Julia Windischbauer // Foto: Filmwelt Verleihagentur
Diese Anordnung hat mich schon gepackt: Da ist die junge Frau aus Künstler:innen-Haushalt, die an ihrem Debütroman arbeitet und dabei jedoch kaum aus dem Schatten ihrer Eltern hervorzutreten vermag. Die einerseits Erwartungen und Ansprüchen gerecht werden will und andererseits als Akt der Abgrenzung genau diese eigentlich zu sprengen versucht.
Doch wie will sie mit Erwartungen brechen, wenn die Erwartung ist, dass sie Kunst schafft? Kunst zu schaffen, ist immer auch ein Akt des Brechens mit Erwartungen. Kunst wohnt das Unerhörte inne und mindestens einmal eine Skepsis gegenüber dem Status quo. Hier entsteht eine spannende Reibung, die einfach nicht aufzulösen ist.
Angesichts der Tatsache, dass SONNENPLÄTZE ein Abschlussfilm an der HFF München ist, erscheint all das jedoch plötzlich deutlich weniger interessant. Denn damit hält Einzug, was ich hier in Leipzig zum Beispiel sehr oft bei den Diplomrundgängen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst sehe: ein selbstreferenzielles Hadern mit dem künstlerischen Schaffensprozess. Das ist so verständlich wie leider eben auch erwartbar und eher uninteressant. Mein Eindruck ist dann immer: Hier ist jemand, die/der gar keine eigenen Themen hat. Das ist einfach schade.
★★★☆☆
🇩🇪, R: Aaron Arens, D: Julia Windischbauer, Juliane Köhler, Niels Bormann, Jeremias Meyer, Jeremy Mockridge, Trailer, Letterboxd, Foto: Filmwelt Verleihagentur
Verfilmte Orientierungslosigkeit, die mich doch berührt hat. Juliette Binoches Figur als Frau mittleren Alters wird von allen, aber vor allem von Männern, fast schon nach Belieben geformt. Sie schreiben ihr vor, wie sie zu lieben, zu begehren, zu sehnen und Sex zu haben hat. Sie missbrauchen sie als emotionalen Mülleimer, ziehen sie mit Gewalt zu sich heran, nur um sie dann wieder voller Verachtung wegzustoßen. Eigene Bedürfnisse sind längst verblasste Relikte der Vergangenheit, als Frau in diesem Alter muss man offenbar nehmen, wie andere dich haben wollen.
Inszeniert erscheint mir das alles jedoch wenig gewagt. Von Claire Denis bin ich noch ruhigere, noch kontemplativere Filme gewohnt, die noch länger in den Gefühlen der Figuren verharren und allem so eine gewisse Unausweichlichkeit verliehen wird, die diesem Film hier leider etwas abgeht.
★★★½☆
🇧🇪/🇫🇷, R: Claire Denis, D: Juliette Binoche, Xavier Beauvois, Philippe Katerine, Josiane Balasko, Sandrine Dumas, Nicolas Duvauchelle, Alex Descas, Laurent Grévill, Bruno Podalydès, Paul Blain, Valeria Bruni Tedeschi, Gérard Depardieu, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Pandora Film Verleih
Dieser Ort ist ein in der Zeit festeckender Moloch, in dem gar keine Bewegung mehr herrscht. Nur noch Elendsverwaltung scheint möglich, weil bereits jede:r resigniert ist und mit der Grundüberzeugung lebt, dass es kein Entkommen mehr von diesem Ort gibt. Wei Shujun hat einen unangenehm bedrückenden Film, eine atmosphärisch dichte Enge inszeniert.
Das Tian’anmen-Massaker findet nie Erwähnung und doch drängt es von außen immer wieder in den Film und hallt durch die Schlinge, die sich um diesen Ort und seine Menschen immer enger zieht, wider.
Wir sehen, wie die ebenfalls nie direkt namentlich erwähnte Kommunistische Partei Chinas bis in das elendigste kleine Kaff durchregiert, Orte der Kultur nicht nur schließt, sondern zu Zentren des verlängerten Arms ihrer Politik macht. Wie gesellschaftlich randständige Menschen erst diffamiert und dann endgültig aus dem Leben gedrängt werden sollen. Wie dafür rechtsstaatliche Verfahren nicht nur ausgehebelt, sondern dem Erdboden gleich gemacht werden.
Plötzlich scheint es die bessere Option, einfach in den Fluss zu gehen. Denn im Fluss herrscht noch Bewegung – eine Bewegung weg von diesem Ort, dem anderweitig nicht mehr zu entkommen ist.
Dass es dabei so manchen Moment gibt, in dem der Film mit seinen mitunter sehr affektierten Bildern ziemlich selbstgefällig rüberkommt und einen Hauch von Eitelkeit transportiert, ist manchmal nervig, aber letztlich auch kein großes Übel.
★★★★☆
🇨🇳, R: Wei Shujun, D: Zhu Yilong, Chloe Maayan, Hou Tianlai, Tong Linkai, Zeng Qi, Wang Jianyu, Liu Baisha, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Rapid Eye Movies
Inklusive unrühmlichen Verhaltens des Bayerischen Rundfunks
Szene aus Claude Lanzmanns SHOAH // Foto: absolut MEDIEN
Claude Lanzmanns Monumentalwerk SHOAH (1985) ist heute 40 Jahre alt. Der knapp zehnstündige Dokumentarfilm über den industriellen Massenmord an den europäischen Jüd:innen durch die Nazis ist eine der intensivsten Seherfahrungen, die ich bisher machen durfte. Das mag sicherlich auch damit zusammenhängen und dass ich mich dazu entschied, ihn am Stück zu schauen. Aber ich bin davon überzeugt, dass die reine Länge nicht nur ein stückelbares Nebenprodukt, sondern eben essenzieller Teil dieses Kunstwerks ist.
Im Deutschlandfunk Kultur lief dieser Tage ein kompaktes halbstündiges Feature, in dem noch einmal darauf geschaut wird, wie SHOAH schließlich zustande kam. Bemerkenswert ist für mich, dass Lanzmann die Arbeit seiner Editorin, die mit hunderten von Stunden an Material in den Schnitt ging, offenbar für nicht weiter erwähnenswert gehalten hat. Auch die Rolle der ARD in der Produktion und Ausstrahlung des Films wird kurz umrissen – inklusive unrühmlichen Verhaltens des BR.
Zu Beginn hatte ich schon meine Probleme damit, dieser Inszenierung zu glauben. Denn es erschien mir alles andere als nachvollziehbar, dass diese Frau und ihre beiden Töchter so unwissend, so blind und fast schon naiv durch Teheran laufen – besonders, weil der Mann selbst Teil von Irans Regimeapparat ist. Vielleicht ist aber auch umso blinder, je näher man dran am Zentrum dieses unterdrückerischen Systems ist.
Aber letztlich muss man sich doch schon sehr anstrengen, um vom Unrecht, von all den brutalen Verbrechen nichts zu sehen. Da gibt es vielleicht auch eine Parallele zur deutschen Geschichte: Es gibt keine Möglichkeit, dass es niemand gewusst hat. Wer das behauptet, hat entweder bewusst weggeschaut oder sieht in den Verbrechen des Regimes kein Problem.
Bei Rasoulofs Auseinandersetzung mit Zeug:innenschaft spielen auch digitale Räume immer wieder eine Rolle. Regelmäßig sehen die Figuren der Töchter Videos und Fotos von der eskalierenden Staatsgewalt auf Instagram, bei denen es sich offenbar um real existierendes Material handelt, das Rasoulof dann auch immer wieder ins Vollbild zieht.
Rasoulof durchdringt die enorme Bedeutung der (digitalen) Vernetzung für ein politisches Momentum, das sich aus der Mechanik ergibt, wie Inhalte auf Social Media Aufmerksamkeit erzeugen und Verbreitung erlangen. Aber er weiß eben auch: „You can't post your way out of fascism", um mal die Kolleg:innen von 404 Media zu zitieren. Denn wenn sich die digitale Empörung nicht in tatsächliches Handeln übersetzen lässt, bleiben am Ende nur ein paar Likes übrig, weil eine Gesellschaft mit Chance auf Freiheit bereits gestorben ist.
Wie dieses Handeln aussehen kann, exerziert Rasoulof am Beispiel dieser zerklüfteten Familie durch. Sein Blick ist klar auf Iran gerichtet, aber der hier abgebildete Mechanismus ist durchaus universellerer Natur und scheint auch bei uns im sogenannten Westen leider ein Muskel zu sein, der einfach nicht mehr ausreichend trainiert wird und deshalb verkümmert ist: „Make fascists afraid again." Faschist:innen müssen wieder Angst haben, ihren Menschenhass öffentlich und überhaupt zu verbreiten. Sie müssen gesellschaftlich geächtet und ausgegrenzt werden. Sie müssen wieder wie der Mann in Rasoulofs Film mit bebender Stimme und Panik in den Augen „ICH HABE KEINE ANGST VOR NIEMANDEM!" brüllen, während ihre Macht in Trümmer gelegt wird.
Ethan Hawke als Jake und Pedro Pascal als Silva // Foto: Studiocanal
Die Inner Frontier mit der sexuellen Orientierung zu verknüpfen, ist längst kein innovativer Wurf mehr. Dennoch erzählt uns dieser Film vom Damals natürlich trotzdem viel über unser Heute. Denn unterm Strich geht es doch um die zersetzende Kraft des Otherings im weitesten Sinne.
Diese Kraft zwingt die beiden Cowboys nicht nur dazu, ihr wahres Ich ausschließlich im Verborgenen zu zeigen. Sie drängt Ethan Hawkes Jake auch dazu, den Sohn seiner alten, von Pedro Pascal verkörperten Liebe Silva unter einem Vorwand töten zu wollen. Denn letztlich ist dieser Sohn doch Ausdruck einer Intimität Silvas mit einem anderen Menschen.
Dass Jake in dieser Anordnung überhaupt dazu gezwungen wird, eine Entscheidung zwischen beiden Menschen zu treffen, ist Ausdruck unfassbarer Ungerechtigkeit. Warum können Menschen andere Menschen nicht einfach Mensch sein lassen...
Nur: Ich finde nicht, dass Almodóvar hier viel dafür tut, dieser Vignette eine erfahrbare emotionale Ebene zu verpassen. Natürlich bewegt das Geschehen – aber eben nur als Ergebnis rein rationaler Durchdringung dieser knappen halben Stunde. Denn zum Fühlen war mir das alles irgendwie zu kühl, zu mechanisch.
🇫🇷/🇪🇸, R: Pedro Almodóvar, D: Pedro Pascal, Ethan Hawke, Jason Fernández, José Condessa, George Steane, Trailer, Letterboxd, Wikipedia, Foto: Studiocanal
„Heute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag, habe ich mir einfach mal überlegt, welche Möglichkeiten und Privilegien Männer haben, die ich für uns auch gern hätte“, schreibt Jasmin Schreiber. Man(n) liest und scrollt sehr lange.
Privilegien, die ich als Frau auch gern hätte — JASMIN SCHREIBERHeute zum Feministischen Kampftag, aka Weltfrauentag,
Die heutigen Dailies unter anderem mit: Robyn, Hank Green und Alice Rohrwacher
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