleben und immer und immer wiederkehren.
★★★☆☆
🇨🇦, R: David Cronenberg, D: Jennifer O’Neill, Stephen Lack, Patrick McGoohan, Lawrence Dane, Michael Ironside, Robert A. Silverman, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Filmplan International, Canadian Film Development Corporation, Montreal Trust Company of Canada
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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